Stark zerrte ihn auf die Beine und schleppte ihn hinüber zum Tisch, ehe er die Handschellen löste und Nick auf seinen bereits angestammten Stuhl niederdrückte.
Der junge Grimm hielt den Kopf gesenkt und rieb sich die inzwischen blutigen Handgelenke.
Auch wenn er sich nicht wirklich wehrte trug er doch Abwehrverletzungen davon. Einfach durch die Kraft, die Stark aufgewendet hatte gestern, um ihn noch einmal zu prügeln. Und Nick war sich nicht sicher, ob er sich in seinem verworrenen Alpträumen der letzten Nacht nicht doch das eine oder andere Mal hatte zur Wehr setzen wollen.
Es ging ihm nicht gut, auf keinen Fall gut genug, um überhaupt etwas hinunterwürgen zu können. Die Schläge in den Magen gestern sorgten noch heute dafür, daß er sich elend fühlte und ihm übel war. Stark allerdings schien sein gesundheitlicher Zustand wenig zu scheren. Er stellte einen Teller mit gebackenen Bohnen vor den jungen Grimm. „Essen!" befahl er.
Nick schloß das eine nicht zugeschwollene Auge und kniff die Lippen aufeinander. Als er es schließlich wieder öffnete, lag eine labrige Weißbrotscheibe mit auf dem Teller und eine Flasche Wasser stand daneben.
Etwas trinken würde ihm gut tun, beschloß er und griff nach der Flasche.
Stark hatte ihm gegenüber Platz genommen und aß jetzt mit sichtlichem Genuß seine Bohnen, eine deutlich größere Portion als er sie seinem Gefangenen gönnte. Worum es Nick nun wieder nicht schade war. Er war kein großer Freund von Bohnen.
Endlich gelang es ihm, die Flasche aufzuschrauben. Er setzte sie an die Lippen und nahm einen durstigen Schluck, nur um sich eine Sekunde später mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammenzukrümmen.
Sein Magen hatte definitiv etwas abgekriegt, mußte er jetzt zugeben. Nur allein das Wasser schmerzte. Er wagte gar nicht sich vorzustellen, was passieren würde, würde er das Brot und die Bohnen essen.
„Essen!" befahl Stark noch einmal.
Nick kniff die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht", flüsterte er heiser. „Tut mir leid."
Stark musterte ihn, dann zuckte er mit den Schultern und griff sich auch noch Nicks Teller.
Der schloß die Flasche wieder und stellte sie auf den Tisch zurück.
Vier Tage noch bis zu seinem Tod.
Nick bezweifelte nicht eine Sekunde, daß er sterben würde. Nicht nach dem gestrigen Tag und nicht, solange er es mit Oleg Stark zu tun hatte. Auch wenn Monroe behauptete er sei stärker geworden, seit sie sich kannten, für den Riesen (oder was auch immer), reichte es immer noch nicht, würde es vielleicht auch nie. Im Moment wünschte Nick sich wirklich, daß er das Buch gestern abend aufmerksamer gelesen hätte. Vielleicht wäre ihm dann eine Lösung eingefallen, bei der er nicht am Ende tot und zerbrochen auf dem Fußboden dieser Hütte endete.
Stark hatte sich bereits Dinge zusammengesucht, während er die Bohnen aus der Dose über dem Feuer im Kamin erwärmte. Nick war sich nicht sicher, ob die Werkzeuge für weitere Reparaturen geplant waren oder doch für ihn. Wenn er ehrlich war, er wollte es nicht wissen, erst recht nicht nach dem gestrigen Tag. Er wollte nur noch hier heraus, möglichst heil an Körper und Geist. Doch irgendwie bezweifelte er, daß ihm das gelingen würde.
Er hatte von anderen Polizisten gehört, die, ebenso wie er, als Geiseln geendet waren. Meist ging es doch wohl gut für die Guten Jungs aus. Allerdings glaubte Nick nicht mehr daran, daß das dieses Mal der Fall sein würde. Er hatte einfach zu lange zuviel Glück gehabt in seinem Leben. Irgendwann hatte sich das rächen müssen.
Trotzdem … warum war Stark so verdammt versessen darauf, ihn in ein frühes Grab zu befördern. Er hatte keinen Streit mit dem Riesen oder was-auch-immer. Himmel, vor fünf Jahren, als Hank Stark hinter Gitter befördert hatte, hatte er, Nick, noch als Streifenpolizist in einem anderen Staat gearbeitet!
„Was wollen Sie von mir?" Der Grimm blickte endlich auf, konnte nur hoffen, daß sein Gesicht so entschlossen war wie er innerlich versuchte zu sein. „Wir sind uns noch nie begegnet, es gibt keinen Mordauftrag gegen mich, von dem ich wüßte. Und ich glaube nicht, daß Sie im Auftrag von jemanden handeln im Moment. Warum also ich?"
Stark löffelte weiter die Bohnen, riß dann ein Stück von der zweiten Weißbrotscheibe ab und wischte damit den Teller aus. „Bist der Partner von Griffin", antwortete er dabei desinteressiert.
Nick riß das eine Auge auf. „Das ist alles? Wenn jemand anderes Hanks Partner wäre, würden Sie das gleiche tun?"
Stark blickte auf und starrte ihn an. „Möglich", antwortete er dann. „Griffin und die anderen haben mich reingelegt, und das lasse ich nicht mit mir machen."
Nick stutzte. „Reingelegt? Inwiefern reingelegt?" fragte er nach.
„Als würdest du das nicht wissen, Cop!" schnaubte Stark und wandte sich wieder dem Teller zu.
„Ihr Fall ist fünf Jahre alt, damals lebte ich noch nicht einmal in Portland", entgegnete Nick so fest er konnte. „Ich bin vor drei Jahren hergezogen und keine Ahnung, was davor passiert ist."
„Redet ihr Cops nicht miteinander? Bist doch Griffins Partner", wandte Stark ein.
Nick leckte sich über die Lippen.
Das Sprechen strengte ihn an, mehr als er geglaubt hatte. Andererseits hoffte er, auf diese Weise irgendwie eine Beziehung zu seinem Entführer aufbauen zu können. Vielleicht, mit einem großen Vielleicht, würde es reichen, daß Stark sich einen Mord an ihm zweimal überlegen würde.
„Ich wußte nichts über Ihren Fall", antwortete er endlich ehrlich. „Ob Sie es mir nun glauben oder nicht. Für mich war Oregon komplettes Neuland und ich hatte anderes zu tun, als Hanks alte Akten zu wälzen."
Stark schien nun doch interessiert – oder aber die Teller waren ihm sauber genug -, er blickte auf und musterte seinen Gefangenen wieder. „Wo kommste her? Du hast keinen deutlichen Akzent."
Nick verzog die Lippen ein wenig. „Geboren bin ich in Rheinbeck, New York", antwortete er ehrlich in der Hoffnung, Stark so aus der Reserve zu locken. „meine Eltern sind bei einem Autounfall getötet worden als ich zwölf war. Danach hat meine Tante mich großgezogen. Und die ist mit mir quer durch Land gezogen. Vermutlich habe ich deswegen keinen klaren Akzent mehr. Bevor ich herkam lebte ich einige Jahre in Kalifornien."
Stark lehnte sich zurück. „War in Pelican Bay", erklärte er. „An für sich nettes Plätzchen, wenn man sich durchgesetzt hat. Die meisten anderen Gefängnisse sind da laxer."
„Hab ich gehört", nickte Nick, auch wenn ihm der Schädel brummte, als er den Kopf bewegte.
Es klappte tatsächlich, er fand einen Zugang zu Stark. Mit ein bißchen Glück würde diese aufkommende Beziehung zwischen ihnen beiden verhindern, daß der Was-auch-immer ihn tötete … okay, mit viel Glück!
„Hat Griffin nie über mich gesprochen?" fragte Stark schließlich.
Nick kniff die Lippen zusammen in Erwartung des nächsten Schmerzes und schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich nicht", antwortete er wahrheitsgemäß.
Stark runzelte die Stirn. „Er, der Richter, die Staatsanwältin, dieser miese kleine Dieb, die haben mich damals alle reingelegt!" begehrte er auf. „Darum bin ich weg aus Pelican Bay."
Und da war es wirklich nicht um die Tatsache gegangen, daß Stark mehrfach mit allen möglichen und unmöglichen Waffen traktiert worden war von seinen Mitgefangenen?
„Was ist passiert?" fragte Nick.
Stark sah ihn wieder an. „Willste das wirklich wissen?"
Nick nickte andeutungsweise, um seinen Schädel nicht zur Explosion zu bringen.
„Der Richter und die Staatsanwältin haben was ausgehandelt damals. Da war ein Imbiß überfallen worden in der Nacht, als ich diese Elster mit ihrer Brut ins Jenseits beförderte. Hinterher wurde gesagt, das sei ich gewesen. Lügner! Verdammte Lügenbande!"
Nick runzelte die Stirn, zumindest die nicht geschwollene Hälfte. „Moment", wandte er ein und beugte sich weiter vor. „Soll das heißen, Hank und die anderen haben Ihnen etwas angehängt?"
Stark nickte. „Ich habs erst nich' begriffen", gestand er, „aber mein Anwalt hat mir das erklärt bevor er starb. Die drei haben zusammengearbeitet und dieser Kakerlake von Dieb ein Alibi verschafft, damit sie mich hinter Gitter bringen konnten. Dieser kleine Drecksack hat als erstes bezahlt!" Ein zufriedenes Lächeln bog Starks Mundwinkel nach oben.
Nick konnte nicht glauben, was er da hörte.
Hank sollte einen Fall manipuliert und einen Verdächtigen laufen gelassen haben, um Stark hinter Gitter zu bringen? Und die Staatsanwältin hatte mitgemacht?
Ihm wurde übel allein bei der Vorstellung.
Aber … es konnte sein, mußte er zugeben. Es war nicht der erste zweifelhafte Fall, über den er stolperte in seiner Karriere. Es war nur so, daß er Hank bisher als vollkommen integer betrachtet hatte. Das jetzt aber …
Nick wußte nicht so recht, wie er reagieren sollte. Wenn Stark die Wahrheit sagte, saß er zu Unrecht hinter Gittern, zumindest für einen Teil der Schuld, die er zu verbüßen hatte. Und welchen Grund sollte er jetzt noch haben, ihn anzulügen? Nick konnte schlicht nichts ausplaudern, er war nicht einmal mehr in der Lage zu fliehen. Es war gleich, wieviel Stark ihm anvertraute, er konnte dieses Wissen nicht verwenden, zumindest nicht wie gedacht.
Aber vielleicht …
„Lassen Sie mich mit Hank reden", schlug er vor, ehrlich bemüht, eine Lösung zu finden. „Wenn das ganze fingiert war, dann sollte Ihr Fall neu verhandelt werden. Aber dazu müssen Nachforschungen angestellt werden. Lassen Sie mich gehen und ich werde diese Nachforschungen anstellen. Wenn stimmt was Sie sagen, dann kommen Sie möglicherweise frei."
Stark begann zu lachen. „Dich soll ich laufenlassen? Griffins Partner? Nein!"
„Ich könnte Ihnen helfen!" behaarte Nick.
Ein kaltes Lächeln erschien auf Starks Gesicht. „Das tust du schon, Cop, glaubs mir. Das tust du!"
Nick überlief es eiskalt, als sein Gegenüber sich erhob. „Bitte … bitte nicht ..." flüsterte er tonlos, da wurde er bereits hochgerissen und mitgeschleift.
Alles in ihm begehrte auf dagegen. Er hatte nichts mit der Sache zu tun, er war komplett außen vor, zumal das Wesen in Stark ihn noch immer nicht erkannt hatte.
Aber, ging ihm auf, für den Was-auch-immer war es eine Art ausgleichende Gerechtigkeit. In seinen Augen hatte er selbst fünf Jahre unschuldig hinter Gittern gesessen. Nick war ebenso unschuldig – und würde ebenso bezahlen müssen …


Monroe hielt den Käfer an, als er den Airstream neben einem Boot sah.
War es DER Airstream? War es vielleicht doch einfach nur Zufall, hier einen Trailer zu finden, der den Beschreibungen einiger weniger Augenzeugen entsprach?
Monroe kurbelte das Fenster herunter und nahm einen tiefen Atemzug.
Eindeutig Grimmduft! Nicks ganz eigener Geruch lag in der Luft, nicht mehr ganz frisch und überlagert von Diesel, Öl und Wasser vom Fluß, aber es war noch erkennbar.
Der Blutbad stellte den Motor ab und schälte sich aus dem Wagen.
„Okay, was jetzt?" zog er sich selbst zu Rate.
Er konnte den letzten Schlüssel probieren in der Hoffnung, auch dieses Mal ins Schwarze getroffen zu haben. Oder …
Nein, diese zweite Möglichkeit ergab sich für ihn nicht, er würde sie komplett ignorieren!
Zögernd trat er an den Trailer heran, jeden Moment eine wie auch immer geartete Falle erwartend, die ihn vorzugsweise schnell töten würde – vielleicht aber auch langsam. Aber … nichts!
Monroe inspizierte den Trailer von allen Seiten, er kletterte sogar auf die Achse, um einen Blick aufs Dach werfen zu können. Nichts! Rein äußerlich unterschied der Wohnwagen sich nicht sonderlich von anderen seiner Art.
Schließlich, nachdem er sich überzeugt hatte, eben nicht in eine Falle zu laufen, zog der Blutbad das fremde Schlüsselbund wieder aus seiner Jackentasche, atmete tief ein und … steckte den Schlüssel ins Schloß.
Er paßte!
Monroe wich unwillkürlich einen halben Schritt zurück, doch wieder geschah … nichts!
Nächster Schritt: Schlüssel drehen.
Auch das tat der Blutbad äußerst vorsichtig und wieder konnte er nur erstaunt feststellen, daß es tatsächlich ging. Der Schlüssel war eindeutig der, der zu diesem Airstream gehörte!
Monroe zog den Schlüssel wieder ab, nachdem er das Schloß geöffnet hatte und … öffnete die Tür ganz, ganz sachte.
Keine Stolperdrähte, keine Sprengfallen.
Nick war wirklich blauäugig! Nicht nur daß er den auffälligen Trailer behielt, er sicherte ihn nicht einmal. Als könne nicht einfach jeder dieses Schloß knacken und ins Innere des Wohnwagens gelangen.
Monroe sah sich noch einmal genauer um, nur um sicherzugehen, daß keine Axt in Kopfhöhe auf ihn wartete, dann betrat er das Innere des Airstreams mit angehaltenem Atem.
Was ihn im Inneren erwartete, damit hätte er nie gerechnet. Das hier war mehr als die Bat-Höhle! Das hier war … das war gesammeltes Wissen aus wer-wußte-schon-wievielen-Jahrhunderten seit die Grimm existierten. Jedes Gläschen, jedes Buch, ja selbst die Möbel atmeten Geschichte, Grimm-Geschichte ebenso wie Wesen-Geschichte.
Monroe verharrte einfach nur im stummen Staunen, ehe er die Augen gen Himmel richtete: „Dad, ich schwöre dir, ich tue das richtige", wandte er sich sich an die Wolke, auf der er den Geist seines Vaters vermutete.
Das hier war … unbeschreiblich! Nie im Leben hätte er mit soetwas gerechnet!
Monroe blickte sich im stummen Staunen um, fand dann ein aufgeschlagenes Buch auf dem Tisch in der Mitte des Trailers und trat heran.
„Siegbarste", las er laut den Namen des abgebildeten Wesens. Also war Nick bereits auf dem richtigen Weg gewesen, ehe der Oger ihn sich schnappte.
Monroe sah sich suchend um, klappte dann das Buch zu und fand darunter eine Akte. Der Header des eingehefteten Berichtes wies das Schriftstück als offizielles medizinisches Gutachten über den Patienten Oleg Stark aus.
Stark?
Monroe runzelte die Stirn. War Stark nicht auch der Name des Siegbarste gewesen, der den Vater seines Freundes damals kreativ ins Jenseits beförderte?
Er nahm die Akte und begann zu lesen.
Eindeutig Siegbarste! Abgestorbene Nervenbahnen, verstärkte Knochenstruktur, Unfähigkeit der Schmerzempfindung.
„Oh Mann, Nick. Womit hast du dich da nur angelegt?" seufzte Monroe und legte auch die Akte zur Seite.
Ganz unten unter einigen anderen Folianten fand er ein modernes Notizbuch. Als er es aufschlug sah er, daß die ersten Seiten vollständig beschriftet waren. Und er fand … Zeichnungen!
Monroe riß die Augen auf.
Da war ein Portrait von ihm, klar erkennbar und mit einiger Liebe zum Detail gezeichnet. Im Gegensatz zu der Schrift, mußte er dann zugeben.
Aber ihm wurde klar, WAS er hier in der Hand hielt: Nicks eigenes Grimm-Journal!
Und dieses Journal tat sich, neben der doch hohen Qualität der Zeichnungen, vor allem durch seine Leere hervor.
Monroe blutete das Herz.
Er wünschte sich wirklich, Nick irgendwie helfen zu können. Die Frage war nur wie.
Was ihn dann wieder zum eigentlichen Grund seines Hierseins zurückbrachte. Monroe legte Nicks Journal zur Seite und griff sich statt dessen erneut das, was er bereits gesehen hatte, ein großer, unhandlicher Foliant mit vergilbten Seiten.
Monroe begann zu blättern, bis er die Seiten über Siegbarste gefunden hatte und überflog, was frühere Grimm über diese Oger geschrieben hatten.
Tatsächlich, er hatte sich nicht geirrt! Es gab dieses Siegbarste-Gift.
Monroe fühlte, wie ein Lächeln auf seinen Lippen wuchs.
Soviel dazu, daß er ein besserer Spürhund war, war er eben nicht!
Aber die Erinnerung an diese kurze Szene schnürte ihm wieder die Kehle zu. Nick, der grinsend zu ihm hinüberblickte nach seinem „Guter Junge!"-Lob.
Das war etwas gewesen, ein seltener Moment, den Monroe für immer in sein Herz einschließen wollte. War er vorher eher genervt gewesen von diesem aufdringlichen Baby-Grimm, der ständig auf seiner Fußmatte auftauchte, so war er danach bereit, wirklich auf die angebotene Freundschaft einzugehen. Dabei war er sich allerdings nicht einmal sicher, ob Nick wirklich seine Freundschaft gewollt hatte damals.
Der Blutbad seufzte und wandte sich von den Büchern ab. Laut dem Buch konnte man einen Siegbarste mittels des Siegbarste Gifts töten. Wie, das wurde nicht erklärt, aber immerhin war er nicht auf dem falschen Weg gewesen, was das anging.
Stellte sich die Frage, ob es in diesem modernen Museum für Wesen/Grimm-Geschichte auch Siegbarste Gift gab und irgendein Mittel, wie man es IN den Oger befördern konnte. Wie gesagt, Monroe bezweifelte stark, daß der Oger sich überreden lassen würde, das Gift zu trinken.
Gegenüber des Tisches stand ein massiver Schrank, den Monroe jetzt musterte. Dann glitt der Blick des Blutbads ab und er betrachtete all die Ablagen voller Bücher. Das gesammelte Grimm-Wissen! Eine einzigartige Sammlung, in der er nur zu gern tiefer gegraben hätte.
Wieder überkam eine Erinnerung ihn, eine Szene aus ihrem zweiten Treffen, nachdem Nick ihn erst beschuldigt hatte, der Entführer der kleinen Robin zu sein. Am Abend war der Grimm zurückgekehrt zu Monroes Haus und hatte den Blutbad überwacht. Nachdem der ihn dann erschreckt hatte, indem er aus seinem eigenen Wohnzimmerfenster sprang, hatte Monroe Nick auf ein Bier eingeladen und dabei mit ihm gefachsimpelt und den Jungen aufgeklärt. Er erinnerte sich noch so gut an die Reaktion des frischgebackenen Grimm, als er die Märchenbücher erwähnte: „Ihr wißt über die Bücher Bescheid?" hatte er mit großen, entsetzten Augen gefragt.
Jetzt begriff Monroe, WELCHE Bücher Nick damals gemeint hatte und er konnte durchaus auch den Schrecken nachempfinden, den sein so ungewöhnlicher Freund überkommen hatte. Das hier WAR außergewöhnlich, es war einzigartig!
Das hier war …
„Die totale Freakshow", kommentierte Monroe seine Umgebung und seufzte.
Was mochte sich wohl in dem Schrank befinden? Nicks Grimm-Kostüm? Sein geheimes Labor, in dem er Gifte und Tränke braute, mit denen er … ja, was eigentlich tat?
Nick war kein gewöhnlicher Grimm, ob er nun noch neu auf der Bühne war oder nicht. Nick hackte nicht einfach Köpfe ab, er hinterfragte und suchte nach einer anderen, besseren Lösung als dem Töten. Nick war das genaue Gegenteil eines üblichen Grimm. Und er, Monroe, hatte einen nicht geringen Anteil an dieser Andersartigkeit.
Hätte er Nick damals nicht geholfen, wäre erneut eingesprungen, als Nicks Tante im Krankenhaus lag und wäre zur Stelle (wenn auch lamentierend), wenn der Grimm eine Frage hatte oder eine Erklärung suchte, Nick wäre vermutlich ein anderer als er es nun einmal war.
„Ich vertraue dir ..." hallte Nicks Stimme in seinem Gedächtnis nach, eine andere, kleine Szene, die Monroe in die spezielle Lade in seinem Herzen einschließen und für immer behalten wollte.
Es war außergewöhnlich für Wesen, sich mit einem Grimm anzufreunden. Es kam vor, das ja. Aber es war selten und definitiv nicht die Norm. Trotzdem hoffte Monroe genau jetzt, daß diese Freundschaft noch lange halten würde, sehr lange.
Was war in dem Schrank?
Das ließ ihm einfach keine Ruhe. Er mußte es wissen!
Monroe trat um den Tisch herum und vor das wuchtige Möbelstück, beide Hände an den Knöpfen. Er atmete tief ein und … öffnete die Türen gleichzeitig.
Kaltes, blaues Licht leuchtete ihm aus dem Inneren entgegen und ließ ihn blinzeln. Als er sich an dieses Licht gewöhnt hatte sah er sich erst mit einem, dann mit dem anderen Auge den Inhalt an.
Morgendsterne, Armbrüste, Pfeil und Bogen, ein goldenes Schwert!
Die Waffenkammer eines Grimm.
Monroe blieb wirklich der Mund offen stehen, als er all das sah.
Das war … überwältigend!
Nick war gerüstet, als würde er nicht nur in einen, sondern in ein Dutzend Kriege ziehen wollen.
„Das ist irre!" entfuhr es Monroe. Dann entdeckte er den Koffer an der Seite, der irgendwie so gar nicht zum restlichen Inhalt passen wollte.
Er zog ihn heraus und suchte sich einen Platz, an dem er den Koffer abstellen konnte, um ihn zu öffnen. Ein breites Bett unter einem der Fenster auf der Fahrerseits bot genügend Platz für sein Vorhaben. Monroe stellte den Koffer darauf und öffnete die Gurte.
Als der Koffer aufklappte, klappte sein Unterhiefer herunter.
Der Inhalt war

… eine Flinte in Super-Size-Größe, wie Monroe sie noch nie gesehen hatte. Allein das Lauf war um einiges länger als einer seiner Arme.
Monroe legte den doppelläufigen Lauf zurück in den Koffer, holte statt dessen den beschlagenen Kolben und musterte das eingravierte Bild auf der einen Seite. Ein Oger und ein Mann, der auf ihn schoß.
Es gab Oger-Flinten? Das war ihm neu. Aber …
Monroe dachte nach, betrachtete wieder den langen Lauf, dann den Kolben, wieder den Lauf.
Dieses Baby würde vermutlich genug Kraft haben, daß es alles zerlegte, was sich ihr in den Weg stellte, einschließlich eines Siegbarste – wenn dieser geschwächt war.
Das brachte ihn zum anderen Problem zurück, das Gift.
Monroe hatte die Fläschchen, Flakons und Gläser sehr wohl bemerkt, die neben der Tür des Trailers standen. Jetzt legte er die Waffe wieder zurück in den Koffer und trat statt dessen an den Apothekerschrank heran, auf dem all diese Mixturen und Tränke auf ihren Einsatz warteten.
Monroe suchte – und lange mußte er nicht suchen: Auf dem Fläschchen mit der ungesund orangenen Farbe stand handgeschrieben: Siegbarste Gift.
Monroe war am Ziel!