Irgendwann mußte er doch das Bewußtsein verloren haben, ging Nick auf, als Stark das Akku wieder aus seinem Handy nahm. Das letzte, woran der junge Grimm sich erinnerte war ein rasender Schmerz in seiner Schulter, danach war nichts weiter als Schwärze um ihn herum gewesen.
Stark hatte ihn offensichtlich losgemacht und wieder auf den Stuhl verfrachtet und war jetzt dabei, ihn daran zu fesseln.
Nick schloß das eine, nicht zugeschwollene Auge, und ließ es über sich ergehen, wohl wissend, daß er in Ruhe gelassen werden würde, solange er auf diesem Stuhl saß. Gefährlich wurde es erst wieder, wenn der Was-auch-immer ihn zwang, aufzustehen.
Zu Hause, Juliette, frisch gebrühter Kaffee, dessen Duft durch das Haus zog. Monroes gutmütige Augen, die die Geschichten des Blutbads eigentlich Lügen strafen sollten.
Monroe …
Hatte er das geträumt oder hatte er gerade wirklich kurz mit Monroe gesprochen? Was machte der Blutbad bei Hank?
Irgendetwas in Nick wollte aufbegehren, ihn zum Handeln zwingen. Aber er tat es nicht. Er spürte, was es war, daß ihn da aus seiner tiefsten Seele anbrüllte, und er würde nicht darauf reagieren. Nicht solange noch ein Funken Leben in ihm steckte.
Der Grimm wollte raus, doch jetzt war es beileibe zu spät, um dieses … was auch immer dieses … Ding in seinem Inneren war, herauszulassen. Viel zu spät.
Dennoch wußte Nick, daß er es seinem Erbe zu verdanken hatte, daß er für Stark ein interessantes Objekt für Folter war. Bisher war ihm das nicht wirklich aufgefallen, allmählich aber mußte er zugeben, daß er sich veränderte – oder verändert hatte. Er war stärker geworden, vielleicht nicht körperlich, aber … seine Widerstandskraft war offensichtlich höher als bei einem normalen Menschen.
Toll, was als nächstes? Hätten, statt ihn verrückte Dinge sehen zu lassen, nicht erst die anderen Superkräfte einsetzen können? Vornehmlich solche, die er gegen Riesen, Trolle oder Was-auch-immer Stark war hätte einsetzen können. Aber nein, natürlich erwachten erst die passiven Kräfte statt die aktiven. Es war zum Auswachsen!
Was war ein Grimm eigentlich?
Wenn er den Journalen und Folianten im Trailer glauben durfte, dann waren Grimm Killermaschinen, die offensichtlich eine Affinität zu abgeschlagenen Köpfen hatten. Und so wollte Nick schlicht nicht werden – und so hatte er sich Tante Marie auch nie vorstellen können.
Aber … war das nicht wie im Tierreich? Die liebevollsten Eltern konnten die grausamsten Raubtiere außerhalb ihrer Höhle oder ihres Baus sein. Vielleicht war es bei Grimm ähnlich?
Stark brummte etwas, als er sich abwandte, etwas was verdächtig nach „Bis später" klang.
Nick sah seinem Peiniger nach, wie der die Hütte verließ, hörte, wie der neue Riegel vorgeschoben wurde und das Vorhängeschloß einrastete.
Er war wieder gefangen, aber endlich allein.
Nick sah zu seinem Handy hinüber, das dieses Mal auf dem Tisch lag.
Ein Anruf nur, einmal die Notruftaste drücken können und Hilfe holen … ebensogut konnte er sich einen Eisberg mitten in die Sahara wünschen. Eigenartig war nur, daß er nicht die Handschellen um seine Handgelenke fühlte.
Nick warf einen Blick über die Schulter. Im flackernden Schein der Petroleumlampe sah er das Seil vom Dachbalken baumeln … und seine Handschellen im dämmrigen Licht glitzern.
Warum hatte Stark ihm die Handschellen abgenommen?
Nick war sich nicht sicher, doch jetzt … überkam ihn eine kleine Hoffnung und er ruckte an den Fesseln. Sein gesamter linker Arm von den Fingerspitzen bis zur Schulter schien explodieren zu wollen, doch er ruckte und wand sich weiter.
Das dünne Nylonseil, mit dem Stark ihn gefesselt hatte, saß stramm und schien sich mit jeder Bewegung enger um seinen Körper und seine Glieder zu legen. Schließlich gab Nick entkräftet und voller Schmerz auf. Er kam nicht los.
Stark war ein Auftragskiller mit einer langen Liste an Leichen gewesen, ehe Hank ihn hatte dingfest machen können, rief der Grimm sich die Akte ins Gedächtnis. Einige seiner Opfer, neben den letzten, die ihm zum Verhängnis geworden waren, hatte er entführt und über mehrere Tage lang zu Tode gequält, wenn sein jeweiliger Auftraggeber es so wollte.
Nick kniff das heile Auge zusammen, als dieses wieder zu brennen begann. Er würde jetzt nicht weinen und sich in sein Schicksal ergeben, verdammt! Irgendetwas mußte er doch tun können …
Nick sah sich im flackernden und schwachen Licht weiter um.
Der Kamin war mittlerweile verloschen. Stark hatte sein Bett nicht gemacht und auch die Decke, auf der Nick die letzte Nacht verbracht hatte, lag weiter verschoben und zerknüllt neben dem Kamin. Die Die Kiste mit Starks … Spielsachen. Nick wurde übel, so daß er den Kopf abwandte und einige Male so tief wie möglich Luft holte. Nicht zu einfach mit einem mit Klebeband geknebelten Mund.
Es lag keine Waffe hier, noch etwas, was er hätte als Waffe verwenden können … sofern er sich hätte aus den Fesseln befreien können. Stark hatte zumindest den Frühstückstisch abgedeckt. Kein Messer, keine Gabel, nicht einmal ein Löffel lagen auf dem Tisch, nur sein nutzloses Handy.
Es war zum Verzweifeln!
Irgendetwas mußte er tun können, irgendetwas!
Nick konzentrierte sich. Irgendwie mußte er hier heraus. Er hätte nie in Starks Gewalt landen dürfen. Daß der Wolfbane-Zusatz in seinem Deo irgendwann den Dienst versagte, war klar gewesen. Und Nick wollte nicht mehr in Starks Gewalt sein, sollte der endlich einmal schalten, WAS sein Gefangener eigentlich wirklich war.
Was blieb war irgendeine Möglichkeit zur Flucht finden.
Mit einem mehr oder weniger komplett zertrümmerten Arm, wer wußte schon wievielen gebrochenen Rippen, und wußte was Stark noch alles in ihm angerichtet hatte durch die Schläge gestern. Würde eine interessante Flucht werden und Nick wollte Geld darauf wetten, daß die nächste Schnecke, die er finden konnte, schneller war als er.
Aber, rief er sich ins Gedächtnis, aber da waren immer noch die regelmäßig wiederkehrenden Stimmen und das Kratzen von außen, das er jetzt ebenfalls schon einige Male gehört hatte. Sicher, letzteres konnte genausogut von einem Tier stammen, wobei das leise Klopfen in der letzten Nacht schon zu intelligent für ein Tier gewesen war, wenn man ihn fragte.
Aber, und das war das große Aber, er mußte aus dieser verdammten Hütte heraus, um überhaupt jemanden auf sich aufmerksam machen zu können. Und da harkte es ja gerade.
Was konnte er tun?
Dasitzen und darauf warten, daß Stark zurückkehrte, um den nächsten Akt der Sonderaufführung „Wie töte ich einen Grimm besonders langsam" einzuleiten. Nick hatte wirklich keinen Bedarf an weierer Folter!
Versuchen, sich irgendwie aus den Fesseln zu winden … fiel ebenfalls aus nach dem gescheiterten Versuch gerade. Nick brauchte nur an sich herabzusehen um zu bemerken, wie das Seil in sein Fleisch schnitt. Würde er weiter gegen die Fesseln kämpfen, würde er sich in Bälde selbst die Blutzufuhr zu seinen Gliedmaßen abschneiden. Keine gute Aussicht!
Jemand auf sich aufmerksam machen. Problem war der Riegel und das neue Schloß. Nick hatte keine Ahnung, wie stark beides war. Stark selbst war stark, stärker als ein normaler Mensch, daß war Nick spätestens zu Hause aufgegangen, als mit ihm einmal das gesamte Erdgeschoß gewischt wurde.
Das Klebeband aber konnte er möglicherweise weit genug lösen, daß er um Hilfe rufen konnte, sollte wieder jemand an der Hütte vorbeikommen …
Nick atmete wieder tief ein und begann dann, vorsichtig die Kiefermuskeln zu bewegen. Langsam, ganz langsam. Dann, als er spürte, wie sich eine Ecke des Klebebandes löste, versuchte er die Lippen zu bewegen. Dabei horchte er die ganze Zeit nach draußen.
Hoffentlich kam auch wirklich jemand … Hoffentlich fand er Hilfe, und das so schnell wie möglich. Er mußte aus der Hütte heraus, sonst würde er vermutlich sogar schneller sterben als Stark es selbst als Ziel gesetzt hatte. Würde der Was-auch-immer realisieren, WAS er war, war er totes Fleisch!
Nick kämpfte weiter gegen den Knebel, während er nach draußen horchte und hoffte, daß seine Stimme nicht versagen würde, würde er hoffentlich bald rufen können …


„Ich halte das nicht für eine gute Idee, Mister Monroe", sagte Hank.
Der Blutbad glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. „Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie groß das Waldgebiet ist, in dem Nicks Handy lokalisiert wurde?" fragte er. „Sie brauchen jeden Mann, den Sie finden können!"
„Stark wird Nick nicht im Wald versteckt halten. Dort draußen gibt es kleine Siedlungen und in einer davon werden die beiden sein", entgegnete Hank. Doch Monroe sah, daß der Detective alles andere als überzeugt von seiner eigenen Theorie war.
Das Foto auf dem Bildschirm des Handys war für Monroe mehr als genug, um diese Theorie ebenfalls zu bezweifeln. Möglicherweise war der Grimm in Nick widerstandsfähiger als ein Mensch, er wußte es nicht, er hatte noch nie das Erwachen eines Grimm miterlebt. Aber das auf dem Foto … selbst jemand mit einer hohen Schmerzschwelle, wie sie Grimm eben nachgesagt wurde, würde bei diesen Verletzungen vor Schmerz brüllen! Und genau so hatte Nick auch geklungen: heiser wie nachdem er sich die Seele aus dem Leib geschrien hatte.
Das konnte aber unmöglich in einer Siedlung passieren, ohne daß es jemand bemerkte. Gut, vielleicht passierte soetwas, aber wenn, dann in extra dafür hergerichteten, schalldichten Räumen. Und nach allem, was Monroe erfahren hatte, hatte der Oger schlicht keine Zeit gehabt, ein Haus dermaßen zu präparieren – nebenbei bemerkt würde es möglichen Nachbarn auffallen, wenn da jemand eine Renovierung begann.
„Tut mir leid, Mister Monroe, aber, wie gesagt, daß ist Polizeiarbeit." Hank erhob sich.
War es nur bedingt, wenn die Polizei Nick wirklich retten wollte!
Monroe erhob sich seinerseits und starrte den Afroamerikaner an.
Der erwiderte seinen Blick und kreuzte dann die Arme vor der Brust. „Ich hoffe, ich muß Sie nicht in Schutzhaft nehmen. Nicht daß Ihnen jetzt einfällt, Sie könnten einen Wochenendtrip in den Wald unternehmen."
Monroe dachte an das Siegbarste Gift und die schwere Büchse, die er in seinem Käfer verstaut hatte. Um ehrlich zu sein, genau das plante er. Wenn die Polizei seine Hilfe nicht wollte, er war sicher, Nick würde sie begrüßen.
„Ist das nicht meine Privatsache, wo ich meinen Urlaub verbringe?" fragte er.
„Nicht in diesem Fall. Ich hätte Sie das weder sehen noch hören lassen sollen", entgegnete Hank. Dann seufzte er plötzlich und winkte Monroe zu. „Kommen Sie, wir können uns auf dem Weg zum Parkhaus unterhalten." Sein Blick glitt kurz hinüber zu dem gläsernen Büro, in dem sich gerade ein hochgewachsener Mann mit aufffallendem Profil einen Mantel überzog.
Monroe zögerte, nickte dann aber und folgte Hank auf den Gang hinaus.
Helles Treiben herrschte hier. Polizisten in Uniform und zivil kamen und gingen. Dabei war es nicht mehr so voll wie nach der Bestätigung, daß man zumindest die Richtung hatte lokalisieren können, aus der der letzte Anruf gekommen war.
Monroe hoffte, daß er der Polizei bereits geholfen hatte. Irgendetwas sagte ihm, daß der Siegbarste nicht damit gerechnet hatte, jemandes anderes als Hank am Handy zu haben und er deshalb genau die Sekunde gezögert hatte, die man benötigt hatte, um zumindest die Richtung festzustellen.
Wenn das allerdings alles gewesen sein sollte … die Polizei wußte schlicht nicht, mit was sie sich da anzulegen bereit war. Der Oger würde notfalls das ganze Revier ausradieren, daran zweifelte Monroe nicht eine Sekunde.
Warum war Nick nur nicht zu ihm gekommen? Sie beide gemeinsam hätten etwas planen können.
Die Antwort war einfach: Der Grimm hatte nicht gewußt, daß der Mörder, dem sie auf der Spur waren, gleichzeitig ein Wesen war. Monroe hatte es ja ebenfalls nicht gewußt, ehe er einkaufen gegangen war, und da war es bereits zu spät gewesen. Okay, vielleicht nicht zu spät, aber er hatte nicht schnell genug geschaltet.
Hank drängte ihn in eine Ecke des Treppenhauses und seufzte erneut. „Wenn es allein um mich gehen würde, würde ich Ihre Hilfe sehr begrüßen, Mister Monroe. Doch Tatsache ist, wir haben bereits einen Plan und … wir brauchen keine zivilen Zeugen zu dessen Umsetzung."
„Ich denke, Sie brauchen jede Hilfe, die Sie kriegen können", entgegnete Monroe sofort. „Nick ist ein Freund von mir, und ich neige dazu, meine Freunde zu verteidigen."
„Nicht in diesem Fall." Hank schüttelte den Kopf. „Tut mir leid."
„Sie wissen nicht, mit was Sie sich da anlegen wollen", entgegnete Monroe. „Dieser … Stark? … ist kein normaler Mensch!"
„Das wissen wir. Ich habe ihn vor fünf Jahren hinter Gitter gebracht und nur die Tatsache, daß er einen guten Anwalt hatte, verhinderte, daß er in der Todeszelle in Kalifornien landete."
Monroe horchte auf. „Sie haben ..." Er stockte, als sich die Rädchen in seinem Hirn wieder in Bewegung setzten.
Also war Nick nicht entführt worden, weil er ein Grimm war, sondern … weil der Siegbarste sich an Hank rächen wollte. Perfide Rache, nebenbei bemerkt, aber dann gab es die Möglichkeit, daß der Oger noch nicht realisiert hatte, wen er da gerade ins Jenseits zu befördern gedachte.
Siegbarste waren auf ihre Art zwar intelligent, aber meist brauchten sie etwas länger, um wirklich zu realisieren, was geschah. Vermutlich waren sie deshalb so widerstandsfähig und rar. Nick, der zwar immer nach Grimm roch, aber nicht mehr ganz so schlimm wie damals, als sie beide sich kennengelernt hatten, hatte eine kleine Chance, sein wahres Wesen zu verschleiern, über eine gewisse Zeit. Aber diese Zeit lief sehr schnell aus, wenn sie nicht schon abgelaufen war. Und das bedeutete, mit jeder Minute, die sie zögerten und vielleicht falschen Spuren nachjagten, wurde es unwahrscheinlicher, Nick lebend aus der Gewalt des Oger zu befreien.
„Tut mir wirklich leid, aber … halten Sie sich vom Wald fern." Hank zuckte mit den Schultern, kalte Entschlossenheit in den Augen und ließ den nachdenklichen Monroe im Treppenhaus stehen.
Der Blutbad starrte dem Menschen nach, dann ballte er die Hände zu Fäusten.
Er würde der Polizei nicht über den Weg laufen, soviel war klar. Aber er würde nicht nach Hause fahren. Nicht mit der vielleicht einzigen Möglichkeit, den Siegbarste ein- für allemal zu erledigen und seinen Freund zu retten!