A/N: Und wieder, zart besaitete Leser sollten von diesem Kapitel Abstand nehmen (oder nur die Monroe und Hank-Szene lesen ;)).
Nick hatte den Knebel endlich weit genug gelöst, daß er tatsächlich würde rufen können – sofern denn endlich jemand vorbeikäme …
Die ganze Zeit über hatte er gehorcht, doch weder war das Klopfen und Kratzen zurückgekehrt, noch waren die Stimmen zurückgekommen.
Wo zum Kuckuck war er hier?
Nick meinte, einen Wagen zu hören und biß sich auf die Lippen.
Verdammt, wenn das Stark war, würde er ein Problem haben. Daran hatte er beim Fassen seines verzweifelten Planes nicht gedacht. Er hatte gehofft, daß, wer oder was auch immer außerhalb der Hütte vorbeikommen würde, dies eher geschehen würde als daß der Was-auch-immer zurückkehrte. Wenn es jetzt aber … Er wagte sich gar nicht vorzustellen, was möglicherweise passieren konnte …
Mary Robinsons Zunge auf der Waage, herausgerissen bei lebendigem Leib als Zeichen für das Unrecht, das Stark angetan worden war.
Hatte er recht gehabt mit dem, was er Nick erzählt hatte? War er reingelegt worden?
Nick wußte es nicht. Bisher hatte er Hank immer für einen durch und duch ehrlichen Polizisten gehalten. Allerdings wußte er selbst, manchmal … manchmal geriet man in Versuchtung, den eigenen Gerechtigkeitssinn nicht abstellen zu können.
Das Schloß wurde geöffnet.
Nein!
Nick schluckte hart, sein Atem beschleunigte sich unwillkürlich in Erwartung der Reaktion seines Peinigers.
Was sollte er sagen? Konnte Stark die Wahrheit in ihm lesen, so wie er es bei den meisten Menschen und Wesen konnte? Würde er ihn bei einer Lüge erwischen? Würde er dafür auch seine Zunge, oder vielleicht sogar schlimmeres verlieren.
Nick zog unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern, als der Riegel zurückgeschoben wurde und die Tür sich öffnete. Alles in ihm schrie danach, daß er endlich den Grimm zulassen und sich wehren sollte. Nur wie, das erklärte diese Stimme ihm nicht. Er war bereits viel zu schwer verletzt, selbst mit dem Erbe seiner Vorfahren würde er allein nicht mehr hier herauskommen.
Starks gewaltige Gestalt betrat die Hütte. Der Was-auch-immer schloß die Tür wieder hinter sich und ging hinüber zu der Kiste mit den … Gerätschaften. Dort ließ er den Sack auf den Boden gleiten, den er über die Schulter getragen hatte. Der Inhalt klirrte verdächtig.
Was hatte Stark jetzt wieder mit ihm vor?
Nick schluckte als der Was-auch-immer sich zu ihm umdrehte.
Stark runzelte die Stirn und stampfte heran. „Was ist passiert?" verlangte er zu wissen und riß das letzte bißchen des Klebebandes von Nicks Wange.
„Hat … hat sich gelöst ..." flüsterte der atemlos.
Stark musterte das Klebeband in seiner Hand, seinen Gefangenen, zuckte dann mit den Schultern, knüllte das klebrige Silberband in seiner Hand zusammen und drehte sich um. Dann aber … drehte er sich langsam wieder zu Nick um und sah ihn aufmerksam an.
„Ehrlich!" beeilte der sich zu versichern.
Stark starrte ihn an. Dann weiteten sich dessen Augen, er trat noch einen halben Schritt näher und griff nach Nicks Kinn.
Der holte tief Luft, während sein Kopf in den Nacken gerissen wurde. Starks Atem streifte ihn.
„Grimm!"
Nick schloß das heile Auge.
Es war aus!
Monroe zögerte.
Er war wütend! Er war richtig, mächtig wütend! Normalerweise würde er jetzt eine Extra-Runde Yoga einlegen, vielleicht gefolgt von einer Klangschalen-Therapie.
Üblicherweise aber nahm man seine Hilfe auch an, wenn er sie gab. Üblicherweise wurde seine Hilfe sogar begrüßt. Üblicherweise … war nicht einer seiner Freunde in Lebensgefahr.
Also folgte Monroe, wütend wie er war, dem Konvoi an Polizeifahrzeugen im sicheren Abstand hinaus in die Wälder rund um Portland, allerdings Richtung Nordosten, dem Highway nach Seattle folgend.
Er hatte es wirklich versucht, rief er sich zur Ordnung. Er hatte getan, was er tun konnte, um zu helfen. Normalerweise würde ihm persönlich das reichen. Üblicherweise, wenn man seine Hilfe eben nicht wollte, wäre er nach Hause gefahren und hätte das den anderen überlassen, sich schmollend mit seinen Uhren beschäftigend.
Nicks Gesicht mit den großen Augen tauchte vor seinem Geist auf, wie der junge Grimm mitten in der Nacht vor seiner Tür stand, diese großen Augen noch zusätzlich aufgerissen und so absolut hilflos und unschuldig wirkend …
Wie konnte irgendjemand Nick widerstehen, wenn der einmal loslegte? Er, Monroe, hatte es versucht, und er war kläglichst gescheitert. Wenn der Grimm sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war er offensichtlich nicht davon abzubringen, ehe er erhielt, was er wollte.
Hartnäckigkeit war etwas, was Monroe eigentlich an anderen mochte. Eigentlich auch an Nick. Allerdings …
Warum zum Kuckuck war Nick nicht zu ihm gekommen?
Monroe kannte die Antwort. Er hatte Nick gezeigt, daß dessen Verhalten ihn verletzt hatte, als der Grimm mit seinem Partner bei ihm wegen dieser Uhr auftauchte. So sehr Nick offensichtlich auch selbst gern manipulierte, um zu erreichen was er wollte, so ungern setzte er sich mit den Konsequenzen seiner Handlungen auseinander. Nick hatte Monroe verletzt, Monroe hatte dies gezeigt und Nick … hatte sich daraufhin zurückgezogen.
Ob es tatsächlich so war wußte Monroe nicht, aber er wußte, er lief bei dem Grimm ganz offensichtlich nicht unter der Rubrik „Freunde". Dabei aber war der Grimm für ihn mittlerweile zum Freund geworden, zum engen Freund sogar.
Monroe folgte dem Konvoi weiter, kurbelte aber während der Fahrt jetzt das Fenster runter. Kalte Winterluft blies die künstliche Wärme der Heizung davon, doch Monroe brauchte die frische Luft, um vielleicht eine Spur von Nick oder dem Siegbarste oder beiden zu finden. Irgendwo von hier, irgendwo aus den Wäldern, mußte der Anruf gekommen sein. Und er würde nicht ruhen, bis er die beiden aufgespürt hatte – hoffentlich solange sein Grimm-Freund noch lebte.
Vielleicht, so kam es Monroe in den Sinn, vielleicht würde Nick ihn dann endlich als Freund akzeptieren, so wie er den aufdringlichen Baby-Grimm schließlich akzeptiert hatte.
Nick landete einmal mehr auf dem Boden und rutschte noch ein Stück weiter.
Sein Kiefer fühlte sich an, als sei er dieses Mal wirklich gebrochen und er spürte, daß sich zwei Zähne definitiv gelockert hatten.
Irgendwo tief in ihm erwachte der Überlebensinstinkt und ließ ihn mühsam vorankriechen, auch wenn er wußte, er kam nicht weit, schon gar nicht mit einem Oleg Stark direkt hinter sich. Und tatsächlich wurde er einmal mehr gepackt und hochgerissen.
Aus! Es war aus!
Er würde Juliette niemals wiedersehen, sofern sie überhaupt noch lebte. Er würde auch Monroe oder Hank niemals wiedersehen, niemals wieder über Wus schräge Witze lachen. Er würde hier und jetzt sterben, einfach für das, was er war und nicht ändern konnte.
Starks Faust landete einmal mehr in seiner ohnehin schon lädierten Magengrube, dieses Mal mit einer Wucht, die Nick nicht nur die Luft aus den Lungen gedrückt wurde, sondern er tatsächlich vom Boden abhob und erneut einige Schritte weit nach hinten geschleudert wurde.
„Verdammter Grimm!" knurrte Stark, während Nick sich erneut am Boden wälzte und sich, nach Luft ringend, zusammenrollte. Er hustete Blut, stemmte sich verzweifelt auf den heilen Arm, nicht wirklich wissend, was er wohl als nächstes tun würde.
Stark übernahm diese Entscheidung für ihn, als er mit voller Wucht seinen Stiefel auf Nicks noch heile Hand hinabsausen ließ.
Der Grimm brüllte vor Schmerz, als die Knochen brachen.
Stark packte ihm wieder bei seinem Haarschopf und riß ihn hoch. Die Faust des Wesens landete dieses Mal in Nicks Gesicht, keine sehr gelungene Abwechslung, wie er fand, während er wieder in sich zusammensank.
Starks Knie knallte gegen sein Kinn mit einer Wucht, daß Nick befürchtete, seine Zähne würden in die Kiefer zurückgetrieben.
Hustend und würgend stürzte er wieder zu Boden, versuchte irgendwo in sich nun doch die Kraft für Widerstand zusammenzukratzen.
Da schlang sich etwas von hinten um seinen Hals.
Nick riß überrascht das heile Auge auf, als ihm plötzlich die Luft abgeschnürt wurde. Er röchelte und griff mit beiden Händen nach dem Seil, daß Stark ihm von hinten um den Hals geschlungen hatte. Die Schmerzen waren kaum zu ertragen, aber er mußte verhindern, daß er erdrosselt wurde.
Stark ruckte an dem Seil, was Nicks Finger abrutschen und das Seil noch tiefer in seine Haut schneiden ließ.
„Nicht!" röchelte er heiser und versuchte erneut, nach dem Seil zu greifen.
„Warum nicht? Grimm wie du haben meine Art fast ausgerottet!" knurrte Stark über ihm und zog ihn wieder auf die Beine.
Das Seil grub sich tief in Nicks Hals. Er bekam keine Luft mehr und griff ins Leere, als der beginnende Sauerstoffmangel ihm vorgaukelte, direkt vor ihm befände sich ein Halt.
Juliette, Hank, Wu, Renard, Tante Marie, Monroe … Er sah ihre Gesichter vor sich, wollte sie um Hilfe anflehen, doch ihm fehlte schlicht der Atem dazu. Seine Lungen schrien nach Luft und schmerzten, doch er konnte ihnen nicht geben, wonach sie verlangten.
Nicks Widerstand erlahmte langsam. Er spürte, wie das Leben langsam aus seinem Körper zu weichen begann … und er begrüßte die Finsternis hinter den Schmerzen, auch wenn er wußte, aus dieser Finsternis gab es keine Rückkehr mehr.
Und dann … wurde er plötzlich losgelassen, seine Lungen füllten sich wieder mit Sauerstoff, während seine Kehle entsetzlich schmerzte. Er klappte zusammen wie ein Taschenmesser und blieb am Boden hocken, tief Atem holend und sich von Stark betrogen fühlend.
„So einfach mach ichs dir nicht, Grimm!" knurrte der über ihm und zerrte ihn wieder hoch. „Drei Tage noch. Und du dich für jede einzelne Minute verfluchen für das, was du bist."
„Nicht daß ich eine Wahl gehabt hätte", röchelte Nick.
„Halts Maul!"
Jetzt waren sie also wieder an dem Punkt, ja?
Nick fühlte, wie dieses Etwas in ihm erwachte. Reichlich spät, aber immerhin. Irgendwas hatte Stark offensichtlich ausgelöst, wenn er auch noch nicht sicher war was.
Der Was-auch-immer schleppte ihn wieder zu den Handschellen hinüber, Nick registrierte es mit immer noch benebeltem Blick.
„Diesmal … nicht!" ächzte er und bohrte seinen rechten Ellenbogen in Starks Hüfte. Er rechnete nicht damit, seinem Gegner Schmerzen zuzufügen, er wußte, Stark war unfähig zur Schmerzempfindung. Aber er hoffte auf eine natürliche Reaktion des Körpers. Und die kam umgehend: Starks Beine knickte unter dem gewaltigen Mann weg und Stark kippte nach vorn, ließ Nick dabei los, um sein Gleichgewicht wiederfinden zu können. Der Grimm seinerseits stürzte ebenfalls nach vorn. Erneut mußte er seine beiden gebrochenen Hände einsetzen, was einen weiteren heiseren Schrei zur Folge hatte, aber er war für diesen einen Moment frei!
Nick riß sich zusammen, änderte halbblind die Richtung und taumelte auf wackeligen Beinen Richtung Tür.
Raus hier! Nur raus! Egal was auch immer folgte. Blieb er hier und spielte weiter braver Gefangener war er in kürze tot. Besser im Wald umkommen, verhungern, verdursten, seinetwegen von Bigfoot zum Mittagessen verspeist werden, alles war besser als sich hier weiter zu Tode quälen zu lassen.
Fast schaffte er es, fast! Er war schon bei der Tür, kämpfte mit dem inneren Riegel, als Stark ihn erreichte und von hinten packte.
Ein Brüllen entwich Nicks Kehle, mit dem er selbst nie gerechnet hätte, er sei fähig dazu, einen solchen Laut auszustoßen. Und die Tür öffnete sich vor ihm. Einen Augenblick lang konnte er nach draußen sehen, in den Wald, den verhangenen Himmel, die Natur riechen. Dann wurde er zurückgerissen und herumgeschleudert.
Das letzte, was Nick sah, war einer der dicken Stämme der Seitenwand, ehe sein Kopf mit eben diesem Stamm kollidierte und er endgültig das Bewußtsein verlor …
Hank beobachtete sehr genau den Routenplaner, dessen kleiner Bildschirm auf dem Armaturenbrett blinkte.
Er wußte selbst nicht, wonach sie genau suchten, nur daß Nick hier irgendwo draußen sein mußte, und mit ihm dieser verdammte Stark.
Renard fuhr und führte den Konvoi an Polizeifahrzeugen an. Und der Captain des Reviers hatte noch mehr Männer angefordert.
Sie würden jeden Quadratzentimeter dieses Waldes umgraben, wenn es sein mußte. Nur befürchtete Hank, daß das Nick in der jetzigen Situation nicht wirklich helfen würde. Es würde zu lange dauern, bis sie das Gebiet durchkämmt hatten.
Vielleicht hätte er die Hilfe von Nicks komischem Freund doch annehmen sollen?
Hank war sich nicht sicher. Er kannte diesen Monroe nicht, sie beide waren sich dreimal über den Weg gelaufen, beim ersten Mal war Monroe ein Verdächtiger gewesen, beim zweiten Mal ein Freund des Opfers und vor zwei Tagen dann die Sache mit der Uhr.
Hank hatte noch immer diese komische Szene vor Augen, als Monroe ihn und Nick aufforderte, sich selbst Kaffee zu suchen. Erst hatte Hank dem keine Beachtung geschenkt, jetzt aber … Nick hatte unterdrückt den Kopf geschüttelt mit weit aufgerissenen Augen und Monroe … der hatte plötzlich sehr enttäuscht gewirkt und den Kopf gesenkt.
Diese ganze Szene war mehr als merkwürdig gewesen, rief Hank sich in Erinnerung. Fast als habe Nick nicht gewollt, daß irgendjemand etwas von dieser Freundschaft erfuhr. Überhaupt verhielt der junge Detective sich seit einiger Zeit eigenartig, verschwand immer mal wieder, war stundenlang nicht auffindbar und er war bereits mehr als einmal eben mit Monroe gesichtet worden, oder aber sein Truck, der vor Monroes Haus parkte.
Hank verstand nicht, warum sein Partner ein großes Geheimnis daraus machen sollte, wenn er eben mit Monroe befreundet war, eher begriff er nicht wirklich, wie es zu dieser kuriosen Freundschaft hatte kommen können. Nick, der doch mit beiden Beinen mitten im Leben und einer glücklichen Beziehung steckte, und dagegen der Einzelgänger Monroe mit seiner nicht gerade kleinen Uhrensammlung und den noch kurioseren Freunden. Allein dieser Hap Lasser …
„Alles in Ordnung?" fragte Renard vom Fahrersitz.
Hank schrak aus seinen Gedanken und nickte. „Denke schon, Sir", antwortete er, zuckte dann aber mit den Schultern. „Ich … Sie wissen doch, dieser Uhrmacher, den Nick kennt. Der war vorhin auf dem Revier."
Renard hob die sichtbare Braue, während er weiter auf die Straße sah. „Und?"
„Er bot seine Hilfe bei der Suche an, Sir", fuhr Hank fort. „Ich hab das abgelehnt. Ich dachte, er sei zu dicht dran. Immerhin scheinen Nick und er befreundet zu sein."
Renard runzelte die Stirn. „Befreundet? Wirklich?" Er warf einen kurzen Blick auf den Afroamerikaner.
Hank nickte. „Sieht für mich jedenfalls so aus", gab er zu.
Der Captain sah wieder auf die Straße. „Vielleicht wäre das wirklich besser gewesen", sagte er. „Je mehr wir sind, desto schneller finden wir Nick und Stark."
Hank biß sich auf die Oberlippe. „Ich bin mir nicht sicher. Wie soll ein Zivilist uns helfen können?"
Renard warf ihm wieder einen Blick zu. „War das der Mann, der an Nicks Schreibtisch saß vorhin und den Anruf lang genug verlängern konnte, daß wir zumindest die grobe Richtung herausfinden konnten?" fragte er.
Hank fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg.
Natürlich. Wenn Monroe nicht gewesen wäre, wäre das Gespräch wieder zu kurz gewesen. Warum auch immer Nick dieses Mal hatte die notwendigen Sekunden länger hatte telefonieren können, vielleicht wirklich nur Zufall, vielleicht aber wirklich die Tatsache, daß statt seiner, Hanks, plötzlich Monroes Stimme zu hören gewesen war und Stark vielleicht gemeint hatte, er habe sich verwählt. Warum auch immer, Monroe hatte ihnen die notwendige Zeit verschafft, die sie brauchten, um zu wissen, in welche Richtung sie sich zu wenden hatten.
Renard sah ihn wieder an, eine Braue gehoben. „Vielleicht kann dieser … wie war sein Name? … uns doch noch einmal behilflich sein. Rufen Sie ihn an und kümmern sich persönlich um ihn", sagte er schließlich.
Hank nickte und zog sein Handy aus der Tasche.
