A/N: Und erneut: Wer zart besaitet ist, bitte nur die beiden äußeren Szenen lesen.
Monroe bog von der Straße ab an der Ausfahrt zu der Forststraße, wie es ihm gewiesen worden war bei dem kurzen Telefonat mit Hank Griffin.
Plötzlich wollte dieser doch seine Hilfe, es war lächerlich! Andererseits, vielleicht hatte der Detective begriffen, daß der Wald ein wenig zu tief war und eine Suche ohne seine Nase viel zu lange für Nick dauern würde.
Monroe schnüffelte zwischendurch immer einmal wieder in die kalte Nachtluft hinaus. Leider bisher ohne großen Erfolg. Ein- oder zweimal hatte er geglaubt, den Geruch des Siegbarste aufgefangen zu haben, dann aber hatte er den Duft wieder verloren. Von Nick dagegen fehlte jede Spur, selbst in der Luft.
Nun, soweit er wußte, wurde der Grimm irgendwo im Inneren eines Gebäudes festgehalten. Also kein Wunder, daß er ihn nicht erschnüffeln konnte. Trotzdem hoffte Monroe eine Spur zu finden und seinem Freund auf diese Weise helfen zu können.
Eine einsame Gestalt tauchte im Scheinwerferlicht auf.
Monroe hielt den Käfer an und steckte den Kopf zum Fahrerfenster heraus. „Also?" fragte er.
Hank, genau der war es, der da auf ihn gewartet hatte, trat an die Seite des kleinen Vws und beugte sich in das Fenster hinein. „Ich möchte mich entschuldigen, Mister Monroe", sagte er, „und Sie bitten, sich dem Suchtrupp anzuschließen. Captain Renard möchte, daß wir auf dieser Seite suchen, wenn Ihnen das nichts ausmacht.
„Sollte es?" Monroe hob die Brauen. „Allerdings … woher der Sinneswandel? Wegen Ihres Chefs?"
Hank zuckte mit den Schultern, runzelte dann die Stirn, als er die Flinte auf dem Rücksitz sah. „Wow! Was wollen Sie denn schießen?"
Upps!
Monroe war so … wenig begeistert gewesen von dem Anruf, den er von Hank erhalten hatte, daß er vergessen hatte, die Flinte wegzuschließen. Andererseits … er war nicht gerade der beste Schütze, besser gesagt, er hatte so gut wie nie geschossen bisher mal abgesehen von einem alten Colt und auf Bierdosen in seiner Wilden Zeit. Er würde Hank vermutlich brauchen, um den Siegbarste zur Resong zu bringen.
„Ich dachte, eingedenk was ihr zwei da erzählt habt über die Leichen, es sei besser, bewaffnet zu kommen", antwortete Monroe.
Solange Hank nicht die Lizenz sehen wollte, dürfte damit alles glatt gehen – hoffte Monroe! Sicher war er sich allerdings nicht.
Der Afroamerikaner nickte. „Klingt vernünftig. Aber eine solche Waffe gehört wohl eher in ein Museum oder an die Wand. Mann, das Teil muß 'ne Tonne wiegen!" Er sah den Blutbad mit einem breiten Grinsen an. „Wenn wir Nick wiedergefunden haben, sollte der Ihnen eine bessere Waffe besorgen, was kompakteres. Nichts gegen gute alte und wirklich dicke Flinten, aber, ehrlich, ich mag meine Halbautomatik."
„Denk ich mir ..." Monroe verzog das Gesicht.
Das war jetzt definitiv ein Thema, das er nicht vertiefen wollte. Er war eigentlich kein Waffentyp.
„Wo ist denn Ihr Captain?" fragte er, sich umsehend. Ein kurzes Stück weiter stand ein Streifenwagen, das wars aber schon. Von den mehr als zwanzig Fahrzeugen, die in Portland gestartet waren, war wirklich nicht viel übrig geblieben.
„Wie gesagt, jedes Team hat seinen Quadranten, den wir absuchen sollen. Unserer ist dieser hier, wenns genehm ist."
War es nicht, aber Monroe wußte, er würde nichts daran ändern können. „Ich stelle den Wagen ab, okay?"
Hank richtete sich wieder auf und trat einen Schritt zurück.
Monroe gab Gas, wechselte in den zweiten Gang, fuhr den Käfer neben den Streifenwagen und parkte den Wagen dort.
Was als nächstes? Er konnte die Flinte wirklich nicht mitnehmen, ohne die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen.
Was also war jetzt zu tun?
Monroe wußte es nicht. Er hatte keine Ahnung, wie er sonst das Siegbarste Gift eben IN den Siegbarste kriegen sollte. Sicher, er hätte auch diese Dopplerbrust mitnehmen können, allerdings bezweifelte er, daß deren Bolzen stark genug gewesen wären, durch die dicke Haut des Ogers zu dringen.
Also was?
Monroe wußte es nicht, dennoch schälte er sich erst einmal aus dem Wagen heraus und streckte sich. Er war definitiv nicht für diese weiten Strecken hinter dem Steuer gemacht. Wenn es nicht so weit draußen in den Wäldern gewesen wäre, er wäre lieber gelaufen, nach Möglichkeit in seiner Blutbad-Form.
Aus dem Streifenwagen stiegen jetzt auch die beiden uniformierten Polizisten aus, einer von ihnen dieser kleine Asiate … Wu, wenn Monroe sich nicht irrte. Nick erzählte ab und gern von ihm …
„Alles in Ordnung bei Ihnen?" fragte der.
Monroe verzog das Gesicht zu einer Grimasse, nickte aber. „Alles klar. Und selbst?"
„Wenn wirs irgendwie weiter eingrenzen können, geht's mir besser", erklärte der Asiate. „Ich war Nicks Mentor als er damals hier anfing. Ich möchte ihn nicht begraben müssen."
Das wollte Monroe ganz sicher auch auch nicht.
Hank kam jetzt ebenfalls heran. „Okay, wir halten Funkkontakt zu den anderen Gruppen. Renard sagt, wir sollen von hieraus Richtung Nordosten gehen bis zur Markierung, die Team 2 uns hinterlassen wird."
Monroe starrte auf die Elefantenbüchse auf seinem Rücksitz.
Was jetzt? Was sollte er tun?
Ehrlich gesagt, er wußte nicht einmal wirklich, was er eigentlich mit dem Gift tun sollte. Sollte es tatsächlich reichen, die Kugeln in selbiges zu tauchen? Würde das ausreichen, um die dicke Haut des Siegbarste zu durchdringen und den Oger selbst zu töten?
„Mister Monroe?" erkundigte Hank sich bei ihm.
Monroe entschied sich, beugte sich tief in den Wagen hinein. Mit einer Hand holte er die Flasche mit dem Gift aus dem Handschuhfach, während er mit er anderen nach der Büchse griff. Schließlich steckte er noch ein paar Kugeln, die er ebenfalls im Handschuhfach abgelegt hatte, auch noch ein, ehe er sich wieder aus seinem Wagen befreite.
„Alles klar", sagte er, als er sich wieder aufrichtete, die Büchse noch aus dem Käfer holend.
Wu bekam große Augen, als er die gewaltige Flinte sah. „Wow! Da will aber jemand auf Nummer sicher gehen!" staunte er.
„Besser als wenn er hier mit Pfeil und Bogen augetaucht wäre", kommentierte Hank. „Also gut, Mister Monroe, das sind die Officers Wu und Deveraux. Wir zusammen bilden ein Team und, falls Sie es noch nicht gehört haben ..."
„... sollen den Wald in Richtung Nordosten durchkämmen. Ja, danke, hab ich verstanden", nickte Monroe. „Und … einfach Monroe. Jeder nennt mich so. Das Mister kann man sich sparen."
„Mh, interessanter Künstlername", murmelte Wu.
Monroe hielt es für besser, dies nicht zu kommentieren. Er schulterte die Büchse und sah auffordernd von einem zum anderen.
„Also? Wollen wir gemeinsam Nick retten?"
„Das brauchen Sie nicht noch einmal fragen", antwortete Wu.
Damit gingen die drei los, in die anbrechende Nacht hinein.
Nick wachte unter Schmerzen wieder auf. Es war kein erlösendes, langsames Erwachen, es war brutal und unwiderruflich.
Er riß das eine Auge auf und fand sich auf dem Boden sitzend und mit ausgebreiteten Armen an den Tisch gefesselt wieder, während Stark sich über ihn beugte, den Hammer wieder in der Hand. Und Nick sah, daß Blut an dem Hammer war, frisches Blut.
Er wurde bleich, als er die Schmerzen begriff, vor allem, WO sie waren.
„Mal sehen, wie schnell du gleich noch rennen kannst!" Stark grinste ihn an, hielt ihm den Hammer unter die Nase.
Nicks Atem beschleunigte sich wieder. „Nein ..." keuchte er, während Stark sich abwandte und ausholte.
Er wollte sein Bein wegziehen, fand dieses aber ebenfalls gefesselt vor. Ein Seil spannte sich um seinen Knöchel. Und das Seil war festgemacht … Nick folgte der Spur mit dem Auge … am Kamin.
Im nächsten Moment versank seine Welt in einem Meer aus Schmerzen, als der Hammerkopf auf sein Knie niedersauste und die Kniescheibe zertrümmerte.
Ohnmacht zupfte wieder an seinem Bewußtsein, wollte ihn zurückreißen in die Dunkelheit. Wimmernd und keuchend, geblendet von seinen eigenen Tränen saß er da.
Keine Flucht mehr möglich, absolut unmöglich jetzt. Er konnte froh sein, wenn er, falls er gerettet wurde, was ebenfalls immer unwahrscheinlicher wurde, jemals wieder würde gehen können.
Wenn Nick geglaubt hatte, Stark sei fertig, dann hatte er sich allerdings geirrt. Der gewaltige Mann drehte sich zu ihm um, wartete ungeduldig, bis sein Gefangener halbwegs wieder bei Sinnen war, ehe er sein Werkzeug ein drittes Mal auf Nicks Bein herabkrachen ließ. Der Oberschenkelknochen hielt einiges mehr aus, doch Nick fühlte, wie ein Knochensplitter sich löste und durch seine Haut getrieben wurde.
„Willst du noch mehr, Grimm?" fragte Stark kalt und hielt ihm erneut den blutigen Hammer hin.
Nick hob nur schwach den Kopf, ein Muskel in seiner Wange zuckte, dann senkte er den Blick wieder und schüttelte andeutungsweise den Kopf.
Wäre er doch in jener Nacht gar nicht ans Handy gegangen, als Stark seinen Rachefeldzug begann! Hätte er sich doch am nächsten Morgen krank gemeldet, als Hank ihn erneut aus dem Bett klingelte wegen der Uhr. Wäre er doch bei seinem Partner im Revier geblieben, als das abgebrannte Autowrack gefunden wurde! Wäre er doch nie an einem von Starks Tatorten aufgetaucht!
Wäre er, statt nach Hause, doch besser zu Monroe gefahren, um sich mit dem Blutbad zu versöhnen, wisperte eine kleine Stimme in seinem Inneren.
Monroe …
Würde der Blutbad ihn vermissen? Würde er seine Todesanzeige lesen und zur Beisetzung kommen?
Irgendwie hoffte Nick das. Er hatte es zu weit getrieben mit seiner Trennung normales Leben/Grimmdasein, das verstand er jetzt. Aber jetzt war es zu spät, viel zu spät.
Stark grunzte etwas und löste das Seil um Nicks Knöchel.
Das Bein schwoll bereits an, so wie der Arm angeschwollen war und mittlerweile beide Hände. Blut sickerte an mehreren Stellen durch seine Jeans, der Knochensplitter kratzte von innen am Stoff und bereitete ihm zusätzlich Schmerzen.
Nick wünschte sich, er könnte wieder das Bewußtsein verlieren, daß die Schmerzen stärker werden würden, oder Stark ihm den Kochtopf über den Schädel zog oder sonstetwas. Aber er wußte es besser.
Keine Hilfe, er selbst jetzt endgültig unfähig, sich selbst zu helfen.
Nick kniff die Lippen aufeinander und starrte auf sein Bein hinunter.
Woran er wohl sterben würde? An Blutverlust, und er mußte in den letzten Tagen einiges an Blut verloren haben, an einer Infektion der verschiedenen Wunden oder würde Stark ihn schließlich zu Tode prügeln?
Nick war sich nicht sicher, ob er eine dieser Möglichkeiten wirklich bevorzugte. Alle klangen alles andere als das, wie er sich sein Lebensende irgendwann in ferner Zukunft vorgestellt hatte.
Vielleicht war heute ein guter Tag zu sterben?
Seit gefühlten Stunden wanderten sie jetzt schon durch den Wald.
Hank wußte einfach nicht, was er jetzt tun sollte. Er fühlte sich wie ein Babysitter mit dem Uhrmacher Monroe an seiner Seite. Und woher auch immer der diese riesige Büchse hatte … es war lächerlich, was sie hier taten.
Aber Monroe hatte ihnen die Sekunden gebracht, die sie benötigt hatten, um zumindest eine ungefähre Richtung zu erhalten.
Rechtfertigte das wirklich, daß sie hier das Leben eines Zivilisten riskierten? In seinen Augen nicht wirklich.
Deveraux war ein wenig zurückgefallen, als er sich einmal erleichtern mußte. Sollte er doch!
Hank war sich sicher, Renard hatte ihnen diesen Bereich zugeordnet, weil Wu und er die engsten Bekannten waren, die Nick auf dem Revier hatte. Und mit Monroe als Zivilist …
Hank seufzte.
Er war sich sicher, sie würden Nick sicher nicht finden. Nie! Sie waren viel zu weit vom Sendemast entfernt.
Monroe stapfte an seiner Seite. Zwischendurch streckte der eigenartige Uhrmacher immer wieder die Nase in die Luft, verhielt sich ansonsten aber vollkommen normal.
Was erwartete er denn zu riechen? Immerhin war er ein Mensch, kein Hund. Er würde kaum mehr als einer von ihnen anderen wahrnehmen.
Hank schüttelte den Kopf.
„Ein bißchen eigenartig, Nicks Freund, oder?" wisperte Wu, der zu ihm aufgeschlossen hatte.
Eigenartig war noch eine Untertreibung. Monroe gehörte für Hank zur Beobachtung in die Geschlossene. Aber solange er keinen Ärger machte …
Wo zum Kuckuck hatte er diese Riesen-Waffe her?
„Jedem das seine", fuhr Wu fort. „Wobei ich Nick bisher eigentlich immer für einen normalen Kerl gehalten habe ..."
„Da bist du nicht der einzige", zischte Hank endlich zurück und verdrehte die Augen. „Du müßtest mal sein Haus sehen. Ehrlich, soviele Uhren hab ich mein Lebtag lang noch nicht gesehen!"
„Mh", machte Wu. „Ein Uhrmacher mit einem Uhrentick. Erinnert mich irgendwie an den verrückten Hutmacher, dich nicht auch?"
Hanks Mundwinkel zogen sich amüsiert nach oben. Noch dazu kam, daß Monroe gerade jetzt wieder seine Nase in die Luft streckte und einen tiefen Zug nahm.
„Absolut durchgeknallt", war Wus Kommentar.
Doch dann … wirbelte Monroe plötzlich zu ihnen beiden herum. Kurz war es Hank, als würden die Augen des eigenartigen Mannes rot leuchten, dann richtete er sich auf.
„Ich glaube, ich habe was", sagte er und wandte sich wieder ab.
Wu hob jetzt seinerseits seine Nase und schnupperte. „Also, ich riech nur den Wald", sagte er dann.
Monroe schüttelte den Kopf. „Ist nicht viel, fast schon verweht, aber ..." Er schnupperte noch einmal. „Definitiv Nick!" Er drehte sich zu den Polizisten um und starrte sie an. „Was jetzt? Kommt ihr mit?"
Hank und Wu wechselten einen beredten Blick.
Durchgeknallt! Komplett durchgeknallt! Durchgeknallter gings nicht!
Aber … was wenn er recht hatte? Wenn er sie durch puren Zufall auf die richtige Spur bringen würde? Was, wenn sie Nick doch fanden?
Hanks Herz wurde ein wenig leichter. Es war nicht unmöglich. Nick konnte hier in der Nähe sein, ebenso wie er direkt auf dem verdammten Sendemast sitzen konnte. Die Chancen waren ausgewogen.
Wu sah ihn an. „Folgen wir oder nicht?"
Wirklich gute Frage. Und letztendlich nahm Monroe ihnen die Antwort ab: Er verschwand im Unterholz …
