Einige Tage später:
Sean Renard glaubte seinen Augen kaum, als er das Krankenzimmer von Hank Griffin betrat und dort ausgerechnet den noch schwerer verletzten Nick Burkhardt vorfand. Nick saß in einem Rollstuhl, sein mehrfach gebrochenes Bein komplett eingegipst (da man, so hatte Sean erfahren, keine der modernen Schienen besaß, die lang genug waren, um das ganze Bein abzudecken), der linke Arm lag ebenfalls in Gips, während die rechte Hand in einer handschuhähnlichen Schiene steckte. Der rechte Oberarm war dick verbunden und es würde, so die Information, noch einige Zeit brauchen, bis der junge Mann seinen Arm wieder gebrauchen können wie bisher gewohnt.
Das Gesicht des Grimm hatte sich mittlerweile in allen Regenbogenfarben verfärbt, beide angebrochenen Knochen (der Wangenknochen und der Unterkiefer) waren noch immer geschwollen, doch mittlerweile konnte Nick wieder mit beiden Augen sehen.
Zudem kamen die Verbände und Pflaster am Körper, die jetzt von einem Krankenhauskittel verdeckt wurden. Sechs gebrochene Rippen, der Magen nahezu perforiert, schwere Prellungen, eine mittelschwere Gehirnerschütterung.
Wie zum Kuckuck war Nick aus seinem Bett herausgekommen?
"Captain!" Nick versuchte sich offensichtlich aufzurichten, verzog dann aber das Gesicht vor Schmerz.
"Lassen Sie das mal", lächelte Sean und klopfte Nick vorsichtig die Schulter.
"Captain?" ächzte es vom Bett her.
Sean wandte sich seinem anderen Detective zu.
Hank lag, mit einem dicken Verband um den Kopf, im Bett und wirkte wirklich sehr leidend. Beim Sturz gegen den Baum hatte es leider die falsche Stelle seines Schädels getroffen und er fiel jetzt ebenfalls mit einer Gehirnerschütterung aus. Ansonsten war ihm erstaunlicherweise nichts passiert.
"Hank?" begrüßte Sean den älteren Detective. "Dann ist das Team ja wieder vereint, wie ich sehe."
"Hank kommt in ein paar Tagen raus", meldete Nick mit einer gewissen Sehnsucht in der Stimme. Leider würde er wohl noch einige Zeit hier bleiben müssen, vielleicht sogar nochmals operiert werden, sollte der Magen nicht von allein heilen.
"Was gibt's neues?" fragte Hank ächzend.
Da trat Juliette Silverton durch die Tür und nickte Sean ernst zu. "Captain Renard."
"Juliette. Freut mich zu sehen, daß es Ihnen ebenfalls besser geht."
Die junge rothaarige Frau trat hinter Nicks Rollstuhl, womit dann wohl die Frage geklärt wäre, wie dieser hatte sein Bett verlassen können. "Es geht", antwortete sie und legte dem Grimm beinahe besitzergreifend eine Hand auf die relativ heile linke Schulter.
"Ich will Sie alle auch gar nicht lange stören", kam Sean auf das eigentliche Thema zurück und sah von einem zum anderen seiner Detectives. "Wir konnten die Waffe nicht ermitteln, mit der Stark getötet wurde", erklärte er dann. "Und Parker meint, es sei ein Glücksspiel anhand der Einschußlöcher die Munition zu ermitteln, vor allem, da Stark wohl aus allernächster Nähe erschossen wurde."
"Naja, ich griff mir Hanks heruntergefallene Waffe und drückte ab. Wie ich bereits aussagte", merkte Nick an. "Stark hätte sonst uns beide umgebracht."
Es stimmte, aus Hanks Waffe waren zwei Kugeln abgefeuert worden. Ob allerdings Nick der Schütze war? Sean wagte das nun doch zu bezweifeln, nicht mit zwei gebrochenen Händen.
"Was ist mit Ihrem Freund?" erkundigte er sich.
Nick blinzelte. "Freund?" fragte er nach.
"Diesem Uhrenexperte", harkte Sean nach. "Wie war der Name?"
"Monroe!" entfuhr es Hank.
Nick zuckte mit den Schultern. "Der liegt auch im Krankenhaus. Nachdem er sich von der Gruppe getrennt hatte, ist er in eine Schlucht gestürzt, sagte er mir. Vermutlich hätte er doch besser eine Taschenlampe mitgenommen."
Sean runzelte die Stirn. "Und Sie sind sicher, er war nicht bei der Hütte?" erkundigte er sich.
"Absolut!" nickte Nick und verzog sofort das Gesicht wieder.
Sean drehte sich zu Hank um. "Ganz sicher?" fragte er. "Immerhin sagten Sie, Sie hätten jemanden in der Hütte gesehen ..."
"Das kann aber unmöglich Monroe gewesen sein", korrigierte Hank. "Ich hatte einen schlechten Blick auf ihn, aber … nein, der Typ sah nicht aus wie Monroe."
"Und er hat eine alte Büchse als verloren gemeldet", seufzte Sean und sah wieder von einem zum anderen.
"Während er in die Schlucht fiel hat er sie wohl verloren", erklärte Nick unschuldig.
Ob das tatsächlich stimmte?
Sean war sich nicht sicher. Die Geschichte der beiden machte Sinn. Dazu kam, daß Hank sich vermutlich an die letzten Minuten vor seiner Kollision mit dem Baum nicht oder nur schemenhaft erinnern konnte. Trotzdem … daß Nick Stark erschossen haben sollte, noch dazu mit zwei gebrochenen Händen und mehreren gebrochenen Fingern, wagte Sean wirklich stark zu bezweifeln.
Als er mit dem Rest der Truppe am Tatort eingetroffen war hatte Hank neben der Leiche von Oleg Stark gelegen, Nick neben dem Eingang zur Hütte, deren Inneres aussah, als habe eine Horde wilder Affen darin gewütet. Und in Nicks Schoß hatte Hanks Waffe gelegen. Wegen der Erstversorgung war es versäumt worden, Nicks Hände auf Schmauchspuren zu prüfen. Besser gesagt, Sean hatte die Anweisung gegeben, das für dieses Mal zu lassen, da es kaum zu übersehen gewesen war, wie schwer der Grimm tatsächlich verletzt war.
Wu hatte dann die Sprache wieder auf diesen Uhrenexperten und Freund von Nick gebracht, der plötzlich im Wald verschwunden war, nachdem er behauptet hatte, Nick riechen zu können. Und mit ihm war eine kuriose Büchse, laut Wu eine Mischung aus vorsintflutlichem Granatwerfer und Metallknüppel, verschwunden, die vielleicht ebenfalls als Tatwaffe in Betracht kam. Vielleicht, vielleicht auch nicht.
Dieser Monroe war zunächst nicht aufzutreiben gewesen. Sein Haus war verlassen und auch keiner seiner Nachbarn wußte etwas. Dann aber, nachdem Nick aus der Narkose aufgewacht war als seine Kniescheibe wieder gerichtet wurde, hatte er gemeldet, auch sein Freund läge im Krankenhaus, allerdings einem näher am Wald, nicht das TreeView. Und dort gelandet sei er, weil er eben in eine Schlucht gestürzt war in der Nacht, nachdem er sich vollkommen verirrt hatte nach eigenen Angaben. Und bei diesem Sturz war die Büchse verloren gegangen.
"Du solltest allmählich ins Bett zurück", merkte Juliette an. "Das ganze ist immer noch zu anstrengend für dich."
Sean lächelte dem Grimm zu, der das Gesicht verzog. "Gehen Sie nur."
"Danke Sir. Und Hank, wir sehen uns." Nick lächelte. Nur der Schatten seines alten strahlenden Lächelns, aber er lächelte.
Juliette schob den Rollstuhl aus dem Krankenzimmer heraus.
Sean sah ihnen nach, ehe er sich wieder an Hank wandte: "Irgendwas wieder eingefallen? Irgendeine Ahnung, wer dieser Unbekannte sein konnte, den Sie glauben, in der Hütte gesehen zu haben?"
Hank schüttelte den Kopf. "Wirklich, Sir, keine blasse Ahnung. Ich weiß nur, es war nicht dieser Monroe."
Sean seufzte, nickte aber. "Ruhen Sie sich ebenfalls aus, okay? Wird zwar dauern, aber das Revier ist im Moment wirklich unterbesetzt. Zudem beschwert Wu sich schon darüber, daß keiner mit ihm nach Feierabend auf ein Bier geht."
Hank lachte, verzog dann aber das Gesicht und hob die Hand an seine Stirn. "Eins war eigenartig", sagte er dann, wieder ernst geworden.
Sean hob die Brauen. "Ja?"
"Ich dachte wirklich, das sei kein Mensch, der Stark angriff. Komisch, oder?"
Sean zuckte mit den Schultern. "Was soll es denn sonst gewesen sein?" fragte er.
Hank schüttelte ansatzweise den Kopf. "Das ist es ja. Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich, einen Wolf gehört zu haben, ehe ich den Pickup und dann die Hütte fand. Deshalb bin ich überhaupt in die Richtung gegangen. Aber dann ..."
"Ruhen Sie sich aus. Vielleicht kommt die Erinnerung wieder, vielleicht auch nicht." Sean trat an das Bett seines Detective und klopfte ihm aufmunternd den Arm. "Das wird wieder, keine Bange. Und … wir haben Nick gerettet."
Hank grinste halb. "Ja, das haben wir ..." Dabei ging ihm allerdings nicht aus dem Kopf, warum Nick in sein Zimmer gekommen war.
Einige Minuten vor Seans Eintreffen:
Hank staunte nicht schlecht, als ein Rollstuhl durch die Tür seines Krankenzimmers geschoben wurde. Und in diesem Rollstuhl saß sein Partner. Das Gesicht sehr ernst und nachdenklich.
"Nick!" Hank setzte sich ächzend auf und lächelte die rothaarige Frau an, die den Rollstuhl schob. "Juliette, wie geht's euch beiden?"
"Gut", antwortete die Tierärztin und trat an sein Bett. "Wie geht's dir?"
"Wird langsam. Hey, Partner, sicher daß du schon aufstehen darfst?" wandte Hank sich an seinen jüngeren Kollegen.
Nick nickte ernst. "Juliette, könntest du uns einen Moment lang allein lassen?" wandte er sich dann an seine Lebensgefährtin.
"Klar. Ihr zwei habt sicher eine Menge zu bereden." Juliette lächelte auf Hank hinunter. "Wir sehen uns gleich."
Der Afroamerikaner nickte andeutungsweise und beobachtete, wie Juliette die Tür hinter sich schloß, als sie den Raum verließ. "Du hast wirklich verdammtes Glück, Nick, weißt du das?" wandte er sich dann lächelnd an seinen Partner und wandte sich ihm zu.
Nick lächelte nicht zurück, sondern musterte ihn sehr ernst und aufmerksam. "Weißt du, warum Stark seinen Rachefeldzug gestartet hat?" fragte er schließlich in die Stille hinein, die sich schwer und brütend über den Raum gelegt hatte.
Hank fühlte sich plötzlich deutlich unwohl, dabei, so rief er sich selbst zur Ordnung, hätte er es ahnen müssen. Natürlich hatte Stark geredet, während er Nick in der Mangel hatte. Die Frage war nur, WAS hatte er dem jungen Mann erzählt.
"Du weißt nicht, wie das damals war", sagte Hank schließlich. "Du hast keine Ahnung ..."
"Und ob ich die habe!" Nicks Stimme hob sich ein kleines bißchen bei diesen Worten. "Erzähl mir also nicht, ich wüßte von nichts. Ich bin tagelang mit diesem Si... mit Stark zusammengewesen. Und er hat mir eine Menge erzählt!" Nicks Gesicht wurde hart.
Hank schloß den Mund.
"Gab es eine illegale Absprache zwischen Staatsanwaltschaft und Richter?" bohrte Nick endlich nach. "Hast du eine Falschaussage gemacht?"
"Was?" Hank riß die Augen auf. "Nein!"
"Was dann?"
Hank sah seinen Partner an. Nick wirkte entschlossen genug, die Sache auszusitzen, wenn es denn sein mußte. Er wollte wissen, warum er gefoltert worden war, warum ihm all das angetan worden war, was er hinter sich hatte.
Hatte Nick nicht ein Recht auf die Wahrheit?
Hank seufzte. "Du verstehst nicht, wie das damals war", murmelte er schließlich. "Stark hatte einen guten Anwalt. Ein einziger, noch so kleiner Zweifel und ..."
"WAS, Hank, WAS?" Nicks Stimme hätte Glas schneiden können.
"Es gab einen Überfall am anderen Ende der Stadt, als Stark die Familie damals tötete ..." Hank stockte und schüttelte ansatzweise den Kopf. "Ehrlich, Nick, ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe. Aber ... Stark mußte endlich aus dem Verkehr gezogen werden!"
Nick starrte ihn weiter auffordernd an, schwieg jetzt aber.
Hank seufzte. "Vielleicht hatte Stark den Typen sogar selbst angeheuert, hatte er vorher schon getan. Suchte jemanden, der ihm halbwegs ähnlich sah, heuerte ihn für irgendeinen Überfall oder Diebstahl an, stellte sicher, daß es Zeugen gab, während er tatsächlich seine Aufträge erfüllte. Ein Grund, warum er nie hinter Gitter gelandet war vorher."
"Es gab also einen Überfall mit einem Doppelgänger als Täter. und weiter?" Nick wurde ungeduldig.
Hanks Blick glitt ab. "Wir hatten den ganzen Überfall auf Video. Hätte Starks Verteidiger dieses Band in die Finger gekriegt ... Er wäre wieder freigekommen. Das konnte ich nicht zulassen, verstehst du?" Er sah wieder auf, seinem Partner in die Augen. "Also ... ließ ich das Band verschwinden. Kein Zweifel, kein Alibi, beide gingen ins Gefängnis."
"Wußten der Richter und die Staatsanwältin davon?" fragte Nick kühl.
"Mary Robinson ja, der Richter ... nein. Natürlich nicht! Patterson hätte den Fall sofort eingestellt, hätte er davon gewußt." Hank schüttelte wieder den Kopf. "Ehrlich, Nick, hätte ich auch nur geahnt ..."
Nicks Augen wanderten durch den Raum. Langsam nickte er. "Wir alle haben Geheimnisse ..."
Und in diesem Moment öffnete sich die Tür wieder und Captain Renard trat ein.
Nick wartete, bis Juliette schließlich gegangen war, ehe er mühevoll sein neues Handy vom Nachttisch hob und noch mühevoller die Schnellwahltaste drückte. Das iPhone zwischen Schulter und Ohr einklemmt wartete er. Lieber hätte er das Handy in der Hand gehalten, nur leider war das im Moment so gut wie unmöglich …
"Hey, was gibt's?" meldete sich die bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung endlich.
Nick seufzte erleichtert. "Alles glatt gegangen?" fragte er. "Keine Probleme wegen des ausgerenkten Wirbels mehr?"
"Oh, das nächste Mal darfst du dich an einen Oger hängen, das sag ich dir. Aber ja, alles in Ordnung. Danke der Nachfrage", antwortete sein Gesprächspartner.
Nick lächelte.
"Und … die Waffe und das Gift sind auch wieder im Trailer. Den Schlüssel hab ich noch. Aber da ich eher rauskomme als du dachte ich, das spielt keine Rolle", erklärte Monroe weiter. "Aber, hey, hast du eine Ahnung, wie kostbar Siegbarste Gift ist? Es hätte genügt, die Kugeln in das Gift zu tauchen und nicht das Gift auf die Kugeln zu schütten. Nebenbei … du schuldest mir eine neue Tasche UND ein neues Hemd!"
Nicks Lächeln vertiefte sich. "Bekommst du, keine Bange. Und wenn du willst, kriegst du auch noch einen Präsentkorb und einen dicken Schmatzer."
"Der Korb reicht, danke. Die Hauptsache ist, wir beide leben noch."
"Tun wir ..." Nicks Lächeln erstarb. "Monroe?"
"Ja?" fragte der Blutbad.
"Danke."
"Gern geschehen, Kumpel. Freunden hilft man."
Nicks Lippen zitterten.
Freunde … sie waren Freunde, beste Freunde …
ENDE
