Severus ging an diesem Abend müde aus der Großen Halle in Richtung der Kerker. Die ersten Wochen hatten ihn geschafft. Auch weil Lockart zunehmend seine Nerven strapazierte. Er durfte gar nicht daran denken, dass das Schuljahr gerade erst angefangen hatte.

Severus kramte in der Tasche seiner Robe nach seinem Päckchen Zigaretten. Minerva würde ihm wieder eine Rede reden, wenn sie sah, dass er in der Schule rauchte. Von wegen Vorbildfunktion und so - aber er brauchte jetzt wirklich etwas Beruhigung in Form von Nikotin. Diese Rauchverbote überall waren der pure Horror für Kopfarbeiter wie ihn.

Er hatte sich die Zigarette noch nicht mal richtig mit seinem alten Gasfeuerzeug angezündet da hörte er einen markerschütternden Schrei über den Flur hallen.

Severus ließ vor Schreck glatt seine Zigarette fallen. Er trat sie schnell aus und kickte sie eine dunkle Ecke, ehe er dem Schrei nachging. Er folgte ihm einen Flur weiter, wo sich bereits ein Schülertraube gebildet hatte. Was war hier denn los?

Severus drängte sich durch die Schüler nach vorn. Filchs Katze, Mrs Norris, hing an einem Kerzenleuchter vor dem Schülerklo. Davor war Filch, der heulte vor Wut. Er hatte einen Schüler am Kragen gepackt und schüttelte ihn. Severus rollte mit den Augen. Es war Potter. Warum musste es immer Potter sein?

An die Wand hatte jemand mit roter Farbe geschrieben:

Die Kammer des Schreckens wurde geöffnet - Feinde des Erben nehmt euch in acht!

Für Severus Geschmack ja etwas zu theatralisch. Außerdem hatte das was von schlechten Horrorfilmen.

„Du hast meine Katze umgebracht!", rief der Hausmeister hysterisch.

„Nein, Sir!", entgegnete Potter. Seine Stimme bebte ängstlich.

„Ich bring dich um!" Filch hob seine Faust.

Severus schritt ein, bevor Filch etwas tun konnte, dass ihm sehr leid getan hätte. Er trennte Potter und Filch und warf jeden einen finsteren Blick zu.

„Feinde des Erben nehmt euch in acht? Na wartet nur Schlammblüter, ihr seid auch bald dran!", hörte er hinter sich. Er erkannte die Stimme. Es war Draco.

Bevor Severus etwas entgegnen konnte erschienen Dumbledore und Minerva auf der Bildfläche. Sie betrachteten die groteske Szenarie.

„Der hat meine Katze umgebracht!", fing Filch schon wieder an und zeigte hysterisch mit dem Finger auf Potter. Severus verdrehte die Augen. Und gerade als er dachte es könnte nicht schlimmer werden tauchte Lockhart auf.

„Eindeutig ein Fluch, der sie umgebracht hat - vermutlich Transmutations-Totur - ich habe es viele Male mit angesehen, leider bin ich zu spät. Ich hätte genau den richtigen Gegenfluch parat. Ich kann mich an einen ganz ähnlichen Vorfall in Ouagadogou erinnern. Eine Serie von Attacken, nachzulesen in meiner Autobiografie; ich konnte die Dorfbevölkerung mit verschiedenen Amuletten ausstatten und sofort war die Sache erledigt ..."

Severus stöhnte genervt.

„Versteinert.", sagte Dumbledore. Er betrachtete die Katze voller interesse. „Argus, sie lebt noch. Außerdem hätte kein Zweitklässler die Fähigkeiten hierzu."

Und ganz bestimmt nicht Potter, fügte Severus im Gedanken hinzu.

„Er war's! Ganz bestimmt!", fing Filch wieder an zu keifen.

„Ich habe Mrs Norris nicht einmal angefasst!", entgegnete Potter empört.

Severus stemmte die Arme in die Seiten.

„Wenn Sie mich nach meiner bescheidenen Meinung fragen, dann war Potter womöglich zur falschen Zeit am falschen Ort.", sagte Severus schnell, ehe Lockhart, der mit seinem Zauberstab an der Katze herumspielte, noch einen Redeschwall bekam. „Aber natürlich ist es wahnsinnig verdächtig, wenn Potter hier einmal mehr alleine durch die Korridore spaziert, um dann in solchen Angelegenheiten zu landen."

Potter warf ihm einen bösen Blick zu.

„Ich musste Nachsitzen bei Professor Lockhart.", entgegnete Potter.

In der Tat, so stellte sich Severus die Hölle vor.

„Er hat mir bei meiner Fanpost geholfen.", brüstete sich Lockhart.

Severus verdrehte einmal mehr die Augen. Das musste die schlimmste Strafarbeit aller Zeiten sein. Dagegen war Kessel ausputzen doch das reinste Paradies.

„Professor McGonagall nehmen Sie sich Potter an. Alle anderen werden von ihren Hauslehrern zurück in ihre Schlafräume geleitet.", sagte Dumbledore.

Die Schüler begannen sich zu zerstreuen. Severus überquerte den Flur und führte die Slytherins schnellen Schrittes in den Kerker. Dort warteten sie vor dem Potrait eines Ritters.

„Anguis Magna.", sagte Severus und scheuchte seine Schüler hinein.

Als ein blonder Schopf schnell an ihm vorbeiziehen wollte hielt er ihn an der Kapuze seines Umhangs fest.

„Nicht so schnell, junger Mann!", sagte Severus scharf und führte Draco in sein Büro.

„Was ist?", fragte er.

„Nicht in diesem Ton.", ermahnte Severus ihn. „Was war das da vorhin?"

„Nichts.", antwortete Draco kleinlaut.

„Schlammblüter ihr seid auch bald dran.", wiederholte Severus die Worte seines Patensohns.

„Das war nur Spaß."

„Das ist kein Spaß.", sagte Severus scharf.

„Na, weil Potter und Granger, dieses Schlammblu-"

Severus knallte Draco seine flache Hand ins Gesicht. Erschrocken sah er seinen Lehrer und Patenonkel an.

„Wenn ich das noch einmal von dir höre.", entgegnete Severus mit gefährlicher Schärfe.

Er ahnte von wem Draco solche Wörter hatte. Severus würde sowas aber nicht dulden.

„Und jetzt geh.", sagte Severus. Draco lief schnellen Schrittes davon.

Wenig später gab es eine Lehrerversammlung in Dumbledores Büro. Die Sache mit Filchs Katze hatte die Gemüter erregt. Severus kannte die Geschichte um die Kammer des Schreckens und ihren vermeintlichen Erbauer Salazar Slytherin. Es war eine alte Legende, die jetzt offenbar jemand für einen ganz besonders schlechten Scherz nutzte.

Severus und die anderen Hauslehrer standen vor Dumbledore, der vor seinem Schreibtisch hin und her tiegerte.

„Höchste Vorsicht ist geboten.", sagte Albus. „Wenn die Kammer des Schreckens geöffnet wurde, dann ist die gesamte Schule in Gefahr."

„Insofern sie existiert.", warf Severus ein.

„Leider wissen Sie nicht, was ich weiß." Dumbledore schenkte sich einen Brandy in ein großes Glas und trank es auf Ex.

Na nu? Sah er da etwa einen nervösen Albus Dumbledore? Flatternde Nerven mit Alkohol beruhigen war doch eigentlich Severus' Aufgabe.

„Die Kammer des Schreckens ist real. So real wie ich höchstselbst und das Böse das dort lauert bedroht uns alle."

„Was können wir tun?", fragte Sprout.

„Ruhe bewahren.", antwortete Dumbledore. „Keine Panik oder Hysterie schüren. Dafür Sorgen, dass alles seinen gewohnten Gang geht."

Albus schenkte sich noch einen ein und schüttete ihn hinter. Das verwirrte Severus zunehmend. Er hatte die Legende für eine Legende gehalten. Ein Monster, dass in einer ominösen Kammer haust und es auf Halbblüter und Muggelstämmige abgesehen hat. Eine Gruselgeschichte ganz nach Slytherins Geschmack.

„Und Potter?", fragte Severus. „Vielleicht sollte er Stubenarrest bekommen?"

Minerva warf ihn einen vernichtenden Blick zu, dabei hatte er das nicht mal provokant gemeint. Im ernst, er sollte auf Potter aufpassen. Das ging nur schlecht, wenn er sich umbringen ließ. Er hatte ja so eine Affinität zum Selbstmord durch Dummheit.

„Noch nicht nötig. Harry war zur falschen Zeit am falschen Ort, wie Sie bereits richtig bemerkten, Severus. Wir können nur hoffen, dass sich das nicht häuft.", sagte Albus.

Dumbledore wieß sie an die Augen offen zu halten und zur Tagesordnung überzugehen. Die wurde für Severus aber schon am nächsten Morgen im Zaubertrankunterricht unterbrochen.

Er hatte die Viertklässler und kaum hatte er mit dem Unterricht begonnen, meldeten sich bereits einige Slytherins.

„Sir, was ist die Kammer des Schreckens?", fragte einer.

„Habe ich Sie dran genommen, McAllister?", fragte Severus kühl und versuchte seine eigene Nervosität zu dem Thema zu überspielen.

„Nein, Sir, aber ich dachte ..."

„Sie dachten Sie quetschen mich über das aus, was gestern geschehen ist?"

Severus konnte es nicht einmal übel nehmen. Er wäre in seinem Alter vermutlich genauso erpicht gewesen. Gestern hatte er die Schüler seines Hauses allein gelassen mit dem, was geschehen war also versuchten sie es jetzt im Unterricht, wo er ihnen nicht einfach weglaufen konnte. Na schön.

Severus lehnte sich an sein Pult und verschränkte die Arme.

„Die Kammer des Schreckens ist eine uralte Legende. Vor 1000 Jahren soll Salazar Höchstselbst diese im Geheimen ins Schloss eingebaut haben - wobei ich mich frage wie er das gemacht hat, wenn die anderen Gründer um ihn herumschwänzelten. Aber gut, Legenden sind ja nicht für ihre Logik bekannt. Auf jeden Fall soll eine Kreatur im inneren Hausen, die alle Unwürdigen aus der Schule tilgt. Vermutlich sind Sie bei Professor Binns besser beraten als bei mir. Ich halte mich an naturwissenschaftliche Fakten, nicht an irgendwelchen dahergesponnenen Hokuspokus."

„Und die Katze?", fragte jemand anderes.

„Zugegeben Versteinerungsflüche sind einwenig aus der Mode gekommen, aber wer weiß. Und jetzt hören Sie auf mich zu fragen." Severus ging zur Tafel hinüber und schrieb weiter an dem woran er bis vor fünf Minuten geschrieben hatte.

„Aber Professor?", fragte nochjemand.

Severus brach die Kreide ab und er drehte sich genervt um.

„Glauben Sie das wirklich nicht?", fragte ein Mädchen aus Ravenclaw.

„Ich dachte nach vier Jahren wüssten Sie wie ich zu dem Thema Mythen und Legenden stehe. Nett geschriebene Geschichten, aber in der Regel sind da kaum Fakten dran. Das gilt für irgendwelche ominösen Zaubertrankerfindungen ebenso wie für Monster, die nachts durch eine Schule schleichen, um kleine Kinder zu fressen. Aus dem Alter sind Sie doch nun wirklich raus."

„Aber die Wand wurde mit Blut beschrieben!", wandte ein anderer Schüler ein.

„Blut, rote Farbe, was weiß denn ich!?", rief Severus entnervt. „Der nächste der fragt schreibt einen ellenlangen Aufsatz darüber warum man mürrische Zaubertranklehrer nicht mit solchen Kram nervt."

Plötzlich waren alle Hände unten und alle Fragen gestellt. Na bitte, ging doch!

Severus fuhr mit seiner Stunde fort - ungestört. Nach Ende der Stunde kam John zu ihm. Er trug die Schuluniform eines Ravenclaws, die er immer betont unordentlich anhatte. Ohne Krawatte und mit heraushängendem Hemd. Gar nicht nach Vorschrift. Das war bei ihm so ein rebellische-Jugend-Ding, soweit Severus das beurteilen konnte.

„Alles Hokuspokus, Professor?", sagte John. „Komische Aussage für einen Magier."

Severus verzog das Gesicht und und setzte sich mal wieder auf die Tischkante.

„Diesem Magier ist es auch egal, was jemand von ihm denkt.", sagte er.

„Ist schon ziemlich komisch, findest du nicht? Eine aufgehängte Katze, Blut an den Wänden, mysteriöse Andeutungen. Man könnte meinen das sei ein schlechter Horrorfilm.", meinte John.

„Ja, fehlte nur das das Pentagramm und die Kerzen auf dem Boden.", entgegnete Severus. John gluckste.

„Ja, aber was denkst du wirklich?", fragte John.

„Ich denke, dass es gestern jemand zu gut meinte mit den schlechten Scherzen.", antwortete Severus. „Du weißt wie ich zu soetwas stehe."

„Ja, deshalb bist du auch gegen Wahrsagen."

„Idiotisches Fach.", gab Severus zu bedenken. „Schon zu meiner Zeit und da hatten wir keine Schrulle wie Trelawney."

„Das ist aber nicht nett.", sagte John.

„Wenn du wüsstest wie sie mich heimlich nennt und sie denkt immer ich merk's nicht."

John zog die Augenbraue hoch. Den Gesichtsausdruck kannte Severus von irgendwoher.

Er verabschiedete sich und ging davon. Sie hatten seit Schuljahresbeginn nicht miteinander gesprochen. Sie sahen sich nur im Unterricht und Severus tat so ziemlich alles dafür, dass niemand auf die Idee kam, dass sie in irgendeiner Beziehung zueinander stehen könnten. Er tat das nicht, weil er seinen Sohn nicht liebte, sondern genau deswegen. Severus wollte nicht, dass John in irgendeines seiner Probleme mit hineingezogen wurde. Es überraschte ihn ohnehin, dass in den letzten vier Jahren niemand die Ähnlichkeiten zwischen ihnen auffiel. Vielleicht weil er nicht sein Hauslehrer war und er einen anderen Namen trug. Da kam man schwerer zu direkten Vergleichen. Severus hatte damals gebetet, dass John nicht nach Slytherin kam. Er wollte ihn nicht in seinem Haus haben. Das wäre einfach viel zu kompliziert geworden. Es war jetzt schon nicht einfach zwei Leben zur selben Zeit zu leben und dabei immer die Kontrolle zu behalten.