Severussaß im Sessel am Kamin im Büro des Schulleiters. Albus ihm gegenüber. Sie hatten schon lange nicht mehr so ein Gespräch gehabt. Nicht, dass Severus es auch besonders darauf angelegt hätte. Dennoch manchmal musste es sein. Sie beide, allein vorm Kamin mit einem Glas Brandy und Whisky in der Hand.

„Ich habe es geahnt.", sagte Albus und sah in die Flammen. „Mir war schon damals klar, dass Voldemort nicht einfach tot war. Harrys Narbe ... es war etwas geschehen. Irgendeine seltsame Art der magischen Verbindung. Dass er jedoch einige seiner Fähigkeiten auf Harry übertragen hat ist selbst für mich überraschend."

Severus saß da und starrte in sein Whiskyglas. Die Robe hing über der Lehne des Sessels und er hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt.

„Die Leute glauben jetzt Potter sei der Erbe Slytherins.", sagte Severus.

„Und Sie?", fragte Albus wissbegierig.

„Schwachsinn. Ehe Potter der Erbe Slytherins ist werde ich zu Godric Gryffindor." Severus trank einen Schluck. „Das Problem ist, dass irgendwo da draußen jemand ist, der es ist oder zumindest die Fähigkeiten besitzt, um die Kammer zu öffnen. Jemand mit Kenntnis über den Fall vor 50 Jahren."

„Haben Sie sich unsere Archive zu Gemüte geführt?", wollte Albus wissen.

„Ja. Sagen Sie, was hatte es mit Hagrid damals auf sich?"

„Hagrid wurde verdächtigt das Monster zu verstecken. Er hatte eine Akromantula heimlich aufgezogen."

Severus runzelte die Stirn. Hagrid hatte schon immer eine seltsame Vorliebe für alles, was einen fressen konnte.

„Wo ist die Spinne heute?", fragte er sicherheitshalber.

„Im Verbotenen Wald.", antwortete Albus.

Warum fragte Severus auch? Hagrid und Dumbledore müssen schon vor 50 Jahren eine sich ergänzende Mischung gewesen sein.

„Ein Schüler hatte Hagrid verdächtigt, aber ich hatte da einen andere Spur.", sagte Albus weiter.

„Welche?", fragte Severus.

„Tom Riddle."

Severus hätte fast das Glas fallen gelassen.

„Er war damals Vertrauenschüler in Slytherin und sehr begabt, was Manipulationen anging."

„Na von wem er das wohl gelernt hat?", murmelte Severus, doch Albus hörte es trotzdem.

„Von mir ganz sicher nicht." Albus sah Severus scharf an.

Über Tom Riddles Vergangenheit bevor er zu dem wurde, was er schlussendlich war kannte Severus auch nur das Nötigste, aber genug, um sich einen Reim darauf zu machen. Dumbledore hatte ihn aus einem Waisenhaus nach Hogwarts geholt und war soetwas wie sein Mentor.

„Ich hatte immer gehofft mein Einfluss könnte ihn ein wenig von seinen Ambitionen befreien, aber dem war nicht so. Mein Verdacht lag damals auf ihm. Er hatte die Geschichte Slytherins intensiv studiert und war obendrein ein Parselmund. Er konnte charmant und beeinflussend sein und gleichzeitig ..." Albus hielt inne und strich sich mit den Fingern über die Lippen. „... so ein Monster."

„Niemand wird so geboren.", sagte Severus. „Nicht einmal Tom Riddle. Aber irgendwie tickte er nicht richtig, nicht wahr?"

„Severus ...", wollte Albus ihn unterbrechen.

„Er hat versucht mein Mentor zu sein und er war darin grauenhaft. In den Jahren, die ich bei ihm war habe ich viele Gesichter an ihm entdeckt. Ich weiß bis heute nicht welches sein eigenes war. Falls es das überhaupt gab. Irgendwas trieb ihn und machte ihn zu dieser Kreatur. Wenn er als Teenager schon so war, dann frage ich mich eben nur wie Sie diese Facette an ihm nie bemerken konnten.", sagte Severus und leerte sein Glas vollends.

„Ich habe sie bemerkt, aber zu spät die richtigen Schlüsse daraus gezogen.", antwortete Albus und erhob sich. Er ging zu einem seiner Schränke und holte noch eine Flasche Brandy daraus hervor.

Sich frustriert mit Dumbledore besaufen? Gott, das hatte Severus ja schon ewig nicht mehr. Und die meiste Zeit war er sauer auf ihn. Teils aus Gewohnheit, teils weil Albus ihn genügend Gründe dafür gab.

„Falls diese Sache exkaliert müssen Sie mir versprechen, dass Sie auf Harry aufpassen und dafür sorgen, dass diese Kammer mit all ihren Übeln für immer verschlossen wird."

„Auf Potter aufpassen. Das selbe wie immer.", meinte Severus. „Das Problem ist dass er sich ständig ermorden lassen will."

„Da kommt wohl James in ihm durch.", antwortete Albus.

„Bäh!", machte Severus und verzog angewidert das Gesicht.

„Ich dachte, Sie hätten ihm nach so langer Zeit endlich einmal verziehen."

„Verzeihen vielleicht, aber er war einfach so ein eingebildeter Vollidiot.", erwiderte Severus. „Und Potter ist auf dem besten Weg genau so zu werden."

„Jetzt kommen wieder die Vorurteile bei Ihnen durch.", meinte Albus und füllte sein Glas mit Brandy zum x-ten Mal.

„Tz.", machte Severus und gönnte sich noch etwas Whisky.

Es klopfte an der Tür und Minerva trat ein. Sie sah auf die beiden leicht angetrunkenen Männer vor dem Kamin.

„Minerva, wollen Sie auch einen?", fragte Albus.

„Ich bin im Dienst.", wimmelte sie ihren Chef ab. „Severus, warum sind Sie nicht in den Kerkern?"

„Warum sind Sie nicht im Gryffindorturm?", konterte Severus. „Außerdem sind Sie nicht meine Mutter."

Minerva sah ihn wieder mit ihrem Ich-könnte-aber-locker-deine-Mutter-sein-du-böser-Junge-Blick an. Manchmal fragte er sich ja warum sie das immer mit ihm machte. Lag es daran, dass sie ihn noch als Schüler kannte und ihn immer noch so sehen wollte? Dabei hatte er schon als Schüler kaum auf sie gehört.

„Was ist los?", fragte Albus schließlich.

„Ich liege schon halb im Bett da kriege ich noch eine Eule rein in der sich der leitende Schulbeirat über sie beschwert. Die Führung sei zu lasch. Die Kammer des Schreckens ... wie es denn sein könne, dass so wenig unternommen würde und wo es doch schon zwei Angriffe gab ... blah, blah, das Übliche."

Minerva redete sich richtig in Rage. So wie jedes Mal wenn sie Post vom Schulbeirat bekam.

„Weshalb war Lucius da?", wollte Severus wissen. „Der ist doch nicht den weiten Weg gekommen, um seinen Sohn dabei zuzusehen wie er Quiddisch spielt."

Severus wusste, dass Lucius dem Schulbeirat vorstand. Als Vizedirektorin bekam Minerva jedes Mal all die Beschwerdebriefe. Fast so als sei sie Albus' Sekretärin. Das sagte man ihr aber lieber nicht laut ins Gesicht.

„Malfoy ...", grollte Minerva. „Nach dem ersten Angriff wollte er unglaublich viel wissen. Woher denn die Angreifer kämen. Ob es Beweise für ein erneutes Öffnen der Kammer des Schreckens gäbe. Was wir zutun gedenkten. Et Cetera. Et Cetera. Dann steht er plötzlich vor der Tür und will Zugriff auf Schulakten haben. Dieser elende ..."

Während Minerva jede Menge interessante Wörter für Lucius erfand fragte sich Severus, was sein alter Freund hier wollte. Er saß zwar dem Schulbeirat vor, aber normalerweise interessierte er sich nicht so sehr für Schulinternas.

„Welche Akten?", fragte Severus.

„Das ganze alte Zeug über die Zeit als die Kammer schon einmal offen war. Führte sich auf als sei er hier Direktor!", antwortete Minerva. „Selbst wenn ich Malfoy die Nummer mit dem besorgten Schulrat abkaufen würde, dann müsste er sie sich schon bei mir holen!"

„Severus?", fragte Dumbledore, der seinen nachdenklichen Blick zweifellos bemerkt hatte.

Severus reagierte nicht. Sein Gefühl, dass hier etwas faul war verstärkte sich einmal mehr und Lucius stand in irgendeiner Verbindung dazu. Nur in welcher?

„Ich glaube, ich muss gehen. Zu viel Whisky.", sagte Severus schließlich, doch er sah in den Augen von Albus und Minerva, dass sie ihm kein Wort glaubten.

Er erhob sich, zog seine Robe über und ging aus dem Raum. Severus stiefelte in die Kerker hinunter. Heute Abend würde er nichts mehr unternehmen, aber er musste ohnehin noch einige Vorbereitungen treffen, denn das was er vorhatte war mehr als nur eine Schnapsidee. Er würde in Malfoy Manor einbrechen.

Die Freundschaft zwischen Lucius Malfoy und Severus Snape währte bereits seit annährend 19 Jahren. Sie hatten sich in Hogwarts kennen gelernt und waren bis zum Krieg unzertrennlich gewesen. Gute Freunde, die füreinander einstanden. Das änderte sich als sich ihre Wege während des Krieges trennten. Anders als Severus hatte Lucius nie für das eingestanden, was er während des Krieges getan hatte. Er stahl sich der Verantwortung und verleugnete offiziell seine Rolle im Ministerium unter Voldemort.

Heute war es keine bedingungslose Freundschaft mehr, sondern stets ein abwägendes Abtasten untereinander. Was konnte man dem jeweils anderen erzählen und welche Wege schlug diese Information ein? Für Severus war es klar, dass er nicht einfach bei Lucius antanzen und ihn ausfragen konnte. Also musste er andere Wege einschlagen.

Es war nicht das erste Mal, dass er Malfoy Manor im Geheimen betrat. Als er und Lucius jünger waren hatten sie sich manchmal weggeschlichen, wenn sein Vater Abraxas wieder einen seiner jähzornigen Anfälle hatte. Das alte Anwesen wurde von einer hohen Steinmauer und einer Hecke umrundet. Allerdings gab es einen Dienstboteneingang am anderen Ende des Grundstücks, der an den Pferdestellen vorbei, gedeckt von einer Hecke zum Anwesen führte. Von da aus ging es entweder durch einen Seiteneingang durch den Keller ins Haus oder über eine kurze Kletterpartie an einem Efeugerüst hinauf in den ersten Stock. Aus Erfahrung wusste Severus, dass der Keller keine gute Idee war. Zu viele Haufelfen und Bedienstete, die einem den Weg kreuzten.

Severus stieg vorsichtig von dem Efeugerüst auf den Balkon des ersten Stocks. Ganz wie ein Einbrecher trug er einen schwarzen Pullover, schwarze Hosen und schwarze Stiefel. Die Haare hatte er sich zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden.

Leise bewegte er sich zur Balkontür. Abgeschlossen. Mit einem Schwenk seines Zauberstabs öffnete er die Tür und landete in einem ungenutzten Zimmer mit durch Tücher abgedeckten Regalen und Möbeln.

Wenn ihn nicht alles täuschte dann lag Lucius' Arbeitszimmer auf der anderen Seite der Etage. Severus öffnete vorsichtig die Zimmertür und spähte auf den Flur. Es war dunkel. In der Mitte gab es einen großen Salon dessen ausladende Treppen nach oben führten. Das Licht kam von unten. Auf leisen Sohlen ging Severus ans andere Ende des Flurs, versteckte sich abwartend hinter den großen Säulen des Aufgangs, wenn er meinte jemand zu sehen oder zu hören und ging schließlich weiter auf die andere Seite. Dort gab es eine Reihe von Zimmern für Gäste. Severus spähte hinein. Niemand da. Schließlich stieß er auf eine verschlossene Tür. Das musste es sein. Mit einem Schwenk seines Zauberstabs öffnete er sie. Mondlicht erhellte das Arbeitszimmer mit seinem großen Schreibtisch aus Edelholz. Auf ihm stapelten sich verschiedene Papiere. Die Regale und Schränke waren voller Bücher und Aktenordner.

Severus verschloss sicherheitshalber die Tür hinter sich. Mit einer Handbewegung beschwör er eine schwache Lichtkugel, während er sich auf die Suche in den Regalen machte. Er nahm einen Aktenordner mit der lapidaren Aufschrift „geschäftliches" heraus.

Es war ein Ordner voller Abrechnungen von Nebeneinkünften. Lucius war schon immer gut darin gewesen Zahlen und vor allem Gelder zu jonglieren. Das meiste davon war uninteressant. Quittungen auf Kosten des Ministeriums für Eigenausgaben oder Auskünfte über Aktiengeschäfte. Bankgeschäfte an der Grenze zur Illigalität, aber dennoch juristisch sauber.

Als Severus sich durch die Finanztabellen und Bankschreiben suchte fiel ihm auf, dass Lucius erstaunlich viel mit Händlern aus dem Artefaktbereich zutun hatte. Er hielt mehrere Anteile an Antiquitätengeschäften und einigen eher obskuren Läden in der Nokturne Gasse.

Auf Severus wirkte das als sei sein alter Freund an der Spitze eines Schmugglernetzwerkes. Schwarzmagische Artefakten ankaufen und verkaufen, über Zwischenhändler an Hehler verschieben und als Geschäftseigner die entsprechenden Anteile absahnen.

Eines musste er Lucius lassen, er war sehr geschäftstüchtig gewesen.

Plötzlich hörte Severus vor der Tür Stimmen. Er stellte blitzschnell den Ordner zurück, löschte das Licht seines Zauberstabes und versteckte sich wie in einem schlechten Agentenfilm unter dem Schreibtisch.

Die Tür öffnete sich und Lucius betrat mit einem Mann in schwarzer Robe den Raum. Der Mann hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen und trug eine Art Lederharnisch unter seiner Robe.

„Borgin, dieser Vollidiot!", sagte Lucius und machte das Licht an. Severus hockte in der Dunkelheit unter dem Schreibtisch, allerdings würde es Lucius auffallen, wenn er sich setzte. Er hielt den Atem an und versuchte möglichst keine Geräusche von sich zu geben.

„Ich könnte das Buch zurückbeschaffen.", sagte der Robenträger.

„Unmöglich, solange Dumbledore in Hogwarts ist. Wir müssen ihn irgendwie loswerden."

„Das könnte ich sicher übernehmen.", antwortete der Fremde.

„Nein, nicht auf diese Art. Wenn es stimmt, was Sie sagen, dann ist das Buch genau das, was ich vermutet habe. Ein altes Artefakt unseres dunklen Lords. Ich hätte es niemals diesem Trottel Borgin überlassen sollen. Alles muss man selber machen. So wie ich das sehe werden die Angriffe weitergehen. Über den Schulbeirat kann ich Dumbledore besser loswerden und es hinterlässt keine lästigen Fragen, wenn ein unfähiger Schulleiter abgesetzt wird. Wenn es soweit ist müssen wir das Schloss auseinander nehmen. Ich brauche dieses verfluchte Buch!", sagte Lucius.

Lucius zog ein Buch aus dem Regal und ein mechanisches Klacken war zu hören. Er öffente eine geheime Tür in der Schrankwand hinter der ein Tresor erschien. Lucius gab die Kombination ins Zahlenschloss ein und holte etwas heraus.

„Ein kleiner Vorschuss.", sagte Lucius und gab dem Robenträger einen Beutel.

„Sehr wohl, Mr Malfoy."

Der Fremde verbeugte sich und kehrte ihm sofort den Rücken. Lucius verschloss den Tresor wieder, löschte das Licht und ging aus dem Raum.

Severus atmete aus und kletterte unter dem Tisch hervor.

Worin war Lucius da verwickelt? Es schien als sei eines dieser schwarzmagischen Artefakte nach Hogwarts gelangt. Schlimmer noch, es schien Voldemort persönlich gehört zu haben. Das würde zumindest einiges erklären. Das Problem war, dass ihm nun ein Wettlauf gegen die Zeit bevor stand. Lucius hatte offensichtlich vor Dumbledore abzusetzen, um unbeschränkten Zugang zum Schloss zu bekommen. Das Ganze roch nach einem ganz abgekaterten Spiel, doch er hatte keine Wahl. Er musste dieses seltsame Buch, von dem sie sprachen, bekommen bevor es Lucius tat - und nebenbei noch denjenigen finden, der die Kammer des Schreckens geöffnet hatte. Aber vielleicht führte auch das eine zum anderen.

Warum konnte es zur Abwechslung nicht einmal einfach sein?