Severus und Minerva bekamen keine Chance auf eine Dusche. Die Auroren führten sie ab als seien sie für alles verantwortlich und nahmen sie in einem leeren Unterrichtszimmer ins Kreuzverhör. Severus erzählte ihnen alles. Nur den Teil mit Lucius sparte er aus. Das Hühnchen würde er persönlich mit ihm rupfen.
Nach fast 3 Stunden ließen die Auroren sie schließlich gehen. In der Zwischenzeit hatten sie das Mädchenklo und die Kammer des Schreckens zum Tatort erklärt und sicherten die Spuren.
Severus saß auf einem Bett im Krankenflügel. Pomfrey bestand nach einer ordentlichen Dusche darauf, dass er und Minerva zur Beobachtung blieben. Severus fragte sich die ganze Zeit wozu. Sie hatten überraschender Weise kaum Blessuren davongetragen.
Ein paar Betten weiter vorn lag Potter. Die Tränen von Fawkes hatten das Gift zu großen Teilen neutralisiert, doch er war immer noch ohnmächtig. Die Wunde an seinem Arm hatte Pomfrey verbunden.
Plötzlich flogen die Türen zum Krankenflügel auf. Dumbledore stand da wie er leib und lebte. Er kam schnellen Schrittens auf ihn zu.
„Da ist man ein paar Tage nicht da und Sie stellen die ganze Schule auf den Kopf.", bemerkte er und sah abwesechselnd zu Severus und Minerva, die ein Bett neben ihm saß.
„Sie sind wieder da?", fragte Minerva.
„Der Minister hat eingesehen, dass Hogwarts ohne mich ein noch viel gefährlicherer Ort ist.", sagte Albus. „Was ist da unten geschehen."
„Das ist eine lange Geschichte.", antwortete Severus.
„Die können Sie mir ja bei einer Tasse Tee erzählen."
Dumbledore erklärte sie gegenüber Pomfrey für gesund und Severus und Minerva folgten ihn in sein Büro. Dort saßen sie dann bei einen Tasse schwarzen Tees vor dem Kamin. Dumbledore hörte ihren Schilderungen aufmerksam zu.
„Kannten Sie Al Sharraad?", fragte Dumbledore.
„Nein.", log Severus. „Ich bin durch Zufall auf ihn gestoßen. Wie hätte ich ahnen sollen, dass er für all das verantwortlich ist? Alle Welt redete von Voldemort. Niemand hatte einen fremden Magierorden auf dem Schirm."
„Hmm.", machte Albus.
„So wie ich das sehe hat er Tom Riddles Tagesbuch in Umlauf gebracht. Er muss gewusst haben wozu es fähig ist, dass es die Kammer des Schreckens öffnet.", sagte Severus.
„Wir sollten vielleicht selbst nochmal einen Blick hinein werfen.", sagte Albus ruhig.
„Was? Nochmal runter in diese Kloake? Auf keinen Fall!", antwortete Severus und schlürfte seinen Tee.
Er war froh den Geruch nach dem Duschen halbwegs losgeworden zu sein.
„Ich will nur sichergehen, dass uns von dort unten keine bösen Überraschungen mehr erwarten.", sagte Dumbledore bestimmt. „Zudem hat das Ministerium den ganzen Ort durch die Spurensicherung abgesperrt. Ich habe mit dem Minister bereits gesprochen. Wir können den Ort betreten, sobald die Auroren fort sind. Ich könnte alleine gehen, aber ich hätte Sie lieber an meiner Seite."
Severus war schon klar, dass Dumbledore in der Beziehung stur bleiben würde. Hoffentlich hatte er im Labor irgendwo noch ein paar Ganzkörperanzüge.
Nachdem das Ministerium verschwunden war trafen sich Severus, Minerva und Dumbledore in der Mädchentoilette. Er hatte zum Glück noch einige Hygieneanzüge gefunden. Sie zogen sie an. In den weißen Ganzkörperanzügen sahen Minerva und Dumbledore ganz besonders absurd aus. Severus warf sich noch eine Tasche um, in der er einige Gerätschaften verstaut hatte.
Severus hatte auf der Gegenüberliegenden Seite des Eingangs zur Kammer ein Seil befestigt. Er würde ganz bestimmt nicht noch einmal dort hinunterrutschen.
Severus nahm das Seil zwischen die Beine und kletterte rückwärts hinunter. Sobald er in die Röhre stieg roch er sofort wieder die Basiliskenexkremente. Tausend Jahre waren eine lange Zeit, wenn man in seinem eigenen Klo leben musste.
Unten angekommen stieg er vorsichtig aus der Röhre, um nicht wieder in diesem Tümpel aus Knochen und Scheiße zu landen. Severus hockte sich hin und holte ein Reagenzglas aus der Tasche. Er füllte sich etwas von den Überbleibseln ab. Wäre sicher interessant zu wissen wovon so ein riesiges Tier über die ganze Zeit hier unter ernährt hatte. Er konnte sich ja schlecht von den Schülern ernährt haben. Oder etwa doch?
Minerva und Albus stiegen jetzt ebenfalls aus der Röhre. Gemeinsam betraten sie erneut die Kammer des Schreckens. Sie gingen schweigend zusammen vor bis in die Zentralkamer.
„Beeindruckend.", meinte Albus. „Minerva, haben Sie den Plan?"
Minerva rollte eine alte Karte aus auf der die Kanalisation von Hogwarts eingezeichnet wurde. Interessant. Die Kammer war tatsächlich eingezeichnet. Als Hauptknotenpunkt der Kanalisation.
„Warum hat das nie jemand bemerkt?", fragte Severus.
„Vermutlich, weil man die Kammer in der Schule vermutete und nicht darunter.", sagte Albus. „Ich selbst habe immer gedacht sie läge in der Nähe der Kerker."
„Gryffindors.", schnaufte Severus.
„Aus Slytherins Geschichte heraus wäre es logisch gewesen.", ermahnte ihn Minerva.
„Logisch? Der alte Salazar war viel cleverer als wir alle zusammen. Es gibt im Grunde keine Kammer des Schreckens, denn er hat sie gesamte Kanalisation dazu gemacht.", entgegnete Severus. „Das Mädchenklo kann nicht der einzige Eingang sein. Es muss Zuflüsse und Abflüsse geben. So muss die Schlange auch hinein und heraus gekommen sein, sonst wäre der Basilisk schon längst verhungert."
„Was wollen Sie sagen?", fragte Dumbledore.
„Dass die Legende eine Legende ist. Slytherin hat sie womöglich selbst in die Welt gesetzt, wer weiß. Ein Basilisk in der Kanalisation. Ehrlich, das ist genial.", sagte Severus. „Wer würde hier schon suchen? Alle suchen aufgeregt nach einer Kammer mit einem furchtbaren Monster, stattdessen liegt einem alles direkt vor der Nase. Es ist so einfach, dass es schon wieder brilliant ist."
Severus ging zu der gigantischen Leiche des Basilisken. Dieses Koloss so zu sehen war fast schon etwas seltsam. Vor einigen Stunden waren sie noch um ihr Leben gerannt.
Er sah zur gegenüberliegenden Wand. Hinter dem Becken war das Gesicht einen bärtigen Magiers in die Wand geschlagen. Vermutlich Salazar Slytherin. Severus schickte mit dem Zauberstab einen Zauber vorraus. Er prallte gegen eine magische Barriere.
„Es muss einen Weg geben den Eingang zu öffnen.", sagte Severus. „Hier spricht nicht zufällig jemand Parsel?"
Albus zog seinen Zauberstab und richtete ihn auf das gewaltige Gesicht. Wie ein dirigent wirbelte er damit herum. Seine Bewegungen wurden schwerer als würde er gegen ein Hinternis ankämpfen. Schließlich blieb er schwer atmend stehen und stemmte sich auf die Knie.
„Sehr gute Barrieren.", schnaufte Dumbledore nur.
Da kam Severus eine Idee. Er richtete den Zauberstab auf die Leiche des Basilisken und schob sie in das Becken bis eine Brücke zu dem steinernen Gesicht entstand. Er zog sich an den Rückenstacheln der Riesenschlange nach oben und lief auf deren Rücken entlang.
„Was soll das werden, wenn es fertig ist?", fragte Albus.
Severus antwortete nicht, sondern ging zu dem gewaltigen Abbild Slytherins herüber. Im fiel gerade im passenden Augenblick ein, dass Slytherin eine Affinität zu Trugbildern hatte. Schließlich war die Kammer des Schreckens selbst nichts anderes als eine gigantische Lüge. Eine Illussion, die er selbst geschaffen hatte.
Die Wand war echt. Severus klopfte dagegen. Es klang merkwürdig hohl. Er ging einige Meter zurück und feuerte einen Feuerball auf Slytherins Anglitz ab. Wie ein Kartenhaus stürzte das Gebilde zusammen. Es sprengte den Stein förmlich aus der Wand. Brocken flogen quer durch die Kammer.
Minerva und Dumbledore warfen sich zu Boden.
„Severus!", schimpfte Albus.
Statt dem Gesicht Slytherins offenbarte sich ihnen nun eine massive Eisentür mit einem Drehschloss. Severus nahm den Griff, drehte ihn und schob quietschend die Luke auf. Was er dahinter sah ließ ihm den Atem stocken.
„Albus! Minerva! Das müsst ihr euch ansehen!", rief er und ging hinein.
Jetzt verstand Severus auch wovon Sharraam gesprochen hatte. Er befand sich in einer großen Halle voller antiker Bücheregale. Tische voller Schriftrollen, uralte Kerzenständer an denen noch der Wachs von vor Jahrhunderten klebte. In der Mitte pragte eine Art Thron auf der ein Skelett in einer alten, kupferfarbenen Rüstung saß auf deren Brust ein ihm wohlbekanntes Schlangenemblem pragte.
Er trat näher an den Thron heran. Das Skelett lächelte ihn über beide Kiefer hinweg an.
„Nun, großer Salazar, haben wir dich endlich gefunden.", sagte Severus zu dem Toten. „Hast dir ja ganz schön Zeit gelassen hier unten."
Auf dem Schoß des Skeletts ruhrte ein altes Schwert, sowie ein antikes Pergament. Severus hob es mit einem Schwebezauber auf. Sein Altenglisch war mies, aber er vertand genug um die beiden Worte auf dem Blatt zu entziffern.
Vergebt mir.
Severus ließ das Blatt sinken.
Minerva und Albus kamen hinter ihm durch die Luke geklettert.
„Mein Gott!", sagte Minerva. „Das ist ... das ist ..."
„Die letzte Ruhestätte von Salazar Slytherin.", antwortete Severus. „Der Basilisk, die Kammer des Schreckens, alles Täuschungen, um davon abzulenken, was genau vor unserer Nase lag. Er hatte wohl Angst seine letzte Ruhestätte würde nach Godrics Sieg keinen Frieden finden."
Dumbledore und Minerva blickten ihn nur wortlos an.
„Manchmal ist die Wahrheit auch einfach eine ganz andere als die die überliefert wurde.", fügte er noch hinzu. „Wenn das Ministerium das hier gefunden hätte, dann würde es jetzt für immer in der Mysteriumsabteilung verschwinden. Al Sharraad hatte recht. Das hier ist ein Schatz."
„Was denken Sie?", fragte Dumbledore ihn und es klang ausnahmsweise einmal nicht danach als ob er ihn ausfragen wollte. Nein, es war eine seiner seltenen, ehrlichen Fragen.
„Das müsste ich eher Sie fragen, oder? Wenn Tom Riddle einst die Kammer geöffnet hat, dann hatte er keine Ahnung, nicht wahr? Er fand den Basilisken und dachte das da draußen sei wonach er gesucht hatte. Slytherin war ein Fuchs. Er hat uns tausend Jahre lang an der Nase herum geführt. Und jetzt liegt hier all sein Wissen offen. All seine Bücher. Alles, was er studierte und wofür er lebte. Und wir stehen hier wie die Trottel und wissen nicht, was wir damit anfangen sollen."
„Severus ...", begann Dumbledore, doch Severus schnitt ihm das Wort ab.
„Sie sind der Direktor. Sie müssen entscheiden, was damit geschehen soll. Die Historiker dürften auf Jahrzehnte hinweg beschäftigt sein."
Severus wandte sich ab und verließ die Kammer. Die letzten Worte Salazar Slytherins gingen ihm nicht aus dem Kopf: „Vergebt mir."
Ein sterbender Mann, alleine in seiner Gruft, bat um Vergebung. Das war alles, was von ihnen blieb, egal wie mächtig, wie einflussreich oder gelehrt man war. Am Ende blieb die Gewissheit zu sterben. Was tat man in diesen letzten Augenblicken?
Severus war sich mehr als einmal seines Todes geweiss gewesen. In diesen Momenten sah er sich und sein Leben vor sich und alles, was er wollte war, die Dinge sagen zu können, die er nie gesagt hatte. Sich bei den Menschen entschuldigen, die er verletzt hatte. Dinge klar zu stellen. Alles gerade zu rücken.
Sie alle durchlitten in ihren Leben diese Dramen und sie alle hatten das Bedürfnis, dass ihnen vergeben wurde. Das reine Gewissen im Tod, das hatten nur die Wenigsten.
