Kapitel 2

Sternenwanderer

Gegenwart, irgendwo…

Deans Schuhe fanden nur schwer einen Halt auf dem glatten Untergrund. Er fluchte, als er abrutschte und beinah das Gleichgewicht verlor. Doch er fing sich und setzte den mühevollen Aufstieg fort. Der Felsen, falls man ihn denn so bezeichnen konnte, war nicht leicht zu erklimmen. Und doch kam er jede Nacht hierher, stieg bis ganz nach oben. Auf dem höchsten Punkt fühlte er sich Sam ein winziges bisschen näher. Und die glänzende, schwarze, gläsern anmutende Oberfläche erinnerte ihn an Baby. Wenn er die Augen schloss und die Hände über die Oberfläche gleiten ließ, konnte er sich für einen Moment einbilden, er säße auf der Oberfläche seines geliebten Impalas. Doch sich vorzustellen, dass sein Bruder neben ihm saß, dazu reichte seine Fantasie nicht aus. Zu still und kalt war es neben ihm, zu schmerzlich war ihm Sams Abwesenheit in jeder Sekunde seines beschissenen Lebens bewusst.

Mit einer letzten Kraftanstrengung schob sich Dean über die Kante auf die flache Oberseite des Steins. Er musste sich wirklich eine bessere Bezeichnung für dieses Material ausdenken. Er war der erste Mensch, der es je gesehen hatte. Bobbys Worte aus einer längst vergangenen Zeit klangen ihm im Ohr: „Du hast sie entdeckt, du darfst sie benennen." So wurden die Jefferson-Starships geboren, damals, auf einer Monsterjagd. Und heute? Alles, was er hier sah, war seine „Entdeckung", wenn man so wollte. Andererseits war er mit absoluter Sicherheit auch der letzte Mensch, der je einen Fuß auf diesen Planeten setzen würde. Also wozu sich die Mühe machen irgendetwas einen Namen zu geben?

Und wie lange würde er selbst wohl noch menschlich bleiben? Er spürte, wie das Mal ihn immer mehr einnahm. Oft erkannte er sich selbst nicht wieder. Es gab Momente, Tage, Wochen, da war sein gesamtes Dasein ein einziger Blutrausch.

Hastig wandte Dean sich von diesem dunklen Pfad seiner Gedanken ab. Stattdessen setzte er sich und wandte den Blick gen Himmel. Er war gerade rechtzeitig angekommen. Über dem Horizont erhob sich ein winziger, unscheinbarer Lichtpunkt. Einer unter Millionen, und doch erkannte Dean ihn mit zweifelsfreier Sicherheit. Die Sonne. Nicht irgendeine Sonne, nein, DIE Sonne. Die Sonne unter der er aufgewachsen war. Die Sonne, die auf seinen Heimatplaneten schien. Die Sonne, die auf seinen Bruder schien.

Dean war Tod dankbar, dass er ihm dieses letzte Geschenk gemacht hatte. Dass er ihm gezeigt hatte, wo die Heimat lag, kurz bevor er ihn für immer auf diesem leeren Planeten zurück ließ. So hatte er eine Orientierung, eine Richtung in die er seine Gedanken schicken konnte.

Denn in diesen Momenten, wenn er zu dem winzigen Punkt am Himmel über sich aufblickte, der Sonne, die auf seinen Sammy hinabschien, dann fand Dean wieder ein Stück weit zu sich selbst. Und er klammerte sich verzweifelt an diesem Rest Menschlichkeit in sich fest, diesen Kern tief in ihm, das Stück seiner Seele, das nicht ihm selbst, sondern Sam gehörte. Das Stück seiner Seele, das er niemals dem Mal überlassen durfte. Das Stück Seele, das rein bleiben musste, weil es Sammys Seele war. Ihre Seelen, verbunden für immer – sein Rettungsanker in einer Flut aus Trostlosigkeit, Einsamkeit und Hass.

Von der ersten Nacht an war es ihm zur Gewohnheit geworden, auf den Aufgang dieses einen, vertrauten Sterns zu warten, und ihn auf seinem Weg über den schwarzen Nachthimmel zu beobachten, bis er wieder unterging. Seine Abwesenheit erfüllte Dean jedes Mal mit einer leere, die sich tief in seine Eingeweihte fraß.

Doch daran wollte er jetzt noch nicht denken. Er richtete den Blick gen Himmel. Nicht direkt auf die Sonne, sondern auf die Schwärze unmittelbar daneben. Irgendwo dort kreiste die Erde um den Fixstern. Irgendwo dort war Sammy.

Wie es ihm wohl ging? Der Gedanke an seinen Bruder schnürte Dean die Kehle zu. Was machte er sich vor? Sam ging es beschissen. Dean wusste nicht genau, wie lange er schon hier war, wie lange Sam schon allein zurückgeblieben war. Die Tag- und Nachtzyklen verliefen hier anders, nicht im 24 Stunden Takt. Deans Uhr, die es ihm erlaubt hätte, die Erdenzeit im Blick zu behalten, war schon nach kurzer Zeit kaputt gegangen. Typisch Winchester-Glück. Er hätte so gerne gewusst, wann der 2. Mai war. Sammys Geburtstag. Sein Gefühl sagte ihm, dass es bald soweit war. Wenn er nicht schon vorbei war. Sam würde ihn ohne seinen Bruder verbringen müssen. Er würde nicht feiern wollen. Hoffentlich leistete ihm Cass wenigstens Gesellschaft.

Dean schluckte schwer. An manchen Tagen war das Gefühl, seinen Bruder und seinen besten Freund im Stich gelassen zu haben, übermächtig. Schuldgefühle drohten ihn zu ersticken. Doch dann rieb er sich über den Arm, dort wo das Mal pulsierte, und er wusste, er hatte das richtige getan. Das einzig richtige. Sam würde das niemals verstehen, doch er spürte auch nicht, welche Dunkelheit, welche Finsternis von dem Mal ausging. Eine Dunkelheit, die ihn zu verschlingen drohte. Die jeden klaren Gedanken in ihm auslöschte und sich seiner bemächtigte bis er vergaß, dass es so etwas wie Licht überhaupt gab. Diese Finsternis war in ihm, erfüllte ihn, verdrängte auch das letzte menschliche Gefühl und ließ ihn zur Bestie werden. Eine Bestie die einfach töten musste, getrieben von einem unstillbaren Hunger nach Blut und dem Wunsch, Schmerz und Verzweiflung auszuteilen. Manchmal, für einen kurzen Moment, glaubte Dean zu spüren, dass dieser unbändige Hass, der sich seiner bemächtigte, von einer unendlich tief sitzenden Verletzung her rührte. Aber das war natürlich Unsinn. Wie konnte dem Mal eine Verletzung zugefügt worden sein. Wie konnte das Mal Angst und Verzweiflung verspüren? Das bildete er sich sicher nur ein. Wahrscheinlich waren es seine eigene Angst und Verzweiflung, die sich am Mal vorbei drängten. Nicht dass er sich diese Gefühle jemals eingestehen würde. Diese Dose durfte er gar nicht erst aufmachen. Da gab er sich lieber dem Blutrausch des Mals hin. Und hier konnte er das ungestört tun. Tod hatte ihm versichert, dass die merkwürdig aussehenden Lebewesen, die diesen Planeten bewohnten, allesamt die Intelligenz von Regenwürmern besaßen. Und dass ihr Blut nicht rot, sondern braun war, machte dem Mal offenbar auch nichts aus.

Die scharfen Krallen der vierbeinigen Biester, die einen Kopf größer waren als Dean, konnten ihm allerdings gefährlich werden. Gedankenverloren strich sich Dean über eine lange Narbe an seinem linken Oberarm. Er war gut, er war schnell, er hatte sein Messer, mit dem er schon so manches Tier erlegt hatte, wenn der Blutdurst übermächtig wurde. Aber er machte sich nichts vor. Eines Tages würde er nicht schnell genug sein. Oder so eine relativ harmlose Wunde wie die an seinem Arm würde sich entzünden. Oder er würde von einem dieser glatten Felsen stürzen. Oder einfach nur krank werden, ohne Antibiotika zur Hand zu haben. Eines Tages würde er sterben. Dean fürchtete diesen Tag. Denn er würde nicht tot bleiben. Er würde wieder erwachen. Als Dämon.

Allein bei dem Gedanken daran zogen sich seine Eingeweihte zusammen. Zu gut erinnerte er sich daran, wie es war ein Dämon zu sein. Rückblickend war das schlimmste daran, dass er nichts, aber auch gar nichts für seinen Bruder empfunden hatte. Nicht einmal Hass. Nur Gleichgültigkeit. Er hatte Sam einfach den Rücken zugekehrt und war gegangen. Und als Sam ihn aufgespürt hatte, hatte er ihn bestenfalls als lästig empfunden, wie eine Fliege, die einen immer wieder kitzelt, bis man sie mit der Hand zerquetscht. Und genau das hätte Dean fast getan. Völlig emotionslos. Den Kopf seines Bruders zu Brei zerschlagen. Die Schuldgefühle darüber fraßen ihn heute noch förmlich auf. Und doch hielt Dean an genau diesen Schuldgefühlen fest. Denn sie bedeuteten dass er Mensch war. Dass er er selbst war. Das war es, was Dean ausmachte. In seinem tiefsten Innern war er zuerst und zuletzt Bruder. Sein gesamtes Wesen definierte sich über Sam. Wenn er das verlor, dann gab es nichts mehr, was ihn von der Dunkelheit zurück hielt.

Dean seufzte. Die Sonne war mittlerweile ein gutes Stück weiter über den Himmel gewandert. Er fühlte sich so schrecklich einsam, und er wusste mit zweifelsfreier Sicherheit, dass es Sam genauso ging, was auch immer er gerade tat. Zum tausendsten Mal wünschte er sich, dass sein Bruder hier neben ihm säße. Selbst dieser menschenleere Planet wäre dann nicht einsam. Doch zugleich war er froh, dass Sam weit weg von ihm und damit dem Mal war. Sam war in Sicherheit, und das war alles, was zählte.

Wie ein Hauch kam ein einziges Wort über Deans Lippen:

„Sammy."

5 Monate und 6 Tage früher…

Die Faust traf ihn unvorbereitet. Aber wenn er ehrlich war, war es eine Erleichterung. Sam wollte einfach nicht verstehen, wie gefährlich das Mal war. Vielleicht würde er zur Einsicht kommen, wenn Dean die Fäuste sprechen ließ. Das Mal lechzte nach Gewalt. Aber auch vor dem Mal war sein letztes verzweifeltes Mittel in verfahrenen Situationen häufig der Einsatz von Fäusten gewesen. Um Sam irgendwie Vernunft einzubläuen. So sehr er sich auch hinterher dafür hasste.

„Gut. Gut." Als er sich den provisorischen Verband von der Hand zog, der seine Schläge abgeschwächt hätte, beobachtete Sam ihn misstrauisch, sorgenvoll, als täte es ihm bereits leid, seinen Bruder geschlagen zu haben. Doch die Wut ob Sams Sturheit kochte in Dean hoch, und er hielt sich nicht zurück, als er ihm mit Voller Wucht die Faust ins Gesicht rammte: „Wie du willst!"

Sam war ein geschickter Kämpfer, aber Dean wurde vom Mal geleitet. Während Sams Emotionen ihn im Griff hielten, ihn schwächten, agierte Dean kühl und kalkulierend. Irgendwo in seinem Hinterkopf fragte er sich, wieso diese ganze Situation eigentlich so verfahren war? Wieso machte er sich die Mühe, Sam zu überzeugen? Er könnte ihn mit Leichtigkeit töten. Und hinter ihm stand obendrein Tod. Sam hätte nicht den Hauch einer Chance. Er landete kaum einen wesentlichen Treffer, war völlig überrumpelt von der Wucht, mit der Dean zuschlug. Und Dean zeigte keinerlei Zurückhaltung. Wieder und wieder prügelte er auf Sam ein, warf ihn zu Boden, schlug erneut zu. Ein nicht unwesentlicher Teil in ihm schrie, er solle damit aufhören, als Sam blutend vor ihm am Boden kauerte. Doch Dean wusste, wenn er Sam überzeugen wollte, dem Plan zuzustimmen, dann musste er ihm zeigen, was für ein Monster er inzwischen war.
Und Dean wusste auch, tief in seinem Innern, dass er Sam niemals gegen seinen Willen würde töten können. Nicht, solange noch ein letzter Rest Menschlichkeit in ihm war. Er brauchte Sams Zustimmung. Er brauchte Sams Verständnis. Erbrauchte Sams Vergebung. Selbst dann würde es schwer genug werden, zur Seite zu treten und zuzusehen, wie Tod seinen Bruder tötete. Als Deans Faust das nächste Mal auf Sam hernieder krachte, mit noch etwas mehr Wucht als vorher, versuchte er mit dem Schlag sich selbst davon zu überzeugen, wie sehr das Mal ihn zum Monster machte. Dass es wirklich keinen anderen Ausweg gab.

Sam ging erneut zu Boden.

BAMM

Ich bin ein Monster. Versteh das doch Sam!

BAMM

Du darfst mich nicht retten!

BAMM

Sam hob schützend die Hände vor den Kopf.

Rette wenigstens deine Seele. Werde glücklich im Himmel.

„Okay. Es reicht. Es ist genug", stieß sein Bruder am Boden liegend keuchend hervor.

Ja, es ist genug. Wie sehr soll ich dich denn noch verletzen? Wie oft habe ich dich schon verletzt? Ich bin deiner treue nicht wert, Sammy. War es vielleicht nie. Bin es ganz sicher jetzt nicht mehr.

Dean trat einen Schritt zurück, ließ Sam sich aufrichten. Dieser sah mit blutigem Gesicht zu ihm auf: „Du wirst nie, niemals von mir hören, dass du, dein echtes, innerstes DU, irgendetwas anderes bist, als gut." Es lag so viel Zuneigung in Sams Stimme, selbst jetzt noch. Was musste denn noch geschehen, damit er sah, was Dean wirklich war?

Sam spuckte einen Schwall Blut aus, bevor er fortfuhr: „Aber es ist wahr. Bevor du noch jemanden verletzt, egal wen, musst du aufgehalten werden, egal wie. Ich versteh das." Und wieder starb ein Stückchen mehr von Dean, als Sam ihn mit Tränenverschleierten Augen liebevoll ansah, bevor er sich an Tod wandte und sein Schicksal besiegelte: „Tu es!"

Hin- und hergerissen zwischen Erleichterung darüber, dass Sammy endlich verstand, und der Angst vor dem, was kommen würde, wandte Dean sich zu dem Sensenmann um. Dieser trat gemessenen Schrittes auf ihn zu und reichte ihm seine Sense: „Bitte. Erweise mir die Ehre." Dean streckte automatisch die Hand aus. Ein Kribbeln fuhr durch seinen Körper. Er fühlte die Macht dieser Waffe. Nein, keine Waffe. Ein Erntewerkzeug. Sie lechzte nicht nach Blut, sie durchtrennte lediglich den Lebensfaden um die Seelen freizulassen in eine neue Existenz, jenseits dieser Welt. Hoffentlich würde es eine gute Existenz sein für Sammy.

Deans Augen glitten über die Sense, und die Enormität dessen, was er zu tun im Begriff war, traf ihn mit voller Wucht. Gefühle prallten in seinem innersten aufeinander wie Atome bei einer Kernspaltung. Angst, Hoffnung, Blutlust, Schmerz, Wut, Liebe, Scham, Schuld. Manche erkannte er als seine eigenen, andere wurden vom Mal geschürt. Doch Dean tat, was er immer tat, sobald Gefühle ihn zu überwältigen drohten: Er schottete sich von allen Emotionen ab. Das war nicht einfach. Er war weiß Gott geübt darin, das schon. Ein Leben lang hatte er geleugnet, was ihn zerstört hätte, hätte er zu genau hingesehen. Nur Sammy hatte ihn stets dazu gebracht, seine Gefühle zuzulassen, sogar darüber zu reden. Und irgendwie hatte sein Bruder ein- ums andere Mal das Wunder vollbracht, die enorme Last seiner Emotionen etwas leichter zu machen. Ihm im Umgang damit zu helfen.

Doch Sam saß jetzt vor ihm, blickte mit tränenverschwommenen Augen zu ihm auf, Schicksalsergeben. Das hier war zu überwältigend. Das Mal war zu überwältigend. Diesmal würde auch Sammy ihm nicht helfen können. Dean musste die Sache beenden und sich von Tod weit weg von der Erde bringen lassen, bevor das Mal die Oberhand gewann. Er atmete tief durch, schloss kurz die Augen und schob alle Gefühle weit von sich.

Bereits eine Sekunde später geriet seine Entschlossenheit schon wieder ins Wanken, als Sam mit großen Augen zu ihm aufsah, und sogar so etwas wie ein Lächeln versuchte. Er lächelte ihn an! Als wolle er sagen: „Ich verstehe! Ich liebe dich! Nichts wird daran jemals etwas ändern!" Wie konnte Sam ihn nur lieben? Nach allem was er getan hatte! Doch seine Augen, unverwandt auf Dean gerichtet, sprachen Bände von Liebe und Vergebung. Augen, denen Dean noch nie widerstehen konnte. Er hätte beinahe rein instinktiv gehandelt, die Sense weg geworfen und Sammy in die Arme geschlossen. Doch das durfte er nicht. Um seines Bruders Willen. Er durfte Sam nicht in diesen Strudel aus Hass und Zerstörung mit hineinziehen, in dem er selbst langsam unterging. Sam verdiente etwas Besseres. Seine Seele verdiente einen Platz im Himmel. Und so sagte Dean: „Schließ deine Augen." Und während er das sagte, versuchte er den Blick von Sam zu lösen. Doch das gelang ihm nur für zwei Sekunden. Und verdammt, wenn er seinen Bruder schon umbrachte, den Brudermord beging, den Kain schon vor so langer Zeit prophezeit hatte, und damit das Schicksal des Mals besiegelte, dann konnte er Sam zumindest einen letzten Blick schenken!

Und ein letztes Mal den Namen aussprechen, den stets nur er benutzen durfte: „Sammy, schließ deine Augen!" Seine Stimme klang beinahe flehentlich.

Doch statt den Wunsch seines Bruders zu erfüllen, bat Sam: „Warte." Er griff sich in die Brusttasche und holte etwas hervor. Dean brauchte einen Moment, um zu erkennen, was es war. Fotos. Fotos aus einem längst vergangenen Leben, so schien es. Fotos die ihn, Sammy und ihre Mutter zeigten.

Sam fuhr mit belegter Stimme fort: „Nimm die an dich. Und eines Tages, wenn du deinen Weg zurück gefunden hast, lass dich von ihnen leiten." Dean entging nicht das kleine Wörtchen wenn. Als stünde es für Sam außer Zweifel, dass er eines Tages das Mal besiegen und zurückkommen würde. Sams unerschütterlicher Glaube an ihn zerriss Dean fast das Herz, denn dieser Glaube war komplett ungerechtfertigt. Er war Sams Zuneigung einfach nicht würdig.

Sams Stimme brach fast, als er schloss: „Sie können dir helfen, dich zu erinnern, wie es war gut zu sein. Wie es war zu lieben." Dann stieß er einen Seufzer aus, legte die Bilder vor Deans Füße und hob langsam den Blick. Dean sah Akzeptanz und Schmerz in den Augen seines Bruders, aber auch Liebe und Verständnis.

Ungewollt wanderte sein Blick zu den beiden Fotos. Seine Mutter, die einen unschuldigen Jungen im Arm hielt. Ein Junge, der er schon lange, viel zu lange nicht mehr war.

Hinter ihm sprach Tod eindringlich: „Ihretwegen musst du weitermachen, Dean. Das zu sein, was du bist, zu dem geworden zu sein, zu dem du geworden bist, das mindert ihr Andenken!"

Er hatte Recht! Seiner Mutter würde es das Herz zerreißen, könnte sie sehen, was aus ihrem Jungen für ein Monster geworden ist.

„Tu es, oder ich werde es tun!" Tods Worte klangen eher wie ein Versprechen, denn eine Drohung.

Und doch weckten sie einen tief verwurzelten Instinkt in Dean. Niemand bedrohte Sammy!

So schnell wie das Gefühl aufkam, schob Dean es auch wieder beiseite! Verdammt, er selbst war derjenige, der mit der Sense in der Hand vor seinem Bruder stand. Und der Schritt war notwendig, das wusste Dean. Nicht nur, um sicherzustellen, dass das Mal niemals gebrochen wurde, sondern auch um Sammys Willen! Im Himmel hatte er wenigstens eine Chance auf Glück. Hier auf der Erde würde er nur an Deans Schicksal verzweifeln. Oder etwas Furchtbares tun, um Dean zurück zu bekommen. Gott, wie beschissen waren ihre Leben, dass sie das aus Erfahrung wussten!

Deans Blick suchte Sams. Er blickte in Augen, die ihm alles bedeuteten. Augen die eine Welt aus Gefühlen und Erinnerungen hielten. Für einen Moment hatte das Mal keinerlei Macht über Dean. Für einen Moment war er einfach nur er selbst. In den Augen seines Bruders konnte er das sein. Es war nur ein Augenblick, und doch tauschten sie eine Welt von Gefühlen und Gedanken aus, mit einem einzigen Blick in die Seele des anderen. Abschied und Hoffnung, Schuld und Vergebung, Glaube und Liebe, Verzweiflung und Hilfeschreie. Ein Blick, der ihre Seelen verschmelzen ließ, ein letztes Mal. Nur für einen kurzen Moment und doch für immer.

Tränen strömten über Sams Wangen und Dean wusste zweifelsfrei, dass Sam nicht um sich selbst weinte, sondern um ihn.

Ein Aufmunterndes Nicken von Sam, die Andeutung eines Nickens von Dean. Er wusste selbst nicht genau, wofür er um Vergebung bat, als er sagte: „Vergib mir." Dafür, dass er im Begriff stand, seinen Bruder zu töten? Dass er zu schwach war, um das Mal zu besiegen? Dass er es überhaupt erst angenommen hatte? Oder für all die Dinge, in denen er JEMALS an Sam schuldig geworden war? Vielleicht ein bisschen von allem.

Und Sams Blick blieb Fest und Unerschütterlich auf ihn gerichtet und sprach von bedingungsloser Liebe und all der Vergebung, um die Dean bat und die er doch niemals verdient hatte.

Dean wusste hinterher nicht genau, was es war, dass ihn im allerletzten Moment die Sichel etwas zu hoch schwingen ließ. Er wusste nur, als er zum Schwung ausholte, war er fest entschlossen, dem allen hier ein Ende zu bereiten. Und nicht nur das, das Mal erwachte in Sekundenbruchteilen mit einer lichterloh brennenden Energie zum Leben und schrie nach Bruderblut. War es Instinkt, ein lebenslang in sein Gehirn gebranntes „beschütze Sammy", das ihn den Arm nur ein paar Zentimeter höher heben ließ? Waren es all die Emotionen, die er in den Augen seines Bruders gesehen hatte, die ihm die Kraft gaben, das Mal zu überwinden? Waren es die Bilder, das Andenken an seine Mutter, die ihm zuschrien: „Tu das nicht!"? Oder war es Sammys Seele, eins mit seiner eigenen, die seinen Arm lenkte? Dean wusste es nicht.

Ihm war nicht einmal bewusst, was er tat, bis der ungebremste Schwung seinen Oberkörper herum riss und die Sense beinahe in Tod gefahren wäre. Nur Deans ausgeprägten Reflexen war es zu verdanken, dass er es schaffte, die Sense im Schwung ein Stück zu sich heran zu ziehen. Er erwischte Tod am Arm, schlitzte ihm den Anzug vor der Brust ein wenig auf.

Vermutlich war es in Tods unvorstellbar langer Existenz das erste Mal, dass er verletzt wurde, auch wenn es nur ein Kratzer zu sein schien.

Für einen Moment gefror die ganze Welt in einem bizarren Standbild. Dean starrte auf die Sense in seinen Händen, nach wie vor erhoben zwischen sich und Tod. Tod starrte Dean an, als könne er nicht fassen, was da gerade passiert war. Und in seinem Rücken konnte Dean Sams Blick förmlich auf sich spüren. Er hatte keine Schwierigkeiten sich Sams weit aufgerissene Augen vorzustellen. Augen zu denen er sich jetzt langsam umwandte, und damit die allgemeine Erstarrung brach. Sam kniete noch immer vor ihm, den Oberkörper so weit wie möglich zur Seite geneigt um um ihn herum sehen zu können. Sein Mund stand offen und er ließ den Blick ungläubig zwischen Tod und Dean hin- und hergleiten.

Auch Tod schien sich aus seiner Erstarrung zu lösen und bewegte sich hinter Dean. Dieser ließ seinen Instinkten endlich freien Lauf. In einer einzigen fließenden Bewegung trat er mit einer Drehung einen kleinen Schritt zur Seite und hob die Sense drohend an. So stand er schützend zwischen seinem Bruder und Tod. Zum Teufel, er hatte seine Entscheidung getroffen. Bevor er mit dem Mark unterging, würde er sicherstellen, dass Sammy weiterlebte. Im Himmel würde er noch früh genug landen!

Tod stand ungerührt vor ihm, eine Augenbraue in die Höhe gezogen.

Dean war es, der das Schweigen brach: „Hör zu. Ich werde mit dir kommen. Es ist mir egal, ob du mich in die unendlichen Weiten des Alls schickst oder ins Nichts oder wohin auch immer. Aber Sam bleibt am Leben. Du wirst mir versprechen, dass du Sam kein Haar krümmst, oder ich werde dich töten."

„Dean, ich dachte du hättest verstanden, dass dies die einzige Möglichkeit ist, die Welt vor der Finsternis zu beschützen. Selbst Sam hat das verstanden." Tod nickte zu Sam hinab, der noch immer hinter Dean kniete.

„Nein. Ich habe etwas anderes verstanden." In dem Moment, als er es Aussprach, erkannte Dean die Wahrheit. "Das Mal hätte mich längst völlig in der Hand, wenn Sam nicht wäre. Das Einzige, was mir wieder und wieder die Kraft gibt, das Mal zu beherrschen, ist mein Bruder. Wenn ich ihn töte, wenn ich den Brudermord begehe, mit dem das Mal begonnen hat, wird nichts mehr seine Macht aufhalten können. Und selbst wenn Sam nicht durch meine Hand stirbt: Ohne seinen Glauben an mich werde ich dem Mal unterliegen. Ob hier oder sonst wo im Universum, das Mal ist gefährlich. Du weißt, wie gefährlich es ist. Ich muss es bekämpfen, solange ich kann. Und das kann ich nur, wenn ich Sammy in Sicherheit weiß. Selbst wenn Welten zwischen uns liegen."

Und Tod verstand. Dean erkannte es in seinen Augen. Er nickte. Ein stummes versprechen. Das Versprechen, Sam nichts anzutun. Dean ließ die Sense sinken und wandte sich zu seinem Bruder um. Er reichte Sam die Hand und half ihm auf die Beine. Gott, ich werde diese Augen vermissen! Beim Anblick von Sams noch immer tränenüberströmten Gesicht wurden auch seine eigenen Augen feucht. „Ich muss gehen, Sammy", sagte er leise.

Sam sah ihn stumm an und nickte.

Da erhob Tod die Stimme: „Ich werde Sam nicht töten. Und wenn seine Zeit auf natürliche Weise gekommen ist, werde ich persönlich seine Seele in den Himmel geleiten. Das verspreche ich." Dean blickte ihn dankbar an. Tod wandte den Blick an Sam: „Doch auch du wirst mir ein Versprechen geben, Sam. Du wirst mir versprechen, dass du nichts unternimmst, um Dean und damit das Mal zurück zu holen. Du wirst mir versprechen, dass du nichts unternimmst, um das Mal zu brechen. Niemals." Sam blickte Tod an und öffnete den Mund, vermutlich, um ihm zu widersprechen. Doch der Sensenmann fuhr ungerührt fort: „Der Ort, an den ich Dean bringen werde, ist kein schlechter. Es gibt keinen Grund, dass er unnötig leidet. Doch wenn du dein Versprechen brichst, wenn du auch nur versuchst, einen Weg zu finden, ihn zurück zu bringen, werde ich Dean an den trostlosesten, furchtbarsten Ort bringen, den du dir nur Vorstellen kannst. Ein Ort, gegen den die Hölle wie ein Paradies wirkt. Und er wird dort alle Ewigkeit verbringen."

Sam starrte Tod mit aufgerissenen Augen an und schluckte schwer. Auch Dean selbst musste schlucken. Doch Tod hatte Recht. Wenn das die Möglichkeit war, Sam davon abzuhalten, eine Dummheit zu begehen, dann sei es drum. Zumindest war diese Drohung allemal Sams sicherem Tod vorzuziehen.

Tod sah Sam abwartend an: „Nun?"

Sam schien sich nicht zu einer Antwort durchringen zu können.

„Sammy, bitte." Dean sprach leise, doch er legte all seine Emotionen in diese zwei Worte. Er blickte seinen Bruder an und sah all die widerstreitenden Gefühle, die sich auf seinem Gesicht abzeichneten. Er konnte Sam lesen wie ein offenes Buch. Sam kämpfte mit sich, wog alle Möglichkeiten gegeneinander ab. Und kam zu dem Schluss, dass er keine Wahl hatte. Dass er um Deans Willen auf den Handel eingehen musste. Er schluckte schwer. Als er sprach, sah er nicht Tod an, sondern Dean.

„Ich verspreche es."

Die Brüder blickten einander einen langen kurzen Moment in die Augen. Ein letztes Mal wortlose Kommunikation, die so viel mehr auszudrücken vermochte als Worte. Dean gestattete es sich ein letztes Mal, tief einzutauchen in Sams wohltuende Nähe und Gegenwart. Er schlang die Arme um seinen Bruder, seinen Sammy, und wie zwei ertrinkende klammerten sie sich aneinander, während ihre Seelen den vertrauten Tanz der Zweisamkeit aufführten. Dean hätte alles darum gegeben, die Ewigkeit so zu verbringen. Wenn er nur rein wäre. Doch seine Dunkelheit befleckte Sams Licht, das Böse in ihm beschmutzte Sams Seele. Und so löste sich Dean langsam, mit schier übermenschlicher Willenskraft, von seinem Bruder.

„Leb wohl, Sammy!"

Dean trat einen Schritt zurück, ohne den Blick von Sam zu lösen. Tod legte ihm eine Hand auf die Schulter. Das letzte was er sah, waren Sams tränenverschleierte Augen.

Das letzte, was er hörte, war Sams geflüstertes: „Auf Wiedersehen, Dean."

Anmerkungen:

Den Dialog in der Bar-Szene habe ich an zwei Stellen leicht verändert. Ich habe ihn mehr dem englischen Original angepasst, da mir die deutsche Synchronisation den Kern der Aussagen nicht so sehr zu treffen schien.

Im Original sagt Sam: „You´ll never, ever hear me say, that you, the real you, is anything but good!"

Und: „Wait, take these. And one day, when you find your way back, let these be your guide. They can help you remember, what it was to be good. What it was to love."

Ich habe versucht, das möglichst wörtlich zu übersetzten, während in der Synchronisation die Übersetzung natürlich den Lippenbewegungen angepasst werden muss und entsprechend schon mal etwas vom Original abweichen kann.

Auch die Tonlage klingt manchmal etwas anders im Original. An einer Stelle verändert das, wie ich finde, die Bedeutung der Worte:

Als Dean zum zweiten Mal sagt „Sammy, schließ deine Augen", klingt das in der deutschen Synchronisation sehr harsch und ein bisschen befehlend. Im englischen Original spricht Dean diesen Satz mit wesentlich sanfterer Stimme und, wie ich finde, eher bittend, fast flehend. Auch hier habe ich mich in der Geschichte mehr an die OV gehalten.