Dunkelheit
Immer noch 5 Monate und 6 Tage früher …
Sam starrte auf die leere Stelle, an der noch vor wenigen Sekunden sein Bruder gestanden hatte. Er konnte nicht atmen, er konnte nicht denken. Einen Moment lang weigerte sich sein Gehirn, zu begreifen, was gerade passiert war. Dann stürzte die Verzweiflung mit voller Wucht auf ihn ein und drohte ihn zu ersticken. Dean war weg. Dean war wer-weiß-wo. Für immer.
„Wenn du dein Versprechen brichst, wenn du auch nur versuchst, einen Weg zu finden, ihn zurück zu bringen, werde ich Dean an den trostlosesten, furchtbarsten Ort bringen, den du dir nur Vorstellen kannst. Ein Ort, gegen den die Hölle wie ein Paradies wirkt. Und er wird dort alle Ewigkeit verbringen." Tods unheilvolle Worte klangen in Sam nach. Bilder von der Hölle durchzogen seinen Geist, abgrundtiefe, trostlose Schwärze, von Blitzen durchzuckt, Dean mitten drin.
Da durchfuhr es Sam wie ein Stromschlag:
Rowena!
Dieser Gedanke riss ihn aus seiner Starre. Rowena war dabei, das Mal zu brechen. Er musste sie aufhalten. Mit zitternden Fingern zerrte er sein Handy aus der Jackentasche und wählte Cass Nummer.
Cass hob bereits nach dem zweiten Klingeln ab: „Sam?"
„Cass, was immer ihr gerade tut, ihr müsst damit aufhören. Ihr dürft das Mal nicht brechen!" Sam schrie förmlich in den Hörer.
Cass klang verwirrt, als er sagte: „Aber Sam, wir haben alle Zutaten für das Ritual zusammen. Wir haben sogar jemanden gefunden, den Rowena liebt. Osc…"
„Stoppt das Ritual! Sofort!" Sam ließ Cass nicht ausreden.
Der Engel schien zu begreifen, dass die Situation ernst war. Er lenkte ein: „In Ordnung, Sam. Wir werden das Ritual nicht durchführen. Aber warum? Was ist passiert?"
Sam ging nicht auf die Frage seines Freundes ein. Er konnte es im Moment nicht. All die Energie, die sich seiner bemächtigt hatte, schien genauso schnell wieder aus ihm heraus zu fließen. Mit müder Stimme sagte er: „Vernichte alles, was mit dem Spruch zu tun hat. Verbrenne das Buch der Verdammten. Lass Rowena gehen."
Castiel versuchte es noch einmal mit eindringlicher Stimme: „Sam, was ist passiert?"
Sam flüsterte: „Dean ist weg." Dann legte er auf. Irgendwo tief in seinem Innern verspürte er einen Stich aus Schuldgefühlen. Er schuldete Cass eine Erklärung. Doch im Moment hatte er einfach nicht die Kraft dazu. Später…, dachte er. Dann sank er auf die Knie. Das Telefon glitt ihm aus der Hand. Vage war ihm bewusst, dass er an der gleichen Stelle kniete wie nur wenige Minuten zuvor. Als Dean mit der Sichel in der Hand vor ihm stand.
Dean.
Ein schluchzen entrang sich Sams Kehle.
Er wusste später nicht, wie lange er dort gekniet hatte. Er wusste nicht mehr, ob er geweint hatte oder trockenen Auges ins leere gestarrt. Er wusste nicht mehr, woran er gedacht hatte oder ob er überhaupt zu Gedanken fähig gewesen war.
Als er sich schließlich mühsam erhob, war es bereits dunkel um ihn herum. Seine Knie protestierten. Als er sie vorsichtig durchstreckte und als das Blut zurück in seine Beine Schoss, durchfuhren ihn tausend Nadelstiche. Die Schmerzen halfen ihm, wieder ein Stück weit ins Hier und Jetzt zu finden.
Durch die vernagelten Fenster drang nicht der leiseste Lichtschimmer in die Bar. Sam tastete seine Taschen nach seinem Handy ab. Alles, was er fand, waren die Impala-Schlüssel. Ein Stich durchfuhr ihn. Die sollten nicht in seinen Taschen sein, sondern in denen seines Bruders! Doch Dean war weg…
Sam zwang sich, seine Gedanken nur auf eine einzige Sache zu richten: Wo ist mein Handy? Ich muss mein Handy finden. Er ging wieder auf die Knie, und seine Beine protestierten schmerzhaft. Doch er musste den Boden nicht lange abtasten, bis seine Finger sich um das Gerät schlossen. Er aktivierte den Bildschirm und in seinem sanften Leuchten richtete er sich ein zweites Mal auf und fand auf wackeligen Beinen seinen Weg zur Eingangstür.
Draußen begrüßte ihn eine Sternklare Nacht. Dort drüben stand Baby. Einsam und verlassen. Einsam und verlassen wie Dean.
Sam steckte das Handy in die Jacke und machte sich auf den Weg zum Wagen. Doch er stieg nicht ein. Stattdessen lehnte er sich an das geliebte Auto. Das letzte, was ihm von Dean geblieben war.
Wenn Dean wüsste, dass du SIE in Gedanken DAS nennst, käme er sofort zurück, um dir in den Hintern zu treten!
Sam musste in Gedanken lachen. Dann durchfuhr ihn eine neue Welle der Trauer und des Schmerzes. Er sah zu den Sternen auf.
Dean, wo bist du?
Gegenwart, in der Nähe des Bunkers…
Sam saß auf der Motorhaube des Impalas, den Blick gen Himmel gerichtet. Fünf Monate und sechs Tage waren vergangen, seit Dean sich vor seinen Augen in Luft aufgelöst hatte. Oder sollte er besser sagen fünf Monate und sechs Nächte? Denn Tage gab es für Sam nicht mehr. Kein Licht, nur noch Finsternis, so schien es ihm. Er stand auf, wenn die Sonne unterging. Er tat, was getan werden musste – essen, trinken, Körperpflege. Alles lief auf Autopilot. Und dann verließ er den Bunker, fuhr mit Baby auf die Felder außerhalb der Stadt. Dort setzte er sich auf die Motorhaube und blickte zu den Sternen auf. Irgendwo dort war Dean. Irgendwo dort war sein Bruder. Sam vermisste ihn so schmerzlich. In Wolkenverhangenen Nächten fühlte er sich Dean noch ferner als sonst. Wenn es regnete, gestattete er es sich zu weinen, denn wer konnte schon sagen, ob es Tränen oder Regentropfen waren, die seine Wangen hinab liefen. Und es war ohnehin niemand da, der ihn gesehen hätte. Deans Platz neben ihm war leer. Er war allein, genau wie sein Bruder.
Spätestens wenn sich der Horizont blutrot zu färben begann, zog Sam sich wieder in die schützende Festung zurück, die Dean ein Zuhause genannt hatte. Vielleicht hätte der Bunker auch Sams zuhause werden können. Doch nicht ohne Dean. Ohne Dean war es nur ein weiterer trostloser Ort in Sams Leben. Dort verbrachte er seine Zeit mit nutzlosen Tätigkeiten. Er sortierte die Bibliothek, er sichtete alte Unterlagen, beschäftigte sich irgendwie, bis er müde genug war, um ein paar Stunden alptraumgeplagten Schlafes zu wagen. Was sollte er auch sonst tun? Nach einem Weg suchen, um seinen Bruder zurück zu holen, durfte er nicht. Tod würde es erfahren. Und Dean würde darunter leiden. Sam wagte es nicht einmal, in den Unterlagen der Männer der Schriften nach Informationen über das Mal zu suchen.
Hin- und wieder kam Cass vorbei um zu sehen, wie es ihm ging. Der Engel war ein wirklich treuer Freund und Sam war ihm dankbar. Doch zugleich ertrug er seine Nähe nicht. Cass versuchte ihn aufzumuntern, versuchte ihn dazu zu bewegen, ans Tageslicht zu gehen. Und Sam konnte das einfach nicht. Er fühlte sich innerlich zerrissen. Er dachte ständig daran, wie einsam sich Dean fühlen musste. Und er hatte nicht das Gefühl, dass er Gesellschaft verdient habe, wenn sein Bruder allein war. Das führte dazu, dass er sich Castiel gegenüber abweisend und harsch benahm. Er war sich dessen bewusst, es tat ihm leid. Und doch konnte er nicht anders. Er bat Cass ein- ums andere Mal, wieder zu gehen.
Und so saß Sam auch heute Nacht wieder alleine unter den Sternen.
Er hob das Bier in seiner Hand an. Normalerweise trank er nicht. Wozu auch? Seit Monaten schmeckte alles was er zu sich nahm, schal und fad. Doch heute Nacht hatte er zwei Flaschen Bier mitgebracht. Eine stand geöffnet, aber unangetastet neben ihm auf der Motorhaube.
Sam hob sein eigenes Bier gen Himmel und prostete ins Nirgendwo.
Happy Birthday, Sammy! Die Stimme in seinem Kopf klang wie Dean. Sam machte sich nichts aus Geburtstagen. Weder er noch Dean hatten das je getan. Sie hatten nie gefeiert, waren höchstens in ein gutes Steak House essen gegangen. Oder an Sams Geburtstagen in so einen widerlich gesunden Laden, wie Dean es nannte. Sam hatte die Geste immer zu schätzen gewusst. Einmal hatte Dean für ihn sogar einen Salat gegessen, weil wirklich kein Burger oder dergleichen auf der Speisekarte zu finden gewesen war. Und mehr noch, Dean hatte es für den gesamten Rest des Tages geschafft, sich jeglicher abfälligen Bemerkungen darüber zu enthalten. Sam traten beim Gedanken daran die Tränen in die Augen.
Wäre Dean hier gewesen, Sam hätte diesen Tag als einen Tag wie jeden anderen betrachtet. Doch Dean war nicht hier, und Sam fühlte gerade heute seine Abwesenheit noch schmerzlicher als sonst.
Was ihn jedoch wirklich quälte, innerlich zerriss, schlimmer schmerzte als jede Folter (und er hatte da weiß Gott Erfahrung), war die Tatsache, dass Dean irgendwo ganz allein war, dem Mal ausgeliefert, einsamer als es ein Mensch sein konnte. Natürlich fühlte auch Sam sich einsam, doch das waren egoistische Gefühle, für die er sich schämte. Welches Recht hatte er, sich einsam zu fühlen? Er befand sich auf einem Planeten voller Menschen. Dean war es, der wahrlich allein war.
Bilder von seiner Zeit im Käfig schossen Sam ungebeten in den Kopf. Damals hatte er sich auch furchtbar einsam gefühlt. Und doch hatte er die Einsamkeit, die Folter, Luzifers permanenten Hass und seine Sticheleien irgendwie ertragen. Er hatte sie ertragen, weil er Dean in Sicherheit wusste. Wenn es zu schlimm wurde (was eigentlich permanent der Fall war), hatte er sich ausgemalt, wie sein Bruder mit Lisa ein glückliches Leben lebte. Das hatte ihm Kraft gegeben. „Für Dean" war sein inneres Mantra geworden. Für Dean war er gesprungen, für Dean bereute er diesen Sprung nicht.
Für Dean hatte er jetzt Tod versprochen, nichts zu unternehmen, um seinen Bruder zurück zu holen. Doch diesmal war Dean nicht in Sicherheit. Diesmal lebte Dean kein gutes Leben. Sam konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wo und wie Dean lebte. Doch es ging ihm nicht gut. Das wusste Sam zweifelsfrei. Das spürte er, tief in sich. Und dieses Gefühl hatte ihn noch nie getrogen. Irgendwie wussten sie immer, wie es dem anderen ging. Erklären konnte er das nicht. Doch manchmal hatte er das Gefühl, als wären ihre Seelen miteinander verbunden. Oh Mann, lass das bloß nicht Dean hören. In seiner Vorstellung konnte Sam Deans Antwort hören: „Was bist du? Ein Mädchen oder was? Oder so ein New-Age-Hippie?" Doch in seinen grünen Augen würde es dabei funkeln, und Sam wüsste genau, dass sein Bruder ihm insgeheim zustimmte. Auch wenn er das niemals zugeben würde.
In einem plötzlichen Anfall von Wut schleuderte Sam seine Bierflasche weit in die dunkle Nacht. Dann fegte er die unangetastete Flasche, die neben ihm stand, mit einer wischenden Bewegung des Armes hinterher. Das war alles so unfair. Dean hatte das nicht verdient. Dean hatte die Welt und die Menschen in ihr öfter gerettet, als er zählen konnte. Und das war sein Dank?
Sam schrie seinen Frust hinaus: „Warum Dean? Hörst du mich, Gott? Warum Dean? Er hat deine verdammte Schöpfung gerettet. Warum tust du nichts? Wo bist du, verdammt noch mal? Hörst du mich? Hilf ihm!" Sam brüllte in die Nacht, die Stimme heiser. Seit jener Nacht, als Tod seinen Bruder mitgenommen hatte, war kein Tag vergangen, an dem er nicht gebetet hatte. Denn das war das einzige, was er tun konnte, ohne Dean in Gefahr zu bringen. Er suchte nicht nach Wegen das Mal zu brechen. Aber Tod konnte seinem Bruder keinen Strick daraus drehen, wenn er, Sam, Gott um Hilfe bat. Sam hatte wenig Hoffnung, dass Gott ihn überhaupt hörte. Geschweige denn, dass er ihm helfen würde. Aber wenig Hoffnung war immer noch besser als gar keine Hoffnung. Und so betete er, flehte er, schrie er, argumentierte er, ein ums andere Mal.
Glauben war für ihn keine Glaubensfrage. Das brachte sein Beruf mit sich. Sam wusste zweifelsfrei, dass Gott existierte. Er wusste es von zahlreichen Engeln und Dämonen. Allerdings vermutete Sam auch, dass Gott sich schon lange nicht mehr für seine Schöpfung interessierte. Und wenn Sam ehrlich war, bezweifelte er, dass Gott seine Gebete überhaupt hörte. Doch er sah einfach keine andere Möglichkeit. Und so betete er.
Und er würde weiter beten, bis er seinen letzten Atemzug tat.
Sam blickte wieder zu den Sternen empor. Seine Wut über seine eigene Hilflosigkeit wich dem allgegenwärtigen Schmerz über Deans Situation.
Mit flehender Stimme setzte er sein Gebet fort: „Bitte, Gott, bitte…! Dean ist nicht… böse, er ist gut! Durch und durch gut! Er kann nichts für die Dunkelheit, die das Mal umgibt. Bitte… lass ihn nicht allein mit dieser Dunkelheit."
Sam schluckte schwer: „Bitte… er ist mein Bruder. Wir gehören zusammen!"
Tränen traten Sam in die Augen, als seine Stimme bei seinen letzten Worten brach: "Lass mich ihm wenigstens helfen. Wenn Dean schon nicht hier auf der Erde sein kann, dann bitte, sende mich zu ihm."
Immer und nie, überall und nirgends…
„Bitte, Gott, bitte. Dean ist nicht böse, er ist gut. Durch und durch gut. Er kann nichts für die Dunkelheit, die das Mal umgibt. Bitte, lass ihn nicht allein mit dieser Dunkelheit. Bitte, er ist mein Bruder. Wir gehören zusammen. Lass mich ihm wenigstens helfen. Wenn Dean schon nicht hier auf der Erde sein kann, dann bitte, sende mich zu ihm."
Das Gebet stach unter Millionen heraus wie ein Signalfeuer in der Nacht. „Dean kann nichts für die Dunkelheit, die ihn umgibt." Genau wie Amara.
Er war das Licht, seine Schwester war die Dunkelheit.
Die Dunkelheit war schön, in seinen Augen.
Doch sie bedrohte seine Schöpfung.
Seine Schöpfung die er liebte. Über alles.
Er zahlte den Preis. Amara zahlte den Preis.
Und jetzt zahlte Dean den Preis ebenfalls. Und Sam.
Er hörte alle Gebete. Milliarden, Tag für Tag. Manchmal griff er ein. Im Kleinen, unbemerkt.
Manchmal ließ er den Dingen ihren natürlichen Lauf.
Nur so konnte sich seine Schöpfung frei entfalten.
Wenn er zu sehr eingriff, brachte das nicht immer nur gutes mit sich.
Luzifer litt. Amara litt.
Er wollte nicht, dass irgendwer leiden musste.
Besonders nicht Sam und Dean.
Zwei seiner liebsten Kinder.
Da hatte er wirklich gute Arbeit geleistet.
Er hatte sie der Welt geschenkt.
Sie waren ein Leuchtfeuer des Guten. Der Hoffnung.
Dafür mussten sie leiden. Ein- ums andere Mal.
Das schmerzte ihn.
Er griff nie direkt ein, aber er ließ die Brüder auch nie aus den Augen.
Er hörte ihre Gebete.
Er wusste, was sie taten, fühlten, hofften, wünschten.
Er war immer bei ihnen.
Er half ihnen, wo er konnte.
Er schickte ihnen einen Engel. Wieder und wieder brachte er Castiel zurück.
Er hatte ihre Seelen verwoben. So fanden sie Kraft im Anderen.
Eine Kraft und innere Stärke, die weit über menschenmögliches hinausging.
Doch alles hatte eine Kehrseite.
Sie litten furchtbar, wenn sie getrennt waren.
Er konnte ihren Schmerz erspüren.
Der Schmerz glich seinem eigenen.
Er war getrennt von seiner Schwester.
Licht und Dunkelheit waren miteinander verwoben.
Doch er hatte die Dunkelheit verbannt.
Hatte einen Teil seines Selbst verbannt.
Sam litt. Dean litt. Amara litt. Er litt.
Die Winchesters waren wirklich sein Meisterwerk der Schöpfung.
Sie lehrten ihn. Durch sie erkannte er.
Wahre Verbundenheit.
Liebe, stark genug, findet immer einen Weg.
Dean gehörte zu Sam.
Amara gehörte zu ihm.
Die Dunkelheit würde sein Licht erhellen.
Zeit, zwei Seelen wieder zu vereinen.
Zeit, Dunkel ins Licht zu bringen…
