Licht

Gegenwart, irgendwo…

Eine viel zu grelle Sonne schob sich über den Horizont, als Dean den Fuß des Schicksalsberges erreichte. Ein schwarzer Berg, mitten in der trostlosen Wüste von Mordor. Ja, das passt. In Deans Brust regte sich fast so etwas wie stolz ob seiner kreativen Namensgebung. Doch das Gefühl wurde sogleich von einem alles überwältigendem, unkontrollierbaren Hass hinweggespült. Mit dem weißgrellen Sonnenlicht kam die altvertraute Wut, die von seinem rechten Arm ausging und Besitz von ihm ergriff.

Dean blieb reglos stehen und lauschte. Lauschte, ob sich irgendwo zwischen den spärlichen, noch immer ungewohnt aussehenden Pflanzen etwas bewegte, das er jagen konnte. Nichts. Kein Lebewesen rührte sich. Stille. Immer nur ohrenbetäubende Stille, die die Einsamkeit nährte.

Und dann, unvermittelt, mitten in dieser überwältigend lauten Stille, eine Stimme: „Dean."

Unmittelbar hinter ihm.

Dean fuhr herum, das Messer in der Hand. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

Er traute seinen Augen nicht, war überzeugt, dass es jetzt mit seinem Verstand endgültig zu Ende ging. Er verkraftete einfach die Einsamkeit nicht. Sein Geist erschuf Menschen.

Doch warum sein Geist ausgerechnet einen imaginären toten Propheten vor ihn stellte, das war ihm unbegreiflich. Wenn man schon den Verstand verlor, dann wohl richtig.

„Hallo Dean. Ich bin hier, um diese Last von dir zu nehmen." Chuck deutete auf seine rechte Hand.

Das Messer? Seine Vision wollte ihm sein Messer abnehmen? Junge, um seine geistige Gesundheit war es wirklich schlecht bestellt.

Der Mann – nein, Vision, nicht Mann! – vor ihm lächelte, und Dean durchströmte eine Wärme und innere Ruhe, wie er sie lange nicht mehr empfunden hatte. Nicht mehr, seit das Mal seinen Arm zierte.

„Nein, Dean, ich bin keine Vision. Ich bin es wirklich."

Irgendetwas an seinen Worten schien so echt, so überzeugend, dass Dean nicht anders konnte, als darauf einzugehen: „Chuck?"

Chuck lachte leise: „Ja, ich mag den Namen. Nenn´ mich ruhig so."

Er reichte Dean eine Sonnenbrille. „Hier, setz die auf."

Dean reagierte automatisch. Vielleicht, weil er die erste menschliche Stimme seit wer weiß wie lange hörte, und alles getan hätte, was sie verlangte. Vielleicht aber auch, weil er gerade dabei war, mit seinem Verstand in andere Sphären abzudriften, und da war ohnehin schon alles egal. Dean schob die Brille auf die Nase.

Was dann kam, überstieg seinen Verstand bei weitem und schaffte doch zugleich eine zweifelsfreie Klarheit. Machte Sinn und war doch nicht fassbar. War beängstigender als alles was er je gesehen hatte und beruhigender als die Umarmung einer Mutter zugleich. Er sah alles und er sah nichts. Er verstand und begriff doch nicht. Später würde er sich nicht mehr erinnern können, wie Gott aussah, und doch würde er nie vergessen.

Es dauerte nur einen Augenblick und eine Ewigkeit.

Als es vorüber war, stand wieder ein recht kleiner Mann mit dunklen Locken vor ihm. Und lächelte ihn an.

Dean fehlten die Worte. Ihm fehlten wahrhaftig die Worte. Er wusste nicht, ob er erleichtert oder wütend sein sollte, ob Angst angebracht war oder Freude.

Schließlich formten seine Lippen scheinbar ohne sein Zutun ein einziges Wort: „Gott?!"

„Belassen wir es lieber bei Chuck." Er lachte leise, als er Dean die Brille wieder von der Nase zog. „Ich mag diesen Körper. Und in meiner wahren Form könntest du mich ohne diese X-Men Brille nicht ansehen, ohne zu Staub zu zerfallen." Die Wärme in seiner Stimme war aufrichtig, als er fortfuhr: „Dean, es tut mir leid, was du wegen des Mals erleiden musst. Was du wegen mir erleiden musst. Doch damit ist jetzt Schluss. Ich werde dich nach Hause bringen. Und ich werde das Mal von dir nehmen."

Die Worte klangen so süß in Deans Ohren und eine Hoffnung machte sich in seinem inneren breit, die in einem einzigen Gedanken mündete: Sammy! Doch er durfte dieser Hoffnung nicht nachgeben.

„Das Mal wird eine Dunkelheit freisetzen! Es darf nicht auf die Erde! Das musst du doch wissen!" Dean musste sich zwingen, die Worte auszusprechen, die Chuck von seinem Vorhaben abbringen sollten.

„Ich weiß, Dean. Nicht eine Dunkelheit. DIE Dunkelheit. Viel zu lange war sie weggesperrt."

Dean wich schockiert einen Schritt zurück und starrte den Propheten – Gott! – an. Doch dieser fuhr erklärend fort:

„Ich bin das Licht, Dean. Die Dunkelheit ist meine Schwester. Ich habe sie vor Äonen weggesperrt, weil sie meine Schöpfung bedrohte. Ich hielt das für den einzigen Weg. Heute weiß ich, dass das falsch war. Licht und Dunkelheit gehören zusammen. WIR gehören zusammen. Du und Sam, ihr habt mir das bewusst gemacht."

„Du kannst mich und Sam ja wohl nicht mit der Dunkelheit vergleichen! Keiner von uns beiden will die Welt zerstören!" Während er das sagte, flüsterte eine kleine Stimme in Deans Hinterkopf: Das Mal will die Welt zerstören. Bist das nicht auch du?

„Ich dachte lange Zeit, dass meine Schwester nur zerstören wollte. Doch ich verstehe jetzt. Ihre Absichten sind gut. Sie will nicht zerstören, sie will nur meine Aufmerksamkeit. Sie sieht die Dinge anders als ich. Ich habe mich über sie gestellt, habe geglaubt, dass mein Weg, der Weg des Lichtes, der einzig richtige ist. Doch manchmal müssen wir dunkle Pfade beschreiten, um am Ende gutes zu bewirken. Du von allen müsstest das wissen." Chucks Worte fielen in Dean auf fruchtbaren Boden. Er hatte Recht! Dean hatte den dunklen Pfad des Mals willentlich beschritten, um Abaddon zu töten. Er hatte Gutes bewirkt, aber um welchen Preis? Jetzt war er selbst der Dunkelheit verfallen. Nein, ich BIN die Dunkelheit, dachte er voller Selbsthass.

Chuck riss ihn aus seinen selbstzerstörerischen Gedanken, als er fortfuhr: „Und hast nicht auch du schon deinen Bruder eingesperrt, weil du die Dunkelheit in ihm gesehen hast? Hast du ihn nicht allein gelassen mit seiner Dunkelheit, statt bei ihm zu sein und ihm durch die Finsternis zu helfen?"

Dean wusste genau, wovon Chuck sprach. Beim Gedanken daran, wie Sam ganz allein in Bobbys Panikraum mit der Entgiftung kämpfte, zogen sich ihm vor Schuld und Scham die Eingeweihte zusammen.

„Ich sage nicht, dass Sam in diesem kleinen Gleichnis die Dunkelheit ist. Ganz im Gegenteil. Sam trägt ein Licht in sich, das heller strahlt als die Sonne." Dem konnte Dean rückhaltlos zustimmen! „Genau wie du, Dean." Da hatte Dean schon eher seine Zweifel! „Wir alle haben dunkle und helle Anteile in uns. Und erst wenn wir diese in einer Balance halten, sind wir vollständig. Ich habe euch Menschen nach meinem Ebenbild erschaffen. Ich habe diese Anteile in euch gelegt. Doch ich habe meine eigene Dunkelheit weggesperrt, meine Schwester allein gelassen in ihrer Verzweiflung. Ich spüre ihre Qual, wenn ich genau hinhöre. Doch ich habe mir das hinhören lange nicht gestattet. Erst Sam und du haben mir wieder neu gezeigt, was wahre Verbundenheit bedeutet. Durch eure Fehler, aber auch durch alles, was ihr richtig gemacht habt, habe ich gelernt. Mit jeder Entscheidung füreinander, die ihr getroffen habt, ist mir klarer geworden: Ich muss mich für Amara entscheiden."

Auf einer tiefen, emotionalen Ebene verstand Dean.

Und doch: „Aber was wird aus der Erde, wenn die Dunkelh… wenn du deine Schwester frei lässt? Wird ihre Wut nicht so groß sein, dass sie sie zerstört?"

Chuck schüttelte den Kopf. „Amara möchte mich. Sie möchte meine Liebe, meine Zuneigung. Ich habe alle meine Zuneigung nur noch euch, meiner Schöpfung gewidmet. Doch das wird sich ändern. Ich werde mit Amara weg gehen. Weit weg. Sie darf wütend auf mich sein, sie hat jedes Recht dazu. Ich werde mich ihrer Wut stellen. Doch nicht auf der Erde." Chuck sah sich um. „Vielleicht hier? Oder doch lieber an einem Ort ohne jegliches Lebewesen. Vielleicht werden wir zusammen eine neue Welt erschaffen. Eine Welt, verwoben aus Licht und Dunkelheit. Doch die Erde wird in Sicherheit sein. Das verspreche ich dir, Dean."

Dean wollte ihm so gerne glauben. Alles in ihm schrie danach. Alles in ihm schrie nach Sammy. Doch konnte er sich wirklich auf das Wort eines Gottes verlassen, der seine Schöpfung seit Urzeiten im Stich ließ? Der nie auf Gebete antwortete und sich einen Dreck um das Schicksal seiner Welt scherte?

Chuck lächelte nachsichtig: „Ich weiß, dass du das Gefühl hast, ich hätte euch allein gelassen. Doch sei versichert, ich habe euch nie mehr zugemutet, als ihr tragen könnt. Ich habe euch geholfen, wann immer es nötig war. Ich habe dir Cass geschickt, damit er dich aus der Hölle befreit. Ich habe Cass wieder und wieder zum Leben erweckt. Ich habe ihm die Macht gegeben, Sams Visionen von Luzifer weitgehend zu übernehmen. Ich war da, um euch zu helfen. Und ich werde euch auch jetzt wieder zusammen bringen."

Dean war von diesen Offenbarungen wie vom Schlag getroffen. Er besaß nicht einmal die Geistesgegenwart, Chucks Hand auszuweichen, als diese sich sanft auf seine Schulter legte.

Seine Sorge vor dem, was passieren würde, wenn Chuck das Mal brach, wich dem vertrauten Gefühl der Schwerelosigkeit, des Existierens in nichtexistentem Raum, bevor eine andere, altvertraute und doch nach viel zu langer Abwesenheit ungewohnte Schwerkraft von ihm Besitzt ergriff.

Hätte Chuck ihn nicht gehalten, wäre er zu Boden gegangen.

Dean war wieder auf der Erde.

Zuhause…

Sam starrte mit blicklosen Augen in die Nacht. Sein Geist war gefangen in einer Spirale aus Gedanken, die sich alle um Dean drehten. Das Mal, Erinnerungen an vergangene Geburtstage, sein Bruder in der Weite des Alls, jene schicksalhaften Stunden in einer Bar mitten im Nirgendwo,… Als Sam sich langsam aus dem Nebel aus Sorge, Trauer und Sentimentalität löste, stellte er erstaunt fest, dass die Sonne bereits eine Handbreit über den Horizont gestiegen war.

Er rutschte von der Motorhaube. Es war Zeit, im Bunker auf eine neue Nacht zu warten. Sam wandte der Sonne den Rücken zu und öffnete die Fahrertür des Impalas.

Da erklang hinter ihm ein einziges Wort, so vertraut, so schmerzlich vermisst: „Sammy…"

Sam fuhr so schnell herum, dass er beinah das Gleichgewicht verlor. Vor dem Licht der aufgehenden Sonne konnte er nur die Umrisse zweier Gestalten ausmachen. Und doch wusste er ohne jeden Zweifel, dass da sein Bruder stand. Hätte er nicht Deans Haltung zweifelsfrei wieder erkannt, so wäre sein Herz, das ihm aus der Brust zu springen drohte, Hinweis genug gewesen.

Seine Gedanken gerieten ins Stolpern, konnten nicht fassen, was seine Augen und seine Seele ihm sagten. Seine Beine trugen ihn Automatisch auf Dean zu. Die glutrote Sonne umrahmte dessen Kopf beinah wie einen Heiligenschein.

Als er vor seinem Bruder stand, musste Sam einfach die Hand ausstrecken. Er musste ihn berühren, musste sich davon überzeugen, dass Dean echt war, keine Fata Morgana, die sein verzweifelter Geist erschaffen hatte. Dean zuckte leicht zusammen, als Sam ihm zögernd eine Hand auf die Schulter legte, lehnte sich dann jedoch nach kurzem Zögern nahezu in die Berührung hinein.

„Dean?"

„Hallo Sammy." Deans Stimme brach.

Erst als die andere Person sich ebenfalls mit einem „Hallo Sam" zu Wort meldete, wandte Sam den Blick von Dean ab.

Ungläubig fragte er: „Chuck?"

Du meine Güte, bin ich geistreich! Dean? Chuck? Reis dich zusammen, Sam Winchester! Das hier ist wichtig! Dean ist hier, und du wirst ihn nicht wieder gehen lassen! Als finde heraus, was hier los ist!, ermahnte Sam sich selbst. Gefühlsduselig konnte er später immer noch werden, wenn er seinen Bruder wieder sicher bei sich wusste.

Sam trat einen Schritt zurück und stellte sich so, dass die Sonne seitlich in die Gesichter der zwei Männer vor ihm schien. Endlich konnte er ihre Gesichtszüge deutlich erkennen. Dean wirkte unsicher, hoffnungsvoll und zugleich ängstlich. Seine grünen Augen, die im Licht der aufgehenden Sonne blitzten, starrten Sam unverwandt an, als hätte er Angst, dass Sam sich jeden Moment in Luft auflöste.

Und Chuck … nun, Chucks Gesichtsausdruck konnte Sam beim besten Willen nicht einordnen. Er lächelte Sam an und in seinem Blick lag … Güte? … Weisheit? … Ein Ausdruck der Überlegenheit?

Jedenfalls hatte das, was er vor sich sah, nichts mit dem nervösen Cuck gemein, den Sam kannte.

„Was ist hier los?", fragte er schließlich, die Augen auf Dean gerichtet. Doch es war Chuck, der ihm mit sanfter Stimme antwortete:

„Sam, ich habe deine Gebete gehört. Keines deiner Gebete ist je ungehört verklungen. Ich habe dir nie geantwortet, aber ich habe so manches deiner Gebete erhört. Als du als Kind gebetet hast, dein Vater und dein Bruder mögen sicher von der Jagd zurückkommen, habe ich so manches Mal für ihre sichere Heimkehr gesorgt. In Stanford hättest du mich nicht bitten müssen, dass ich deinen Bruder beschütze. Ich habe weder dich noch Dean je aus den Augen gelassen. Ich habe euch immer geholfen, wo ich konnte, ohne direkt einzugreifen. Doch das hier ist größer. Deshalb habe ich lange gezögert. Ich habe deinen Schmerz gespürt. Ich habe Deans Schmerz gespürt. Ich habe eure Verbundenheit gespürt. Und ich habe gelernt. Ich bin das Licht, aber ich habe vergessen was das bedeutet. Das Licht braucht die Dunkelheit, um existieren zu können. Zwei Seelen, verwoben wie die Euren, verwoben über Zeit und Raum hinweg. Sam, ich bringe dir Dean zurück. Und ich werde das Mal von deinem Bruder nehmen. Ich werde wieder gut machen, worunter ihr leiden musstet. Und ich werde ein noch viel größeres Unheil wieder gut machen."

Sams Gedanken Überschlugen sich. Je mehr Chuck redete, desto mehr begriff er. Was er zunächst nicht auf einer logischen Ebene erfassen konnte, breitete sich als unumstößliche Wahrheit tief in seinem Innern aus. Chuck war Gott. So unfassbar dieser Gedanke auch war, ein Blick in Deans Gesicht bestätigte ihn. Dean wusste es. Und nun wusste es auch Sam. Was er nicht wusste, war, wie er reagieren sollte. Sollte er auf die Knie fallen? Sollte er die Augen senken? Sollte er sich entschuldigen für so manchen Vorwurf, so manche Beschimpfung, die er in die Nacht gebrüllt hatte? Oder sollte er sich bedanken? Wie verhielt man sich in Gottes Gegenwart?

Gott nahm ihm die Entscheidung ab, indem er Sam in einer Liebevollen Geste eine Hand auf die Schulter legte. Ein heilendes Gefühl der Nähe und Geborgenheit durchströmte seine verletzte Seele, wie er es sonst nur in Deans Nähe kannte. Ein Blick in Gottes Augen, und Sam wusste, Worte waren unnötig. ER sah und verstand alles, was Sam beschäftigte. Und er verurteilte ihn nicht. Unendlich tiefe, befreiende Erleichterung durchströmte Sam. Gott wusste ALLES über ihn. Wusste um die Dunkelheit in ihm, die ihn von klein auf begleitete. Und dennoch gab er Sam das Gefühl, gut zu sein, genauso wie er war!

Die Hand noch immer auf Sams Schulter gelegt, wandte Gott sich nun auch Dean zu. Ihm legte er die andere Hand auf den Oberarm. So standen die drei, eng beieinander, und etwas in den Herzen der Winchesters löste sich. Sam sah, wie sich Deans angespannter Gesichtsausdruck entspannte, wie eine Ruhe und Selbstakzeptanz in seine Züge trat, die er seit unendlichen Zeiten dort nicht mehr gesehen hatte. Ihm traten Tränen der Dankbarkeit in die Augen.

Schließlich löste sich der Schöpfer der Welt mit einem Lächeln: „Ach, und Sam, nenn mich einfach Chuck!"

Dann wandte er sich an Dean: „Gib mir deinen Arm."

„Warte!", stieß dieser hervor. „Wenn du das tust, wenn du deine Schwester befreist und von hier verschwindest, was wird dann aus der Welt? Aus den Menschen? Du kannst sie doch nicht allein lassen!"

Chuck lächelte, und in seiner Stimme klang nur aufrichtiger Ernst, als er sagte: „Der Welt wird es gut gehen. Sie hat dich und Sam!"

Während Sam noch zu verarbeiten versuchte, was Chuck da gerade gesagt hatte, warf ihm sein Bruder einen unsicheren Blick zu, der sich in Entschlossenheit verwandelte, als sie einander tief in die Augen blickten. Dean krempelte seinen Ärmel hoch und streckte Chuck den rechten Arm entgegen.

Dieser hielt seine Hand schützend wenige Zentimeter über das Mal. Ein Licht strömte von seiner Handfläche wie ein Wasserfall darauf hinab. Das rote Zeichen leuchtete kurz auf, bevor sich Fäden der Dunkelheit daraus lösten. Kein schwarzer Rauch wie der von Dämonen. Was dort Aufstieg war vielmehr die Abwesenheit von Licht. Eine greifbare Finsternis in der strahlenden Morgensonne. Die Dunkelheit strömte auf das Licht zu, das von Chucks Hand ausging. Nach kurzem Zögern verwoben sich die Absolute Schwärze und die blendende Helle zu einer funkelnden Spirale aus Nacht und Tag.

Dean stöhnte auf und stützte seinen rechten Arm mit dem Linken, als mehr und mehr Dunkelheit aus dem Mal hervor brach. Später erzählte er Sam, dass es sich angefühlte habe, als wäre das Mal ein Portal. Die Dunkelheit hätte all die Monate permanent von innen an die Tür geklopft, und als Chuck diese Tür geöffnet hatte, wäre sie von irgendwoher gekommen und durch ihn hindurch geströmt.

Für einen Moment sah es so aus, als würde die Finsternis das wenige Licht, das Chucks Hand entströmte, verschlingen. Doch dann löste dessen gesamter Körper - oder das was Sam für seinen Körper hielt, immerhin war das Gott! – sich in Spiralen aus Licht auf, die sich liebevoll um die Dunkelheit schlangen, als würde das Licht die Finsternis willkommen heißen.

Dean entfuhr ein kleiner Schrei, als die letzten Fäden vollkommener Schwärze seinen Arm verließen und das Mal verlosch. Er fiel auf die Knie und starrte auf seinen Arm, der aussah, als wäre dort nie etwas gewesen. Sam war binnen eines Augenblicks bei ihm, legte ihm schützend den Arm um die Schultern und stützte ihn, hielt ihn vielleicht fester als nötig gewesen wäre. Deans linker Arm suchte unbewusst nach Sam und krallte sich in dessen T-Shirt nahe seiner Brust fest.

So saßen die beiden und blickten gemeinsam auf, gerade als ein wirbelnder Nebel aus Hell und Dunkel sich in den Himmel erhob. Sie wandten die Augen erst ab, als er ihren Blicken entschwunden war.

Was sie gesehen hatten, war erstaunlich, wunderschön, überwältigend. Doch was sie jetzt sahen, war noch viel schöner und überwältigender: Sie blickten einander in die Augen!

Epilog – oder: Von zwei Seelenpaaren:

Es war eine sternklare Nacht. Sam saß auf der Motorhaube des Impalas, den Blick gen Himmel gerichtet. Millionen von Sternen leuchteten über ihm, durchbrachen die Dunkelheit.

Sam lauschte lächelnd der Stimme seines Bruders, als dieser auf einen Sternhaufen deutete: „Vielleicht war es der da, direkt an der Spitze dieses Haufens. Oder der da drüben. Vielleicht auch der dort."

„Weißt du, Dean, ich bin froh dass du wieder auf dem hier bist!" Er deutete auf den Boden vor Baby.

Dean antwortete nicht, doch seine Augen sprachen Bände. Lächelnd erhoben beide Brüder ihre Bierflaschen und stießen an. Sam nahm genussvoll einen tiefen Schluck. Bier hatte ihm lange nicht mehr so gut geschmeckt.

Vertraute Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Eine wohltuende, heilende Stille, in der sie die Gegenwart des anderen genossen. Schulter an Schulter saßen sie da und blickten in die Schwärze der Nacht.

Nach einer Weile fragte Sam: „Und?"

„Und was?"

„Wie war es so auf Terra X?"

„Die Gesamtbevölkerung bestand aus einer Person, meiner Wenigkeit. Und die Tierwelt aus genau 5 verschiedenen Arten, jedenfalls habe ich nicht mehr gesehen. An den Pflanzen wuchsen Früchte, die eher nach Gemüse schmeckten. Das wäre dein Paradies gewesen, Sammy." Beim Gedanken daran verzog Dean das Gesicht.

„Oh, und ich hab` den Schicksalsberg bestiegen! Allerdings ohne meinen Sam-weis Gamdschie." Er knuffte Sam mit dem Ellenbogen in die Rippen.

Dieser verdrehte die Augen: „Alter, findest du jetzt für jede Lebenslage eine Herr der Ringe Referenz?"

„Hey, Peter Jackson war ein Genie, ich werde ihn zitieren so viel ich will!"

„Du meinst Tolkien war ein Genie!"

„Tol-wer?"

„Tolk…" Sam merkte gerade noch rechtzeitig, dass Dean ihn auf den Arm nahm und brach seinen Satz ab. Er gab sich alle Mühe, seinen Bruder finster anzustarren, hatte aber den Eindruck, dass ihm das nicht so recht gelang, denn innerlich ging ihm das Herz auf bei ihrer altvertrauten, liebevollen Stichelei.

Dean lachte: „Das hier Sammy! Das allein wäre es wert gewesen, zurück zu kommen! Dein Bitchface Nummer 5." Seine Augen funkelten übermütig, und auch Sam konnte das breite Grübchenlächeln nicht länger zurück halten.

Dean richtete den Blick zurück auf die Sterne und sagte: „Wenn ich Tod das nächste Mal begegne, werde ich ihn fragen, wo Mittelerde liegt."

Sams Gesichtsausdruck wurde ernst. „Lass uns hoffen, dass wir Tod nie wieder begegnen. Zumindest nicht, solange wir noch am Leben sind. Er könnte dich immer noch ins Nirgendwo schicken. Schließlich habe ich den Deal gebrochen."

Dean antwortete voller Überzeugung: „Nein, Sam, das hast du nicht. Du hast gebetet, mehr nicht. Chuck war es, der das Mal gebrochen hat. Tod kann dir das nicht vorhalten. Er kann dir deinen Glauben an Chuck nicht vorhalten!"

„Chuck war es nicht, an den ich geglaubt habe, Dean. Ich habe an dich geglaubt. Immer. Uneingeschränkt. Und ich werde immer an dich glauben!"

„Nein, Sammy, nicht an mich. An uns. Glauben wir an uns!"

Über dem Schicksalsberg schwebten Fäden aus Licht und Dunkelheit, verwoben sich, trennten sich, fanden wieder zusammen, verkrallten sich ineinander, stoben auseinander, prallten aufeinander, verschmolzen miteinander. Ein bizarrer Tanz aus Hell und Dunkel. Mal wild, mal sanft, mal vorsichtig, mal aggressiv.

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DU HAST MICH WEGGESPERRT!

Es tut mir so unendlich leid!

FÜR ÄONEN!

Du darfst mich hassen.

DU KANNST ES NICHT WIEDER GUT MACHEN.

Ich weiß. Es tut mir leid.

ICH HASSE DICH. ICH BRAUCHE DICH.

Ich liebe dich.

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Der Tanz dauerte an, lange, so lange. Und doch war es nur ein Augenblick im Vergleich zu Äonen. Einmal war das Licht stärker, dann wieder die Dunkelheit. Ein Ringen miteinander, umeinander, gegeneinander.

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WARUM JETZT? WARUM HAST DU MICH HERAUS GELASSEN?

Sam und Dean.

DEAN?

Du hast ihn gespürt.

ICH HABE IHN GESPÜRT.

Dean und Sam. Licht und Dunkel in sich vereint. Verbundene Seelen.

DEAN BRAUCHT SAM.

Ich brauche dich.

DU BRAUCHST MICH.

Du brauchst mich.

ICH BRAUCHE DICH.

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Der Tanz verliert an Wildheit. Die Fäden aus Licht und Dunkelheit verschmelzen miteinander. Vereinen sich. Licht bleibt Licht und Dunkel bleibt Dunkel, doch sie sind fest miteinander verwoben. Das ist richtig. Das ist gut. So soll es sein.

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WiR. zUsAmMeN. vOn NuN aN.

~Ende~

~Oder vielleicht ein neuer Anfang für zwei Seelenpaare?~

Anmerkung des Autors:

So, meine erste Fanfiktion ist fertig. Das war eine spannende Reise. Ich hatte bereits alles geschrieben, als ich angefangen habe zu posten. Aber durch einige nette Rückmeldungen von euch Lesern habe ich noch weitere Denkanstöße bekommen, die ich vor allem in dieses letzte Kapitel nachträglich mit eingebaut habe. Vielen Dank dafür an jeden, der mir eine Review hinterlassen hat. Ihr wart damit alle ein aktiver Teil dieser Geschichte.

Ich habe in der Geschichte bewusst darauf verzichtet, Mittelerde alias Terra X alias den unbekannten Planeten näher zu beschreiben. Es wäre sicher auch spannend gewesen, auf Deans Leben irgendwo im Nirgendwo näher einzugehen: Was hat er gegessen, wo hat er geschlafen, wie sahen die Lebewesen und die Pflanzen aus? Aber das hätte in meinen Augen zu sehr vom Wesentlichen der Geschichte abgelenkt – zwei Brüdern, die einander brauchen. Außerdem darf sich jetzt jeder Leser selbst ein Bild von einem phantastischen Planeten machen, und das kann ja auch ganz spannend sein.

Vielleicht habt ihr ja sogar Ideen, die ihr in einer Review hinterlassen mögt? Gestalten wir den Planeten gemeinsam?