`Eddard´

Am nächsten Morgen erwachte Ned Stark auf einem kleinen Bett in dem Haus, in dem er in der letzten Nacht mit Tyrion Lannister gesprochen hatte. Er hatte keine Decke, da diese mit Ser Marcus Leffords Blut vollgesogen war. Da es aber nicht sehr kalt war und die Matratze weich war, war dies kein großes Problem. Er lag auf dem Rücken und seine Hände waren über seinem Kopf. Wären seine Arme nicht an die Bettpfosten gebunden gewesen, hätte er sicherlich auch gut geschlafen.

Nein, dachte Ned, auch so hätte er nicht gut geschlafen. Er wusste immer noch nicht, was aus Arya geworden war. Während dem gesamten Gespräch mit dem Zwerg, hatte Ned an nichts Anderes gedacht als an seine Tochter. Nun, an fast nichts Anderes. Am liebsten hätte er über den Tisch gegriffen, den Kopf des Zwerges gepackt, das Leben aus ihm heraus geprügelt, um dann nach draußen zu rennen und laut nach Arya zu rufen, um sie doch irgendwie noch lebend zu finden. Jedoch war die Armee des Zwerges dort draußen und sein Söldner, welcher Bronn genannt wurde, hielt sich in der Hütte auf und passte genau auf, was passierte. Dazu hatte er ein Schwert und Ned keines. Ned hatte nie etwas für Söldner übrig gehabt, da man ihnen nicht trauen konnte und sie für den richtigen Preis gerne einmal die Seiten wechselten. Jedoch wusste Ned, dass dieser es nicht tun würde, da sich die beiden fast wie Freunde verhielten. Außerdem hatte Ned nichts, was er Bronn anbieten konnte und der Zwerge würde es immer verdoppeln können. Varys hatte ihm bei einem Besuch in den Zellen erzählt, dass der Zwerg aus der Eyrie freigelassen wurde, nachdem ein Söldner Lysa Arryns Champion besiegt hatte. Wahrscheinlich war dies dieser Mann.

„Tyrion sagt, dass ihr aufstehen sollt", erklang die Stimme Bronns von der Tür her. Er trug seine schwarze Kleidung und eine schwarze lederne Rüstung, sein Schwert und sein Messer an seiner Seite. Er ging auf das Bett und zu schnitt die Seile durch, die Neds Hände fesselten. Ned setzte sich auf, und rieb seine Hände aneinander, damit Blut in diese hineinfließen konnte.

Bronn lehnte sich an die Wand. „Ich wette, sie werden eine Weile weh tun."

„Aye. Hat Euer Lord Euch befohlen, mir die Fesseln zu entfernen?"

Bronn schüttelte den Kopf. „Das braucht er mir nicht zu sagen. Ein Mann kann besser mit freien Händen essen und aufs Klo gehen. Ich werde sicherlich nicht Euren Schwanz halten, geschweige denn euch den Arsch abputzen."

Ned musste grinsen. „Aye, ich denke nicht." Dann verschwand sein Grinsen wieder. „Bronn, könnt Ihr mir eine Frage beantworten? Hat irgendjemand aus der Feste überlebt?"

„Nein."

Neds Herz schlug immer schneller und es bildete sich ein Kloß in seinem Hals, der ihm Schwierigkeiten bereitete zu sprechen. „Wirklich niemand?" Seine Stimme hörte sich fast wie ein Quieken an. Der Söldner starrte ihn verwirrt an.

„Yoren ist tot, falls es das ist, was Ihr meint. Der Zwerg und ich haben beim ersten Licht alles begutachtet. Wir haben ihn neben vier toten Lannistermännern gefunden. In der Feste lagen auch zwei tote Goldröcke sowie viele der neuen Rekruten der Nachtwache. Einige hatten sich wahrscheinlich in dem Turm verbarrikadiert und mit Pfeilen geschossen. Das sagten zumindest Ser Marcus' Männer. Aber als wir diesen heute Morgen begutachtet haben, war dieser leer. Der Zwerg meint, dass sie wahrscheinlich geflohen sind, als es ernst wurde. Das Dach der Scheune war eingebrochen und wir haben dort zwei verbrannte Leichen gefunden, beide sahen aus wie geröstete Schweine."

„Jungen oder Männer?"

„Männer, direkt neben einem Eisenkäfig auf einem Wagen."

„Ah. Yoren erzählte, dass sie aus den schwarzen Zellen in King's Landing kamen. Vergewaltiger und Mörder."

„Sie nehmen Vergewaltiger und Mörder an der Mauer auf?"

„Wenn sie es nicht tun würden, dann hätte die Nachtwache noch weniger Männer."

„Wahrscheinlich. Kommt, der Lord Zwerg möchte mit Euch in seinem Zelt frühstücken."

Ned stand auf und Bronn wartete auf ihn, als er sich langsam auf den Weg machte, das Haus zu verlassen. Sein Bein machte ihm immer noch Probleme. Der Söldner steckte sein Messer weg und lief direkt neben ihm… so nah, dass Ned sein Knie in seine Eier kicken könnte. Doch dann sah Ned zwei Lannister Soldaten bei der Küche stehen und verwarf die Idee. Sie brachten ihn erst auf zur Toilette und dann konnte er sich mit einer Schüssel frischem Wasser, die auf dem Tisch stand, etwas waschen. Es war zwar kalt, doch er konnte sich damit seine Hände und das Gesicht waschen und war danach etwas wacher. Danach brachten Bronn und die beiden Wachen ihn zum Zelt des Zwerges, welches direkt neben dem Haus stand. Während sie hinübergingen, sah Ned viele Lannister Soldaten sowie große Frauen und Männer in rauen Pelzen und Lederkleidung.

„Wer sind diese Leute?", fragte Ned.

„Die Wildmänner des Lord Zwergs. Und Wildfrauen. Das Hügelvolk aus dem Mondbergen", erklärte Bronn. „Wir trafen sie, als wir das Vale verlassen wollten. Sie wollten uns alle töten, doch Tyrion benutzte seine schlaue Zunge, um sie zu überzeugen für ihn zu kämpfen… und nun tun sie dies."

„Genauso gekaufte Verbündete wie Ihr."

„Das ist wohl wahr."

„Wart Ihr sein Champion auf der Eyrie?"

„Ja, ich war der Verrückte. Eure Frau war nicht sehr begeistert darüber. Ich war auf ihrer Seite, als wir das Gasthaus verließen."

„Also habt Ihr die Seiten gewechselt?", fragte Ned und wusste genau, dass er wie alle anderen war.

„Nicht direkt", antwortete Bronn, „Eure Frau hat mir nichts versprochen. Ich bin nur mit ihnen gegangen, um zu sehen, wie es ausgeht. Auch um vielleicht doch etwas zu bekommen außer ein Danke. Ich dachte, dass wir nach Winterfell gehen würden. Dann bogen wir jedoch zum Vale und zu den Mondbergen ab. Ich war noch nie dort und wollte unbedingt die Eyrie sehen. Es war dumm von mir. Es hätte mich fast drei oder viermal das Leben gekostet.

Dass er ihm von Cat erzählte, ließ ihn noch mehr hören wollen, vor allem die ganze Geschichte, aber er wollte auch wissen, wo seine wirkliche Loyalität lag. „Nun, warum habt Ihr Euch dann als Champion angeboten?"

„Nun, Ihr wisst ja, was man sich über Lannisters und ihre Schulden erzählt. Außerdem hatte mich der kleine Scheißer davon überzeugt, dass er unschuldig ist."

„Er spricht so lange, dass man ihm sogar glaubt, er hätte die Mauer errichtet und wäre mit Aegon auf einem Drachen gegen Harrenhal gezogen."

„Aye, er hat dieses Geschenk. Nun wir sind da."

Sie waren am Eingang des Zeltes angekommen, wo zwei Wachen standen, während Ned und Bronn hineingingen.

Drinnen saß Tyrion Lannister an einem kleinen Tisch mit vielen Schüsseln darauf, getrockneter Fisch, gebratener Speck, gekochte Eier, Marmelade, Butter und Brot. Der Junge, der den Wein am Abend vorher gebracht hatte, stand neben ihm, bereit alles zu servieren. Wahrscheinlich der Knappe des Zwerges, mutmaßte Ned.

„Lord Stark", sagte Tyrion, ohne aufzustehen, als Ned eintrat, „Willkommen. Bitte setzt Euch und esst. Ihr müsst halb verhungert sein."

Ned schaute den Zwerg an und würde ihn am liebsten immer noch erwürgen. Aber er war umzingelt. Dazu kam, dass er tatsächlich hungrig war und ohne etwas zu essen, hätte er sowieso keine Kraft. Also setzte er sich, während Bronn sich ebenfalls setzte.

„Euer Söldner darf an Eurem Tisch sitzen und mit Euch essen?", fragte Ned überrascht, während er Bronn ansah, der sich ein Brot nahm und ein Stück davon abbrach.

„Bronn ist mehr als ein einfacher Söldner, Lord Stark", antwortete Tyrion.

„Er hat mir erzählt, dass er Euer wertloses Leben im Vale gerettet hat."

„Mehrmals sogar. Mein Vater hat versprochen, ihn zu einem Lord zu machen, wenn der Krieg vorbei ist, dafür, dass er durch die Kanalisation von Harrenhal gekrochen ist und die Burg eingenommen hat."

„Ich würde diese Tatsache gerne vergessen, solange ich esse", sagte Bronn mit einem Mund voller Brot. „Der Gestank war unglaublich."

Tyrion schaute seinen Knappen an, der ihnen allen etwas Wein einschenkte. Ned wollte nicht mit seinem Feind essen, doch er hatte Hunger und er brauchte etwas zu essen, um wenigstens etwas von seinen Kräften wieder zu bekommen. Er nahm sich etwas von dem getrockneten Fisch, legte diesen auf etwas Brot und begann zu essen. Er nippte an seinem Wein, während der Zwerg zu sprechen begann.

„Yoren ist tot", begann er.

„Das habe ich ihm bereits erzählt", sagte Bronn zu Tyrion.

„Ich möchte seinen Körper sehen", sagte Ned zu Tyrion. „Genauso wie alle anderen Körper der toten Rekruten."

Tyrion schaute ihn an. „Warum?"

„Ich bin mit ihnen zusammen gereist. Ich möchte wissen, wie sie gestorben sind."

Tyrion schaute ihn verdächtig an. „Ist das der einzige Grund?"

Ned wusste sofort, dass sie etwas wussten, was er nicht wusste. „Ja", antwortete er und der Zwerg nickte, dippte sein Brot in etwas Bratensoße, nahm einen Bissen und trank etwas Wein.

„Wisst Ihr, Lord Stark", begann Tyrion nach einigen Sekunden. „Bronn meint, dass Ihr mich gestern Abend angelogen habt, als wir geredet haben. Ihr habt Eure Tochter erwähnt, nicht Eure Töchter, als wir darüber sprachen, Jaime gegen sie auszutauschen. Warum?"

„Ich habe mich versprochen." Ein dummer Versprecher wie Ned nun feststellen musste.

„Ich glaube nicht", sagte Tyrion. „Ein Vater vergisst nicht, dass er zwei Töchter hat, vor allem nicht, wenn er weiß, dass sie in King's Landing gefangen sind. War sie mit Euch unterwegs? War sie die, die man Arry nannte? Arya Stark, Eure Tochter?"

„Arya ist in King's Landing", log Ned. „Eure Schwester hat sie und Sansa." Sie wussten es. Irgendwie wussten sie, dass Arya mit ihm unterwegs war, doch er würde es nicht bestätigen.

Der Zwerg lächelte kurz, wurde dann jedoch ernst. „Ja, ich glaubte das und mein Vater glaubt es immer noch, vor allem da Cersei uns bisher nichts Anderes erzählt hat. Aber nun glaube ich, die Wahrheit zu wissen. Ihr seid ein zu ehrlicher Mann um zu lügen, Lord Stark. Es ist so, dass einer der Rekruten nicht tot war. Er erwachte heute früh. Ich habe ihn über letzte Nacht ausgefragt. Er war etwas verwirrt, doch sein Gedächtnis hatte er nicht verloren. Er erzählte, dass Ihr und der Rest auf der Mauer der Feste wart. Er hat uns erzählt, wer mit Euch dort war. Ein Junge, der von allen Arry genannt wurde, weinte und schrie Euch an, mit Euch zu kämpfen, doch Ihr sagtet ihm, er solle weglaufen. Er sagte, Ihr habt einem Jungen namens Gendry gesagt, er solle ihn wegbringen und der Junge sprang mit Arry im Arm von der Mauer. Dieser Junge, Gendry, soll der Bastard gewesen sein, nach dem die Goldröcke suchten. Dieser ist allerdings nicht unter den Toten. Nun warum würdet Ihr Gendry befehlen, einen kleinen Jungen vom Kampf fortzubringen? Es sei denn es war kein kleiner Junge. Es sei denn es war Eure Tochter Arya, die sich als ein kleiner Junge ausgab."

Ned starrte ihn für einen Moment an, dann wusste er, dass er verloren hatte. „Erzählt mir nur, ob sie tot ist oder nicht."

„Nicht", sagte der Zwerg und Ned zog vor Freude scharf die Luft ein, konnte sich aber noch gerade abhalten. „Keiner der Toten ist ein kleiner Junge oder ein Mädchen. Bronn hat eine Falltür auf dem Boden der Scheune gefunden. Sie führt zum See. Es befanden sich viele Fußspuren dort, sowie eine gebrochene Kette. Wer war in Ketten?"

„Die drei Männer, die im Käfig waren."

„Zwei sind tot", sagte Bronn, als er sich ein etwas gebratenen Speck nahm.

„Welche?"

Bronn zuckte mit den Schultern. „Wenn ich das wüsste. Ich hatte Euch gesagt, dass sie komplett verbrannt waren. Sie haben mehr gestunken als die Kanalisation von Harrenhal."

„Aye, aber wie haben sie ausgesehen? Einer von ihnen hatte keine Nase mehr, ein andere war fett und hatte scharfe Zähne und der dritte war aus Ausländer. Er…"

„Die ersten beiden", antwortete Bronn sofort. „Der ohne Nase und der mit den scharfen Zähnen. Dies sind die beiden Toten. Sie liegen außerhalb des Käfigs, aber immer noch in Ketten."

„Sooo", sagte Tyrion, lehnte sich zurück, lächelt und trank etwas von seinem Wein. „Eure Tochter, dieser dritte Gefangene und möglicherweise noch ein bis zwei andere sind entkommen. Ich glaube auch, dass dieser Bastard Gendry, den der König tot sehen will, unter ihnen ist. Nun sind sie zu Fuß unterwegs. Wo würden sie hingehen?"

Nun war es an Ned zu lächeln. „Als würde ich Euch das erzählen, Zwerg. Arya war selbst für die Idioten in King's Landing zu schlau. Zu schlau für Cersei, Varys, die Goldröcke und alle anderen. Sie ist sogar schlauer als Ihr und Euer Vater."

Tyrion seufzte ungeduldig. „Ich halte Euch nicht für einen Idioten, Lord Stark. Ich habe auch nicht vor, Eurer Tochter etwas anzutun. Ich möchte sie nur gegen meinen Bruder austauschen. Euer Sohn wird uns Jaime nicht geben, wenn wir nur Sansa und Euch haben. Er wird auch Arya haben wollen. Was soll ich ihm sagen? Es tut uns leid, aber wir haben sie verloren? Er wird glauben, dass wir sie getötet haben und versuchen, es zu vertuschen. Und um ehrlich zu sein, es gibt schlimmere Gestalten auf den Straßen als Bronn oder mich. Amory Loch plündert, Gregor Clegane ist dort draußen und hinterlässt eine Spur aus Blut, Beric Dondarrion ebenfalls. Dazu kommt eine skrupellose Gruppe aus Söldnern, die von Vargo Hoat angeführt wird, ein Mann aus dem Osten, dem es egal ist, wem er dient und auch Westeros ist ihm egal, solange er gut bezahlt wird."

„Vargo Hoat?", fragte Ned. „Ich habe diesen Namen noch nie gehört."

„Ich habe Gerüchte über ihn im Lannister Camp gehört", begann Bronn. „Er hat eine Ziege als Wappen, hat eine sehr lustige Aussprache, dazu kommen weitere Männer aus dem Osten, die mit ihm reiten und dann noch einiges an Gesindel von hier. Er liebt es, 'Lord' genannt zu werden, sagt man. Er liebt es, seinen Gefangenen die Hände und Füße abzuschneiden. Er ist ein großer Mann und reitet auf einem lustigen Pferd aus dem Osten."

„Ein Zorse", sagte Tyrion. „Schwarz, weiß gestreift. Mein Vater hat ihn angeheuert, ihn und seine Kumpanen, damit sie plündern und Angst verbreiten. Ein Fehler, was mein Vater mittlerweile auch weiß. Diese Gruppe ist skrupellos. Sollte er Eure geliebte Arya zuerst finden, dann werden wir sie nur noch in Stücken finden."

Ned wusste, dass er recht hatte. Sollte Arya auf der Straße unterwegs sein, sich verstecken und versuchen nach Riverrun oder Winterfell zu kommen und dann in die Hände einer dieser Banden gelangen, schlimmstenfalls in die von Hoat, dann würden sie sie, ohne mit der Wimper zu zucken, töten. Sie hatte kurzes Haar, war wie ein Junge gekleidet und sah sogar einem Jungen sehr ähnlich. Auch wenn sie jemandem erzählen würde, dass sie ein Stark aus Winterfell wäre, würde ihr wahrscheinlich keiner glauben.

„Dann helft mir zuerst, sie zu finden", sagte Ned und konnte es nicht glauben, dass er einmal auf den Zwerg angewiesen war, doch er hatte keine andere Wahl.

„Nun, dann wäre das geregelt", sagte Tyrion, wischte sich seine Hände an seiner Kleidung ab und drehte sich zu seinem Knappen um. „Pod, sag den Männern, sie sollen in 20 Minuten bereit sein. Wir müssen ein junges Mädchen finden."

„Traut Ihr Euren Männern?", fragte Ned, nachdem Pod gegangen war.

„Natürlich", antwortete Tyrion.

„Nein, tust du nicht", sagte Bronn, während er weiter aß.

Tyrion seufzte. „Nun, nicht komplett. Warum fragt Ihr?"

„Meine Tochter und ich würden eine Menge Geld einbringen, egal ob einem Eurer Männer, einem Söldner oder diesem Vargo Hoat Typen. Am besten erzählt Ihr nur wenigen, wen wir wirklich suchen."

Tyrion nickte. „Geht klar. Bronn…"

Der Söldner war sofort auf den Beinen, sagte: „Ich sage dem Jungen, dass er nichts sagen soll", und ging hinaus. Ned Stark war nun allein mit dem Zwerg, seine Hände waren frei und es befand sich ein Buttermesser auf dem Tisch.

Er starrte Tyrion Lannister intensiv in die Augen. „Ich könnte Euch auf der Stelle töten."

Tyrion zog eine Augenbraue hoch und für einen kurzen Moment konnte er Angst erkennen, aber dann war dieser Blick sofort verschwunden und Tyrion seufzte tief. „Ich habe Eurem Sohn nichts getan. Ich möchte Eure Töchter retten. Ich möchte diesen Krieg beenden und zurück zu meinen Büchern gehen, meine Huren ficken und mich darüber freuen, dass ich von allen Lords und Ladies nur angefaucht werde. Ich versuche Euch zu helfen, Ihr großer Ochse. Könnt Ihr das nicht erkennen?"

„Alles, was ich sehe, ist ein Lannister", sagte Ned und sein Blut kochte in ihm.

„Der, der am wenigsten ein Lannister ist, wie mein Vater mir immer wieder zu verstehen gibt."

„Trotzdem ein Lannister." Das Messer lag direkt vor ihm. Der Zwerg war klein, schwach und trug keine Rüstung. Alles, was es bräuchte, wäre ein Stich. Dann jedoch kam ihm Arya wieder in den Sinn, dann Sansa und er wusste, dass sie alle zusammen tot sein würden, wenn er das kleine Monster jetzt tötete. Ned atmete tief durch und beruhigte sich etwas. Er konnte ihn nicht töten, nicht hier und schon gar nicht, wenn so viel auf den Spiel stand. Aber tun wollte er es immer noch. Kurz darauf kam der Söldner zurück und Neds Chance war verschwunden, genauso wie die verrückte Idee.

Ned wusste, dass Bronn die Spannung im Zelt spürte, während er von einem zum anderen schaute. „Hat er versucht, dich zu töten?", fragte er Tyrion.

„Er hatte es überlegt", antwortete Tyrion trocken. „Dann jedoch fanden sich gute Gründe, warum er es nicht tun sollte. Aber vielleicht sollte ich in Zukunft nicht mehr mit ihm alleine sein."

„Dem stimme ich zu. Alle machen sich zum Aufbruch bereit. Dieser vermaledeite Captain der Goldröcke möchte unbedingt mitkommen, da er immer noch den Bastard haben will. Königlicher Befehl oder so ein Mist."

Ned knurrte. „Dem Jungen passiert nichts, es sei denn Ihr wollt, dass jeglicher mögliche Frieden mit Robb sich direkt in Luft auflöst."

„Ihr mögt den Jungen, oder?", fragte Tyrion. „Nun, da er der Sohn Eures Freundes Robert ist, ist es tatsächlich nicht sehr überraschend. Ich werde mich mit diesem Idioten befassen."

„Was ist mit Ser Marcus' Männern?", fragte Bronn.

„Das Pack wird uns begleiten. Die Verwundeten werden mit ein paar Männern hier bleiben, die auf sie aufpassen werden. Mögen die Götter sie beschützen, sollten Dondarrions Männer sie finden. Nun wenn es nichts Weiteres mehr gibt…"

„Ser Jason möchte wissen, ob wir nun nach King's Landing aufbrechen", sagte Bronn schnell.

„King's Landing?", fragte Ned Tyrion und merkte, dass er wieder wütend wurde. „Ihr habt gesagt, Euer Vater ist in Harrenhal oder war das eine weitere Lüge?"

„Habt Ihr es noch nicht gehört?", begann Tyrion. „Ich soll die neue Hand des Königs werden."

„Stellvertretende Hand", fügte Bronn hinzu.

„So ist es wohl richtig. Bis der Krieg vorüber ist, möchte mein Vater, dass ich an seiner Stelle die Hand an Joffreys Seite werde. Als ehemalige Hand, würde ich mich über ein paar hilfreiche Hinweise von Euch freuen."

„Ich würde Euch raten, es nicht zu machen, aber vielleicht ist es doch das, was Ihr verdient", antwortete Ned und lächelte leicht. „Der Posten ist verflucht und ich hoffe, dass Euch genauso ein schlechtes Schicksal ereilt wie uns."

„Ihr verachtet mich zutiefst", sagte Tyrion und Ned konnte es nicht verneinen. „Mein Vater war 20 Jahre die Hand eines Königs und ist noch gesund und munter."

„Dann sollte er so weise sein und sein Glück mit einer zweiten Amtsperiode nicht herausfordern. Die Hand arbeitet im Namen des Königs. Doch Joffreys ist kein König, das wisst Ihr genauso gut wie ich. Auch wenn er kein Bastard wäre, wäre er ein kleiner, verrückter Teufel. Ich habe Geschichten über ihn während meiner Zeit in King's Landing gehört. Ich konnte es nicht glauben, dass ein Sohn Roberts so etwas tun könnte. Aber wir wissen nun, dass er kein Sohn von Robert ist. Das Reich sollte so jemanden nicht als Führer haben."

„Möglicherweise nicht", antwortete Tyrion. „Aber er ist nun mal der König und ich werde seine Hand sein, wenn auch nur kurz. Nein, wir werden zuerst Arya suchen, dann nach Harrenhal reisen und danach werde ich mich auf den Weg nach King's Landing machen und mein Teil in diesem Drama ist dann endlich vorbei."

„Nicht solange ich nicht weiß, wer wirklich meinem Sohn wehtun wollte."

Tyrion rollte mit den Augen und schaute Bronn an. „Er wird es nicht fallen lassen, oder?"

„Würdest du es?"

„Nein, wahrscheinlich nicht. Aber ich habe auch keine Kinder, weshalb ich nicht in der Position bin, zu urteilen. Gut, Lord Stark. Wenn der Krieg vorbei ist, bekommt Ihr Eure Gerechtigkeit bzw. werde ich eine Verhandlung einberufen, wo dies verhandelt wird, wobei ich bereits im Vale durch die Götter nicht schuldig gesprochen wurde. Selbst Eure Frau hat dem zugestimmt."

Ned schnaubte verächtlich. „Erspart mir Eure Versprechungen. Wir beide wissen doch, dass kein Lord dieses Landes sich Lord Tywins Ärger einhandeln möchte, indem er gegen Euch eine Verhandlung führt."

„Ich würde da nicht drauf setzen. Mein Vater würde sie wahrscheinlich dafür bezahlen, dass sie es täten. Ich glaube, er hat sogar gehofft, dass ich ehrbar sterbe, damit er mich nicht mehr ansehen muss und ich den Lannister Namen zumindest einmal in Ehre getragen habe. Aber ich habe überlebt, zu seiner Enttäuschung. Aber das Leben geht weiter. Es wird Zeit, dass wir losreiten. Bronn, ich hoffe, wir finden für Lord Stark ein Pferd?"

Ned wurde etwas verlegen. „Ich kann nicht vernünftig reiten. Euer Bruder hatte mir das Bein gebrochen."

„Ah, stimmt. Mein Vater hatte mir davon erzählt. Wenn Jaime sauer wird, dann agiert er zuerst, ohne vorher darüber nachzudenken. Dann, fürchte ich, müsst Ihr mit den Wagen vorlieb nehmen, Lord Stark. Nicht sehr nobel, doch wir werden es Euch so gemütlich wie möglich machen. Ich fände es gut, wenn ich Eurem Wort vertrauen kann, dass Ihr nicht flieht, damit ich keine Wachen für Euch abstellen muss."

Ned schnaubte. „Ihr bringt mich zur Armee meines Sohnes und findet hoffentlich Arya für mich. Warum sollte ich fliehen?"

„Genau das hatte ich mir auch gedacht", antwortete der Zwerg.

„Wo ist der Körper von Yoren?", fragte Ned, da ihm gerade etwas einfiel.

„Dort wo auch die anderen Gefallenen der Nachtwache sind", sagte Bronn. „Da es zu viele sind, werden wir sie verbrennen anstatt zu begraben."

„Noch nicht. Yoren hatte eine Nachricht von der Königin an meinen Sohn bei sich. Vielleicht ist diese noch bei ihm."

„Bronn wird danach sehen… nachdem Lord Stark uns verlassen hat."

Ned trank seinen Becher Wein aus und stand auf. „Ich werde Euch nicht töten, Zwerg. Zumindest jetzt nicht. Nicht, solange meine Kinder noch in Gefahr sind und ich nicht die Wahrheit über den Unfall von Bran weiß."

„Nun, ich danke Euch dafür, Lord Stark", antwortete Tyrion ironisch. „Siehst du Bronn, er ist doch kein schlechter Zeitgenosse."

„Das habe ich auch nie behauptet. Aber wenn Ihr nun fertig seid, Euch selbst zuzuhören, wir haben Arbeit zu erledigen."

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sich Bronn um und wartete darauf, dass Ned das Zelt verließ. Ned musste über die Dreistigkeit des Söldners fast lachen. Die meisten Lords des Landes würden ihm dafür den Kopf abschlagen oder ihn zumindest verbannen, wenn er so mit ihnen reden würde. Aber nicht der Zwerg, der darüber nur lachte, seinen Kopf schüttelte und mehr Wein trank.

Ned drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verließ das Zelt. Er wusste, dass Bronn recht hatte und der Zwerg ihn nur hier bei sich behalten würde, um den ganzen Tag seine eigene, clevere Stimme zu hören. Sie mussten Arya finden. Sie hatte gut zwölf Stunden Vorsprung. Aber auch sie mussten essen und schlafen. Dazu kam, dass sie zu Fuß unterwegs waren. Er betete zu den Göttern, egal ob alt oder neu, dass seine Tochter in Sicherheit sei. Gendry war bei ihr. Er war stark, loyal und würde sie beschützen. Aber er wusste auch wer noch bei ihnen war, Jaqen H'ghar, der Mörder. Ned wusste nicht, ob er mit ihnen gehen würde oder sich alleine durchschlagen würde.

„Zeig mir Yoren und die anderen beiden Leichen aus dem Käfig", sagte er zu Bronn.

„Hier lang", antwortete Bronn und sie gingen in Richtung der Burg. Überall um sie herum machten sich die Soldaten bereit weiter zu marschieren. Zelte wurden abgebaut, Männer kamen aus den Häusern, Diener machten die Feuer aus und sammelten die Vorräte ein. Eine Gruppe Pferde und Esel stand in der Nähe und Ned erkannte sie als die Tiere, die mit ihnen gemeinsam gereist waren. Wenigstens war jemand schlau genug sie freizulassen, als die Scheune angefangen hatte zu brennen. Das Tor der Burg war zerstört und Ned sah einige Männer der Lannisters dabei zu, die Gefallenen einzusammeln und sie auf einen großen Haufen vor dem Tor zu werfen. Yoren wurde gerade von zweien an ihnen vorbei getragen.

„Das ist Yoren", sagte er zu Bronn.

„Stopp!", schrie Bronn zu ihnen und rannte auf sie zu, Ned folgte ihm langsam. „Legt ihn für einen Moment hin."

Sie legten ihn auf den Boden und der eine spuckte auf ihn. „Verdammte Krähe! Er hat fünf unserer Männer getötet!"

Ned schaute ihn hart an. „Nur weil ihr versucht habt, ihn zu töten." Der Mann schaute so aus, als wollte er etwas sagen, entschied sich dann jedoch anders und sie drehten sich um.

Ned kniete sich hin und schaute sich den Körper an. Auf den ersten Blick sah er fünf Schwertwunden in seinem Bauch und wusste, dass es auf der Rückseite noch mehr davon gab. Er begann die blutdurchtränkte Kleidung zu durchsuchen, fand aber nur ein paar Kupferstücke und einen Silberhirschen. Er gab sie Bronn und der Söldner steckte sie ein.

„Die Rolle muss wohl auf dem Wagen bei seinen Sachen sein", sagte Ned.

„Die Wagen sind alle verbrannt."

„Zeigt sie mir."

Sie gingen in die Burg hinein und auf dem Boden konnten sie Blutlachen sehen, dort, wo die Männer gestorben waren. Er überlegte, ob Arya mit Nadel jemanden getötet hatte, verwarf dann aber diesen Gedanken. Er wollte nicht, dass seine kleine Tochter Menschen tötete. Was Männer taten, kleine Mädchen sollten mit Puppen und Welpen spielen und nicht mit Schwertern und Schattenwölfen. Aber Arya war aus dem Norden und das Leben dort war hart. Es ist immer besser auf alles vorbereitet zu sein und nicht hilflos zu sterben. Der Winter nahte. Vielleicht war er sogar schon hier.

Die Scheune qualmte immer noch und das Dach war nicht mehr vorhanden. Die beiden verbrannten Körper von Rorge und Biter lagen beim Rest des Käfigs der noch übrig war.

„Wenn die Rolle in den Wagen war, dann ist sie definitiv verbrannt", sagte Bronn erneut. Doch Ned wusste es längst. Er schaute herunter auf die beiden Körper, überall verkohlt und deformiert, wo das Feuer sie erwischt hatte. Er konnte keine Wunden erkennen. Dann schaute er jedoch genauer hin und konnte Blutflecken unter Biters Nacken erkennen. Jemand hatte sie zuerst getötet bevor sie verbrannten. Vielleicht war es eine Gnade, aber er war sich sicher, dass die beiden, in welcher Hölle sie nun schmorten, richtig beurteilt wurden.

Als nächsten liefen sie um die Burg herum, hinunter zum See, wo Bronn ihm die Fußabdrücke zeigte. Ned kniete sich erneut hin und begutachtete sie. Nach einem kurzen Moment stand er wieder auf.

„Es sind vier bis fünf Personen, die sich an der Küste in Richtung Osten bewegen."

„Aye. Es sieht so aus, als würden wir auch diesen Weg nehmen. Östlich um den See herum und dann Nordwerts nach Harrenhal."

„Ist Tywin Lannister wirklich dort?"

„Er hat nicht gelogen."

„Würdet Ihr mir es sagen, wenn er es getan hätte?"

„Nein", grinste Bronn. „Momentan gefällt mir das Leben mit Lord Zwerg."

„Und wenn der Tag kommt, an dem es nicht mehr so ist?"

Bronn zuckte mit den Schultern. „Sollte dieser Tag kommen, dann suche ich mir einen neuen Lord, nenne ihm einen Preis und wenn er es bezahlt, dann gehört mein Schwert ihm."

„Aye. Aber die Lannisters haben Euch eine Lordschaft angeboten."

Bronn verzog das Gesicht und lachte kurz. „Versprechen heißen gar nichts, solange sie nicht eingelöst sind. Nun kommt."

Sie gingen zurück zur Burg und Ned sah den Rekruten, der überlebt hatte, wie er half die toten Körper zu bewegen. Ned kannte seinen Namen nicht, erinnerte sich aber an ihn. Er war ungefähr so alt wie Gendry, hatte langes Haar und eine große Narbe auf seiner Wange. Jetzt hatte er dazu noch einen Bruch an der linken Schädelseite nahe dem Auge.

„Lord Stark", sagte der Mann und neigte kurz das Haupt.

„Morgen. Hast du gegessen?"

„Ja, Milord. Es… Es tut mir leid. Ich habe diesen Leuten diese Dinge über Euch und… und den Jungen, Arry, erzählt. Über Gendry auch. Ich war so verwirrt… mein Kopf."

„Mach dir keine Sorgen", sagte Ned und schaute dann zu Bronn. „Was passiert mit ihm?"

„Der Lord Zwerg hat gesagt, dass er machen kann, was er möchte, dass er aber nicht mit uns kommen kann. Er verbraucht nur unser Essen und er ist niemand, den er kennt und dem er vertraut."

Ned schaute den Mann an. „Möchtest du immer noch nach Norden, um dich der Nachtwache anzuschließen?"

„Ich habe zwar einen Schlag auf den Kopf bekommen, verrückt bin ich jedoch nicht. Ich würde nicht nach Norden gehen."

Ned musste grinsen. „Wo kommst du her?"

„King's Landing."

„Geh nicht dorthin zurück. Du würdest nur wieder im Kerker landen. Was hast du getan?"

„Ich war in einer Taverne und es gab einen Streit beim Glücksspiel. Jemand hat gegen mich und meine Freunde geschummelt. Wir haben ihn dafür fast getötet."

„Ihr habt es aber nicht getan und das ist schon mal gut. Kannst du irgendwo hin?"

„Vielleicht… Ich habe Familie im Reach."

„Viel sicherer", sagte Bronn. „Dort ist bisher noch kein Krieg. Jedoch ist es ein weiter Weg dorthin."

„Guter Einwand", sagte Ned. Er schaut zu den Eseln hinüber. „Sag Tyrion, er soll ihm einen der Esel und etwas zu essen geben. Die Esel stammen aus unserer Gruppe und ich glaube, er kann etwas Brot und Fisch abgeben und es verkraften." So sollte es geschehen und kurz darauf befand sich der Mann auf dem Weg in Richtung Süden auf einem Esel und mit einem kleinen Sack Nahrung.

Fünfzehn Minuten später saß Ned in einem Wagen der Mehl und Hafer geladen hatte, genauso wie die Diener in den anderen Wagen. Die meisten waren normales Volk, außer einer dunkelhaarigen Schönheit. Wahrscheinlich eine Hure eines Ritters. Aber so war es nun mal wenn Armeen unterwegs waren. Vielleicht war sie sogar die Hure des Zwerges. Ned wusste, dass der Zwerg seine Huren liebte. Die Huren in Winterfell haben einiges an ihm verdient, als er dort zu Besuch war. Aber vielleicht war sie auch einfach nur eine Dienerin.

Ganz am Anfang der Kolonne sah er den Zwerg in seiner Rüstung aus seinem Pferd sitzen und mit Bronn und einem großen Mann in Lannisterfarben reden, der wahrscheinlich Ser Jason war. Fünf Männer der Hügelvölker waren auch vorne bei ihm. Wahrscheinlich die Häuptlinge der Stämme. Ned hatte einiges über die Hügelvölker gelernt, als er noch ein Ziehsohn von Jon Arryn gewesen war. Sie waren ein grausames Volk, jedoch undiszipliniert, stritten sich über die Beute und würden jeden Mann töten, der ihnen in die Quere kam.

Nachdem das kleine Treffen beendet war, kamen der Offizier der Goldröcke und seine drei überlebenden Männer nach vorne. Sie stritten sich über etwas und gestikulierten wild, bis sie plötzlich den Zwerg schreien hörten und zwar alle.

„Ihr werdet Eure Männer nehmen und nach King's Landing zurückkehren oder ich töte Euch hier auf der Stelle!"

„Der König wird davon hören!", schrie der Offizier zurück.

„Gut!", schrie Tyrion noch lauter. „Nun geht, bevor ich meine Wildmänner Euch die Schwänze abschneiden lasse, bevor ich Euch hänge!"

Der Offizier knurrte, drehte sein Pferd herum und ritten so schnell sie konnten in Richtung Südosten.

Nach dem Intermezzo war nun nur noch eine Sache zu erledigen. Zwei Soldaten gingen auf den Körperhaufen vor der Burg zu. Drum herum hatten sie Gestrüpp verteilt. Einer der Männer nahm einen großen Krug und schüttete etwas über das Holz. Kochendes Öl, vermutete Ned. Der zweite Mann nahm eine entzündete Fackel, ließ es auf das Holz fallen und bald brannte es lichterloh. Auf Wiedersehen, Yoren, sagte Ned zu sich selbst. Danke, dass du das Leben meiner Tochter gerettet hast. Kurz danach, brachen sie in Richtung Osten auf.

Sie kamen den ersten Tag sehr gut voran, doch war weit und breit nichts von Arya oder den anderen zu sehen. Sie wandten sich Richtung Nordost, nachdem sie den südlichsten Zipfel des Götterauges passiert hatten. Es gab keine Straße, doch das Land war sehr flach und nur wenig besiedelt. Die Farmen, die hier standen, waren verlassen und es gab ein paar Spuren, durch die sie besser vorwärts kamen. Sie kamen auch an ein paar verlassenen und ausgebrannten Dörfern vorbei, hielten jedoch nicht an und drehten bald nach Norden ab. Am späten Nachmittag machen sie an einem kleinen Fluss Rast.

Abends fragte der Zwerg Ned, ob er mit ihm zu Abend essen würde und Ned nahm widerstrebend an. Der Zwerg trank und sprach viel. Ned hörte viele Geschichten über die Mauer, Jon und Yoren sowie über seinen Bruder Benjen. Auch die Geschichten, die er bereits von Bronn erzählt bekommen hatte, über Cat in der Herberge, war dabei. Der Zwerg und der Söldner erzählten immer mehr von ihren Geschichten, was auf dem Weg ins Vale passiert war. Auch behaupteten sie, dass sie Cats Leben auf dem Weg dorthin gerettet hatten. Es war zumindest das, was sie behaupteten. Der Zwerg berichtete auch über die Himmelszellen auf der Eyrie und wie sie jeden noch so starken Mann in den Wahnsinn trieben und ihn springen lassen wollten. Ned sprach und trank kaum, aß so viel er konnte und verschwand sobald es ging. Der Knappe des Zwerges brachte ihn zu einem Zelt, wo er auf einer mit Stroh gefüllten Matratze schlafen konnte. Sie war zumindest bequemer als die Säcke im Wagen.

Am nächsten Tag begann es stark zu regnen, als sie sich aufmachten und bald darauf waren sie alle klatschnass. Der Zwerg beharrte jedoch darauf, dass sie weiter ritten. Dies ging bis in den Nachmittag gut. Doch dann regnete es immer heftiger und nachdem einer der Wagen zum vierten Mal im Schlamm stecken blieb, merkte auch er, dass es keinen Sinn mehr machte und sie hielten nahe eines kleinen Waldes. Den steckengeblieben Wagen ließen sie dort, wo er war und luden nur alles herunter, was dieser transportiert hatte. Der Zwerg bestand darauf, dass Ned sich in seinem Zelt aufhielt und dort trocknen konnte, wo eine Schale mit Holzkohle brannte. Es war sehr warm und Ned konnte richtig den Wasserdampf von seiner Kleidung aufsteigen sehen.

Tyrion saß auf seinem Bett und trocknete sich die Füße ab, während sein Knappe ihnen etwas Wein eingoss. Genau in diesem Moment trat Bronn in das Zelt. Ein Blitz schnellte über den dunklen Nachmittagshimmel und Donner folgte ihm. „Die Götter führen Krieg gegeneinander", sagte Ned automatisch. Es war eine Geschichte, die ihm seine Mutter erzählt hatte, als er noch ein kleiner Junge war und Angst vor Gewittern gehabt hatte.

„Aye", sagte Bronn und schaute dann zu Tyrion. „Einer von Ser Jasons' Kundschaftern ist gerade zurückgekehrt. Er sagt, dass ein kleines Dorf etwa zwei Meilen entfernt ist. Es sieht verlassen aus, aber es ist noch nicht niedergebrannt."

„Wenn der Regen aufhören würde, würde ich sofort aufbrechen und wir könnten die Nacht dort verbringen", sagte Tyrion seufzend. „Aber wir können die Wagen und unsere Vorräte nicht zurücklassen. Es ist noch ein weiter Weg bis nach Harrenhal und wir haben viele Münder zu stopfen. Sag Ser Jason, dass wir warten müssen, bis das Wetter sich bessert und wir den Wagen wieder aus dem Schlamm ziehen können."

„Sollte es bis morgen nicht aufgehört haben zu regnen, könntet Ihr die Vorräte auf die anderen Wagen neu verteilen und dann weiterziehen", wandte Ned ein. Er machte sich Sorgen um Arya und jeder Tag, den sie verloren, machte es nicht besser.

„Eine gute Idee", antwortete der Zwerg.

Ned verließ sie kurz danach. Der Zwerg hatte ihn zwar noch auf ein paar Drinks eingeladen, doch Ned behauptete einfach, er sei müde und brauche Schlaf. Ned hatte keine Lust wieder stundenlang den Ausführungen des Zwerges, der einen zu Tode reden konnte, zuzuhören. Ned fand sein Zelt bereits unter ein paar Zelten vorbereitet und schlüpfte hinein. Der Boden war nass und seine Matratze war es auch, aber es störte ihn nicht. Er streckte sich aus und war schnell eingedöst.

Wie viel Zeit vergangen war, konnte Ned nicht sagen, als er wieder aufwachte. Es war noch dunkel draußen und still. Der Regen hatte aufgehört, aber die Luft war nass und dick. Ned setzte sich auf und bemerkte nun, dass er nicht allein im Zelt war.

„Nicht schreien", flüsterte eine Stimme mit ungewöhnlichem Akzent ihm zu. „Dieser Mann ist nicht hier, um Euch etwas anzutun, Eddard Stark."

„Wenn Ihr mich hättet töten wollen, dann wäre ich bereits tot", sagte Ned zu dem Mann. Er wusste, wer er war und hatte auch keine Angst vor ihm. „Jaqen H'ghar?"

„Ja."

„Wo ist Arya?", fragte Ned leise.

„In der Nähe und sicher, gemeinsam mit dem Bäckersjungen, dem Jungen mit Grünen Händen und dem Bullen."

„Dem Bullen… achso, Gendry."

„Ja. Kommt. Wir müssen gehen. Dieser Mann hat Arya Stark versprochen, Euch zu befreien und ich möchte von diesem Schwur befreit sein."

Ned sträubte sich und entschied sich dazu es ihm zu erzählen. „Tyrion Lannister hat hier das Sagen. Er bringt mich nach Harrenhal zu seinem Vater, damit endlich wieder Frieden herrschen kann. Arya, meine andere Tochter und ich sollen gegen seinen Bruder ausgetauscht werden. Die Armee meines Sohnes hat diesen gefangen genommen. Ich möchte, dass Ihr zu Arya zurückkehrt, ihr dies alles erzählt und sie bittet, sich zu ergeben und morgen früh hierher zu kommen. Ich werde gemeinsam mit Tyrion auf sie warten. Die anderen können sie begleiten oder dorthin gehen, wo sie wollen. Danach, könnt Ihr gehen, wohin Ihr wollt. Ich werde Euch nicht verraten. Ich danke Euch dafür, dass Ihr meiner Tochter geholfen habt."

„Diese Nachricht muss Arya von Euch erfahren", sagte Jaqen in der Dunkelheit. „Das Mädchen wird diesem Mann nicht glauben."

„In Ordnung, zeigt mir den Weg."

Jaqen öffnete das Zelt und schlüpfte leise hinaus. Im Camp war es ruhig. Die einzigen Geräusche kamen von den Wassertropfen, die vom Baum fielen und den Grillen die im Gras zirpten. Ned folgte ihm und stoppte dann, wenn Jaqen stoppte. Einer der Wachen stand an einem Baum und pisste. Jaqen ging vorsichtig von Baum zu Baum weiter und Ned folgte ihm, so gut er konnte. Sein Bein machte ihm immer noch Probleme und verlangsamte ihn. Nach fünf Minuten waren sie an allen Wachen vorbei und folgten einer Tierspur in das Gehölz. Kurz darauf kamen sie auf eine Lichtung. Der Mond war hinter den Wolken hervorgekommen und gemeinsam mit dem Roten Streifen erzeugten sie genug Licht, damit sie gut vorankamen. Endlich konnte Ned zu Jaqen aufschließen.

„Wie habt Ihr mich gefunden?"

„Diesen Mann zu finden war einfach. Eine große Gruppe ist immer einfach zu finden."

„Aber mein Zelt, du…"

„Dieser Mann hatte sich in den Bäumen versteckt und die Lannisters beobachtet, wie sie das Camp aufbauten. Dieser Mann hat gewartet, bis Eddard Stark alleine war."

Er musste nass bis auf die Knochen gewesen sein, wenn er in einem Baum gewartet hatte. Sie liefen nun weiter ohne zu sprechen. „Hat Arya Euch befreit? Helft Ihr mir deshalb?"

„Ja. Ein Mann muss seine Schuld begleichen, oder der Rote Gott wäre sehr sauer. Das Mädchen hat diesem Mann das Versprechen abgenommen, Euch zu helfen, sollte sie ihn aus dem Käfig befreien. Der starke Bulle hat das Schloss zerstört und dann die Ketten mit seinem Hammer zerschlagen. Im Dorf hat er dann eine Schmiede gefunden und die Ringe von den Armen des Mannes hier entfernt."

„Wer hat die anderen beiden getötet? Rorge und Biter."

„Dieser Mann."

„Gut."

„Eddard Stark, habt Ihr wirklich geglaubt, Eure Tochter hat die beiden getötet?"

„Ja, das habe ich."

„Hat das Mädchen vorher getötet?"

Ned sträubte sich zuerst, sprach dann aber doch. „Ja, einen Jungen in King's Landing, der versucht hatte, sie aufzuhalten, als sie geflohen war."

„Dazu kommen zwei Männer in der Burg. Vielleicht sogar mehr. Der Bulle hat sie zwei Männer töten sehen und es diesem Mann erzählt, während sie schlief. Arya hat ihm das Leben gerettet."

Ned sagte nichts. Meine Tochter, dachte er traurig, eine Mörderin. Nun bemerkte er, was seine Fehler aus seiner Familie gemacht hatten.

„Wer seid Ihr?", fragte Ned nach langem Schweigen, als sie über ein Feld liefen.

„Dieser Mann ist Jaqen H'ghar. Eddard Stark, Ihr wisst dies bereits."

„Yoren sagte, Ihr seid ein Mörder."

„Ja, Yoren hat nicht gelogen. Dieser Mann hat bereits getötet. Viele Male."

„Warum?"

„Ihr habt viele Fragen, Eddard Stark, die dieser Mann nicht beantworten kann."

„Beantwortet mir eine. Warum helft Ihr Arya und mir?"

„Dieser Mann schuldet ein…"

„Einen Schwur, ich weiß. Aber die meisten Männer würden auch wegrennen, nachdem sie aus dem Käfig befreit wurde. Ihr jedoch nicht."

„Die meisten Männer haben aber auch keine Ehre. Dieser Mann hat sie."

Ein Mörder mit Ehre. Vielleicht gab es sie wirklich, doch Ned kannte keine, zumindest keine Mörder. Mörder töteten aus vielen Gründen. Rache, Liebe oder Gold waren die Hauptgründe. Doch Ned hatte in seiner Zeit als Lord von Winterfell viele Geschichten gehört. Geschichten von Männern und Frauen, die getötet hatten und ihre Gründe vor ihm darlegen mussten, damit er sie verurteilen konnte. In manchen Fällen waren es gute Gründe, aber Mord war nun mal Mord, wie Yoren sagte, und egal, was der Grund dafür war, es war eine Straftat. Ned verurteilte sie meistens zum Tode, schlug ihnen den Kopf mit Ice, seinem Valyrischem Stahlschwert ab, wie es im Norden Sitte war. Manche schickte er auch zur Mauer, aber nicht viele.

Nach weiteren zehn Minuten Fußmarsch kamen sie zu einem kleinen Strom, der in das Götterauge floss. Der Strom war sehr stark, da es ja den ganzen Tag geregnet hatte. Sie liefen vorsichtig durch den Strom, der ihnen bis zur Taille reichte. Einmal wäre Ned fast ausgerutscht, da ihn sein verletztes Bein nicht tragen konnte, doch Jaqen fing ihn rechtzeitig auf und verhinderte, dass er ertrank. Auf der anderen Seite erhob sich ein kleiner Hügel auf ein dem ein Weizenfeld war. Jaqen nahm sich ein paar Ähren und Ned tat es ihm gleich. Zwanzig Minuten später erreichten sie die Gärten eines kleinen Dorfes. Aus den Fenstern kam kein Licht und aus den Schornsteinen stieg kein Rauch auf. Sie gingen auf das große Haus zu. Als sie sich dem Haus näherten wurden Jaqen still und Ned stoppte neben ihm. Sie hörten in die Stille hinein und dann begann Jaqen zu lächeln und kurz danach hörte Ned auch, was ihm zum Lachen brachte. Jemand schnarchte.

Einen Augenblick später erreichten sie den Bäckerjungen, Hot Pie, der auf dem Boden außerhalb des Hauses eingeschlafen war. Jaqen knuffte ihm ins Bein, der Junge gab einen kleinen Schrei von sich und beeilte sich auf die Beine zu kommen.

„Ich ergebe mich!", schrie Hot Pie und sofort flog die Tür des Hauses auf. Im Mondlicht konnte Ned erkennen, wie drei Menschen herausrannten. Gendry mit seinem Helm und seinem Hammer in der rechten Hand, Arya mit Nadel in der Hand sowie der Junge mit den blonden Haare, Lommy, welcher ein Messer trug. Sie alle blieben wie angewurzelt stehen, Arya steckte Nadel wieder ein und war sich in die Arme ihres Vaters und das ganze Korn, das er gesammelt hatte, viel auf den Boden. Er umarmte sie fest und sie schaute ihn von unten herauf an.

„Ich wusste, dass Jaqen dich finden würde."

„Die Schuld dieses Mannes ist beglichen", sagte Jaqen zu ihr. „Der Vaters des Mädchens ist frei."

Arya schaute ihn an, kaute dabei auf der Zunge, wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte und nickte dann. „Ja, er ist frei. Die Schuld eines Mannes ist beglichen."

„Lasst uns reingehen. Ich habe einiges zu erzählen", sagte Ned zu ihnen. Sie gingen alle hinein. Drinnen war es dunkel, bis auf etwas Glut, die in einem Ofen vor sich hin waberte. Gendry zündete daran eine Kerze an, stellte diese auf den Tisch und bald waren sie in schummriges Licht gehüllt. Ned schaute sich kurz um. Das Haus hatte einen großen Hauptraum mit einer kleinen Küche. In diesem Raum gab es noch zwei Türen, die wohl zu zwei kleineren Räumen führten. Über der Feuerstelle hing ein Kessel und es gab einen Tisch mit drei Stühlen. An den Wänden hingen ein paar Bilder und in der Küche gab es Teller, Schüsseln und Gläser, dazu eine Schüssel und einen Eimer voll mit Wasser. Dazu lag etwas Brot auf einer Platte auf dem Tisch.

„Unser Abendbrot", beschwerte sich Hot Pie. Dann lächelte er. „Doch nun haben wir Korn." Er und Lommy hatten das Korn, welches Ned hatte fallen lassen, aufgehoben und es auf den Tisch gelegt und Jaqen legte seine Ration gerade dazu.

„Wir kochen später", sagte Ned während er sich setzte und schaute dann zu seiner Tochter, die sich neben ihn setzte. „Arya hör mir zu. Tyrion Lannister, erinnerst du dich an ihn?"

„Der Zwerg?"

„Aye, der Zwerg", antwortete Ned und erzählte ihnen schnell seine Geschichten. „Also, wir werden alle gegen den Königsmörder ausgetauscht und dann können wir heimgehen."

„Nach Hause", sagte Arya und seufzte. Dann schaut sie zu den anderen drei Jungen im Zimmer. „Ich… ich denke, ihr könnt mitkommen, wenn ihr wollt. Mein Vater wird für euch einen Platz in Winterfell finden."

„Das werde ich", sagte Ned und schaute die Jungen an. „Ich stehe in eurer Schuld, dafür, dass ihr Arya geholfen habt."

„Was ist mit der Nachtwache?", fragte Gendry.

„Yoren ist tot."

„Das wissen wir", sagte Lommy. „Arry hat es gesehen."

Ned schaute sie an und sie hatte einen traurigen Blick in ihrem Gesicht. „Aye. Er war ein guter Mann und wegen der Nachtwache: Ihr habt noch nicht eure Eide abgelegt. In Winterfell ist es zwar kalt, aber nicht so kalt wie an der Mauer."

„Ich werde mit nach Winterfell kommen und Euch dienen, Milord", sagte Hot Pie sofort.

„Ich hoffe, du bist ein besserer Bäcker als ein Wächter, mein Junge", sagte Ned und alle lachten.

„Ich werde auch mit Euch kommen, Milord", sagte Lommy.

„Solltest du etwas stehlen, hacke ich dir deine grünen Hände ab", sagte Ned ernst.

Lommys Augen wurden groß. „Ich werde nie wieder etwas stehlen."

„Sehr gut. Gendry?"

„Es gibt keinen anderen Ort, an den ich gehen könnte, Milord."

„Aye", sagte Ned und nickte. Dann hatte er eine Entscheidung getroffen. „Wir werden die Nacht hier verbringen. Morgen früh gehen wir rüber und treffen den Zwerg, bevor er bemerkt, dass ich überhaupt weg bin." Er bemerkte sofort, dass Gendrys Augen sich vor Angst weiteten. „Gendry, der Zwerg hat die Goldröcke fortgeschickt. Ser Marcus ist tot und der Zwerg hat den Rest seiner Männer gut im Griff."

„Können wir ihm trauen?"

„Nein", sagte Ned ernst. „Aber er ist die einzige Chance, die wir haben, um sicher zu unserer Familie zurückzukehren. Ich werde den ersten Lannister töten, der auch nur einen Hand an euch legt. Also macht euch keine Sorgen."

Dann bemerkte er, dass Arya erneut auf ihren Lippen kaute. „Aber… was ist mit der Mauer. Deinem Schwur?"

„Ich habe dir doch erklärt, dass ein Schwur, den Mann mit einem Schwert an der Kehle macht, nichts wert ist und die Götter ihn für nichtig erklären."

„Die Königin könnte darüber sehr wütend sein."

„Sie können mich mal, sie und ihr Bastard Sohn, der falsche König. Sie können ja nach Winterfell kommen und versuchen, mich zur Mauer zu schleppen." Sie alle schauten ihn überrascht an und lachten dann. Arya lächelte wieder und Ned beruhigte sich.

„Sehr gut. Nun Jaqen was ist mit…" Sie drehte sich zu ihm, doch er war verschwunden. „Jaqen?" Er war nicht mehr im Haus.

„Er ist gegangen, Arya", sagte Gendry nachdem er nach draußen geschaut hatte. „Du wusstest, er würde gehen, sobald er deinen Vater gefunden hatte."

„Aber er hat sich nicht einmal verabschiedet", sagte Arya säuerlich und traurig.

„Er ist ein gesuchter Mann", erklärte Ned ihr. „Er hat alles getan, um seine Schuld bei dir zu beglichen. Lass ihn gehen wohin er will."

Sie nickte leicht. „Gut", sagte er und hoffte, dass sie Jaqen zum letzten Mal gesehen hatten. Er wollte nicht, dass seine Tochter sich mit Mördern abgibt, egal ob sie ihr halfen oder nicht.

Ned schickte sie an die Arbeit, Feuer machen und Wasser für den Kessel holen. Sie verschlossen die beiden Fenster des Hauses mit Tüchern, damit man das Licht nicht von außen sehen konnte und bald hatten sie es warm und das Korn kochte in Kessel über dem Feuer.

Dann saßen sie gemeinsam, Arya, Gendry und Ned am Tisch und Lommy und Hot Pie auf dem Boden und erzählten sich ihre Geschichten. Sie erzählten von dem Kampf, der Flucht, dass sie das verlassene Dorf gefunden hatten und zu ihrem Glück noch etwas zu essen zurückgelassen worden war. Dann hatte Jaqen sich daran gemacht ihn zu finden.

„Wir dachten schon, er hätte uns hier einfach zurück gelassen", erzählte Arya. „Wir wollten noch bis zum Morgen warten und dann weitergehen."

„Gut, dass wir es nicht gemacht haben", kommentierte Hot Pie, während er im Korn rührte.

„Aye, Jaqen hat sein Versprechen gehalten. Egal, was er sonst ist, er hatte zumindest Ehre." Er schaute Arya an. „Wusste er, wer du bist oder hast du es ihm erzählt?"

„Er wusste es, Milord", sagte Gendry zuerst. „Keine Ahnung wie, er nannte sie Arya Stark direkt am ersten Morgen. Hat den anderen beiden einen gehörigen Schrecken eingejagt."

„Dachte, sie wäre ein Junge", sagte Lommy von seiner Position aus. „Keine Lady."

Arya knurrte. „Ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht so nennen."

„Aye, das sollte ihr wirklich", sagt Ned schnell. „Ihr werdet sich nur Arry rufen und weiter so tun, als wäre sie ein Junge. Mit dem Zwerg reiten auch Leute, die uns sofort für einen Beutel mit Silber gefangen nehmen würden und den Rest töten. Der Wichtel braucht uns, um seinen Bruder zu befreien, weswegen er uns beschützt, aber er ist nur ein Mann."

„Ein kleiner Mann", sagte Arya grinsend.

„Was ist ein Wichtel?", fragte Hot Pie.

„Ein Zwerg", antwortete Gendry. „Ich habe ihn ein paar Mal in King's Landing gesehen. Er läuft watschelnd durch die Gegend und er hält seinen Kopf so hoch, dass man meinen könnte, er wäre selber König. Er ist stolz, sagen die Leute und lachen dann hinter seinem Rücken über ihn."

Ned nickte. „Aye, das tun sie. Aber sie kennen ihn nicht so, wie ich ihn kenne. Er ist ein skrupelloser Mann, wie alle Lannisters. Unterschätzt ihn wegen seiner Größe nicht. Wenn er euch etwas fragt, antwortet schnell, ehrlich und nennt ihn 'Milord'." Er schaute Gendry an. „Er weiß, wer du bist. Also lüge ihn bitte nicht an."

Arya schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wer ist er?", fragte sie frustriert, dass ihr niemand etwas erzählte.

„Ich habe dir gesagt, dass du es sein lassen sollst", sagte Ned in einem tadelnden Ton.

„Er ist ein Bastard", sagte Lommy. „Wir sind Weisen. Das ist alles."

„Nein", sagte Hot Pie zu Lommy. „Die Goldröcke und der Ritter wollte ihn gefangen nehmen. Er muss etwas Besonderes sein."

„Ich habe euch zwei doch gesagt, ihr sollt darüber nicht reden", knurrte Gendry. Sein Bart begann langsam zu wachsen, zwar noch nicht so lang wie der seines Vaters, aber schon dunkel und er wurde seinem Vater immer ähnlicher, bemerkte Ned. Und das machte ihn grimmiger.

„Lasst es gut sein", sagte Ned und schaute dabei Arya starr an, bis sie seufzte und nickte.

Bald darauf war das Korn fertig und sie konnten endlich etwas essen. Sie fanden ein paar gemütliche Ecken, wo sie sich hinlegen konnte und waren bald alle, bis auf Ned, eingeschlafen. Dieser saß die ganze Nacht an der Tür, mit Nadel in seiner Hand und hielt Wache. Es war ein gutes, kleines Schwert, welches ihr Leben gerettet hatte. Er würde Mikken dafür danken, wenn sie wieder in Winterfell waren.

Als es langsam dämmerte, weckte Ned sie und sie aßen gemeinsam den Rest des Korns, erleichterten sich und wuschen sich. Ned lugte hinter den Vorhängen nach draußen und sah, dass es sehr nebelig war und er nicht weit blicken konnte.

„Los, lasst uns gehen, bevor wir den Wichtel schreien hören können und zwar vom Arbor bis zur Mauer."

Er trat nach draußen auf die Straße und der Rest folgte ihm. Der Nebel löste sich langsam auf, doch er konnte immer noch nicht weiter als ein Haus sehen. Ned versuchte sich zu erinnern, woher sie die Nacht vorher gekommen waren. Während sie auf der Straße standen, hörten sie das Klackern eines Hufes.

„Ein Pferd", flüsterte Arya.

„Ruhe!", befahl Ned. Sie alle zogen ihre Waffen außer Ned, der leider keines hatte. Er fluchte leise vor sich hin. Dann zog Lommy ein langes Messer aus seinem Schuh und reichte es ihm.

Die Geräusche näherten sich weiter und dann tauchte eine monströse Gestalt auf einem Pferd aus dem Nebel auf. Auf dem Pferd saß der komischste Mann, den sie je gesehen hatten. Er hatte sehr braune Haut, trug nur Leder und hatte langes geflochtenes Haar mit vielen kleinen Glocken darin. In seine Hand trug er ein langes gebogenes Schwert.

„Ein Dothraki", sagte Ned leise. Plötzlich begann der Wind stärker zu wehen und als er den Nebel fortblies, kamen mehr gestalten aus dem Nebel herausgeritten. Alle auf einem Pferd und ein Mischmasch von Menschen aus dem Osten und Westen. Ein großer Mann mit einem langen ruppigen Bart ritt langsam auf sie zu, bis er neben dem Dothraki stand.

„Sieben Höllen", sagte Lommy leise.

„Was haben wir denn hier?", fragte der große Mann. Er war dünn und hatte eine Art Kette um seinen Hals. An seinem Sattel hing ein Helm, der die Form einer Ziege hatte. Hinter ihm waren noch mehr Männer, die ihre Waffen gezogen hatten. Einer von ihnen trug ein Banner mit einer Ziege darauf.

Ned wusste sofort, wer sie waren. Die Brave Companions. Dies musste Vargo Hoat sein. Er hatte nur eine Möglichkeit, sie zu retten. „Ich bin Eddard Stark, Lord von Winterfell. Ich wäre
dankbar, wenn Ihr uns zu Tyrion Lannisters Camp bringen würdet, das ein paar Meilen südlich von hier liegt. Ihr seid Ergebene seines Vaters oder, Lord Hoat?"

„Ich und meine Männer sind von Lord Tywin Lannithter angeheuert", sagte der große Mann und sabberte, während er sprach. „Ich weith, wer Ihr theid, Lord Thtark. Ihr thagt, dass Tyrion Lannithter in der Nähe itht?"

„Aye."

„Altho gut. Wir werden Euch zu theinem Camp bringen. Nehmt Lord Thtark in Gewahrtham, tut ihm nichth", sagte er und schaute dabei seine Männer an.

Der Dothraki neben ihm sprach in an, in seiner Sprache, doch mit einem sehr komischen Akzent. „Was ist mit den Jungen?"

„Tötet sie alle", befahl Hoat.