Kapitel 3: Ich bin nur, was du mir gibst (Teil 2)
Am nächsten Morgen – und an den zwei Morgen danach – hing keine Unterwäsche an der Decke der Großen Halle. Das lag unter anderem daran, dass James seinen Tarnumhang nicht hatte finden können.
Remus hatte sich während der daraufhin groß angelegten Suchaktion von Sirius, James und Peter mit der Begründung, er hätte noch Vertrauenschüler-Angelegenheiten zu regeln, aus dem Staub gemacht. Jedoch nicht ohne seine Tasche mit dem Tarnumhang mitzunehmen.
Jetzt saßen sie am Frühstückstisch. Remus hatte die ganzen letzten Tage nicht mit Sirius geredet. Sie hatten eindeutig Streit. Die verzauberte Decke zeigte einen wolkenverhangenen Himmel und machte die Stimmung in der geheizten Halle umso gedrückter.
Sirius und James unterhielten sich über Quidditch und das anstehende Training, das sie auf die erste Begegnung mit Slytherin in diesem Jahr vorbereiten sollte. Sirius spielte zwar selbst nicht, aber er unterstützte James tatkräftig und feierte jeden Sieg mit einem Saufgelage.
Die Getränke besorgten die Jungs entweder aus der Speisekammer neben der Hogwartsküche oder aus dem Keller vom Honigtopf, dessen Besitzer, zum Ärger seiner Frau, ein kleines Alkoholproblem hatte und seine Vorräte deshalb hinter einem Stapel Süßigkeiten im hintersten Teil des Kellers, wo auch der Zugang zum Geheimgang lag, versteckte.
„Wir helfen dem armen Mann doch nur aufzuhören!" hatte Sirius ihr Handeln einmal gerechtfertigt. Remus war da zwar anderer Meinung, aber auch er trank mit, wobei er sich jedoch nur an die „leichten" Sachen hielt, da sein Magen nicht so robust war.
Remus nahm sich die neuste Ausgabe des Tagespropheten vor, als James, der ihm gegenüber saß, plötzlich in lautes Lachen ausbrach.
„Was ist los?" fragte Sirius.
James wimmerte fast vor unterdrücktem Lachen und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf etwas, das sich hinter Remus zu befinden schien.
„Schaut euch das an!" brachte er unter Lachen heraus.
Kurz darauf brach auch Sirius in tränenreiches Gelächter aus. Remus drehte sich um und als er den Grund für den Lachanfall seiner beiden Freunde sah, blieb ihm erstmal die Spucke weg. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.
Severus Snape war beim Frühstück erschienen. Die letzten Tage war er nicht im Unterricht gewesen. Remus hatte sich schon gefragt warum, aber die Antwort war nur allzu deutlich sichtbar. Im Gesicht und auf den Händen, den einzigen frei sichtbaren Hautstellen, waren bunte, hell leuchtende Flecken zu sehen, die fröhlich tänzelnd alle paar Minuten ihre Farben wechselten. Anscheinend hatte der explodierte Trank diese Wirkung hervorgerufen und Madam Pomfrey hatte es wohl noch nicht geschafft Severus zu kurieren.
Severus' Blick war finster wie immer, als er sich an den Slytherintisch setzte. Vielleicht aber doch noch etwas finsterer.
Remus war hin und her gerissen. Zum einen sah es so niedlich aus, wie alle paar Minuten ein neuer Farbton das Gesicht und die Kleidung des Slytherin erhellte, zum anderen hatte er auch Mitleid mit Severus, der sich nun dem Spott der anderen aussetzen musste.
Remus gab sich insgeheim die Schuld an diesem Zustand.
Der Slytherin hatte noch nie einen Kessel zum Explodieren gebracht und Remus glaubte zu wissen, was der Grund für dieses Desaster war. Er selbst war ja schon nicht mehr konzentriert gewesen, aber wie musste es erst für Severus gewesen sein, nachdem Remus so einfach aus der Toilette verschwunden war?
Sirius hatte sich von seinem Platz erhoben und rief über alle Tische hinweg: „Hey, Snape! So farbenfroh haben wir dich ja noch nie gesehen! Ist das die neuste Mode aus Nasenhausen?"
Peter quiekte vor Lachen und James schüttelte belustigt den Kopf.
„Nein, Sirius. Das muss ein Versuch gewesen sein, seine Hautfarbe auf ein lebendiges Niveau zu bringen", sagte er laut und fügte in Severus' Richtung hinzu „Bravo! Du hast schon viel mehr Ähnlichkeit mit diesem Unkraut, das du so liebst!"
Severus und alle anderen Schüler in der Großen Halle hatten die Sprüche von Sirius und James gehört; beziehungsweise, sie hatten selbst leise schon einige fallen lassen, und hier und da kicherte und gackerte es.
Am Slytherintisch schien man eher unbeteiligt zuzuhören, doch Remus konnte teilweise auch ein leichtes Grinsen in ihren Gesichtern erkennen.
‚Nein!' dachte Remus traurig. ‚Wie gemein. Sie sollen aufhören.'
Er sah Severus mit hochroten Kopf und wut- und hassverzerrtem Gesicht auf sie zustürmen. Den Zauberstab fest umklammert. Bereit zum Mord.
Remus wollte, dass sie aufhörten, aber er schaffte es nicht sich vor der ganzen Schule gegen seine Freunde zu stellen. Sie vor versammelter Mannschaft vor den Kopf zu stoßen.
Trotzdem hatte er die Verpflichtung, etwas gegen das sich anbahnende Massaker zu tun. Schließlich war er Vertrauensschüler und damit Streitschlichter.
„Sirius! James! Hört sofort auf mit dem Quatsch!" sagte er, nicht ganz so laut, wie es wohl nötig gewesen wäre, denn Severus hatte sie erreicht und ein großes Gekeife brach zwischen ihm, Sirius und James aus.
„Sagt das noch mal, ihr Mistkerle und ich -", knurrte Severus.
„Was willst du machen, Schniffelus? Uns mit Farbe bespritzen?" gab Sirius zurück.
„Pass bloß auf, Snape! Ich bin heute nicht in Stimmung für Geplänkel!" sagte James drohend.
„Soll ich mich jetzt etwa fürchten?" kam Severus' sarkastische Antwort.
„Wäre jedenfalls besser für dich. Vielleicht erbarmen wir uns dann und lassen noch etwas von dir für die Ratten übrig!" knurrte Sirius.
„Sirius!" versuchte Remus seine Freunde unter Kontrolle zu bringen.
„Mit euch werde ich leicht alleine fertig! Wir werden ja sehen, wer dann Rattenfutter wird!" bellte Severus.
„Ist Größenwahn bei deiner Sippe vererblich, oder bist das du alleine?" fragte James und hatte plötzlich auch seinen Zauberstab in der Hand.
„James! STOPP JETZT!" rief Remus verzweifelt. Die gesamte Große Halle verfolgte aufmerksam und voller Sensationslust das Spektakel und Remus fragte sich verzweifelt, warum nicht schon längst ein Lehrer eingegriffen hatte.
Er blickte sich suchend um und erkannte, dass die Szene auch am Lehrertisch bemerkt worden war. Die gesamte Lehrerschaft schaute zu ihnen herüber, während Professor McGonagall und Professor Slughorn auf sie zu rannten. Sie mit vor Wut hochroten Kopf und fest zusammen gepressten Lippen; er mit einem Ausdruck tiefsten Missfallens und ebenfalls hochrotem Kopf, wobei es allerdings spekulativ war, ob die Röte nun vor Ärger oder aufgrund des Rennens zustande kam.
„Mr. Black! Mr. Potter! Mr. Snape! Aufhören! Auf der Stelle!" kreischte Professor McGonagall.
Die drei Streithähne standen sich mit gezückten Zauberstäben gegenüber, nur durch den Tisch der Gryffindors getrennt.
Severus' Gesicht war scharlachrot und auch Sirius' sonst so kontrollierter Teint hatte einen Rotstich bekommen.
Remus selbst hatte das Gefühl, als wäre jegliches Blut aus seinem Kopf gewichen. Er konnte nur noch stumm beobachten, wie Professor McGonagall und Professor Slughorn die drei zur Rede stellten.
„Was, bei Merlins Barte, ist hier los?" blaffte Professor Slughorn.
Professor McGonagall durchbohrte alle mit einem bösen Blick.
„Snape hat uns bedroht, Professor", versuchte James zu erklären.
„Natürlich, Potter! Jetzt haben wieder die anderen Schuld", fauchte Severus.
„Wenn's nun mal die Wahrheit ist", mischte sich Sirius ein.
Der Streit war kurz davor, von neuem zu eskalieren, aber Professor McGonagall wusste dies zu unterbinden.
„Sie drei halten den Mund", herrschte Professor McGonagall sie an, dann wandte sie sich, zu Remus Schrecken, an ihn.
„Mister Lupin. Sie sind Vertrauensschüler. Erklären Sie mir, was hier vorgefallen ist und warum erst ihre Professoren eingreifen müssen, damit hier wieder Ordnung herrscht."
„Tja, … ähm… also…"
Remus wurde langsam schlecht. Das Verhalten seiner Freunde war ihm zutiefst peinlich und er wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Alle schauten nun auf ihn. Er fühlte sich, als wäre ein riesiger Scheinwerfer direkt auf seinen Kopf gerichtet. Wieder hatte er das Gefühl, für eine der beiden Fraktionen Partei ergreifen zu müssen. Warum das immer zwischen seinen Freunden und Severus sein musste, war ihm schleierhaft.
Remus räusperte sich.
„Sirius und James haben ein paar Scherze über die Flecken in Severus' Gesicht gemacht und das hat Severus wütend gemacht. Tja… und dann haben sie sich gestritten. Es sollte aber bestimmt nur ein Spaß sein, nichts Ernstes."
Die Erklärung war gut. Kurz und inhaltlich korrekt. Remus schaute zu Professor McGonagall.
„Stimmt das, Mister Snape?" fragte Professor Slughorn.
„Nein, Sir. Black und Potter haben mich absichtlich provoziert!" sagte Severus.
„Ich sehe schon, es ist wieder einmal das Übliche zwischen Ihnen", bemerkte Professor McGonagall säuerlich „Sie drei bekommen Strafarbeiten. Von jedem einen dreiseitigen Aufsatz zu dem Thema, warum ihr Verhalten vollkommen fehl am Platz war. Die Aufsätze sind bis morgen, erste Stunde bei mir abzugeben."
Daraufhin brach ein Sturm von Protest seitens der Delinquenten los.
„Drei Seiten? Bis morgen? Das kann nicht ihr ernst sein!" maulte Sirius.
„Aber die beiden sind doch Schuld. Ich habe mich nur gewehrt!" klagte Severus.
„Professor, das geht nicht. Das Quidditch-Training beginnt heute", erinnerte sie James verzweifelt.
„RUHE!" befahl Professor Slughorn, der sich bisher diplomatisch zurückgehalten hatte, um seiner Kollegin das Streitschlichten zu überlassen und lediglich mit seiner ziemlich massigen Anwesenheit glänzte.
Professor McGonagall bedankte sich nickend bei ihrem Kollegen.
„Erstens, ja, Mr. Black, drei Seiten. Sollten diese morgen nicht auf meinem Schreibtisch liegen, können sie um acht Uhr zum Nachsitzen in meinem Büro erscheinen. Zweitens, Mr. Snape, gehören zu einem Streit immer noch zwei Parteien und ihre ewigen Streitereien mit den beiden Herren hier fangen an mir auf die Nerven zu gehen.
Und drittens, Mr. Potter, rate ich ihnen, frühzeitig mit dem Aufsatz anzufangen, da ich es mir nur als sehr unangenehm vorstellen kann, wie sie ihrem Team erklären, warum sie nicht zum Training erscheinen konnten. Habe ich mich klar ausgedrückt?" sagte Professor McGonagall und funkelte die drei der Reihe nach böse an.
„Sie setzen sich jetzt wieder auf ihre Plätze", befahl Professor Slughorn, „und stören Sie das Frühstück nicht weiter!"
Mit diesen Worten schob er Severus in Richtung Slytherintisch. Die anderen Schüler, die ihr Frühstück unterbrochen hatten, nahmen diese Tätigkeit wieder auf, auch wenn sie den Aufrührern noch vereinzelte Blicke zuwarfen.
Einzelne grinsten, andere feixten und wieder andere, zumeist ältere Schüler, schüttelten nur den Kopf.
Professor McGonagall wandte sich noch einmal an Remus, bevor sie sich wieder zum Lehrertisch begab.
„Ich bin wahrlich etwas enttäuscht von Ihnen, Mister Lupin." Sie warf ihm einen viel sagenden Blick zu.
Als sie gegangen war, um sie herum wieder das übliche frühmorgendliche Treiben der Frühstückenden herrschte und sich die Gemüter allgemein wieder abgekühlt hatten, wandte sich James an Remus, der nur noch appetitlos in seinem Rührei herum stocherte.
„Sag mal, was meinte die McGonagall denn damit?" fragte er.
„Frag mich was Leichteres", sagte Remus ausweichend.
ooOoo
Am Nachmittag saßen Remus und Peter auf ihren Betten im Schlafsaal und unterhielten sich, als James und Sirius vom Quidditch Training zurückkamen. Es hatte geregnet und zumindest James war nass bis auf die Knochen. Er sah nicht fröhlich aus und auch Sirius wirkte leicht zerknirscht.
Nach der Szene heute früh hatten sich die beiden sehr zurückgehalten. Sie hatten Severus geflissentlich ignoriert und dieser tat es ihnen gleich. Remus war froh darüber.
Er sah James zu, der sich umständlich umzog und seine Quidditchausrüstung zum Trocknen an den Ofen legte.
Erst jetzt bemerkte Remus, dass Sirius ihn beobachtete. Ein Blick wie der eines getretenen Hundes.
„Was ist los? Hab ich was im Gesicht?" scherzte er; jedoch ohne Freude.
„Nein, Moony", sagte Sirius und seufzte „Ich muss dir was sagen."
Remus wusste nicht, was er von dieser Ankündigung halten sollte.
„Okay."
„Ich wollte mich bei dir entschuldigen", sagte Sirius mit einem Seitenblick auf James, der immer noch mit dem Ordnen seiner Klamotten beschäftigt war, die Unterhaltung aber aufmerksam verfolgte.
„Oh", machte Remus verblüfft. „Wofür?"
Sirius ging zu Remus und setzte sich auf dessen Bettkante, den Blick auf seine ineinander gelegten Hände gerichtet.
„Für mein Benehmen, dafür, dass ich so ein Ignorant bin und vor allem dafür, dass ich dich einen Langweiler genannt habe. Ich hab' Scheiße gebaut und ich hätte mehr Rücksicht nehmen sollen, das weiß ich jetzt", sagte Sirius betroffen und sein Blick huschte zu Remus, der immer noch verblüfft dreinschaute.
„Ich will mich nicht mehr mit dir streiten. Ich halte es nicht aus, wenn du nicht mit mir redest. Es tut mir ehrlich Leid!"
Remus sah den aufrichtigen Blick in Sirius' Augen und obwohl er ahnte, dass James Sirius zu dieser Erkenntnis verholfen haben musste, war er froh darüber, dass Sirius es gesagt hatte. Es machte ihn froh zu sehen, dass er seinen Freunden etwas bedeutete und dass sie ihn vielleicht auch brauchten.
Er sah während dieses Gedankenganges aufmerksam seinen Freund an, der hoffend da auf seiner Bettkante saß und ihn mit seinen verdammt tiefen, blauen Augen anflehte, ihm zu verzeihen.
„Und du hast vier Tage gebraucht, um das zu bemerken?" sagte Remus behutsam, wie ein Vater, der seinem Kind etwas erklärt, während er seine Augenbrauen anhob und Sirius tadelnd ansah.
„Hätte ich dir gleich sagen können, dass du es ohne mich nicht aushältst!" fügte er gespielt arrogant hinzu.
Sirius schaute einen Moment lang dumm aus der Wäsche, dann stürzte er sich auf Remus.
„Du!" rief er aufgebracht und versuchte an Remus kitzelige Stellen heranzukommen, die dieser zu verteidigen versuchte.
„Nein…!" gackerte Remus und drückte die Ellebogen eng an den Körper.
Kurz darauf mischten sich auch James und Peter mit einem Kampfschrei in die Kabbelei ein. Kissen und Decken landeten auf dem Boden. Halb erstickte Schreie und Lachen erschallten. Sirius traf Remus' empfindliche Seite und Remus zuckte daraufhin heftig mit den Beinen.
„Stopp! Stopp, jetzt! Ich kann nicht mehr", flehte Remus nach einiger Zeit. In seinen Augen glitzerten Lachtränen.
