Oh, fein! Fein! Fein!
HERZLICHEN DANK!!! Ich hab mich wirklich sehr gefreut. So viele Reviews!
Muss man einem erst sagen, dass so ein kleiner Aufruf so viel bewirkt. Man sollte das etablieren. :D
Und wie es im Leben manchmal so ist, werden gute Taten auch entsprechend belohnt.
Meine Beta schickt mir mit einem Gruß dieses "Meisterwerk" zurück, und ich muss sagen, ich habe mich schon lange auf diese Szene gefreut! Sie zu erdenken, zu schreiben und lesen zu lassen. :D
Ich weiß nur eines: Ihr werdet mich lieben und ihr werdet mich hassen. Oder nur lieben. Oder nur hassen. Kommt ganz darauf an...

Ich mache nochmal auf die Bilder zu dieser Fanfiktion aufmerkam, die Sayurikemiko für mich gemacht hat, und die hier: www -Punkt - deviantart - punkt - com - schrägstrich - deviation - schrägstrich - 53764230 zu finden sind. Ich male im übrigen auch Fanart: www - Punkt - daviantart - punkt - com - schrägstrich - deviation - schrägstrich - 44792300

Es wird in naher, in seehr naher Zukunft noch weitere Bilder geben. Eines liegt halb fertig auf meiner Staffelei. Ich wollte es eigentlich als Dankeschön zum neuen Kapitel fertig machen und 'on' stellen, aber ich bin etwas knapp in der Zeit und werde es deshalb nachreichen. Also unbedingt ab und zu in mein Profil auf gehen, wenn ihr es nicht verpassen wollt:D

Und jetzt viel Spaß bei:


Kapitel 12: Es heilt das Fleisch im Sternenschein

Am darauf folgenden Tag hatte Severus alle Hände voll zu tun, die verschiedenen Trankzutaten zusammen zu suchen. Professor Hays hatte ihm nach dem Zaubertrankunterricht eine Liste mit Kräutern und Pflanzen in die Hand gedrückt, die sie auf jeden Fall für den Trank brauchen würden, und ihm die Aufgabe erteilt, diese von Professor Sprout zu besorgen. Nach dem Mittagessen hatte Severus seine Lehrerin in den Gewächshäusern aufgesucht, fünf großen Glasbauten, die an der Südseite des Schlossen lagen und weiträumig umgeben waren von hohen Mauern, die sie von den Schulhöfen und Wiesen trennten.

Severus klopfte an die Tür zu Gewächshaus Drei und wartete. Als ihm keiner antwortete, machte er sich durch Rufen bemerkbar.

Das rundliche Gesicht der fröhlichen Lehrerin erschien hinter einem riesigen Kübel, der beinahe so groß war wie sie selbst, aus dem aber nur ein winziges Stängelchen wuchs, an dem gerade einmal zwei kümmerliche Blätter klebten.

Ihr Gesicht war verschwitzt, und in den behandschuhten Händen hielt sie eine Umtopfschaufel. Ihren Zauberstab hatte sie in die weite Tasche ihrer Schürze gesteckt.

Sie schenkte Severus ein Lächeln, und Severus brachte sein Anliegen vor.

Professor Sprout kontrollierte die Liste, die Severus ihr übergab und half ihm, die Zutaten zusammen zu tragen.

Severus holte reihenweise Bündel mit getrockneten Stängeln aus einem Trockenraum, wo sie an langen Schnüren von der Decke hingen, vor Licht und Kälte geschützt. Er schnitt Kräuter klein, schälte Zwiebeln und grub einige winzige Knollen aus, die er säuberte und in einem kleinen Lederbeutel verstaute.

Die Luft in den Gewächshäusern war schwül und es roch nach den verschiedensten Pflanzen, die in großen Kübeln auf dem Boden und in kleineren Töpfen in den Regalen sowie auf den Wuchstischen standen. Kletterpflanzen mit roten, gelben und orangenen Blüten krochen das gewebeartige Gerüst des Hauses empor, und ihre Schlingarme zuckten gefährlich, wenn Severus an ihnen vorüberging. In einer der hinteren oberen Ecken des Glasbaus hatten Bienen einen Stock gebaut, und das Surren und Summen der Hundertscharen von Bienen lag über allem und stimmte einen arbeitsamen Kanon an.

Severus hatte nach zwei Stunden Arbeit endlich alle Zutaten geerntet und gebrauchsfertig verarbeitet, auch wenn er ein zweites Mal von der Feuerranke abschneiden musste, da eine der Schlingpflanzen ihm die Blätter der Pflanze direkt aus der Tasche geklaut hatte.

Severus machte sich, nachdem er seinen Arbeitsplatz aufgeräumt hatte, mit seinem Kräuterbeutel in der Tasche auf den Weg zurück zum Schloss.

Das Wetter an diesem Tag war wider Erwarten mild, ein warmer Wind brachte eine letzte Spur von Sommer zurück. Hinter dem Schloss und über den grauen Bergen fielen einzelne breite Sonnenstreifen durch die Wolken und spiegelten sich in den Fenstern und auf den Kacheln der hohen Türme. Der Verbotene Wald lag im Schatten der großen weißen und grauen Wolken, und seine Blätter schienen märchenhaft zu flüstern.

Severus blickte einen Augenblick zu den hohen Bäumen, die den Rand des Waldes bildeten, beeilte sich dann aber, zu seiner nächsten Unterrichtsstunde zu kommen.

ooOoo

Gegen halb sieben machte sich Severus auf den Weg zum Zaubertränkeklassenzimmer. Er hatte es nicht weit. Der Eingang zum Slytheringemeinschaftsraum verbarg sich kaum drei Gänge weiter, hinter einem Gemälde mit einem stattlichen Baron darauf. Geschützt war es durch zwei Rüstungen, die links und rechts des Vorhanges standen und große Schwerter in den Händen hielten.

Severus war sehr gespannt. Er hoffte, dass alles erfolgreich verlaufen würde. Dies war auch der Grund, warum er viel zu früh am Klassenzimmer ankam.

Er klopfte an die Tür, und von drinnen bekam er ein „Herein!" zur Antwort. Er öffnete die Tür, und Professor Hays winkte ihn herein.

„Wollen wir anfangen?"

Severus nickte und breitete seine Unterlagen und die Kräuter aus. Er hatte eine Abschrift von Lupins Liste gemacht und mit seinen eigenen Zutaten ergänzt. Das Original lag sicher verwahrt zwischen den Seiten seines Notizbuches.

Irgendetwas hatte ihn beim Lesen von Lupins Zettel irritiert, Severus konnte nur nicht benennen, was es war.

„So, Mister Snape. Welche Zusammensetzung stellen Sie sich vor?", fragte Professor Hays und machte eine einladende Geste zum Arbeitsplatz, auf dem bereits Kessel, Messer, Waage und diverse weitere Utensilien bereitlagen.

Severus holte den Zettel mit seinen Notizen heraus.

„Zuerst müssen wir den Curulustrank brauen, aber ohne Jungfrauenkraut. Dann gemahlenen Wariswadi und Nuac hinzugeben, gegen die Färbung, und als Katalysator die roten Stränge des Regenbogenwurmes", zählte Severus auf. „Und dann... ich bin mir nicht sicher. Entweder Flubberwurmblut und Pestola, oder", Severus machte eine Pause und schaute seinen Lehrer an. „Drachenzahnmehl."

Professor Hays schaute ihn ernst an. „Sie wissen, dass Drachenzahnmehl auf dem Index für Einfuhrverbotene Substanze steht, nicht wahr?"

„Ja, Sir", gab Severus zu. „Aber Professor Slughorn hat welches." Professor Hays wollte gerade zu einem Widerspruch ansetzen, doch Severus ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Außerdem wirkt es am besten. Nichts ist in diesem Fall sicherer! Ich habe alles nachgeschaut. Das Sekret des Wilden Heidenschrecks ist zu anfällig bei der Zugabe von Eisenhut und die Kombination von Flubberwurmblut und Pestola ist in ihrer Wirkung nicht ein Zehntel so stark wie Drachenzahnmehl!" beharrte Severus.

Professor Hays schien sichtlich verwundert.

„Das haben Sie alles selbst herausgefunden?", fragte er und musterte Severus mit einem schrägen Blick. Severus nickte.

„Haben Sie schon mal über die Verwendung von Timulus und Zwergbansarden nachgedacht?"

„Das hätte keine Wirkung, Sir. Zwergbansarden, ob nun die Rinde oder die Haare, würden sich mit Nuac neutralisieren. Und Nuac ist in diesem Fall unverzichtbar."

„Sie erstaunen mich, Mister Snape." Ein enthusiastisches Wissenschaftlerglitzern blitzte durch Hays' Augen, als er Severus aufmerksam zuhörte.

„Aber es ist dennoch nicht ganz legal. Selbst wenn Professor Slughorn Drachenzahnmehl besitzen sollte, was ich bezweifle, so verstößt es dennoch gegen das Zauberergesetz."

„Aber es wird wirken", erwiderte Severus bestimmt. „Ich bin mir ganz sicher, Sir!"

Professor Hays schaute Severus einen Moment lang an. Severus wagte noch einen Vorstoß.

„Sir, selbst der große Zaubertränkemeister von Ulcaster hätte nicht ohne Drachenzahnmehl arbeiten können. Und ohne seine Forschungen hätten wir so viele Zaubertrankformeln niemals erhalten."

„Ja, Mister Snape, aber dieser Zauberer hat vor über 1500 Jahren gelebt. Die Umstände haben sich geändert."

Severus spekulierte nun auf den Wissenschaftlergeist seines Professors.

„Aber nicht der Gebrauch, sondern der Besitz von Drachenzahnmehl ist illegal, Sir."

Professor Hays atmete tief ein, und Severus befürchtete bereits, einen Vortrag über die Gefahr bei Zaubertrankforschungen und die Notwendigkeit von Verboten gehalten zu bekommen. Doch Professor Hays schien nur scharf zu überlegen. Schließlich aber gab er nach.

„Ich werde mit Professor Slughorn und mit Professor Dumbledore sprechen, aber ich kann Ihnen nichts versprechen."

Severus nickte erleichtert. „Danke, Sir." Dann machte er sich daran, den Curulus zu brauen.

Es stellte für den geübten Severus kein Problem dar, diesen einfachen Trank zu herzustellen, doch er achtete trotzdem exakt darauf, alles hundertprozentig penibel zu machen.

Professor Hays beobachtete jeden Schritt, den der Slytherin tat, hatte aber keinen Grund einzugreifen. Der Professor kannte Severus' Fähigkeiten und ließ ihn zeigen, was er konnte.

Nach einiger Zeit, in der schon über die Hälfte der Zutaten ihren Weg in den Kessel gefunden hatten, beugte sich Professor Hays über den Trank, der in einem klaren Lila glänzte. Seine Stirn war kraus gezogen, als er mit seinem Zauberstab durch den grauen Dampf strich. Einige lila Tropfen bildeten sich an ihm. Der Professor hob den Zauberstab vor sein Gesicht und beäugte das Ergebnis. Severus beobachtete ihn gelassen. Er wusste, dass er nichts falsch gemacht hatte.

„Ausgezeichnet, Mister Snape", sagte Professor Hays. „Ihre Präzision ist bemerkenswert. Der Curulus ist perfekt gelungen. 10 Punkte für Slytherin."

„Danke, Sir", antwortete Severus, wusste aber, dass der Trank noch lange nicht fertig war.

Die Grundlage des Curulus bildete das Curare-Prinzip, zwei tierische und drei pflanzliche Ingredienzien, sowie ein paar der Zutaten, die auch Lupin seinem Trank hinzugefügt hatte, aber erst der nächste Schritt würde ihnen zeigen, ob sie auf dem richtigen Weg waren.

„Lassen Sie uns auf Nummer sicher gehen", sagte Professor Hays. „Wir werden auch die beiden anderen Varianten ausprobieren." Severus seufzte leise. Warum einfach, wenn es auch schwer geht, dachte er.

Professor Hays holte zwei weitere Kessel und als sich der Trank abgekühlt hatte, verteilten sie ihn auf die beiden anderen Kessel, sodass sie nun drei Feuerstellen und drei Kessel mit Curulus hatten.

Severus präparierte die ersten beiden Kessel mit Wariswadi und gab nach einer Viertelstunde das Nuac hinzu. Den dritten Kessel ließ er aus. Professor Hays würde erst morgen mit Professor Slughorn wegen des Drachenzahnmehls reden, und der Curulus ließ sich in Reinform leichter konservieren.

Severus schnitt die roten Stränge des Regenbogenwurmes heraus und gab sie in reichlicher Menge in die beiden Kessel. Es dampfte und spritzte, als die Wurmstückchen durch die Oberfläche des Gebräus sanken.

Severus beeilte sich, das Sekret des Wilden Heidenschrecks zu holen, während Professor Hays sich mit Flubberwurmblut und Pestola am zweiten Trank zu schaffen machte.

Der Gestank des Sekretes war so widerlich, dass Severus, als er es einatmete, kräftig würgen musste.

Schließlich hatte er es aber doch geschafft, den Trank nach seiner Zufriedenheit zu brauen. Er hatte eine klare rote Färbung angenommen, ähnlich der des Schwangerschaftstrankes, an den sich Severus allerdings nicht sehr gerne erinnerte. Professor Hays war ebenfalls mit der Trankzubereitung fertig.

Severus wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Haare klebten ihm im Gesicht, aber es störte ihn nicht.

„So", meinte Hays schlussendlich. „Die Tränke müssen nun 14 Stunden kochen. Wir werden morgen hier weiter machen. Ich werde dafür sorgen, dass die Tränke in Sicherheit sind." Er vollführte einen Schlenker mit seinem Zauberstab, und um die Feuerstellen mit den Kesseln bildete sich eine magische Barriere, die in der ersten Sekunde hell aufleuchtete, dann aber nur noch durch einen leichten Schein am Steinboden sichtbar war.

Severus säuberte seine Utensilien sorgfältig und räumte sie in die Regale zurück.

„Morgen werden wir wissen, ob wir auf dem richtigen Weg sind", sagte Professor Hays mit seiner normalen, sachlichen Stimme. „Und vielleicht, ja vielleicht sind Sie morgen schon diese Flecken los."

Severus spürte bei diesen Worten Freude. Freude und Erleichterung. Er verabschiedete sich von Professor Hays und verließ das Zaubertränkeklassenzimmer.

ooOoo

Nachdem er Professor Hays und den Zaubertränkeklassenraum hinter sich gelassen hatte, stand Severus einen Moment auf dem Gang und fragte sich, was er nun tun sollte. Er war noch viel zu wach, noch viel zu beflügelt von seinem vermeintlichen Erfolg, dass er unmöglich schlafen gehen konnte. Er musste an Morgen denken und daran, dass sein Elend bald ein Ende haben würde, und dieser Gedanke ließ ihn erleichtert aufatmen.

Severus schaute auf seine Armbanduhr. Es war gerade erst halb elf. Draußen war es jetzt sicherlich dunkel und das Haupttor fest verschlossen, dabei hätte Severus gerne einen Spaziergang zum See unternommen.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Was hatte noch auf dem Zettel gestanden? „Bei abnehmendem Mond wird im Sternenlicht das Fleisch gestärkt"? War nicht gerade abnehmender Mond?

Severus stand noch eine Sekunde auf dem Gang, drehte den Kopf zu allen Seiten, um sich zu vergewissern, dass ihn keiner sah und machte sich dann leise auf den Weg zum Astronomieturm.

ooOoo

Das Sternenlicht schien durch die geöffnete Tür, als Severus in dem runden Raum in der Spitze des Turmes ankam, wo normalerweise Astronomie unterrichtet wurde. Durch die Tür an der anderen Seite des Raumes kam man auf die äußere Plattform, wo sie schon oft abends sitzen und mit Teleskopen Sterne hatten beobachten müssen. Eine langweilige und, wie Severus fand, ziemlich nutzlose Arbeit.

Severus hatte noch keine Ahnung, was er tun würde, wenn er erstmal auf dem Turm war, aber er wusste keinen besseren Ort, um dem Geheimnis des Zitates auf die Spur zu kommen.

Er durchschritt leise den Raum und betrat die Plattform. Die Sichel des Mondes war zu sehen und ein endloses Meer aus Sternen, das sich hoch über ihm erstreckte. Er ließ seinen Blick zuerst über den Himmel, dann über die Plattform schweifen. Er stockte. Eine Person saß, den Rücken an die kalte Turmwand gelehnt, keine fünf Schritte von ihm entfernt und lächelte ihn an.

„Lupin?"

ooOoo

Remus Lupin saß im Halbdunkel der Nacht. Sein weißes Hemd und die schwarze Schulrobe hatte er ausgezogen. Sie lagen neben ihm auf dem kalten Stein. Severus sah die Narben auf seiner Brust und auf den Armen im Sternenlicht schimmern.

Lupin selbst schien sehr entspannt. Er machte keine Anstalten, sich zu erheben und sah auch nicht sonderlich erschrocken darüber aus, dass Severus ihn zu dieser Zeit hier gefunden hatte.

„Hallo, Severus", begrüßte Remus ihn freundlich mit seiner ruhigen Stimme.

„Was machst du denn hier?", wollte Severus wissen und wusste nicht genau, was ihn mehr irritierte: dass Remus hier war, oder dass er mit freiem Oberkörper dasaß.

„Sitzen", antwortet Remus ungerührt. Plötzlich fasste sich Severus an die Stirn. Natürlich, das war alles so klar! Wie hatte ihm das nicht auffallen können?!

„Jetzt verstehe ich", sagte er leise, was Remus ein kleines Stirnrunzeln entlockte.

„Was verstehst du?"

„Das war deine Schrift." Severus machte ein paar Schritte auf Remus zu. Neugier hatte ihn gepackt.

„Welche Schrift?", fragte Remus freundlich.

„'Bei abnehmendem Mond wird im Sternenlicht das Fleisch gestärkt'", antwortete Severus. „Sowie jegliche anderen Kommentare in ‚Dunkle Kreaturen und der magische Zyklus'. Es ist dieselbe Schrift. Dieselbe wie die auf dem Zettel, den du mir gegeben hast." Severus hatte das a und das verschnörkelte r wieder erkannt. Es war ihm nur noch nicht in den Sinn gekommen, einen Zusammenhang zu den Notizen im Buch zu suchen.

Remus schaute ihn einen Moment an und schüttelte verwirrt den Kopf. „Woher weißt du denn das schon wieder?" fragte er.

„Ich habe doch recht, nicht wahr?!" hakte Severus nach, ohne Lupins Frage zu beantworten.

„Ähm...ja", gab Remus zu.

„Aber was hat das alles zu bedeuten?", fragte Severus, während er näher schritt, sich aber hütete, nahe an das Geländer zu gehen. Er war nicht unbedingt schwindelfrei. „Und was soll diese Freizügigkeit? Ist hier noch jemand?" Severus kam der Gedanke, dass Black und Potter in der Nähe sein könnten und schaute sich sicherheitshalber um, aber Remus' Ruhe brachte ihn schnell zu der Überzeugung, dass sie es nicht waren.

„Sirius und James sind nicht hier, falls du das denkst. Ich bin allein. Und: Ja, ich hatte das Buch ausgeliehen", erklärte Remus. Severus schnaubte etwas, das wie „gestohlen" klang. Remus braune Augen ruhten auf Severus.

„Hat mir einige dunkle Stunden beschert."

Severus verstand, was der Gryffindor meinte. Viel Positives hatte nicht in dem Buch gestanden, es war eher eine Art Mahnung und Ankündigung, die allen dunklen Kreaturen den Krieg erklärte. Einen Krieg in Form von Missachtung und Vertreibung. Von Jagd und Gefangenschaft.

„Aber was machst du hier? Und was hat dieser Satz zu bedeuten? Bei abnehmendem Mond wird im Sternenlicht das Fleisch gestärkt? Das klingt mir nach wahrsagerischem Firlefanz", erwiderte Severus misstrauisch.

Remus lächelte.

„Nein, absolut nicht. Obwohl ich gerne wissen würde, warum du die Wahrsagerei so sehr ablehnst. Eigentlich hat das gar nichts mit dem Buch zu tun – na ja, doch – aber es war keine Absicht. Denn eigentlich gehört das zu einem Rezept meiner Großmutter. Hm... hier!" Remus holte eine Tube heraus, die eine weißliche Salbe enthielt, und erst jetzt sah Severus, dass Remus Oberkörper eingesalbt war. Es spiegelte das Licht ein wenig wider, wodurch die Narben schimmerten.

„Ich komme öfter nach Vollmond hier hoch, um meine Haut heilen zu lassen. Meine Großmutter war sehr begabt in Heilkunde. Als ich noch klein war, kurz nachdem ich gebissen wurde, hat sie viel dafür getan, dass es mir nach dem Vollmond schnell wieder besser ging. Sie hat meine Wunden behandelt und mir oft diese Salbe zubereitet." Remus reichte Severus die Tube, die sich dieser genau anschaute. „Sie verstärkt den Einfluss des heilenden Sternenlichts, das bei abnehmendem Mond scheint, und sorgt dafür, dass die Strahlen in die Haut eindringen können. Den Zettel hatte ich wohl als Lesezeichen verwendet und vergessen, wieder herauszunehmen."

Severus drehte die Tube in den Fingern und schaute Remus kritisch an.

Remus sprach so offen, dass Severus an der Richtigkeit seiner Worte nicht zweifelte. Trotzdem fragte er: „Und es wirkt?"

„Ja. Es sorgt dafür, dass nicht allzu viele Narben zurückbleiben", sagte Remus und schaute Severus an. Das schwarze Haar hing dem Slytherin wie immer ins Gesicht als ob es versuchte die große Hakennase und die bunten Flecken zu verstecken.

„Wenn du möchtest, kannst du sie ausprobieren."

Severus schaute ihn an. „Wie meinst du das?"

„Na ja, wegen der Flecken, dachte ich", meinte Remus. „Vielleicht nützt es ja nichts. Aber einen Versuch ist es doch wert." Er blies sich eine seiner braunen Strähnen aus dem Sichtfeld.

Der Slytherin überlegte einen Moment, dann legte er seine Robe und die graugrün gestreifte Krawatte ab und fing an, sein Hemd aufzuknöpfen. Als er gerade zwei Knöpfe geschafft hatte, hielt er inne. Remus hatte sich mit den Armen seitlich auf dem Stein abgestützt und beobachtete ihn. Er schaute Remus an. Ihm wurde schlagartig der Unterschied ihrer beider Körper bewusst.

Der Gegensatz zwischen ihnen war so unüberwindbar groß. Der hübsche, ordentlich gekleidete Gryffindor mit seinen großen Karamellaugen und dem gesunden Teint, und ihm gegenüber: er selbst. Der kleine, schmächtige, viel zu magere, hässliche, blasse Slytherin mit den abgetragenen Kleidern.

Severus drehte sich beschämt von Remus weg.

Dieser sah, dass Severus seinen Oberkörper musterte. Remus überlief ein feiner Schauer, als die schwarzen Augen seine Haut streiften. Doch irgendwie machte es ihm nichts aus, so frei vor dem Slytherin zu sitzen. Severus wusste schon so viel von ihm. Er hatte ihn nach dem letzten Vollmond auf der Krankenstation gesehen. Viel mitgenommener als da hätte er nicht aussehen können.

Doch dann war da etwas anderes. Remus bemerkte, wie Severus versuchte, sich ihm nicht zu zeigen.

„Severus?" sagte Remus und wartete, dass der Slytherin sich zu ihm umwandte. Doch die erwünschte Reaktion blieb aus.

„Ich finde es nicht schlimm. Es macht mir nichts aus. Die Flecken, meine ich."

Severus hielt in seiner Bewegung inne und musterte Remus durch seine langen schwarzen Haare.

Remus beugte sich in seiner Position vor.

„Kann ich sie sehen? Zeig sie mir", bat er. Severus schaute ihn einen Moment lang an. Er rang mit sich, hin und her gerissen von der Scham und den ehrlichen Augen des Gryffindor.

Als er sich schließlich wieder zu Remus umdrehte, war sein Hemd offen. Remus sah die bunten Flecken. Sie leuchteten schwach. Sie waren unförmig und überall auf der Brust verteilt und verschwanden unter den Ärmeln des Hemdes. Remus hatte nicht gedacht, dass es so viele waren.

Er warf einen Blick in Severus' Gesicht. Auch dort und am ganzen Hals waren diese Flecken. Nur die Nasenspitze war frei von Farbe und so weiß wie der Rest von Severus' Körper. Oder zumindest von dem, was Remus zu sehen bekam.

Einen sehr schlanken Körper, feingliedrig, kein einziges Gramm Fett schien er zu besitzen. Er wirkte sonderbar zerbrechlich, und die helle Haut unterstrich dies noch.

Doch Remus sah keine Spuren von blauen Flecken, die von einer Schlägerei herrühren konnten. Entweder war der Slytherin heiler aus der Sache herausgekommen, als es den Anschein gehabt hatte, oder Madame Pomfrey hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet.

Die schwarzen Augen des Slytherin waren forschend auf ihn gerichtet. Remus hielt seinem Blick einen Moment stand, er lächelte nicht, um kein Missverständnis hervorzurufen.

„Also, ich finde sie überhaupt nicht schlimm. Ich weiß gar nicht, warum du sie loswerden willst", meinte Remus und erntete eine hochgezogene Augenbraue von Severus.

„Du kannst sie gerne haben", erwiderte Severus kühl.

„Sie jucken."

Remus grinste.

ooOoo

„Und was jetzt?" fragte Severus sichtlich ungeduldig, als er sich die Flecken eingesalbt hatte.

„Abwarten und Tee trinken", antwortete Remus und deutete Severus mit einer Handbewegung, sich zu setzen.

Severus ließ sich ein Stück neben Remus nieder, sodass das Sternenlicht seine Brust bescheinen konnte; den Rücken, genau wie der Gryffindor, hatte er an die kühle Turmwand gelehnt.

„Leider habe ich keinen Tee", murmelte Remus in Gedanken. Severus verzog die Augenbrauen.

„Apropos Tee: Wie sieht es eigentlich mit einem Heiltrank gegen die Flecken aus?" fragte Remus mit Unschuldsmiene und fing sich einen ärgerlichen Blick von Severus ein.

„Gut", erwiderte Severus beleidigt. Remus biss sich auf die Lippen, um nicht lachen zu müssen. Ein beleidigter Severus war in gewisser Weise ein herrlicher Anblick. Zudem schien der Slytherin nicht in Streitlaune zu sein, sonst hätte Remus schwören können, müsste er nachher mit drei Beinen und vier Armen zu Bett gehen, weil ihn Severus in die nächste Woche hexen würde. Aber Severus schien diesmal nicht in der Stimmung zu sein gleich, mit Flüchen um sich zu werfen wie bei ihrem Treffen am See.

Remus fragte Severus über den Trank aus, und der Slytherin antwortete, zuerst recht knapp und unterkühlt, aber dann immer offener. Remus hörte ihm aufmerksam zu, auch wenn er nicht alles verstand, was Severus sagte. Vieles war zu spezifisch oder gehörte zu einem Bereich von Fachwissen, der sich Remus nicht erschloss.

Severus war von dem Interesse, das der Gryffindor seinem Problem entgegenbrachte, erstaunt. Der Braunhaarige schien zwar nicht alles zu verstehen, aber er hörte ihm zu und fragte nach, wenn er etwas nicht verstand.

„Vielleicht werde ich morgen schon erlöst sein", beendete Severus seinen Bericht.

„Das wäre schön", vernahm Severus Remus' Stimme neben sich. Er schaute zur Seite. Der Gryffindor hatte die Augen geschlossen und war in eine bequemere Position gerutscht.

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und genossen den Ausblick auf den dunklen Wald und die Berge und Täler in der Ferne, auf den See, dessen Wasser ihm Licht glitzerte. Alles, was sie sahen, war blau oder verschwand im Schwarz der Nacht.

Die Luft war kühl und durchzogen von den Schreien und Flügelschlägen der Eulen, die zu dieser Stunde reihenweise aus der Eulerei geflogen kamen.

Severus war angespannt angesichts der ungewohnten Situation. Er konnte seine Augen nicht von Remus lassen, betrachtete die sich hebende und senkende Brust und die Arme mit den Narben – natürlich zur Sicherheit, wie er sich sagte.

„Wie ist es, ein Werwolf zu sein?"

Remus schaute überrascht zu ihm auf. Severus hoffte, dass ihn diese Frage nicht vertreiben würde. Er wollte es wirklich wissen.

„Nicht leicht", antwortete Remus wahrheitsgemäß, und ein trauriger Unterton schwang in seiner Stimme mit. Als er zu erzählen begann, waren seine Augen starr in den Himmel gerichtet, und seine Stimme klang unnatürlich hohl. „Jeden Monat wache ich irgendwo auf und weiß nicht, wie ich dorthin gekommen bin. Ich wache auf, und wenn ich Blut schmecke, bete ich zu allen Mächten, dass es mein eigenes ist." Seine Stimme brach ab. Eine unangenehme Pause folgte.

Severus richtete den Blick zu Boden. „In den Büchern steht, dass Werwölfe sich nicht an ihre Taten erinnern können."

Remus nickte. „Ja, ich erinnere mich nie. Ich bin dann nicht Ich, weiß du. Ich meine, der Werwolf kann sehen, fühlen, riechen und schmecken, aber mir bleibt nie eine Erinnerung zurück. Ich fühle, rieche und schmecke nur, was er bei mir hinterlässt. Es ist, als hätte jemand meinen Körper ausgeliehen und ihn mir nachher wieder gegeben. Und so... ist es in gewisser Weise auch."

„Das... klingt beunruhigend", sagte Severus leise, und es klang eher so, als hätte er zu sich selbst gesprochen.

Remus setzte sich auf. Er zog seine Beine an und dachte einen Moment nach.

„Beunruhigend, ja. Denn der Werwolf hat keine Angst. Kein bisschen. Er ist nicht berechenbar. Er folgt lediglich seinen Instinkten. Wer Angst hat, ist berechenbar. Der Werwolf hat keine Angst, deshalb ist er so gefährlich."

Severus zitterte, als er sich an die Vollmondnacht erinnerte. Es war schon über vier Monate her, aber die Erinnerungen waren immer noch so frisch wie am Morgen danach. Und jetzt, nach Remus' Erklärung, kam es ihm vor, als könnte er den Werwolf neben sich fühlen. Ein Wolf in Menschengestalt.

Es war nicht logisch. Remus hatte soviel mit einer Bestie gemeinsam wie ein Frosch mit einem Drachen. Er war nicht böse - soweit Severus es beurteilen konnte.

Beide waren wieder still geworden, in ihre eigenen Gedanken vertieft. Remus sah einem Käuzchen nach, das in der Dunkelheit verschwand. Seit er gesprochen hatte, hatte Severus kein einziges Geräusch von sich gegeben. Remus schaute neben sich, um einen stocksteif sitzenden Severus zu sehen; die schwarzen Haare im Gesicht hängend, den Blick starr ins Nichts gerichtet.

Remus' Herz durchzuckte ein Schmerz, weil ihm plötzlich klar wurde: Severus hatte Angst vor ihm. Vor IHM! Nicht vor dem Werwolf, sondern vor Remus, dem Menschen. Vor dem Werwolf sicherlich auch, aber Remus spürte die Nervosität, die von Severus ausging. Severus hatte Angst vor ihm – eindeutig.

„Lass uns nicht weiter darüber reden. Ich will mir diesen schönen Abend nicht durch ein so düsteres Thema verderben."

Severus wurde aus seinen Gedanken gerissen. Schöner Abend? Remus empfand diesen Abend als schön? Fand er es etwa auch schön, mit ihm hier zu sitzen und zu reden? Severus wäre nie auf die Idee gekommen, dass so etwas möglich war. Er versuchte seine Gedanken in den Griff zu bekommen und horchte auf sein Gefühl. Auch er konnte nicht behaupten, dass er ihr zufälliges Treffen verabscheute.

Remus sah Severus an, und lächelte beschwichtigend. Der aufgewühlte Ausdruck auf Severus' Gesicht lüftete sich. Remus' Blick wanderte zu den Flecken, die immer noch auf Severus' Brust prangten. Irgendetwas war anders.

„Hey!", rief er plötzlich aus, und Severus schaute ihn erschrocken an. Remus beugte sich vor und rutschte an ihn heran. „Die Flecken! Sie verändern nicht mehr ihre Farbe!" Der Gryffindor strahlte. Seine Betrübtheit war wie weggeblasen. Remus streckte ohne zu überlegen seine Hand aus und befühlte die Haut an Severus' Brust, auf der die Flecken saßen. Die Haut fühlte sich warm an, fast heiß. Die Salbe zeigte also ihre Wirkung.

„Klasse! Ich hätte nicht gedacht, dass es etwas nützen würde. Schau doch mal." Remus' Blick wechselte zwischen Severus' Brust und seinem Gesicht und wieder zurück. Remus schluckte, als er bemerkte, in was für einer Situation er sich befand – in was er sich hineinmanövriert hatte.

Severus starrte ihn an. Remus wagte nicht, sich zu bewegen. Er spürte Severus' Herzschlag unter seinen Fingern.

‚Oh, Merlin!' Eine ihm bekannte Hitze breitete sich in ihm aus und stieg als dichter Schub hinauf in seinen Kopf.

Severus war wie gelähmt. Das hier – was auch immer es war – war schlimmer als alles, was er bis jetzt erlebt hatte. Sein Puls schnellte hoch, seine Sinne waren auf das höchste gespannt. Er spürte, sah, roch, hörte und fühlte so viel, dass er all die Eindrücke gar nicht verarbeiten konnte. Er war unfähig, einen logischen Gedanken zu fassen, unfähig, sich zu bewegen. Er spürte die Wärme von Remus' Hand auf seiner Brust, spürte die leichten Berührungen von Remus' Fingerkuppen auf seiner Haut. Sie brannten sich in seine Haut und jagten ihm kalte Schauer über den Rücken. Ihm wurde unsäglich heiß.

Die braunen Augen schauten ihn – ebenfalls erstaunt – an, und auch hier war Severus unfähig, wegzuschauen. Er war gefangen.

Remus ließ seine Hand, wo sie sich befand. Sein Blick glitt von Severus' schwarzen Perlenaugen hinunter zu dem leicht geöffneten Mund. Langsam und vorsichtig beugte er sich vor und berührte Severus' Lippen sanft mit seinen. Sein Herz klopfte ihm vor Aufregung bis zum Hals. Severus hielt still, er stieß ihn nicht weg, tat nichts, um es zu verhindern.

Die Lippen waren weich und schmeckten nach Nachtluft. Remus löste seine Lippen von Severus' Mund und bewegte sich ein Stück von dessen Gesicht weg. Die Augen unter dem schwarzen Wimpernkranz waren klein, und Remus ahnte einen kleinen rosa Schimmer auf Severus' Wangen – überdeckt von den nun nicht mehr pulsierenden Flecken.

Remus verspürte eine Flut von Zuneigung zu dem Slytherin. Und er musste wissen, wie es bei dem Anderen aussah.

Er beugte sich noch einmal vor, und als er Severus' Lippen erneut berührte, küsste ihn der Slytherin zurück.

Es war nicht mehr als ein Zusammenziehen der Lippen, aber eindeutig ein Kuss.

Sie verharrten für einige Sekunden in dieser Position. Sieben – acht – neun – zählte Remus den Herzschlag unter seinen Fingern.

Plötzlich ging ein Rucken durch den Slytherin. Bevor Remus sich versah, hatte Severus sich von ihm gelöst, war von ihm weggerutscht, hatte seine abgelegten Sachen geschnappt und verließ fluchtartig die Aussichtsplattform.

Remus, überrascht von der Schnelligkeit des Slytherin, versuchte ihm nachzueilen, sah aber nur noch die Tür zur Wendeltreppe hinter dem schwarzen Schopf zuschlagen.


Ein Cliffhanger? Von mir?? Na, wie konnte das denn passieren?!Bin jetzt erst im Urlaub: London.
Da soll ja momentan ein "Bombenwetter" sein! unglücklich lächel
Wenn alles glatt geht lesen wir uns danach wieder.
Bis dann und passt auf euch auf!

Und nicht vergessen zu reviewen, bitte!