Schneewittchen und der fast tödliche Toast (Kapitel 1)
Ich saß wie jeden Morgen am Hufflepufftisch und versuchte es meinen Stiefschwestern Recht zu machen. Aber ich hatte mal wieder kein Glück. Die Spiegeleier waren ihnen zu kalt, die Milch zu warm und der Toast war angeblich zu trocken. Außerdem schmierte ich die Marmelade zu dick auf den Toast, woraufhin Kelly mir in einem unbeobachteten Moment in die Seite hieb und mich anfauchte, dass sie merkte, dass ich versuchte sie zu mästen. Wow, sie hatte mich durchschaut, mein einziger Lebenssinn bestand darin, meine Stiefschwestern zu füttern, bis sie wie aufgeblähte Stachelschweine aussahen. Ich hatte ja auch sonst nichts zu tun. Als ich ihnen schließlich aus der Küche zwei fettfreie Joghurts geholt hatte und mir selbst ein Brötchen schmieren wollte, kamen die Eulen. Als auch vor mir eine der Schuleulen landete galt der erste Gedanke meinem Vater und für etwa eine Sekunde war ich davon überzeugt, dass er wissen wollte, wie es mir ging. Oder vielleicht wollte Teddy mich mal wieder sehen?
Aber es war Annie, die mir schrieb. Ein typischer Annie-Brief eben: Wie geht's dir? Mir geht's gut. Ach übrigens, ich bin schwanger! So, jetzt da ich dir schon einen Riesenschock verpasst habe, wirst du alles Weitere nicht schlimm finden: Könntest du…? Erschrocken hielt ich die Luft an. Dieses Biest! Das hatte sie doch bestimmt nur gemacht, um mich wieder unter Menschen zu bringen. Seufzend nahm ich den Brief und stand auf. Glücklicherweise waren meine Stiefschwestern gerade damit beschäftigt kleine Löffelspitzen voller Joghurt zu sich zu nehmen und so musste ich mich nicht rechtfertigen. Mit gesenktem Kopf und zögerlichen Schritten ging ich am Ravenclawtisch vorbei zu dem Tisch, an dem die Gryffindors saßen und sich angeregt unterhielten. Ich spürte einige Blicke auf mir und wäre am liebsten wieder umgedreht, vor allem weil jetzt auch noch das Getuschel begann: „Was will die denn hier?" „Ist sie sich auf einmal nicht mehr zu fein um sich hier blicken zu lassen?"
Ich zog den Kopf noch weiter ein und war froh, als ich endlich bei Remus angekommen war. Ihm gegenüber saß James, dessen volle Aufmerksamkeit bei Lily lag. Sie hatte sich vor ihm aufgebaut und hielt ihm gerade eine Predigt darüber, dass er als Schulsprecher den anderen Schülern ein Vorbild sein müsse und nicht schon nach ein paar Wochen wieder in sein altes Verhaltensmuster fallen könne. James starrte sie nur mit verklärtem Blick an, was sie für eine Weile aus dem Konzept brachte und so blickten sie sich schweigend an. Mit einem Mal hatte ich wieder das Gefühl beobachtet zu werden und so drehte ich den Kopf und versank sofort in Sirius Augen. Er musterte mich mal wieder so durchdringend, dass ich meine Augen nicht von ihm wenden konnte und ich immer mehr das Gefühl bekam, dass ich ihm gerade meine Seele offen legte.
Schließlich gelang es mir doch meinen Blick abzuwenden und ich konzentrierte mich auf Remus, der mich schmunzelnd betrachtete. „Annie hat mir geschrieben, ich soll dir den geben", murmelte ich leise und hielt ihm einen zweiten Umschlag hin. Bei der Erwähnung ihres Namens fingen seine Augen an zu leuchten und ich lächelte wissend. In den Sommerferien hatten wir Remus beim Einkaufen getroffen und die beiden unterhielten sich mehr als eine halbe Stunde lang über die Konsistenz von Milchprodukten, was für mich ein untrügliches Zeichen dafür war, dass die beiden füreinander bestimmt waren. Seitdem musste ich meiner besten Freundin in jedem Brief beschreiben, was Remus für Klamotten trug und wehe ich vergaß ihr mitzuteilen, wenn er sich die Haare geschnitten hatte, dann war sie tödlich beleidigt und der Meinung, dass ich sie nicht ernst genug nähme. Aber wenigstens hatte ich ihr mittlerweile klar gemacht, dass es mehr als nur auffällig war, wenn ich ihm ständig mit einer Kamera hinterherlief, nur damit sie ihn auch aus der Ferne anschmachten konnte. Schließlich wollte sie nicht, dass er von ihrer… naja, von ihrer Schwärmerei erfuhr.
„Setz dich doch hin, dann kannst du hier etwas essen", forderte mich Sirius freundlich auf und ich warf ihm einen erstaunten Blick zu, was ich sofort bereute. Wieder nahmen mich diese geheimnisvollen Augen in Beschlag und ich schluckte trocken. Offenbar war ihm mein Schweigen etwas unangenehm, denn schon bald zierte ein leichtes Pink seine Wangen. „Ich hab dich nicht beobachtet, es ist mir nur zufällig aufgefallen, dass du noch nichts gegessen hast." „Ja, er hat rein zufällig eine halbe Stunde zum Hufflepufftisch geguckt und sich dabei den Hals verrenkt", fügte Remus trocken hinzu und schrie kurz darauf schmerzerfüllt auf. „Verdammt, Pad! Was sollte das denn?" „Tut mir Leid, mein Fuß ist ausgerutscht", gab er ebenso trocken zurück und riss damit James und Lily aus ihrer Starre, die nun leise lachten.
Remus rutschte ein Stück zur Seite und klopfte neben sich auf die Bank. Ich lächelte schüchtern und setzte mich dann zwischen ihn und Sirius und war dabei wirklich froh, dass ich jetzt mit dem Rücken zu Kelly und Kimberly saß, ihre Blicke hätten mich sicherlich zuckend vom Stuhl fallen lassen. Lily schien heute einen guten Tag zu haben, oder aber sie war neugierig was in dem Brief für Remus stand, denn sie setzte sich ohne ein weiteres Wort neben James, der sie nun mit verzückten Blick anstarrte und nichts anderes wahrnahm. „Prongs, ich glaube deine Hand ist jetzt genug gebuttert", lachte sein bester Freund leise und der Angesprochene blickte völlig irritiert auf seine beschmierte Hand und wurde dann knallrot. Lily kicherte leise und auch ich musste mir auf die Lippen beißen um ihn nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen. Sirius hatte damit allerdings weniger Probleme, er schlug laut lachend auf seinen Schenkel ein und kriegte sich erst wieder ein, als James ihm eine Hand voll Rührei ins Gesicht warf.
Da ich völlig fasziniert den losgelösten Sirius betrachtete bekam ich gar nicht mit, dass Remus mich ansprach und so quietschte ich erschrocken auf, als er mich am Arm berührte. Wenn ich befürchtet hatte, dass Sirius sich jetzt über mich genauso lustig machen würde wie zuvor über seinen besten Freund, so wurde ich positiv überrascht. Er lächelte mich nur unverfänglich an und begann dann sich mit James über die verschiedenen Brotsorten und ihre Vor- bzw Nachteile zu unterhalten. Lily schüttelte immer wieder den Kopf, aber es wirkte nicht so, als wäre sie genervt, im Gegenteil: Sie schien sich köstlich zu amüsieren. Erst jetzt wandte ich mich zu Remus um, der geduldig gewartet hatte und mich immer noch anlächelte. „Annie fragt, ob es hier in der Nähe eine Bar gibt, in der ich dich betrunken machen und an den Höchstbietenden verhökern kann. Meint sie das ernst?" „Das ist einfach…Annie", antwortete ich schulterzuckend und er grinste. „Gut zu wissen."
Zaghaft zupfte Sirius mich am Ärmel und als ich mich umdrehte hielt er mir einen Toast mit Marmelade vors Gesicht. „Wo du doch schon deine Freundinnen fütterst…" Bei dem Wort „Freundinnen" hätte ich beinahe gelacht, wenn die Situation nicht so traurig gewesen wäre. Kimberly und Kelly als meine Freundinnen zu bezeichnen… auf die Idee war auch noch niemand gekommen. In dem Moment riss Remus mich aus meinen Gedanken: „Warum nennt sie dich eigentlich Schneewittchen?" Erschrocken schnappte ich nach Luft und verschluckte mich dabei an meinem Toast. Super, da saß ich nun neben dem begehrenswertesten Jungen der Schule und erstickte fast. Obwohl… Mund zu Mund Beatmung wäre sicherlich nicht das Schlimmste, was mir passieren konnte… Naja, jedenfalls klopften Remus und Sirius mir gleichzeitig so heftig auf den Rücken, dass mein ganzer Oberkörper nach vorne flog und mein Gesicht in den auf dem Teller liegenden Toast gedrückt wurde. Selbst heute ist mir das noch peinlich und ich weiß noch genau, dass ich mir in dem Moment wünschte, an dem Brocken in meinem Hals erstickt zu sein.
Mit hochrotem Gesicht(was definitiv an der Kirschmarmelade lag) setzte ich mich wieder gerade hin und versuchte so würdevoll wie möglich dazusitzen, während mir von 50 Prozent der Rumtreiber das Gesicht abgewischt wurde, als wäre ich ein kleines Kind, das noch in die Windeln machte. Nur, dass ich bestimmt besser roch. Nach Kirsche. Lecker. So unauffällig wie möglich klemmte ich mir eine verschmierte Haarsträhne hinter das Ohr und lächelte versuchsweise. „Ah, ich verstehe", sagte Remus und lachte leise. „Die ist ja richtig kreativ, die Gute!" „Hey! Schließt mich nicht aus!", jaulte Sirius und ich warf ihm einen irritierten Blick zu. Sofort wurde er rot. „Ich.. Ich spreche normalerweise nicht wie ein Baby. Das war nur ein Scherz." „Aha", machte ich und zog das Wort dabei besonders lang. James presste lachend eine Hand auf den Mund und auch Lily schien sich ein Schmunzeln nicht verkneifen zu können, woraufhin Sirius in sich zusammensank und den Kopf einzog. Dann aber schien er sich daran zu erinnern, wer er war und er setzte sich wieder gerade hin und streckte das Kinn vor. „Warum nennt diese... Annie?" „Annie", bestätigten Remus und ich gleichzeitig und er nickte zufrieden, „Warum nennt sie dich Schneewittchen?" „Weil…", begann Remus, wurde aber von James unterbrochen.
„Schneewittchen ist eine Märchenfigur aus der Muggelwelt, sie ist so was wie Beedle der Barde für uns. Über Schneewittchen wurde gesagt, dass sie weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz war. Und jetzt sieh dir doch mal Isabelles Haut, ihren Mund und ihre Haare an!" Während Sirius mich nun eingehend musterte und ich unruhig hin und her rutschte, sah Lily James nachdenklich an. „Woher weißt du so genau über Muggelmärchen Bescheid?" Er wurde rot und ähnelte einmal mehr einem kleinen, verliebten Schuljungen. Naja, klein war er eigentlich nicht, aber alles andere traf ja zu. „Ich hab mich in den letzten Jahren ein wenig mit Muggeln beschäftigt. Es.. Es gibt da so ein Mädchen. Sie ist Muggelgeborene und ich wollte einfach mehr über ihre Herkunft erfahren, damit ich sie vielleicht auch besser verstehen kann." „Oh", machte Lily und wirkte mit einem Mal enttäuscht, woraufhin sich mein Tischnachbar schmunzelnd räusperte. „Ich glaube, er meint dich!" Überrascht sah sie von Remus zu James und errötete dann auch. „Oh!"
Ich glaube, nach diesem Frühstück fing sie an James mit anderen Augen zu sehen und als er das merkte wuchs er vor Stolz glatt drei Zentimeter. Und auch mein Leben war nicht mehr so, wie zuvor: Seit diesem Gespräch nannte Sirius mich nur noch „Schneewittchen" und meine Stiefschwestern sahen mit einem Mal eine Gefahr in mir, die es zu beseitigen galt. Es war der Tag der Veränderungen, des Anfangs und des Endes.
