Wut (Kapitel 1)
Jeder kann wütend werden, das ist einfach.
Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit,
zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.
Aristoteles (griechischer Philosoph)
„Harry, das Essen ist fertig. Bist du so lieb und holst deine Schwester?" Auffordernd sah Lily Potter ihren Sohn an, welcher ihrem Blick sofort auswich. „Sie ist alt genug, sie wird schon irgendwie runterkommen." „Du weißt ganz genau, dass das nichts mit dem Alter zu tun hat, sie…" „Geh sie doch selber holen wenn du meinst, dass das nötig ist!", fauchte der Schwarzhaarige entnervt und stampfte wütend ins Wohnzimmer, wo Sekunden später laute Musik erklang. Müde ließ sich seine Mutter auf einem Stuhl sinken und fuhr sich verzweifelt durch das rote Haar. Ein großer, breitschultriger Mann stellte sich hinter sie und legte ihr behutsam einen Arm um die Schultern. „Er wird sich schon wieder einkriegen, du weißt doch, dass Harry es nicht so meint!" Langsam drehte sie den Kopf und große grüne Augen blickten in graue. „Ach Sirius, es ist nur… Es ist einfach so unfair! Ich brauche meine ganze Kraft schon für Emily, ich kann mich nicht auch noch um Harry kümmern!" „Vielleicht ist das das Problem", sagte der Schwarzhaarige leise, „Du hast nicht nur eine Tochter, sondern auch einen Sohn, du darfst Harry nicht vernachlässigen nur weil er dich nicht zu brauchen scheint. Jedes Kind braucht seine Mutter, Lily." „Wann bist du so weise geworden?", fragte sie lächelnd, „Es kommt mir wie gestern vor, als du dich wie verrückt darauf gefreut hast im Zoo die Meerkatzen ärgern zu können!" „Das war gestern", grinste Sirius, „Und wer hätte denn bitte ahnen können, dass Meerkatzen Affen sind?" Die Rothaarige kicherte leise und sah ihn dann dankbar an. „Das habe ich gebraucht. Aber könntest du jetzt Emily holen?" „Na klar, das würde ich mir um nichts in der Welt entgehen lassen!", lächelte Sirius, drückte seiner besten Freundin noch einen Kuss auf die Stirn und verließ dann die Küche.
Seufzend ließ Lily Potter das Geschirr aus den Schränken schweben und platzierte es geübt auf den dafür vorgesehenen Plätzen. Den Topf mit den Spaghetti und dem klein geschnittenen Fleisch trug sie lieber selbst, zu präsent war noch die Erinnerung an Sirius letzten katastrophalen Versuch etwas Zeit zu sparen. In diesem Moment hörte sie Geräusche aus dem Flur heraus und lief ihrem Mann freudestrahlend entgegen. Stürmisch umarmte sie ihn und hätte ihn am liebsten gar nicht mehr losgelassen. „Schlimmen Tag gehabt?", fragte James leise und sie nickte. „Harry hat heute wieder extrem gute Laune. Vielleicht solltest du nach dem Essen mal mit ihm reden!" Er nickte ernst und hängte dann seinen Umhang auf. „Sind Moony und Pad schon da?" „Sirius ist oben und holt Emily, Remus hatte heute Nachmittag ein Vorstellungsgespräch und wollte danach noch einkaufen gehen." James runzelte besorgt die Stirn. „Hoffentlich wird es diesmal was, ich weiß nicht, wie lange er diese Situation noch durchsteht." Bedrückt seufzte Lily auf und schob dann ihren Mann in die Küche. „Würdest du bitte schon mal Wasser einschenken?" „Hat sie ihren Stärkungstrank etwa noch nicht genommen?", fragte er leicht vorwurfsvoll und die Rothaarige seufzte tief auf. „Nein, du kennst sie ja. Aber wenn Remus und Sirius dabei sind will sie sich nicht blamieren und schluckt mit einem Mal alles bereitwillig runter." „Mach dir nichts draus", lächelte James und drückte sie sanft an sich, „Du weißt doch, dass sie die beiden vergöttert." „Ja, aber wir sind die Eltern, das sollte doch auch etwas zählen, meinst du nicht?"
Ihr Mann lächelte nur schulterzuckend und richtete dann seine ganze Aufmerksamkeit auf die Treppe, die er durch die offene Küchentür sehen konnte. Nun, nicht direkt auf die Treppe, denn obwohl sie ein paar wirklich schöne Verzierungen hatte war sie nicht besonders interessant. Die Personen, die sie gerade benutzten waren es dagegen umso mehr. „Hoppe hoppe Reiter, wenn er fällt dann schreit er…", sang Sirius in einer unfassbar schiefen Tonlage und sein bester Freund hatte das Gefühl, dass sich ihm die Zehennägel aufrollten. Grinsend beobachtete er seine Tochter, die ihre Arme um Sirius Hals gelegt hatte und sich offenbar nicht ganz sicher war, ob sie das Ganze jetzt witzig oder peinlich finden sollte. Durch das Auf- und Abgehoppse war sie schon etwas blass um die Nase und ihre Haare standen zerzaust in alle Richtungen ab. Als Sirius dann die restlichen Stufen mit einem großen Sprung überbrückte quietschte sie erschrocken und krallte reflexartig ihre Fingernägel in seinen Hals. Der Schwarzhaarige heulte erschrocken auf und James musste sich wirklich zusammenreißen um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. „Hey Em", sagte er lächelnd und nahm seinem besten Freund seine Tochter ab, „Hattest du einen schönen Tag?" Sie nickte. „Ja, ich habe mit Mum einen Unsichtbarkeitstrank hergestellt." „Cool", lächelte James bewundernd, „Ich habe das nie hingekriegt!" Sirius nickte zustimmend. „Das Talent für Zaubertränke hast du definitiv von deiner Mutter geerbt, die von Prongs und mir sind immer in die Luft geflogen." Misstrauisch blickte sie Sirius an. „Aber ihr seid Auroren, wie habt ihr in euren Abschlussprüfungen ein „Ohnegleichen" gekriegt?" „Och… Wir hatten ein wenig Nachhilfe bei Lily und Moony", murmelte James beschämt und sein Kopf lief rot an. „Im Klartext sie haben euch irgendwie durch die Prüfungen geschleust", stellte seine Tochter klar und Sirius lachte bellend. Augenblicklich fing James an zu schmollen. „Was denn? Mussten wir seitdem auch nur einen Trank herstellen? Nein! Und warum? Weil wir Verbrecher jagen und keine Mittagessen kochen!"
„James Potter! Erzählst du unser Tochter gerade, dass jemand, der Zaubertränke beherrscht später am Herd landet?" Erschrocken drehte der Angesprochene sich um und erblickte seine grimmig dreinblickende Frau, die drohend ein dickes Nudelholz in der Hand schwang. „Du… Du wirst dich doch nicht vor dem Kind streiten wollen, oder?", fragte er hoffnungsvoll und seine Augen funkelten schelmisch. „Gerade noch mal gerettet Prongs", lachte Sirius und Lily verdrehte seufzend die Augen. Emily dagegen verpasste ihrem Vater einen gekonnten Schlag auf den Oberarm. „Wen nennst du hier Kind?" „Ja Prongs, wie willst…" „Pad!", knurrte James bemüht ruhig und funkelte seinen Freund böse an, „Wieso gehst du nicht deinen Schwanz jagen?!" „Das war nur einmal!", heulte Sirius empört, „Und ihr haltet es mir immer noch vor!" Sein bester Freund holte Luft um etwas zu entgegnen, aber Lily fuhr unwirsch dazwischen. „James, setz Emily ab. Sie kann alleine laufen!" „Aber…" „James! Ihr könnt ihr beim Laufen helfen, aber sie wird es nie lernen wenn ihr sie tragt, verdammt!" Augenblicklich zog ihr Ehemann den Kopf ein und ließ seine Tochter seufzend auf dem Boden nieder. Ganz langsam und mit den helfenden Händen von Sirius und James gelangte auch sie schließlich in die Küche, wo Harry schon ungeduldig wartete. Wütend funkelte er seinen Vater an. „Zehn Minuten! Zehn Minuten vom Flur in die Küche! Hättet ihr sie nicht tragen können?" „Ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen!", fauchte James augenblicklich zurück und Harrys Kopf lief vor Wut rot an.
Glücklicherweise kletterte in diesem Moment Remus aus dem Kamin im Wohnzimmer und kam mit undefinierbarem Gesichtsausdruck in die Küche. Sofort richteten sich alle Augen auf ihn und die unausgesprochene Frage hing in der Luft. Der Werwolf lächelte nur traurig und schüttelte den Kopf. „Oh Remus", murmelte Lily und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Das tut mir so Leid!" „War doch klar", antwortete er bitter und sah an sich herunter. Er trug seinen einzigen Anzug, hatte sich die Haare gestylt und selbst seine Schuhe waren poliert.. „Lächerlich", sagte er leise, „Ich habe mich absolut lächerlich gemacht!" „Es ist nie lächerlich Hoffnung zu haben!" Langsam hob Remus den Kopf und sah sein Patenkind nachdenklich an. Von Sekunde zu Sekunde entspannte sich sein Gesichtsausdruck und ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Hey meine Süße! Wie geht es dir?" „Gut", war die knappe Antwort und man konnte sehen, dass sie die Frage einmal zu oft gehört hatte. Mit einem mitleidigen Lächeln beugte Remus sich zu ihr herunter und platzierte einen Kuss auf ihrer Stirn. „Das ist schön. Hier, ich habe dir was mitgebracht!" Und damit hielt er ihr einen flachen Pappkarton vor die Nase. Mit einem Mal fing auch das rothaarige Mädchen an zu strahlen und versuchte unbeholfen den Deckel zu öffnen. James wollte schon dazwischen gehen um ihr zu helfen, aber Remus Blick hielt ihn zurück. Schließlich schaffte Emily es doch noch die Klebestreifen zu lösen und konnte ihr Geschenk öffnen. In dem Karton lag ein langer Quiddichumhang in ihren Lieblingsfarben. Schlagartig füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie schlang leise schluchzend die Arme um ihren Paten. „Danke Rem. Einfach… Danke."
