Kapitel 2, Wehrmutstropfen

"Ich kann es einfach nicht glauben, einfach Tod. Das muss ein schlechter Albtraum sein", schluchzte Nan Blythe und lehnte sich gegen die Schulter von Jerry Meredith. Er versuchte sie mit seinen Worten zu beruhigen, die jedoch in ihrem Schluchzen untergingen und das einzigste was er tun konnte, war sie fest an sich zudrücken und den Weg nach Ingleside hinauf zu führen.

Dem Weg hinauf nach Ingleside hatten sich ihnen mehrere Menschenmengen angeschlossen, die ebenfalls schwarz trugen, die Gesichter gesenkt hielten, still neben einander her liefen und ihre Tränen mit dem Taschentuch trockneten.

"Vor wenigen Tagen haben wir noch mit einander gelacht, und heute, waren wir auf ihrer Beerdigung. Das ist einfach nicht fair", flüsterte Di. Carl hielt mit der einen Hand einen Schirm über die beiden und mit der anderen strich er ihr sanft über den Rücken.

"Sie war eine wirklich gute Seele. Ich dachte immer sie würde ewig leben. Ich wünschte ich könnte die Zeit zurück drehen und noch mehr Zeit mit ihr verbringen", sagte Rilla und unterdrückte die aufkommenden Tränen.

"Weist du noch Weihnachten 1908? Als wir morgens nach unten kamen und das ganze Haus nach Lebkuchen gerochen hat? Sie muss schon Mitten in der Nacht aufgestanden sein um für uns alle eigene Lebkuchenmännchen zu backen" Ein kurzes schmunzeln flog auf Jems Mund, als er sich jedoch umdrehte und einen kurzen Blick auf den grau wirkenden Friedhof erhaschte, schwand das schmunzeln. "Ich kann mir Ingleside ohne sie nicht vorstellen", gestand er und wand sich ab.

Rilla schaute mit betroffener Miene nach draußen, wo der Regen heftig gegen die Fensterscheibe schlug. Sie hatte den April noch nie leiden können, wenigstens Regnete es heute, es spiegelte ihre Gefühle wider. Der Gedanke daran, dass Susan nun nicht mehr bei ihnen sein konnte, sondern allein in einem kleinen, kalten Grab liegen musste, war einfach grausam.

Susan sollte hier in Ingleside mit ihnen allen zusammen sitzen. Ingleside war nicht nur das zu hause der Blythes, sondern auch das von Susan gewesen und das immer hin mehr als 26 Jahre, Jahre voller Freud und Leid. Susan selbst hatte einst gesagt, dass Ingleside seit Generationen für Gemütlichkeit, Leben und Fröhlichkeit gestanden hatte, doch heute wirkte es grau, einsam und verlassen.

Die gute alte Susan nie wieder über Politik, Cousine Sophia oder über Katzen schimpfen zu hören, traute sich keiner Auszumalen. War sie nicht nur ihre Haushälterin und zu mancher Zeit Ersatzmutter gewesen, sondern ein vollwertiges Familienmitglied, dessen Ableben eine große leere in ihrer Mitte hinterlassen hatte.

Natürlich würde man den Schmerz über Susans Tod nie mit dem von Walter vergleichen können, aber schmerzt der Verlust eines Geliebten Menschen, ob Blutsverwandt oder nicht, nicht auf verschiedensten Wegen gleich?

Nun hatten sich die Blythes, Merediths und Ken im Wohnzimmer eingefunden und dachten an die verstorbene. "Ich weis wirklich nicht wie wir es Shirley bei bringen sollen?", durchbrach Di nach einer Weile die stille.

Gilbert hob das Gesicht aus seinen Händen und schluckte trocken: "Ich weis es nicht, ich weis es wirklich nicht". Er wirkte müde und abgespannt. "Hier trink das Dad, dass wird dir gut tun". Rilla reichte ihrem Vater eine Tasse Tee und nahm auf der Sessellehne neben ihm platz. Gilbert blickte zu seiner jüngsten Tochter hoch und tätschelte ihr sanft die Hand.

"Gilbert, du siehst müde aus, geht es dir nicht gut?", erkundigte Rosemary sich und beugte ihn mit ihrem geübten Mutterblick, der gleich wusste wenn etwas nicht stimmte. "Kein Wunder wenn man seit Nächten nicht mehr schläft, sich mit arbeit zu schüttet und sich in seinem Büro versteckt", antwortete Anne statt Gilbert.

Seit ihrer Ankunft in Ingleside war sie die ganze Zeit am Fenster gestanden und blickte hinaus. Ihr langes rotes Haar fiel ihr über die Schulter und versteckte ihr Gesicht. Gilbert sah sie grimmig an und stellte seine Tasse klirrend auf dem kleinen Tischen ab.

"Du kannst nicht mehr schlafen?", fragte John Meredith und wirkte verwirrt. "Er macht sich vorwürfe, musst du wissen. Er gibt sich die Schuld an ihrem Tod", antwortete wieder Anne, wendete jedoch nicht ihren Blick vom Fenster. Gilbert erhob sich wütend. "Anne das geht niemanden etwas an", fuhr er sie an und begann im Zimmer auf und ab zu laufen wie ein Löwe im Zoo.

"Natürlich geht es jemanden an, es betrifft uns alle". Sie hatte sich umgedreht und zum ersten mal sah man die Tränen die ihr die Wange hinab liefen. "Sollen wir weiterhin zuschauen wie du dich weiter quälst und dir die Schuld an etwas gibt's, wofür du nichts kannst? Ich werde nicht länger dabei zu schauen. Erst Walter, dann Susan, willst du der nächste sein? Das werde ich nicht zu lassen". Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und begann zu weinen.

Gilbert blieb für einen Moment stehen und blickte sie an, als hätte er sie noch nie zuvor im Leben gesehen. Mit ruhigen Schritten kam er näher, nahm sie in den Arm und küsste sie auf die Stirn. "Es tut mir leid, Anne-Mädchen. Ich wollte dir, euch allen keine Angst machen. Es ist diese Grippe. Sie hat bereits so vielen Menschen das Leben gekostet, aber ich kann einfach nichts gegen sie ausrichten". Seine Stimme hatte wieder einen ruhigeren Ton angenommen.

Anne hatte aufgehört zu weinen, blieb jedoch weiterhin in seinen Armen. "Du hättest doch mit uns sprechen können. Wir sind doch immer für dich da, die Kinder, unsere Freunde und ich", flüsterte sie.

"Ich denke du hast Recht. Aber den Kampf gegen diese Grippe werde ich nicht kampflos aufgeben, dass verspreche ich euch. Für Susan", sagte Gilbert und das glänzen war in seinen Augen wieder zu sehen. Sie alle wussten das er sein best möglichstes tun würde und sie alle wollten ihn dabei unterstützen.

"Du bist ein wunderbarer Arzt, Dad und ich hoffe das ich eines Tages ebenfalls so gut sein werde", gestand Jem und blickte zu seinen Eltern auf. Gilbert sah seine Kinder und Freunde an und schien wirklich begriffen zu haben, dass selbst er in mancher Hinsicht einfach machtlos war und Susan nicht hatte helfen können.

"Jem hat Recht, Dad. Susan wusste das. Ich bin mir sicher, sie würde nicht wollen das du dir solche Vorwürfe machst und krank wirst", flüsterte Di und ihr Blick wanderte zu dem Familienbild über dem Kamin, wo ihr die glücklichen Gesichter ihrer Familie aus längst vergangener Zeit entgegen lächelten und Susan stolz mit ihrer Haube an der Seite stand.

Rilla ergriff die Hand von Ken und drückte sie ganz fest. "Wir müssen versuchen stark zu sein und weiterhin die Treue halten. Für Susan und für Walter", flüsterte Rilla. Sie alle nickten um zu zeigen, dass sie verstanden hatten.

In Gedenken an C. D.