Kapitel 3, Prinzesschen
Alice Flagg stand hinter ihrem Tresen in Carter Flaggs Laden und ließ ihren Blick durch den großen, stickigen, Sonnendurchfluteten Raum wandern. An diesem Nachmittag schien alles wie immer zu sein. Man hatte sich um 15 Uhr in ihrem Laden getroffen um sich gegenseitig die neuesten Neuigkeiten auszutauschen. Ja, es schien wirklich alles wie immer zu sein.
Ein lautes Lachen riss sie aus ihren Gedanken. Die Traube schwatzender Damen, die aus sechs Frauen bestand, amüsierte sich im Moment köstlich über ein Thema. Alice lächelte, es war wirklich alles wie immer. Sie gesellte sich zu ihren Freundinnen und war sofort mit von der Partie. "Sie hat doch im Ernst geglaubt ein fünftes Baby würde ihre Ehe retten. Pah, das ich nicht lache. Louisa war schon immer so ein naives Ding gewesen. Kein Wunder! Ihre Mutter war eine Edwards, die sind alle nicht besonders helle". Gertrude Palmer schlug sich lachend auf den Schenkel und steckte die anderen damit an.
"Schlimm, schlimm das ganze, aber ich hab Louisa noch nie leiden können. Dieses ewige rumgeheule. Kein wunder das Peter bereits große Augen bekommen hat und sich in der Gegend umschaut". Ein hämisches Lächeln breitete sich auf Mary Vances Gesicht aus. Die anderen fingen heftig zu gackern an. "Mary, meine Liebe", versuchte Melissa West Mary zu tadeln, gab den Versuch jedoch auf und stimmte mit ein ins allgemeine Gelächter.
Das Gelächter fand ein jähes Ende, als die Ladentür aufgerissen wurde und eine keuchende Elizabeth Smith mit hochrotem Kopf in den Laden gestolpert kam. Die pummlige Frau stemmte ihre Hände in die Hüfte, schnappte nach Luft und versuchte dabei den anderen was mitzuteilen. "Na, na Lizzie, was ist den passiert, du bist ja völlig außer Atem. Jetzt beruhigst du dich erst einmal und dann kannst du in aller Ruhe berichten". Alice Flagg zog einen Stuhl in Elizabeths Richtung, die mit einem lauten 'plop' Platz nahm.
"Mädchen, ich muss euch was erzählen, ihr werdet es mir nicht glauben", japste Elizabeth und fasste sich an die Brust. Von Neugier getrieben drängelten sich die anderen zu ihr und bildeten einen Halbkreis. "Erzähl, erzähl", drängelte Agatha Jenkins. "Ihr werdet es mir nicht glauben wer heute in Glen angekommen ist. Das ich diese Person noch einmal sehen würde, hätte ich nicht geglaubt". Sie machte eine kurze Verschnaufpause und bemerkte die verwirrten Gesichter ihrer Klatschweiber.
"Persis Ford! In Fleisch und Blut!" Sie schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und riss ihre Glubschaugen weit auf. "Du musst dich getäuscht haben, Lizzie. Persis Ford war seit Jahren nicht mehr in Glen. Wieso sollte sie ausgerechnet jetzt kommen? Du musst dich getäuscht haben", winkte Gertrude Palmer ab. "Ich hab sie mit eigenen Augen gesehen. Ken Ford hat sie vom Bahnhof abgeholt. Ich sag euch, wie ihre Mutter und Großmutter. Die Nase ganz weit nach oben gerichtet. Nein, ich hab mich da auf gar keinen Fall getäuscht", versicherte Lizzie und verschränkte die Arme.
"Soso, Persis Ford ist also wieder hier. Ich kann nicht verstehen was sie hier will. Sie hat sich immer nur über Glen und seine Bewohner herablassend ausgelassen. Was will sie den hier? Sie soll doch wieder nach Toronto verschwinden! Verzogene Göre!", fauchte Melissa West und fuchtelte wütend mit ihren Armen. "Mit 7 Koffern stand sie am Bahnhof und hat die Nase gerümpft. Und ein Kleid hat sie an! So was würde ich nicht einmal im Tod anziehen. Knallrot und so kurz! Ich konnte die blanken Knie unter ihrem Kleid sehen", krächzte Elizabeth aufgebracht. "Das sie sich eigentlich nicht schämt! Naja, in das Kleid hättest du ja nicht einmal im Tod reingepasst, Lizzie Schätzchen, wenn wir ehrlich sind", zischte Agatha Jenkins und musterte Elizabeth von oben bis unten.
"Ich hab Persis noch nie leiden können. Noch als wir Kinder waren, hielt sie sich für etwas ganz besonderes und war sich zu schade mit uns zu spielen. Ja, das konnte sie ganz gut, uns mit ihrer arroganten Art einschüchtern. Und dann hat sie immer davon gesprochen wie reich sie doch ist, was für tolle Kleider sie doch zu hause habe und sie es kaum erwarten könnte auf die tollen Partys gehen zu können… sie ist einfach nur eine schreckliche Person. Eine verzogene Pute, dass ist sie", fauchte Mary.
"Sie ist eben eine Ford. Nehmt nur Owen Ford. Er kam hier her um an- gelblich einen 'Roman zu schreiben' und fährt dann mit dieser Leslie Moore als Ehefrau nach Toronto zurück. Typisch, glaubt einfach kommen zu können und alles an sich reissen zu müssen, dass ist einfach so typisch!", maulte Alice.
"Ich wusste gleich, das es mit Leslie Moore kein gutes Ende nehmen würde, tja und nun nimmt es eben ein schlimmes Ende mit Persis", teilte Agatha Jenkins den anderen lustlos mit. "Sie hat bestimmt einen Verehrer nach dem anderen und bildet sich vermutlich weis Gott was darauf ein. Naja, bis eines Tages ein Unglück geschehen wird", grinste Melissa.
"Naja, lang wird sie es hier ja eh nicht aushalten. Ich wette nach 2 Wochen haben die Blythes keine Lust mehr sich mit ihr abzugeben", kicherte Mary. "Persis, unser Prinzesschen, wird ihnen ihren Aufenthalt zum reinsten Desaster machen". Mary rieb sich ihre Hände und fing an zu kichern. Die anderen stimmten mit ein. Alice hielt sich den Bauch vor lachen. Ja, an diesem Nachmittag war wirklich alles wie immer, ohne Zweifel.
"Es ist so schön das du hier bist, Persis", lächelte Gilbert und umarmte Persis zum zweiten Mal. "Du siehst so anders aus. Du bist so hübsch geworden. Du hast bestimmt jede Menge Verehrer", zwinkerte Gilbert ihr zu und musterte sie ganz genau. "Gilbert", lächelte Anne, "ich denke Persis ist bestimmt erschöpft von der langen Fahrt. Sie will sich bestimmt erst einmal frisch machen. Du kannst sie später noch lang genug ausquetschen". Persis bedankte sich mit einem Lächeln bei Anne und verschwand nach oben ins Gästezimmer. "Sie sieht ihrer Mutter wirklich sehr ähnlich, findet ihr nicht?", fragte Gilbert und nahm auf dem Sofa Platz.
"Na, wenn man von dem dunkelblonden Haar, den grünen Augen und der Tatsache absieht das sie sehr groß ist, aber ansonsten, ja, da besteht eine gewisse Ähnlichkeit", murmelte Di, blickte jedoch nicht von ihrem Buch hoch. "Na da hat eine ja ein geschultes Auge", ärgerte Jem seine jüngere Schwester und lies sich in einen Sessel fallen. "Nana, hören wir da etwa eine Spur Neid aus deiner Stimme, liebes Jemchen?" Nan zwinkerte ihm zu. Ein Kissen flog durch die Luft und traf Nan mitten im Gesicht. "Neid ist ein Fremdwort für mich", lachte Jem.
"Naja wenn ihr es genau wissen wollt, kommt Persis eher nach unserer verstorbenen Tante Helena, das sagt jedenfalls Dad", mischte sich nun Ken ein. "Ehm naja, im Grunde ist es ja egal nach wem sie kommt. Ich finde jedenfalls das sie eine der schönsten Frauen ist…", schwärmte Nan.
"… die gleich nach dir kommen, nicht wahr", unterbrach Jem sie und zwinkerte ihr zu. "Duuu", fauchte Nan, regte ihre Nase in die Höhe und verschränkte die Arme, wie sie es schon als kleines Kind getan hatte. "Kinder", versuchte Anne ihre Kinder zu besänftigen, aber konnte ein leises Lachen nicht verbergen. So lange Zeit war es her gewesen, dass wirkliches Leben hier geherrscht hatte, einfach zu lange. Sie genoss im Moment jeden Augenblick.
"So, da bin ich wieder". Elegant stand Persis am Türrahmen gelehnt und lächelte ihnen allen entgegen. Sie hatte ihr sportliches, weinrotes Kleid gegen ein elegantes Lindgrünes eingetauscht und ihr langes, gewelltes Haar lag elegant über der Schulter. "Komm, setz dich zu uns Liebes", bat Anne und deutete auf den Platz neben sich. Persis legte den Kopf etwas schief, lächelte jedoch und schwebte auf den leeren Platz neben Anne.
Anne goss ihr ein Glas eiskalte Limonade ein und schenkte ihr ein Lächeln. "Nun erzähl doch mal, wie geht es dir? Es ist so lange her, dass wir dich zum letzten Mal gesehen haben. Deine Mutter hat uns natürlich geschrieben wie es dir geht, was du so machen würdest, aber natürlich ist es etwas anderes es von einer anderen Person zu hören. Wir freuen uns wirklich sehr das du nach Glen gekommen bist, nicht wahr Gilbert?".
"Ich freu mich auch wieder bei euch zu sein, Tante Anne. Es müssen Jahre her sein, wo ich das letzte mal hier war… jedenfalls vor dem großen Krieg", Persis Stimme war zu einem Murmeln geschrumpft und verlor sich in der Stille. Keiner traute sich etwas zu sagen und sie senkten den Kopf. Nach einigen Minuten des Schweigens lächelte Persis wieder und versuchte es von neuem. "Jedenfalls hab ich jetzt vor so lang es geht hier bei euch zu bleiben und eine schöne Zeit zu verbringen. Natürlich nur wenn es für euch in Ordnung geht?" Sie hatte sich an Gilbert und Anne gewandt.
"Natürlich ist es das! Du und Ken, ihr beide seid uns immer herzlich willkommen, merkt euch das bitte", sagte Gilbert und nickte den beiden Fords zu. Ken und Persis nickten ihm dankbar zu. Anmutig strich sich Persis eine Haarsträhne aus dem Gesicht und nahm einen Schluck kühler Limonade. Rilla bemerkte nicht zum ersten Mal, dass Persis vieles anmutig tat, egal ob es um ihr Sprechen, ihre Gestik oder ihr Handeln ging, alles wirkte so überdacht und vorsichtig. Walter hatte Persis einst als Elfe bezeichnet und heute hatte Rilla zum ersten Mal verstanden, was er damit gemeint hatte.
"Ken hat erzählt du würdest seit Februar in New York leben. Ist New York wirklich so eine aufregende Stadt wie alle sagen?", fragte Jem und rutschte aufgeregt in seinem Sessel hin und her. Es war schon immer Jems Wunsch gewesen eines Tages in New York als Arzt arbeiten zu können und sobald er nur über das Thema 'New York' sprechen konnte, war er Feuer und Flamme dafür. Persis lachte kurz auf und winkte ab.
"So toll ist New York auch wieder nicht. Natürlich ist es was ganz anderes wie Glen oder Toronto, keine Frage, aber warum alle New York für aufregend halten versteh ich nicht. Natürlich ist sie nicht langweilig, aber die Menschen sind immer in Hektik, das ist wirklich schrecklich. Naja, mal abwarten wie lang es mich da noch hält", grinste Persis und erinnerte an das freche Mädchen das sie einst war. "Du hast doch bestimmt viele Verehrer nicht war", fragte Nan und bekam glänzende Augen. Alle wussten das Nan sich schon seit Kindertagen immer viele Verehrer gewünscht hatte, dabei jedoch nicht so erfolgreich gewesen war.
"Sag bloß Jerry reicht dir plötzlich nicht mehr", neckte Jem und streckte ihr frech die Zunge heraus. Dieses mal traf Jem das fliegende Kissen. "Ich finde das ist Persis Sache und geht uns weis Gott nichts an", merkte Rilla an und bemerkte wie Persis in ihre Richtung 'Danke' mit den Lippen formte. Rilla zwinkerte ihr nur zu. Aber sie wussten genau, dass Nan nicht so schnell locker lassen würde und wechselte schnell das Thema.
"Sag mal Persis, wie lang hast du den vor in Glen zu bleiben?", erkundigte Rilla sich. Sichtlicht überrascht und spürbar dankbar darüber das keine Fragen mehr zu ihrem Privatleben kamen, antwortete sie: "Ich dachte daran erst einmal den Sommer hier zu verbringen und dann mal abwarten was alles auf mich zukommen wird". Sie zwinkerte verschwörerisch in die Runde und alle fingen zu lachen an.
"So, nun hätte ich aber wirklich Lust einen Besuch im alten, guten Regenbogental zu machen. Ich bin lang genug im Haus gewesen, ich will was erleben. Wer hat Lust mich zu begleiten?", fragte Persis, erhob sich anmutig von ihrem Platz und blickte erwartungsvoll in die Gesichter ihrer alten Spielkameraden, die ihr verschmitzt entgegen lächelten. Einige Minuten später beobachteten Gilbert und Anne ihre eigenen Kinder, ebenso Ken und Persis wie sie lachend und unbeschwert in Richtung Regenbogental liefen. Es kam ihnen vor, als sei all der Schmerz und der Verlust der vergangenen Jahre vergessen, nichts erinnerte mehr daran, dass das Leben nie wieder so sein würde, wie es einst war. Aber im Moment lohnte es sich, für solche Augenblicke des Glücks zu leben und Vergangenheit, Vergangenheit sein zu lassen.
