Kapitel 4, Ein Blick in die Zukunft

Es war Anfang Juli. Man hatte das Gefühl der Sommer wäre endlich angekommen. Strahlend blauer Himmel, kaum Wolken und die ganze Zeit Sonnenschein. Ein Wetter das einen dazu einlud, die ganze Zeit an der frischen Luft zu sein. Es wunderte niemanden, dass die Blythes, Fords und Merediths ständig unterwegs waren: Ausflüge, Picknicks im Regenbogental… man bekam sie kaum zu Gesicht.

Wie auch an diesem Nachmittag. Sie saßen alle bei einem spontanen Picknick zusammen, genossen den Tag und konnten es nicht lassen, sich gegenseitig aufzuziehen.

"Willst du etwa ewig alleine bleiben? Wird Zeit das du dir einen Mann suchst und heiratest. Ich meine, jünger wirst du bestimmt nicht". Jem grinste seine Schwester Di frech an. "James Blythe!", fauchte Di und die Zornesröte lief ihr ins Gesicht. "Sag mal spinnst du?!". Di wusste gar nicht wohin mit ihrer Wut, schnappte sich einen nahe gelegenen Apfel und pfefferte ihn mit voller Wut nach Jem.

Der fing ihn auf und biss hinein. "Danke", schmatzte er und zwinkerte ihr zu. "Uhhh", fauchte Di und wusste nicht wohin mit ihrer Wut.

"Also ich werde nur aus Liebe heiraten", unterbrach Persis die Streiterei zwischen Jem und Di. "Ich dachte immer, du würdest dir einen alten Millionären schnappen, mit ihm zwei Kinder bekommen und wenige Jahre später würde er dann ins Grass beißen", grinste Jem und hatte in Persis ein neues Opfer gefunden. Alle Augenpaare waren nun auf Persis gerichtet, die sich lachend ins Grass fallen ließ.

"Entschuldigt bitte", sagte Persis nach dem sie sich wieder beruhigt hatte und wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht. "Aber ihr müsst zugeben, die Vorstellung ist einfach zu köstlich. Aber Jemchen ich muss dich leider enttäuschen, ich habe nicht vor einen alten Millionär zu heiraten nur damit ich unter der Haube bin. Ich werde aus Liebe heiraten oder gar nicht. Ob nun Millionär oder Bettler, das ist mir egal!" Sie richtete sich wieder auf und bemerkte, dass alle sie anstarrten. Sie grinste und riss etwas Grass mit den Händen heraus.

"Ich denke ich werde keine Kinder bekommen. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Kinder und finde sie süß, niedlich und alles mögliche, aber ich halte es für das beste keine Kinder zu bekommen. Ich wäre, glaube ich, eine ziemlich chaotische Mutter und das muss ja nicht sein. Ich bin dann schon lieber die coole Tante, die ihre vielen Nichten und Neffen Babysittet", sie zwinkerte Rilla und Ken frech zu, die beide rot anliefen und beschämt auf die Seite schauten. "Wir werden sehen", murmelte Ken.

"Naja wie gesagt, Mum und Dad haben ja noch Ken und Rilla, die ihnen viele Enkelkinder schenken werden, da brauch ich mir wirklich keine Sorgen machen". Persis seufzte laut und lies sich wieder ins Gras fallen. Es war ein Zeichen ihrerseits, dass sie nun fertig war und jemand anderes etwas sagen durfte.

"Es ist einfach so schön hier", flüsterte Rilla und hatte ihren Kopf an Kens Kopf gelegt. "Einfach paradiesisch", murmelte Ken und wirbelte eine Haarsträhne von Rilla um seinen Finger. "Ach kommt schon, lauter Verliebte um mich herum", lachte Jem und zeigte auf Jerry und Nan und Ken und Rilla. "Das ist nicht fair".

"Das Leben ist nie fair, aber du wirst die gute Faith ja bald wieder sehen", schmunzelte Persis. "Noch drei lange…", Jem brach ab und schaute Una verwundert an. Die junge Frau war aufgesprungen und den kleinen Hügel hinaufgerannt und fiel einem Mann um den Hals.

"Eins muss man ihr lassen, der guten Una, sie hat einen guten Männergeschmack - erst Walter und jetzt dieser junge Mann", sagte Persis und begutachtete den Fremden. "Meinst du etwa Carl", fragte Rilla verwirrt.

"Ist ja witzig", lachte Persis, "er heißt wie ihr jüngerer Bruder".

"Persis, das ist ihr Bruder Carl", stellte Rilla richtig und musste ein Lachen unterdrücken. "Machst du Witze Rilla?", fragte Persis ungläubig und musterte Carl Meredith noch genauer. "Ist das wirklich die Möglichkeit, dass das der kleine, dicke, Käferbesessene Carl Meredith ist?!", staunte Persis, hatte jedoch nicht bemerkt, wie Una und Carl näher gekommen waren.

"Er ist es, in Fleisch und Blut. Kaum zu glauben, nicht war Prinzesschen", lachte Carl, begrüßte nach und nach alle und nahm neben Una Platz. Una, stets die besorgte große Schwester, schnitt ein großes Stück Kuchen ab, reichte es ihm und begutachtete ihren kleinen Bruder. "Ich dachte, nach deinem langen Urlaub bei Onkel Henry und Tante Eva, würdest du kugelrund zurückkehren. Tante Eva liebt es doch ihre Gäste zu bekochen", lächelte Una.

"Sie hat es oft genug versucht, aber ich konnte mich die meiste Zeit wehren", zwinkerte Carl und biss herzhaft in das Stück Kuchen. "Leute, ihr dürft mich gratulieren", meinte er nach dem er den Kuchen verdrückt hatte. "Zu was den kleiner Bruder", erkundigte Jerry sich und hatte aufgehört Nan leise ein Gedicht vor zu lesen.

"Naja, ich hab zu keinem von euch ein Wort gesagt, ich wollte erst einmal abwarten, aber ich hab mich an der Marshall Harper University in Toronto beworben und werde dort ab September studieren, ist das nicht der Wahnsinn?", freute sich Carl und strahlte über das ganze Gesicht. "Oh Carl, das ist ja fantastisch! Meinen Glückwunsch", sagte Rilla und freute sich aufrichtig mit ihm. Auch die anderen gratulierten ihm und stellten neugierige Fragen.

"Die Marshall Harper University hat wirklich einen ausgezeichneten Ruf. Du hast wirklich Glück gehabt, dass du da noch reingerutscht bist. Manche bewerben sich bereits fünf Jahre vorher und kommen nicht rein. Würde mich doch wirklich interessieren wie du das geschafft hast", lachte Ken.

"Naja, ich nehme mal an, ich hab sie mit meinem Charme, meinem Humor, meinem tollen Aussehen und meiner spritzigen Art überzeugt", lachte Carl und zwinkerte ihnen mit seinem guten Auge zu.

Alle lachten und es kam Rilla wie früher vor, als sie alle noch Kinder gewesen waren und die Welt so unschuldig zu sein schien, wie sie alle. Einen so unbeschwerten Augenblick hätte sie sich vor ein paar Jahren nicht vorstellen können und genoss die Gesellschaft ihrer Geschwister, ihrer Freunde und ganz besonders die von Ken.

"Und was wird Mr Charming ab September studieren?", fragte Persis.

"Ich werde Entmologie, auch Insektenkunde genannt, und Naturwissenschaften studieren. Tja Prinzesschen, sieht wohl so aus als würden wir uns ab September öfters sehen", lachte Carl und grinste ihr frech entgegen.

"Ich bin kein 'Prinzesschen'", sagte Persis, erhob sich und funkelte ihn böse an. "Persis", hauchte Rilla und blickte zu ihrer Freundin hinauf. "Ich wollte eh noch einen Spaziergang machen, bis dann". Sie machte auf dem Absatz kehrt und rauschte davon. "Warte, ich komme mit", rief Rilla ihr hinter her. Sie küsste Ken zum Abschied und rannte Persis nach.

"Na was hat die den für ein Problem?", rätselte Carl und rieb sich am Kinn. "Carl!" Una sah ihren Bruder böse an und nahm ihm den soeben gefüllten Kuchenteller wieder weg. "Persis ist wirklich sehr nett und überhaupt nicht so wie du denkst. Du solltest ihr wirklich eine Chance geben und sie näher kennen lernen. Sie hat sich wirklich verändert… wie wir alle", meinte Una, legte ihren Kopf leicht schräg und setzte ihren "Ich-bin-deine-Schwester-und-habe-immer-Recht" Blick auf. Carl stöhnte kurz auf und beschloss ihr nicht länger zuzuhören.

"Na gut…", sagte Jem um die Atmosphäre wieder etwas zu lockern, "wir wissen ja nun über Unas, Carls und Persis Zukunftspläne Bescheid. Jerry, Nan wie sieht es bei euch aus?". Abwechselnd blickte er Nan und Jerry an. "Ich werde die nächsten drei Jahre Theologie studieren und dann werden wir sehen", sagte Jerry.

"Und ich werde an der Schule von Glen unterrichten und naja, mal schauen was dann passiert", meinte Nan und schielte in Jerrys Richtung. "Na ihr werdet endlich heiraten, oder etwa nicht?", sagte Jem und riss seine Augen weit auf.

"Das kann dir nur einer beantworten", meinte Nan und widmete sich wieder dem Gedichtbuch. Jerry seufzte und machte ein Gesicht, als wäre ihm das Thema "Hochzeit" seit einer längeren Zeit nichts neues mehr.

Na gut", lenkte Jem die Aufmerksamkeit wieder auf sich. "Di, Ken, was steht bei euch an?"

"Ich werde noch ein halbes Semester Jura studieren und dann meinen Abschluss machen. Dann mal schauen in welcher Kanzlei ich arbeiten werde. Und wann ich und Rilla heiraten werden, dass wird sich zeigen", fügte Ken schnell hinzu als Jem seinen Mund geöffnet hatte.

"Und ich werde in Avonlea unterrichten, aber das weist du doch", sagte Di und verdrehte die Augen.

"Hey, hier muss jeder mal vorsprechen", grinste Jem.

"Na dann leg mal los Bruderherz. Was macht dein Studium und wann wird Faith deine Frau?"

Er räusperte sich kurz: "Ich werde noch ein Jahr studieren und Faith nächstes Jahr um diese Zeit herum heiraten". "Weis Faith bereits von ihrem Unglück?", lachte Di.

"Ha ha", sagte Jem trocken und verzog keine Miene. "Und nach unserer Hochzeit werden wird dann nach New York City ziehen. Ich habe ein Angebot von einer Klinik bekommen und zugesagt. Und Faith wird mit mir kommen".

"Na hoffentlich weis sie auch, auf was sie sich da einlässt", grinste Ken und fing sich einen Seitenhieb Jems ein.

Während die anderen weiterhin im Regenbogental ihre Zukunft planten, hatten Persis und Rilla nach einem kurzen Spaziergang beschlossen, zum Traumhaus zu gehen. "Er ist genau so wie früher, er hat sich kein bisschen geändert", maulte Persis und ließ sich auf eine Treppe sinken. Seit sie das Regenbogental verlassen hatte, gab es für Persis außer Carl kein anderes Gesprächsthema mehr. War sie doch wütend darüber, dass sie einfach gegangen war und wusste selbst nicht wieso sie sich so über ihn aufregte, schließlich hatte er wirklich nichts schlimmes getan. Er hatte sie nur 'Prinzesschen' genannt, wie er es schon immer getan hatte. Eigentlich sollte sie es von ihm gewöhnt sein.

Seufzend legte sie ihr Gesicht in ihre Hände und schaute mit abwesendem Blick in den Himmel. Rilla setzte sich neben sie und ließ ihren Blick langsam durch den heruntergekommen Garten gleiten.

"Jedenfalls danke", murmelte Persis nach einer Weile und durchbrach die Stille.

"Danke für was?", fragte Rilla und schaute die junge Frau an.

"Naja, danke das du mitgekommen bist".

"Ach was, das war doch selbstverständlich", winkte Rilla ab.

"Nein, war es nicht. Ich muss zugeben, ich habe nicht wirklich viele Freunde und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass manche von ihnen nur mit mir befreundet sind, weil ich reich bin". Sie blickte Rilla mit ihren großen grünen Augen an und fing plötzlich zu lächeln an.

"Aber dann gibt es solche Menschen wie dich Rilla. Ich muss zu meiner Schande gestehen, ich konnte dich früher nicht leiden. Du warst sehr eitel und verzogen und du bist mir einfach auf die Nerven gegangen. Aber ich durfte dich nun näher kennen lernen und hab eine ganz neue Rilla kennen gelernt, und sie gefällt mir um einiges besser als die alte. Ich bin wirklich froh, dass wir uns nun besser verstehen und ich denke, Ken könnte keine bessere Frau finden", gestand Persis und lächelte.

Rilla wusste gar nicht was sie sagen sollte und lächelte einfach nur zurück. War ihr Persis doch auch in den letzten Wochen und Tagen sehr ans Herz gewachsen und was keiner von beiden wusste war, dass dieser Tag wohl der Beginn einer wahren und aufrichten Freundschaft war. Vielleicht die Freundschaft, worauf beide schon seit einer Ewigkeit gewartet hatten.