1. Kapitel
Genervt bezahlte House den Taxifahrer und stieg aus dem Auto. Offenbar machte er bei der Behandlung seiner Angestellten irgendetwas falsch. Oder wie kam es sonst, dass es Foreman gewagt hatte, ihm seinen Motorradhelm zu klauen.
Ok, wenn House ehrlich war, musste er zugeben, dass er es darauf angelegt hatte. Sonst hätte er nicht darauf bestanden mit dem Motorrad nach Hause fahren zu wollen. Nach drei Tagen Krankenhausaufenthalt wegen einer Gehirnerschütterung. Wobei er es interessant fand, dass Foreman ihm so viel Leichtsinnigkeit zutraute.
Die Gehirnerschütterung war auch der Hauptgrund für seine miese Laune. Zwar waren die Kopfschmerzen inzwischen fast weg, aber auf die drei Tage Krankenhaus hätte er gut verzichten können. Das Schlimmste war, dass er nichteinmal jemanden dafür verantwortlich machen konnte.
Er hatte ein selten genutztes Fachbuch aus dem Regal nehmen wollen und sich am Regal festgehalten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Leider hatte sich das Buch irgendwie verhakt. Er hatte daran gezogen, und das Regal war ins Wackeln geraten. Irgendetwas schepperte. Als die Sterne vor seinen Augen verschwunden waren, hatte House erkannt, dass auf dem Regal offenbar eine größere Vase gestanden hatte, die jetzt auf dem Boden lag.
Da auch Foreman die Vase bekannt vorkam war davon auszugehen, dass sie irgendwann in den letzten paar Jahren hier aufgetaucht sein musste. Aber warum, und wer sie nun letztendlich auf das Regal gestellt hatte, wussten beide nicht mehr. Kurz hatte House überlegt Cameron und Chase zu fragen. Aber auf Sprüche der Art: Was? Sie haben mal was vergessen? Hatte er gut verzichten können.
Nun gut, die Medikamente gegen die Kopfschmerzen hatten auch seinem Bein nicht geschadet. Außerdem hatte er bis zum Ende der Woche frei. Da heute Mittwoch war bedeutete das also zwei zusätzliche freie Tage.
Langsam machte er sich auf den Weg zu seiner Wohnung. Während er nach seinem Schlüssel kramte, fiel ihm ein seltsamer, leicht unangenehmer Geruch auf. Irgendwie erinnerte er House an Baustellen. Er fragte sich, welcher Idiot da beim renovieren die Wohnungstür aufgelassen hatte.
Nachdem er seine Wohnung betreten hatte, musste er allerdings feststellen, dass der Geruch stärker wurde. Langsam machte sich ein ungutes Gefühl in ihm breit. Er setzte seinen Rucksack ab, und spürte dem Geruch nach.
Der kam eindeutig aus seinem Schlafzimmer. Langsam öffnete House die Tür und... erstarrte für einen Moment.
Sein Schlafzimmer war nicht wieder zu erkennen. Von den Möbeln waren nur noch die groben Umrisse zu sehen, und der Fußboden war so gut wie vollständig verschwunden. Jemand hatte das ganze Zimmer mit Bauschaum ausgesprüht.
Langsam schob House seinen Stock über die Schwelle und schlug auf den Boden. Es knirschte und knackte. Das Zeug war also schon trocken. Daraus war zu schlussfolgern, dass das Ganze mit Sicherheit nicht erst heute Nacht passiert war.
Langsam ließ sich der Diagnostiker auf alle Viere nieder, und krabbelte in das, was bis vor wenigen Tagen sein Schlafzimmer gewesen war. Ein Teil von ihm war einfach nur frustriert darüber dass es irgend ein Trottel gewagt hatte, bei ihm einzudringen, und sein Eigentum zu beschädigen. Ein anderer Teil war aber durchaus beeindruckt. Immerhin erforderte es einiges an Planung und Geschicklichkeit den Raum so gründlich auszusprühen. (Selbst der Platz unter dem Bett war kein Hohlraum mehr).
Schließlich krabbelte er zurück zur Tür. Von dort aus machte er mit seinem Handy einige Fotos, die er dann zu Wilson schickte.
Danach erhob er sich, und ging ins Wohnzimmer zurück. Dort riss er erst mal das Fenster auf. Er ging dann in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen. Eigentlich war ihm nach einem Scotch. Er beschloss aber, das auf später zu verschieben. Schließlich würde er in absehbarer Zeit sowohl mit seinem Vermieter, als auch mit der Polizei zu tun haben.
Während er dem Kaffeewasser beim durchlaufen zusah, überlegte er, wo er den Mietvertrag, und die dazugehörenden Unterlagen, also auch die Telefonnummer des Vermieters hingeräumt hatte.
Gerade als er sich mit einiger Erleichterung erinnerte, dass die Kiste mit derartigen Unterlagen hinter dem Fernseher stand, klingelte sein Handy. Ein Blick auf das Display verriet ihm, was er sich ohnehin gedacht hatte, dass nämlich Wilson der Anrufer war.
„Annahmestelle für behälterlosen Sondermüll."
"Wieso schickst du mir diese Bilder? Oder genauer gefragt, seit wann interessierst du dich für Kunst? Solltest du nicht zu Hause sein, und dich ausruhen? Was soll das überhaupt darstellen?"
"Wilson, sollte man in deinem Alter nicht wissen, dass man dem Gesprächspartner Zeit zum Reden lassen sollte, wenn man Fragen beantwortet haben will."
"House, Ich hab' in fünf Minuten einen Patienten. Könntest du also bitte zum Wesentlichen kommen? Schließlich hast du mir die Bilder geschickt."
House hatte einen Kommentar auf der Zunge, der in etwa beinhaltete, dass Wilson ihm ja noch keine Gelegenheit für Erklärungen gegeben hatte. Er verkniff sich das aber. Schließlich wollte er so schnell wie möglich anfangen sein Schlafzimmer wieder in einen benutzbaren Zustand zu bringen. Wenn er Wilson jetzt verärgerte, würde der erst heute Nachmittag wieder ans Telefon gehen.
"Das da auf den Bildern ist mein Schlafzimmer. Allerdings mit einer nicht gerade winzigen Menge Bauschaum dekoriert."
Wilson seufzte hörbar.
"So, da hat's dich also auch erwischt."
"Wilson, die Tatsache, dass mein Schlafzimmer im Moment einen Bauschaumanteil von ungefähr 20 hat, heißt nicht, dass ich den dort hingesprüht habe. Und außerdem, wieso auch? Wen hältst du denn noch für dermaßen geistig umnachtet."
"Du gibst also zu, geistig umnachtet zu sein?" Wilsons Grinsen leuchtete praktisch durchs Telefon.
"Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur festgestellt, dass du mich, und offensichtlich auch andere dafür hältst."
"Ok, hast gewonnen. Aber im Ernst, hast du nichts darüber gelesen? Das stand doch in allen Zeitungen. Irgend ein vermutlich Verrückter, steigt nachts in Wohnungen ein, und sprüht das entsprechende Zimmer mit Bauschaum aus. Der Gesamtschaden beläuft sich inzwischen auf über 100.000 Dollar. Bisher gibt es keinerlei Hinweise auf den Täter oder das Motiv."
"Ich hatte das Ganze für eine Ente gehalten."
Einen Moment lang schwiegen beide. Schließlich meinte House:
"Ich hatte gehofft du als haushaltserfahrener, dreifacher Ex-Ehemann wüsstest vielleicht wie man das Zeug wieder wegkriegt."
"So spontan nein. Ich hab' noch nie mit Bauschaum hantiert. Aber vielleicht fällt mir etwas ein, wenn ich mir die Sache ansehe."
"Gut, dann bis nachher."
House steckte sein Handy wieder ein, und widmete sich erst mal seinem Kaffee, der inzwischen fertig war. Danach rief er bei der Polizei, und, nachdem er die Telefonnummer gefunden hatte, schließlich auch seinen Vermieter an.
House wurde davon wach, dass es ausdauernd an seiner Wohnungstür klopfte. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es kurz vor halb sechs war. Das Klopfen kam also mit ziemlicher Sicherheit von Wilson. Mit lautem Gähnen stand House auf und ging langsam zur Tür.
Als er sie öffnete war Wilson gerade dabei sein Handy aus der Jacke zu holen.
"House, ich stehe jetzt seit fast zehn Minuten hier. Hast du geschlafen?"
"Nein. Ich habe die Zeit gestoppt, um rauszukriegen wie lange es dauert bis du versuchst mich anzurufen."
Wilson verdrehte daraufhin nur die Augen.
House hatte sich inzwischen umgedreht und war in Richtung Schlafzimmer gegangen. Wilson schloss die Wohnungstür. Nachdem er Rucksack und Jacke abgelegt hatte, stellte er sich neben seinen Freund.
Bevor House die Tür aufmachte warf er einen kurzen Seitenblick auf Wilson und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
"Was ist denn jetzt schon wieder lustig?"
"Dein Gesichtsausdruck. Du guckst als ob du dir nicht sicher bist, ob hinter der Tür das achte Weltwunder, oder ein Alien lauert."
Bevor Wilson antworten konnte, hatte House die Schlafzimmertür aufgemacht.
Genau wie er selbst vorhin starrte Wilson erst mal für einige Sekunden auf das, was bis vor Kurzem Houses Schlafzimmer gewesen war. Schließlich meinte er.
"Whow".
Danach drehte er sich zu seinem Freund um.
"Hat dein Vermieter das schon gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er begeistert davon ist. Immerhin muss das Zimmer renoviert werden."
"Begeistert war er auch nicht. Allerdings war er zur selben Zeit hier wie die Polizei..."
"Du hattest also keine Chance ihm durch unpassende Schrägstrich sarkastische Bemerkungen den Eindruck zu vermitteln, dass du selbst für die Sauerei verantwortlich bist." fiel Wilson ihm ins Wort.
House nickte.
"So ungefähr." Er war froh, dass dieses Gespräch ziemlich reibungslos verlaufen war. Auch wenn er im Normalfall kein Problem damit hatte seine Umwelt zu verärgern, hatte er doch keine Lust sich eine neue Wohnung suchen zu müssen. Die Kopfschmerzen, die inzwischen nun doch wieder angefangen hatten, hatten es ihm nicht leichter gemacht, die Beherrschung nicht zu verlieren.
Glücklicherweise war fast zur selben Zeit die Polizei aufgetaucht. Der Vermieter hatte daneben gestanden, als House seine Aussage machte, und so alles nötige mitbekommen.
Wieder starrten beide einige Sekunden schweigend die Schaumlandschaft an. Schließlich fragte Wilson.
"Zahlt den Schaden eigentlich deine Versicherung? Oder musst du die Renovierungskosten selber übernehmen."
House zuckte kurz mit den Schultern. „Wenn ich die Bürokratensprache richtig verstanden habe, zahlt das Meiste die Versicherung." Er grinste kurz: „Offensichtlich hat es trotz Allem seine Vorteile mal mit einer Juristin Tisch und Bett geteilt zu haben."
Wilson konnte dazu nur nicken. Schließlich wandte er sich vom Schlafzimmer ab und fragte:
"Ok, und wobei sollte ich dir jetzt helfen? Ich meine, es kommen doch sowieso Handwerker."
"Als ich dich heute Vormittag angerufen habe, hatte ich ja noch die vage Hoffnung, dass man das Zeug irgendwie auflösen könnte." House zuckte die Schultern. „Dass das ein Irrtum war, weiß ich inzwischen auch. Aber da du ja der Meinung warst dein Telefon ausschalten zu müssen, konnte ich dir das nicht mitteilen. Da du nun einmal hier bist, dachte ich, du könntest wenigstens das Fenster frei machen. Damit es nicht sperrangelweit offen steht, bis die Handwerker so weit sind. Schließlich heize ich nicht für die Straße."
House beobachtete seinen Freund wie er augenrollend ins Schlafzimmer ging, um sich das Fenster zu besehen.
Sowohl das Fenster selbst, als auch die Öffnung waren großzügig besprüht worden. Wilson betrachtete das Ganze eingehend und kam dann zurück zu House.
"Ok ich kümmere mich um die Öffnung, und du um das Fenster."
"He, ich bin ein Krüppel. Außerdem habe ich eine Gehirnerschütterung. Ich darf keine körperliche Arbeit verrichten. Frag Foreman."
"Wilson hatte inzwischen angefangen in seinem Rucksack zu kramen, so dass House sein Gesicht nicht sehen konnte. Allerdings kannte er ihnlange genug um es sich vorstellen zu können.
"Die Sache ist ganz einfach. Entweder du hilfst mit. Oder ich fahre nach Hause. Und was die Belastung betrifft. Du sitzt auf dem Boden, und das Fenster liegtneben dir, oder lehnt an der Wand Es werden also weder dein Kopf noch dein Bein belastet."
House überlegte kurz ob es Sinn machte, sich weiter mit Wilson zu streiten, entschied sich aber letztendlich dagegen. Das Risiko war zu groß, dass Wilson tatsächlich einfach wieder nach Hause fuhr. Also beschränkte er sich darauf, ein unzufriedenes Gesicht zu machen. Schweigend nahm er den Spachtel den Wilson ihm hinhielt und krabbelte dann zur Fensterseite des Schlafzimmers. Wilson folgte ihm, nachdem er sich einen alten Bademantel übergezogen hatte.
"Du weißt schon, dass du damit bescheuert aussiehst."
"Aber dafür bleiben meine Sachen sauber."
House verdrehte daraufhin nur die Augen. Schließlich musste das Zeug früher oder später sowieso gewaschen werden. Während Wilson sich mit dem Fenster abmühte. (Offenbar hatte er sich das mit dem Aushängen einfacher vorgestellt als es war.) überlegte House wo sein Freund das Werkzeug her hatte. Schließlich fiel ihm ein das cutthroat bitch derartige Dinge besaß. Der Gedanke, dass sie von der ganzen Sache erfahren würde, ließ House nicht gerade in Fruedentränen ausbrechen. Allerdings hatte er sich inzwischen damit abfinden müssen, dass Amber Volakis zu Wilsons Leben gehörte, und damit in gewissem Sinne auch zu seinem Eigenen. So hoffte er einfach, dass er der Frau in nächster Zeit nicht über den Weg laufen würde.
Schließlich hatte es Wilson geschafft, das Fenster auszuhängen und beide machten sich an die Arbeit.
