2. Kapitel
Für die nächste Zeit war fast ausschließlich das Knacken von zerbrechendem Bauschaum, sowie kratzende und schabende Geräusche zu hören. Weil es inzwischen dunkel geworden war, hatte Wilson versucht das Licht anzumachen. Da aber auch der Lichtschalter nicht mehr zu bewegen war, hatte House schließlich seinen tragbaren Fernseher auf den Boden gestellt und ihn eingeschaltet.
Allerdings hatte Wilson darauf bestanden, dass der Ton stumm gestellt wurde, weil er der Meinung war sich sonst nicht konzentrieren zu können. House hatte schließlich schmollend nachgegeben.
Plötzlich schepperte es draußen. Irgendjemand schüttete Flaschen in einen Glascontainer. Erschrocken zuckten beide Männer zusammen.
House, der gerade Schaumreste von der Fensterumrandung kratzte, rutschte ab, und rammte sich den Spachtel in die Hand.
"Mistverdammter Kackscheißdreck! Können die ihre verdammten Scheißflaschen nicht woanders auskippen!"
Erschrocken ließ jetzt auch Wilson sein Werkzeug fallen und drehte sich zu House um.
"House ist alles in Ordnung"
"Ja klar, ich fluche nur, damit es nicht so still im Raum ist."
Er versuchte sich die Wunde anzusehen, ohne seine Hand dabei all zu sehr zu bewegen. Allerdings war außer fließendem Blut fürs Erste nicht allzu viel zu sehen. Langsam hob er den Arm, und versuchte mit dem Hemd das Blut etwas abzuwischen.
Inzwischen hatte sich Wilson zu House auf den Boden gesetzt.
"Zeig mal her".
Widerwillig streckte House den Arm nach vorn. Vorsichtig begutachtete Wilson die Verletzung.
"Das sieht nicht gut aus. So wie das blutet musst du mehrere Gefäße erwischt haben."
"Erzähl mir was, was ich noch nicht weiß. Wie wäre es, wenn du Verbandszeug holst, anstatt kluge Reden zu halten."
Kopfschüttelnd stand Wilson daraufhin auf und ging in die Küche.
"Versuch den Arm hochzuhalten, das sollte den Blutfluss etwas eindämmen.", rief er während er offenbar Houses Schränke durchsuchte.
"Ich bin auch Arzt, falls du das vergessen haben solltest. Und Verbandszeug ist im selben Fach wie der Messbecher, der Schneebesen und all der andere Kram, den ein normaler Mann nicht braucht."
"Hab's gefunden!"
"Im Übrigen hast du dich nicht gerade beschwert, dass diese Sachen von mir benutzt wurden, als ich hier gewohnt habe."
Während Wilson sprach, war er zurück ins Schlafzimmer gekommen."
House grinste. Sein Freund hatte genau so reagiert wie er erwartet hatte. Als er das Grinsen sah, begriff Wilson, dass er sich einmal mehr hatte provozieren lassen. Er warf House deshalb nur einen genervten Blick zu und begann vorsichtig die Wunde zu säubern. Danach legte er eine Kompresse auf, und wickelte einen Verband darüber, während House dessen Ende und die Kompresse festdrückte.
Nachdem er damit fertig war, sah Wilson seinen Freund ernst an:
"Ich denke, wir sollten ins Krankenhaus fahren..."
"Quatsch. Ich habe mir den Spachtel in die Hand gerammt, und sie mir nicht abgehackt. Schmerzstillende Mittel habe ich auch hier."
Damit griff er in die Hosentasche und schluckte demonstrativ zwei Pillen.
"Stimmt schon. Trotzdem hast du nicht gerade wenig Blut verloren. Außerdem hattest du eine Gehirnerschütterung, falls du das vergessen haben solltest."
House überlegte. Wilson hatte nicht ganz Unrecht. Ein Blick auf seine Klamotten und den Boden zeigte ihm, dass ein definitiv zu großer Anteil seines Blutes nicht mehr dort war, wo er hingehörte, und so kurz nach der Gehirnerschütterung wäre es wirklich leichtsinnig gewesen ein Risiko einzugehen. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken Wilson zu überreden bei ihm zu übernachten. Aber erstens war so etwas wesentlich schwieriger geworden, seit Wilson mit Cutthroat bitch zusammengezogen war, und deshalb einen Grund hatte zu Hause zu sein. Zweitens gab es im Moment in seiner Wohnung nur einen Schlafplatz, die Couch. Damit hatte sich diese Idee also sowieso erledigt.
Sich in sein Schicksal ergebend nickte er schließlich. „Ok. Häng das Fenster ein und wir können los."
Wilson griff sich das Fenster und hob es an. Während er mit den Scharnieren kämpfte besah er es sich genauer.
"House, was hast du die ganze Zeit gemacht. Das sieht ja genau so aus wie vorher!"
"Der Fernseher hat mich abgelenkt." Erklärte House im Tonfall eines trotzigen Kindes.
"Außerdem ist der Rahmen fast sauber."
"Ok. Aber die Scheibe ist genau so zugekleistert wie vorher auch."
"Na und? Ich weiß was da draußen zu sehen ist. Und zum Lüften reicht es doch, wenn ich das Fenster bewegen kann."
Wilson zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst. Aber eins sage ich dir. Noch mal hänge ich das Ding nicht aus."
"Damit versuchte er das Fenster zuzubekommen. Es knirschte und knackte heftig. Aber schließen ließ sich das Fenster nicht. House grinste: „Sicher?"
"Vergiss es House." Entschlossen stemmte Wilson die Hände in die Hüften, und starrte böse auf das Fenster.
"Dir ist schon klar, dass es das Fenster nicht weiter stört, wenn du es böse anguckst?"
Während er das sagte, war House aufgestanden, wobei er sich mit einer Hand am Boden abstützte, und sich mit der anderen am Fensterbrett hochzog.
"Weg da! Ich zeig dir wie man das macht."
Wilson hatte gerade noch Zeit zur Seite zu springen, bevor House das Fenster mit Schwung gegen den Rahmen schlug. Man hörte das Knacken von zerquetschtem Bauschaum. Danach stemmte House eine Schulter gegen die Scheibe, und drehte mit so viel Schwung wie so etwas eben geht, den Fensterriegel zu. Wieder war lautes Knirschen zu hören.
""Ich enttäusche dich ja nur ungern. Aber geholfen hat deine Aktion auch nicht."
Tatsächlich war das Fenster einen Spalt aufgegangen, kurz nachdem House den Riegel losgelassen hatte.
"Niemand hat gesagt, dass es gleich beim ersten Mal klappt."
Damit öffnete House das Fenster wieder weit. Er strich die Krümel heraus, die durch das quetschen des Bauschaums entstanden waren. Danach schlug er das Fenster erneut zu, und drehte den Riegel. Nachdem er das Ganze noch ein paar mal wiederholt hatte, blieb das Fenster endlich geschlossen. Zwar sah man immer noch einen leichten Luftzug. Aber die Verriegelung hatte gegriffen, und das Fenster ging nicht mehr auf, sobald man es losließ.
Erschöpft lehnte House sich gegen die Wand. Auch wenn er es ungern zugab merkte er deutlich, dass er körperlich nicht auf der Höhe war. Nicht nur, dass ihm schwindlig war, und seine Kopfschmerzen zugenommen hatten. Die ruckartigen Bewegungen hatten weder seiner verletzten Hand, noch seinem Bein sonderlich gut getan.
Schweigend griff Wilson sich Houses Arm und legte ihn sich um die Schultern. Dann setzte er sich langsam in Bewegung und steuerte langsam auf den Ausgang des Schlafzimmers zu.
House wollte zuerst protestieren, ließ es dann aber. Mit der verletzten Hand hätte er nicht krabbeln können. Und so schwindlig wie ihm war, wäre es selbst mit zwei gesunden Beinen fraglich gewesen, ob er sich ohne Unterstützung hätte aufrecht halten können. Wilson gegen sein ehemaliges Bett zu schubsen, als sie daran vorbei kamen, Konnte er sich dann aber doch nicht verkneifen.
Schließlich hatten sie es bis zur Couch im Wohnzimmer geschafft, auf die sich House erleichtert fallen ließ. Während Wilson zurück ins Schlafzimmer ging, um sein Werkzeug einzusammeln, trank House ein paar Schlucke aus einer Wasserflasche, die er sich mittags ins Wohnzimmer geholt hatte. Langsam kehrte sein Kreislauf zurück in geregelte Bahnen. Er hörte wie Wilson das Werkzeug und vermutlich auch seinen Bademantel im Rucksack verstaute.
"Wenn du mir meinen Stock bringst können wir los."
"Sicher dass du schon so weit bist?"
"Ja Mama."
"Wenn überhaupt, dann Papa." Erklärte Wilson bestimmt. Er war inzwischen ins Wohnzimmer gekommen, und gab House seinen Stock. Außerdem stellte er den tragbaren Fernseher auf den Tisch. Danach folgte er House in den Flur. Dieser ging allerdings nicht zur Wohnungstür, sondern zurück zum Schlafzimmer.
"House, bist du sicher, dass alles in Ordnung ist? Zur Wohnungstür geht's hier lang."
House verdrehte dazu nur die Augen. Was Wilson allerdings nicht sehen konnte. Er griff sich den Schlüssel der auf dem Türrahmen lag, und schloss damit die Schlafzimmertür ab. Danach legte er den Schlüssel zurück auf den Türrahmen.
Während er seine Jacke anzog erklärte er: „Wer einmal sprüht, kommt vielleicht noch mal wieder. Ich würde den Rest meiner Wohnung gern behalten."
Bevor er die Jacke zumachen konnte, hielt Wilson ihn zurück.
"Warte mal. Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, wenn du so ins Krankenhaus fährst."
"Was meinst du?"
"Guck dich mal an." Etwas genervt sah House an sich herunter. Er musste zugeben, dass Wilson leider wieder Recht hatte. Das Blut und der Bauschaum hatten sich auf Hemd und Hose zu grotesken Flecken vermischt, deren Aussehen jede Menge Stoff für Spekulationen lieferte.
Wortlos drehte er sich um und ging ins Bad. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihm, dass es mit Sicherheit auch nicht schaden konnte, wenn er sein Gesicht waschen würde.
"Anstatt im Flur rumzustehen und Löcher in die Luft zu gucken, könntest du mir andere Sachen raussuchen."
"Genau darüber habe ich gerade nachgedacht. Deine sauberen Sachen sind doch im Schrank im Schlafzimmer oder?"
"Wer hat denn was von sauberen gesagt. Im Moment tun's auch weniger dreckige."
Inzwischen war er mit Gesichtwaschen fertig. Er hatte sich dabei am Waschbecken abgestützt. Jetzt setzte er sich vor den Wäschekorb auf den Boden und fing an diesen zu durchforsten. Nach einigem Kramen hatte er auch ein Hemd und eine Jeans gefunden, die nicht wirklich dreckig waren. Er hatte sie einfach nur mehrere Tage angehabt, und deshalb waren sie in der Wäsche gelandet." House tauschte also die völlig eingesauten gegen die nicht mehr ganz sauberen Klamotten. Nach einem weiteren Blick in den Spiegel, der ihm zeigte, dass er nicht schlimmer aussah als sonst, verließ er das Bad wieder.
Während er zum zweiten mal seine Jacke anzog, fiel ihm auf dass Wilson überdurchschnittlich betroffen aussah.
"Was ist denn nun schon wieder?"
"Na ja. Deine sauberen Sachen sind im Schrank im Schlafzimmer und..."
House winkte ab. „Du weißt doch, dass ich erst wasche, wenn der Wäschekorb voll ist, und der ist ziemlich groß. Der nächste Waschtermin ist am Wochenende."
"Das heißt also dein Schrank ist so gut wie leer?" Wilson sah aus, als ob er sich nicht entscheiden könnte, ob er erleichtert oder frustriert sein sollte.
"Das würde ich so nicht sagen. Mindestens einen Klamottenladen werde ich wohl in nächster Zeit mit meiner Anwesenheit beehren müssen. Aber alle wirklich wichtigen Sachen sind in der Wäsche."
"Ich nehme an mit wirklich wichtigen Sachen meinst du deine T-Shirts?"
House nickte. „Unter anderem."
Inzwischen hatte er seine Jacke angezogen, und beide Männer hatten sich ihre Rucksäcke aufgesetzt. Nach einem letzten bösen Blick in Richtung Schlafzimmer öffnete House schließlich die Wohnungstür und machte sich langsam auf den Weg zu Wilsons Auto.
