Kapitel 3: Der zweite Geist

14.02.08; 02 Uhr morgens

Im Wohnzimmer erwartete ihn Cuddy in einem roten Kleid an seinem Klavier, mit dem Rücken zu den Tasten und den Blick auf die Schlafzimmertür gerichtet, durch die House soeben hereingetreten war. Er blinzelte. Hatte Cuddy nicht gerade noch schlafend neben ihm im Bett gelegen? Zur Sicherheit warf er einen Blick in sein Schlafzimmer. Und da lag sie. Schlafend, die Locken zerzaust, die Bettdecke für sich allein beanspruchend und ein Bein auf seiner Seite des Bettes liegend... Er griff in seine Hosentasche, holte sein Vicodin hervor und schluckte zwei Tabletten.

„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen", bemerkte die am Klavier sitzende Cuddy trocken.

„Witzig." Mürrisch blickte er sie an. „Sehr witzig."

Sie grinste, während er auf sie zu humpelte.

„Lass mich raten, du bist der Geist der gegenwärtigen Liebe." Sarkastisch hob er eine Braue.

„Jep!" Cuddys Grinsen verbreiterte sich. „Aber du siehst echt erbärmlich aus, Greg. Ehrlich."

„Mir würde es gleich besser gehen, wenn du dich ausziehen würdest...", suggerierte House.

„Kann ich mir denken."

„... und dann wecken wir die andere Cuddy... Es geht doch nichts über einen Dreier um zwei Uhr in der Früh. Und dann noch mit zwei Cuddys! Das wäre, als würde ich es mit Zwillingen treiben...", philosophierte er. „Obwohl es auch scharf gewesen wäre, wenn Cameron statt dir hier wär´... Oh verdammt!", unterbrach House sich und verzog entsetzt das Gesicht. „Bitte sag mir, dass Cameron nicht der Geist der zukünftigen Liebe ist!"

Cuddy lachte und erhob sich. „Wir müssen los!", sagte sie nur und fasste ihn, wie zuvor auch Stacy, am Arm.

„Dein Schlafzimmer!", stellte House fest. Er stand in Cuddys Schlafzimmer neben ihrem Bett. Auf dem Bett, im leichten Dämmerlicht der aufgehenden Sonne, lag er selbst mit Cuddy eng umschlungen. Es roch nach Sex und aus der Kleidung, die auf dem Fußboden zerstreut war, konnte er schließen, dass es der erste Januar dieses Jahres war... Seine erste Nacht mit Cuddy.

„Zusehen ist doch langweilig!", maulte House.

Cuddy ignorierte ihn. „Du hast durchgeschlafen bis morgens um elf."

Er betrachtete sein schlafendes Selbst. „Ja und?"

„Schläfst du sonst auch sieben Stunden am Stück durch?"

House antwortete nicht. Stattdessen beobachtete er, wie die Cuddy auf dem Bett in der Dunkelheit ihre Augen aufschlug. Sie stützte ihren Kopf auf ihre Hand, den Ellbogen leicht angewinkelt, sodass sie ohne Probleme den neben ihr schlafenden House ansehen konnte. Durch die Veränderung ihrer Haltung rutschte das Bettlaken leicht von ihrer Schulter. Der noch nicht ganz verschwundene Mond schien durch das Fenster und reflektierte sich in ihren Augen. 'Schön', dachte House und biss sich auf die Unterlippe.

Cuddy lächelte zufrieden.

Das Zimmer veränderte sich. Es wurde etwas heller und auch der Bezug des Bettes war nun ein anderer. Auf dem Bett lagen einige Kleider. Eine nur mit Unterwäsche bekleidete Cuddy stand jetzt allein vor ihrem Spiegel und versuchte mit einer Hand Lidschatten aufzutragen, während sie mit der anderen ein Telefon gegen ihr Ohr drückte.

„Nein, Mum", sagte sie gerade ins Telefon. „Ich bringe ihn ganz sicher nicht Freitag mit zum Essen! ...Weil ich nicht will, dass du und Dad ihn verjagt! ... Oh doch, das würdet ihr! Weil ihr... Nein, ich kenne ihn schon länger... Ja, er ist attraktiv..." Sie schwieg kurz. „Weil ich mich bei ihm gut fühle, stark. Frei. Ich kann 'Ich' sein, verstehst du?"

House runzelte die Stirn. „Du triffst dich noch mit jemand anderem? Nett. Weiß er, dass du mit dem Badboy des Princeton-Plainsboro schläfst?" Seine Stimme war beherrscht und kühl. Er hatte keinen Grund, eifersüchtig zu sein. Er war nicht eifersüchtig. Wirklich nicht. Gut, sie hatte noch was mit einem anderen am Laufen. Was Ernstes... Und? Mit ihm hatte sie schließlich Sex. Absolut fantastischen unbedeutenden Sex. Genau wie er es wollte. Sollte der andere ruhig den ätzenden Rest haben... Charity-Dinners, Ballett... den ganzen Mist eben. Wer es wohl war? Völlig uninteressant. Wahrscheinlich irgend so ein langweiliger Loser, den sie bei einem Sponsorentreffen aufgerissen hatte. Wie gesagt: völlig uninteressant.

Sein Bein schmerzte.

Die Geister-Cuddy neben ihm warf ihm einen mitleidigen Blick zu, während die echte immer noch mit ihrer Mutter telefonierte und mittlerweile dabei war, ein Kleid auszuwählen.

„...Mum. Mum! Können wir das später bereden? Er wird jeden Augenblick hier sein... Ja, okay, bis Freitag." Sie legte auf. Gerade hatte sie das schwarze Kleid, für das sie sich entschieden hatte, über den Kopf gezogen, da öffnete sich plötzlich die Schlafzimmertür und House stand im Zimmer. Er trug eine Jeans, ein ungebügeltes Hemd über einem Stones-T-Shirt und ein unverschämtes Grinsen, das noch breiter wurde, als Cuddy sich erschrocken zu ihm umdrehte.

„Kannst du nicht einmal klingeln, verdammt?", schnauzte sie ihn erbost an.

„Komm schon. Wo bleibt denn da der Spaß?", konterte er .

Der andere House grinste ebenfalls. Er wusste, was als Nächstes geschehen würde. Er erinnerte sich nur zu gut... Cuddy würde ihn noch eine Weile ankeifen und dann würde er sie küssen, ihr sagen, wie scharf sie in ihrem Kleid aussah und sie anschließend dazu bringen, ihn in dieses Jazzlokal zu begleiten, wo es diese leckeren Rippchen gab... Das Beste daran aber, wie er jetzt feststellte, war, dass irgendein Vollidiot vor Cuddys Tür auf sie warten würde, während sie sich mit ihm amüsierte... Er lächelte schadenfroh.

Geister-Cuddy verpasste ihm einen Schlag auf dem Hinterkopf.

„DU bist hier der Vollidiot."

„Was soll das?" Frustriert rieb er sich die schmerzende Stelle. „Liest du jetzt auch meine Gedanken?"

Cuddy ließ sich nicht zu einer Antwort herab, sondern bedachte ihn bloß mit einem vernichtenden Blick.


Unvermittelt standen sie im Krankenhaus in einem der Behandlungsräume der Klinik mit Blick auf die leicht geöffnete Zimmertür, in der Cuddy in einem ihrer Krankenhausoutfits stand und das Geschehen, ebenso wie er und Geist-Cuddy, betrachtete. Sein anderes Ich saß auf einem Drehstuhl mit dem Rücken zur Tür vor der Behandlungsliege und hörte gerade den Herzschlag eines munteren Achtjährigen ab, der vor ihm auf der Liege hockte. Die neben ihm stehende Mutter ignorierend unterhielt er sich mit dem Jungen.

„Sie sind genauso miesepetrig wie Thaddäus von Spongebob", sagte der Kleine soeben.

„Tim!", tadelte die Mutter erschrocken. House ignorierte sie weiter und schmunzelte.

„Ich spiele aber Klavier. Und zwar bedeutend besser, als diese Krake ihre Klarinette. Und das, obwohl ich nur zwei Arme habe...", erwiderte er und zwinkerte ihm zu, „Außerdem sehe ich mich eher als Bugs Bunny! Immer auf der Flucht vor dem fiesen Jäger! Natürlich bin ich viel klüger als er." Dann drehte er sich zu Cuddy um, welche noch immer ohne ein Wort zu sagen in der Tür stand. „Is' was, Doc?"

Sie lächelte.

Der Kleine beugte sich zu House vor. „Ist das der Jäger? ... Aber das ist doch eine Frau!"

„Alles bloß Täuschung." Ernst sah er dem Jungen in die Augen. „Das hübsche Gesicht ist nur ein Trick, um arme, wehrlose niedliche Hasen wie ich einer bin schamlos auszunutzen..."

Cuddy schnaubte „House! Wenn Sie hier fertig sind, brauche ich Sie in Raum drei."

„Siehst du!" Triumphierend wies er auf Cuddy. „Schon geht es los... Gleich wird sie noch von mir verlangen, heute Abend zu ihr zu kommen, um ihre Wohnung aufzuräumen. Aber ich verrat' dir was: Ich werde hingehen und dann zwinge ich sie dazu, Spaß zu haben. Das wird ihr eine Lehre sein!"

Der Kleine kicherte.

„Raum drei, House", mahnte Cuddy, dann zog sie eine Braue hoch und betrachtete ihn eingehend von oben bis unten. „Und bei mir heute Abend um acht. Bring deinen Besen mit." Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer.

House blinzelte verstört. Er stand wieder in seinem Wohnzimmer neben der Geister-Cuddy am Klavier.

„Verstehst du es jetzt?", fragte diese mit einem ungeduldigen Unterton.

„Dass ich echt gute Bugs-Bunny-Imitationen drauf hab? Ich bitte dich, das wusste ich auch vorher!", konterte er genervt.

Frustriert rieb Cuddy sich die Stirn. „Und so was nennt sich Genie...", murmelte sie leise, packte ihn mit beiden Händen am T-Shirt und zog so seinen Kopf zu sich hinunter.

„Denk gefälligst nach!", zischte sie ihn an und stieß ihn dann mit einem kräftigen Schubs von sich.

House taumelte und fiel rückwärts. Und er fiel... und fiel... und...


Erschrocken schlug er die Augen auf. Er lag noch immer in seinem Bett. Es war nun kurz vor drei Uhr morgens und Cuddy lag immer noch schlafend neben ihm.

„Geister sind alle irre!", fluchte er leise.


Danke an Dia für's tolle beta-lesen!