Kapitel 4: Der dritte Geist
14.02.08; 03 Uhr morgens
Völlig übermüdet stand House vor seiner Toilette und pinkelte, als er plötzlich etwas Feuchtes an seinem Fuß spürte.
„Verdammt!" Fluchend zog er den Fuß weg und versuchte gleichzeitig, weiterhin das Klo beim Pinkeln zu treffen, da bemerkte er, dass er nicht mehr allein war.
„Verdammt", wiederholte er, als er die Gestalt neben sich genauer betrachtete. Sein Drang zu urinieren hatte sich verflüchtigt. „Verdammt!"
Neben ihm stand eine in dunklen feuchten Nebel gehüllte Person, etwas kleiner als er selbst. Einzelheiten konnte er durch die fetten grauen Schwaden, von denen eine wohl auch seinen Fuß gestreift hatte, nicht erkennen.
„Was soll das?", fragte House gereizt und beeilte sich, seine Hose zu schließen. „Spielen wir jetzt 'Herr der Ringe' und du bist einer der dunklen Reiter? Wenn du glaubst, du könntest hier noch ein Pferd reinquetschen, hast du dich geirrt!"
Der Geist reagierte nicht. Nachdem House seine Hose geschlossen hatte, nahm er seinen Stock und schob damit den Geist ein Stück zur Seite. Dann humpelte er an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Der Geist folgte ihm so dicht, dass seine Nebelschwaden ständigen Kontakt mit Houses Beinen hatten. Er spürte, wie die kühle Feuchtigkeit langsam seine Jeans durchdrang. Im Wohnzimmer angekommen drehte House sich langsam zu der Gestalt um. Sie standen eng voreinander. Zu dicht, für Houses Geschmack. Er trat zwei Schritte zurück. Diesmal folgte der Geist nicht.
„Was willst du, Sauron°?", erkundigte sich House knurrig.
Das Nebelding legte das, was House für seinen Kopf hielt, schräg und steckte seinen rechten Arm nach ihm aus. Gleichzeitig formte sich an der Spitze dieses Armes, da wo eigentlich eine Hand hätte sein sollen, ein Kopf aus Nebel. Der Kopf hatte keine stetige Form, vielmehr wechselte er diese ständig. Mal glaubte House, Wilson erkennen zu können, dann sah es eher aus wie Stacy oder Cuddy.
„Ich bin der Geist der zukünftigen Liebe", sagte der Kopf tonlos. „Wir müssen gehen."
„Klar doch!", antwortete House zynisch. Er war nun wirklich nicht scharf darauf, zu sehen, was der Geist ihm zeigen könnte. Auch er kannte die Weihnachtsgeschichte nach Dickens. Man musste kein Genie sein, um zu erraten, was er sehen würde... Er wusste ja selbst, wie er enden würde. Allein mit einer Packung Vicodin, der einzigen Liebe seiner Zukunft, die ihm bleiben würde... Nicht mehr lange und Cuddy hätte die Nase voll von ihm und würde sich vollends diesem Sponsorschnösel zuwenden. „Lass mich nur kurz meine Sense holen!", schlug er vor. „Dann vernichten wir die Menschheit und zwischendurch wär' ein Abstecher nach Disneyland auch nicht schle-"
Der Kopf biss ihm in die Schulter. Vor seinen Augen verschwamm alles.
Als seine Sicht wieder klar wurde, fand er sich hinter den Kulissen eines kleinen Theaters wieder. Er vermutete, dass es sich um ein Kindertheater handelte. Um ihn herum liefen Grundschulkinder in etwa gleichem Alter durcheinander und wurden von ihren Müttern, Vätern oder Lehrern zur Ruhe ermahnt. Und auch das Bühnenbild war kindgerecht. Große bunte Blumen mit herzförmigen Blättern. Langsam wurde es stiller. Der Vorhang war noch geschlossen, jedoch konnte House leises Murmeln von Erwachsenen dahinter hören.
Ein feuchter Nebelschwaden streifte seine linke Hand. Leicht angeekelt rieb er sie an seiner Jeans und drehte sich um. Die Nebelgestalt zeigte auf eine Frau mit dunklen Locken, die mit dem Rücken zu ihm vor zwei niedlichen ebenfalls dunkel gelockten Zwillingen mit großen blauen Augen, die ihm wage bekannt vorkamen, kniete und an ihren violetten Blumenkostümen herumzupfte.
House wusste sofort, dass es sich bei dieser Frau um Cuddy handelte. Er erkannte sie an der Art ihrer Bewegungen und an ihrem Körperbau... Und hätte er es nicht gewusst, die Gesichter der beiden Mädchen hätten es ihm verraten. Sie sahen genauso aus wie sie, nur jünger. Cuddys Töchter.
Sein Bein pochte vor Schmerz. Hoffentlich war er selbst bereits tot... Draufgegangen an einer Überdosis. Dann müsste er nicht zusehen, wie Cuddy eine Familie mit irgendeinem Schwachmaten gründet... Er wünschte, er wäre ein besserer Mensch und würde sich einfach darüber freuen, dass Cuddy glücklich war... Aber der war er nun mal nicht.
„Ich habe genug gesehen", sagte er ausdruckslos.
Der Geist zeigte nur erneut auf Cuddy und die Mädchen.
„Wo bleibt Daddy?", fragte eines der Mädchen gerade.
Cuddy richtete mit geschickten Fingern ihren Kragen. „Daddy ist noch arbeiten, Erin."
Das Mädchen nickte, ihre Schwester jedoch zog die Stirn kraus. „Können wir ihn anrufen und ihm sagen, dass es nicht Lupus ist, Mum?"
„Bitte, Mum! Es ist nämlich nie Lupus!", unterstützte Erin sie mit ernster Miene.
Lupus? Wieso interessiert sich ein langweiliger reicher Sponsorendaddy für Lupus? House war verwirrt.
Cuddy lachte leise auf. „Nein, Mädchen, das wird nicht nötig sein. Daddy ist bestimmt gleich hier. Euren Auftritt würde er doch nie verpassen!", beschwichtigte sie ihre Töchter und erhob sich dann.
Toll. Großartig! Gleich würde also Superdaddy, der Bill-Cospy-für-Weiße , hier auftauchen. Und er war live dabei! Was war er doch nur für ein Glückspilz
Cuddy ging nun ein Stück auf ihn zu, wurde dann jedoch von einem House nur allzu vertrauten Arm in eine schmale Nische aus zwei bemalten Stellwänden aus Stoff gezogen. Sie war zwar nun aus der Sichtweite der Mädchen, doch House konnte sie immer noch gut sehen. Und den Mann, der sie in die Nische gezogen hatte, ebenso.
„Was soll das, House?" Wütend und leicht erschrocken boxte Cuddy seinem dicht vor ihr stehenden anderem Ich gegen die Brust. Sein Haar war etwas schütterer und grauer als es jetzt war, aber ansonsten sah er genauso aus wie immer.
„Au!" Böse blickte der andere House Cuddy an. „Begrüßt man so einen armen hart arbeitenden Krüppel?"
„Was machst du hier?" Immer noch wütend funkelte Cuddy ihn an.
Und wenn man dachte, es könne nicht mehr schlimmer kommen...
House betrachtete missmutig, wie sein älteres Ich von Cuddy zurechtgewiesen wurde. Er ahnte, was folgen würde. Er würde Cuddy nerven, bis ihr Mann kam und sich vor beiden zum Arsch machen, bis Cuddy ihm mindestens eine Woche weiteren Klinikdienst aufhalsen würde, bevor sie ihn dann aus dem Theater schmiss... Grandiose Aussichten... Er wünschte, seine erste Vermutung wäre richtig gewesen.
„Ich will gehen", verlangte er vom Geist und versuchte, sich von dem Szenario abzuwenden, doch kein einzelner seiner Muskeln bewegte sich. Die Nebelgestalt fasste ihn am Arm und eine eisige Kälte ging von ihr aus und übertrug sich auf seinen ganzen Körper. So sehr er es auch versuchte, er konnte sich nicht rühren. Er hatte keine andere Wahl als weiter zuzuhören...
„Och... Ich war zufällig in der Gegend!", feixte der andere House gerade.
„Du solltest lieber die Kinder begrüßen, statt mich in irgendwelche Gassen zu zerren!", zischte Cuddy.
Kinder begrüßen? Cuddy ließ ihn mit ihren Kindern sprechen?
Der andere House platzierte seine Hände auf Cuddys Hüfte und zog sie noch etwas näher. „Aber dann hätte ich das hier nicht tun können..." Er beugte sich vor und küsste Cuddy auf den Mund.
Oh. Mein. Gott.
„Cuddy betrügt Streberdad mit mir!" House traute seinen Augen kaum. „Au!" Plötzlich breitete sich an seinem Arm ein Schmerz aus, so als ob der Geist ihn geschlagen hätte. Dieser stand aber immer noch regungslos neben ihm. Dann jedoch hob er wieder seinen rechten Arm, an dessen Spitze sich abermals ein Nebelkopf bildete.
„Denk nach!", verlangte das schemenhafte Antlitz von Wilson diesmal.
Um sie herum blieb die Zeit stehen. Alle erstarrten in ihren Bewegungen. Eine Frau verharrte mitten im Haarebürsten ihrer Tochter, ein Junge schwebte mit vom Sprung noch gestreckten Beinen in der Luft und Cuddy und der andere House stoppten mitten im Kuss.
„Denk nach!", wiederholte der Geisterkopf nachdrücklich.
House runzelte die Stirn. Etwas ratlos starrte er auf sich und Cuddy. Noch einmal durchlief er in Gedanken die Ereignisse der heutigen Nacht. Wilsons seltsamer Auftritt, Cuddy, blutend auf seiner Küchentheke. Stacy, wie sie durch seine Wand ging, und wie sie sich zum Abschluss mit ihm stritt. Der seltsame Ausdruck in ihren Augen, bevor er erwacht war. Cuddy friedlich schlafend in seinem Bett. Cuddy in ihrer Wohnung mit dem Telefon in der Hand. Cuddy, wie sie hoch erhobenen Hauptes aus dem Behandlungszimmer ging, nachdem sie ihn zu sich nach Hause eingeladen hatte. Cuddy...
„Sie war mit mir verabredet", sagte er leise. An dem Tag, an dem Cuddy in das Behandlungszimmer gekommen war und er den Witz über Bugs Bunny gemacht hatte, war er auch mit ihr zu diesem Jazzlokal gegangen... Kurz vor acht hatte er mit Hilfe ihres immer noch unter der Fußmatte versteckten Schlüssels die Wohnungstür geöffnet, um dann so leise, wie es ihm mit seinem Bein möglich war, zu ihrem Schlafzimmer zu laufen...
„Sie war mit mir verabredet, diesen Abend", sagte er abermals, diesmal etwas lauter. „Es gibt keinen anderen. Sie hat von mir gesprochen, als sie mit ihrer Mutter telefoniert hat."
Weitere Bilder tauchten vor seinem geistigen Auge auf: Cuddy wie sie mit ihm stritt. Cuddy über etwas lachend, das er gesagt hatte. Cuddy wie sie seine Hand berührte oder seinen Brustkorb oder sein Gesicht. Cuddy mit erhitztem Gesicht und offenen Augen, während er in ihr war. Cuddy lächelnd in seinen Armen.
„Cuddy liebt mich?" Seine Stimme klang ungläubig.
Die Zeit drehte sich weiter. Cuddy löste ihre Lippen von seinem anderen Ich und lehnte sich in dessen Armen leicht zurück, um ihm besser in die Augen sehen zu können.
„Du hättest mich auch küssen können, nachdem du die Kinder begrüßt hast!" Cuddy schmunzelte leicht.
„Darauf werde ich zurückkommen!" Er grinste. „Aber ich wollte dich wenigstens einmal küssen, ohne dabei bei einer dieser Ausgeburten der Hölle einen Ekelanfall auszulösen..."
„Ausgeburten der Hölle, eh?" Cuddy lächelte. „Da bist du überrascht? Schließlich bist du ihr Vater!"
„Ja, du hast Recht..." House versuchte, ernst auszusehen. „Was hätte ich schon erwarten können... Immerhin habe ich mich mit dem Teufel gepaart!"
„Hey!" Cuddy knuffte ihn.
Er lachte nur leise und küsste sie abermals...
„Schluss jetzt!" Energisch schob Cuddy ihn von sich. „Anna und Erin haben gleich ihren Auftritt! Geh, sag ihnen, dass du da bist, wünsch' ihnen Hals und Beinbruch und dann schwing deinen Hintern in den Besucherraum! Ich geh vor und halte uns Plätze frei."
„Warum sollte ich tun, was du sagst? Ich muss schon auf der Arbeit immer auf dich hören!"
Cuddy stellte sich auf ihre Zehenspitzen und fing mit ihren Zähnen leicht seine Unterlippe ein. „Weil mir deine Seele gehört!"
„Jawohl, Ma'am!"
Seinen Augen nicht ganz trauend starrte House Cuddy hinterher wie sie davonging, während sein anderes Ich sich auf den Weg zu den Zwillingen machte.
„Sie heißen Anna, nach meiner Großmutter und Erin, nach Erin Brockovich, weil dir ihre Art gefällt, wie sie ihre Brüste einsetzt", sagte jemand neben ihm.
Er drehte sich um. Neben ihm stand Cuddy, barfuß mit einem seiner roten T-Shirts bekleidet. Der Nebelgeist war verschwunden.
Mit gerunzelter Stirn sah er sie an. „Was soll das?", fragte er misstrauisch.
Erstaunt blickte Cuddy ihn an. „Was soll was?"
„Na, dieser ganze Heile-Welt-Mist hier!" Mit seiner freien Hand gestikulierte er wild durch die Gegend. „Sollte man mir jetzt nicht zeigen, wie elend und einsam ich sterben werde, falls ich mich nicht sofort ändere oder so was?"
„Was hätte es genutzt, dir das zu zeigen?" Cuddys Gesicht wurde ganz weich. „Nichts von dem hätte dich auch nur im Geringsten schockiert oder überrascht..." Jetzt lächelte sie. „Außerdem ging es hier nicht um das, was mit dir passiert, sondern nur darum, dass du erkennst, was ich für dich fühle, Greg. Ich liebe dich." Ihr Lächeln wurde noch breiter und sie berührte zärtlich seine Wange. „DAS hat dich schockiert, nicht wahr?"
House wusste nicht, was er sagen sollte. Er blickte zu Boden. Sanft fasste sie an sein Kinn und brachte ihn dazu, sie anzusehen.
„Du bist ein kluger, sensibler, starrköpfiger wundervoller Mann und du sorgst immer dafür, dass ich mich schön, sexy und stark fühle", sagte sie gelassen. „Ist es denn da so schwer zu glauben, dass ich dich liebe, Greg?" Ihre Stimme wurde immer leiser. „House... House?"
Alles wurde undeutlich. Er blinzelte.
Er lag wieder in seinem Bett, die Sonne schien leicht durch die zugezogenen Vorhänge ins Zimmer und hüllte den Raum in ein warmes Orange.
„House?" Cuddy stand neben ihm und schüttelte ihn leicht am Arm. Sie sah schlecht gelaunt aus. „Steh auf, ich kann den Kaffee nicht finden und zum Frühstücken hast du auch nichts mehr. Was glaubst du eigentlich, wie lange Milch sich hält. Zwei Jahre?"
So, das vierte Kapitel jetzt doch gebetat, weil meine Betaleserin endlich wieder gesund ist!- Also hier ein lautes 'JUHU' und 'GOTT-SEI-DANK-ADE-IHR-RECHTSCHREIBFEHLER-UND HALLO-DIA' von mir (ihr müsst euch dabei vorstellen, dass ich das alles im Cheerleader-Outfit und mit Ponpons vortrage... Natürlich mit motivierendem Rumgehüpfe und Mini-Menschen-Pyramide ;D)
Ergänzung
° Sauron ist der böse Typ von 'Herr der Ringe'
