«Musste das wirklich sein, Tatze?» Rastlos ging James Potter auf und ab, sodass seine Füsse auf dem hohen Gras tiefe Furchen hinterliessen. Die Rumtreiber hatten sich an ihrem gewohnten Treffpunkt versammelt. Nun, zumindest James nannte diesen Ort so. Nüchtern betrachtet war er nichts weiter als eine hügelige Lichtung an der Grenze zum Verbotenen Wald, doch das laut auszusprechen wagte niemand. Am allerwenigsten natürlich Peter Pettigrew, obwohl dieser erheblich unter den hier heimischen Pollen zu leiden hatte. Also sass er mit schniefender Nase und sorgsam geschlossenen Lippen neben Remus, der einmal mehr in eine äusserst langweilige Lektüre vertieft war. Der angesprochene Sirius hatte sich lässig gegen einen Baum gelehnt, in seiner linken Hand einen Zigarettenstummel – gegen dessen Qualm Peter im Übrigen ebenfalls allergisch war.
«Ich hab keine Ahnung, worüber du dich so aufregst, Krone», erwiderte er unberührt, «Peeks hatte mal eine Abreibung verdient. Die geht mir auf die Nerven mit ihrem sozialen Gequatsche.» – «Darum geht's gar nicht», gab James erhitzt zurück, «Aber musstest du die Nummer direkt vor Lilys Augen abziehen? Du weisst doch, wie sie drauf ist.» Dafür hatte Sirius nur ein abschätziges Schnauben übrig. «Ja, das weiss ich nur zu gut», brummte er vor sich hin, «Ich brauche niemanden, der mich massregelt. Lilyschätzchen und du, ihr müsst nicht Mami und Papi für mich spielen.» In Sirius' Stimme hatte sich ein Tonfall geschlichen, der alarmierend verbittert klang.
«Wir haben eine Abmachung, schon vergessen?», fuhr James zögernd fort, «Keine Dummheiten mehr in der Öffentlichkeit.» Er wollte seinen besten Freund nicht noch weiter verärgern, doch Lily war ihm zu wichtig, als dass er sie wegen Tatzes aufbrausendem Gemüt verlieren wollte. «Moony und Wurmschwanz können sich daran halten, warum du nicht auch?» Energisch deutete James auf die besagten Rumbtreiber, die jedoch nicht so aussahen, als wären sie besonders erpicht darauf, die Schule mit Albernheiten aufzumischen. «Die zwei könnten nicht mal einem Wichtel den Lolly abnehmen», bemerkte Sirius geringschätzig. Peter zuckte zusammen, erschrocken über die Tatsache, dass er indirekt angesprochen worden war. Auch Remus' wachsamen Augen glitten nun zu den beiden Streithähnen auf der sonnenüberfluteten Lichtung. Aufgewühlte Stille senkte sich über die vier, bis sich Remus bedacht zu Wort meldete.
«Krone hat Recht», meinte der Vertrauensschüler, während er sein Buch zuklappte, «Du solltest dich vielleicht ein wenig ähm… zusammenreissen.» Als würde er ihn zum ersten Male richtig wahrnehmen können, drehte sich der Angesprochene zu Remus um. «Zusammenreissen?», wiederholte er seltsam leise, «Ich weiss nicht, wer von uns beiden derjenige ist, der sich hin und wieder nicht zusammenreissen kann.»
«Tatze –», begann James, wurde jedoch mit einer brüsken Handbewegung Sirius' unterbrochen. «Halt die Klappe!», rief er, tosende Wut in seinen Zügen, «Auf dein beschwichtigendes Geschwätz kann ich verzichten! Ich bin euch lästig geworden, nicht wahr? Dann verzieh ich mich eben. Wär ja nicht das erste Mal. Wer würde Sirius Black schon vermissen? Ganz sicher nicht die, die sich als seine Freunde verstanden wissen wollen!» Seine Stimme hallte so laut durch den Wald, dass einige Krähen seinem Ruf antworteten. Mit einer abrupten Bewegung wandte er sich von den dreien ab und rannte ziellos hinfort.
Ein unerklärlich starker Groll brannte in seinem Körper, als er von Raserei gepackt durch Zweige und Büsche stolperte. Ja, er wusste, dass er unerträglich kindisch sein konnte, genauso wie er sich seiner ständigen Stimmungsschwankungen bewusst war. Doch wieso konnte das niemand akzeptieren? Wieso musste er sich immer verstellen, vor den Lehrern, vor Lily, ja sogar vor seinen besten Freunden? Irgendetwas in ihm schrie nach Erlösung, nach dem Gefühl, endlich anerkannt zu werden. Sirius rannte weiter, immer weiter, hatte mittlerweile die Orientierung vollends verloren, als plötzlich – «Wohin so eilig?»
Eine magere Gestalt war hinter einem Baum hervorgesprungen und hatte Sirius am Kragen gepackt. Dieser rannte den Unbekannten in seiner Hast beinahe über den Haufen, konnte aber gerade noch rechtzeitig beintechnisch auf die Bremse treten. Mit rasendem Atem blickte er in das Gesicht dessen, der ihm aufgelauert hatte. Ein Gesicht, das ihm alles andere als unvertraut war. «Regulus!», keuchte er schockiert. «Ganz recht», erwiderte jener mit einem verschwörerischen Tonfall, den er offenbar für besonders mysteriös hielt. Sirius verdrehte innerlich die Augen. Das hatte ihm noch gefehlt, ein gestörter Bruder mit Reinblutkomplexen.
Unwillkürlich griff Sirius nach den Händen seines kleinen Bruders, um sich aus dessen Griff zu befreien. Mit einer Geste, die jegliche Sanftheit vermissen liess, schubste er Regulus zurück. «Was zum Teufel hast du hier verloren?», wollte er zornig wissen, «Stellst mir wohl nach. Es scheint mittlerweile keine Slytherins mehr zu geben, die sich sonderlich für Mädchen interessieren.» Regulus lachte freudlos auf. «Immer für ein kleines Spässchen zu haben, so kennen und mögen wir dich», gab er sarkastisch zurück.
«War das alles, was du mir sagen wolltest?», erkundigte sich Sirius barsch, «Dann kann ich ja jetzt wieder gehen.» Regulus überging diesen Kommentar und zischelte verschwörerisch: «Du hast allen Grund, aufgewühlt zu sein. Verraten von deinem besten Freund. Tragisch. Fast so tragisch, wie von seinem eigenen Bruder verraten zu werden.» Der Gryffindor musterte Regulus unberührt. «Ich habe niemanden verraten, der es nicht verdient hätte», entgegnete er kühl, «Lächerlich von dir zu glauben, ich würde heulend in deine Arme rennen. Ich weiss, wo mein Platz ist.» – «Anscheinend», nuschelte der dürre Schüler, den Kopf vor Enttäuschung gesenkt. Regulus fiel in ein tiefes Schweigen, als müsste er seine nächsten Worte mühsam abwägen.
«Dann ist es meine Pflicht als Bruder, dich zu warnen», seufzte er, «Denn als Slytherin kann ich nicht länger Ausreden für dich suchen. Die Rumtreiber sind nicht mehr sicher.» Sirius liess ein verächtliches Schnauben von sich. «Willst du mir etwa Angst machen, du kleines Würstchen?», knurrte er mit zusammengebissenen Zähnen, die denen eines lauernden Hundes nicht unähnlich waren. «Armseliger Wicht, der sich hinter seinen tollen Reinblutfreunden verstecken muss und hier den edlen Wohltäter raushängen lässt.» Beinahe unmerklich ging Sirius einen Schritt auf seinen verhassten Bruder zu, all die Wut, die sich im Verlaufe des Tages in ihm angestaut hatte, drohte auszubrechen. Doch Regulus dachte nicht im Traum daran, von seinem grossen Bruder abzulassen, redete immer weiter auf ihn ein. «Lass Vernunft walten, Sirius. Die Tage deiner Viererbande sind vorbei. Noch nie war die Gelegenheit günstiger.»
Unkontrolliert hastig packte Sirius nach dem Umhang seines Bruders, um ihn so nahe heran zu ziehen, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Sie waren beide exakt gleich gross, im Vergleich zu seinem Bruder wirkte Regulus jedoch schäbig und schwach – genau so also, wie sich Sirius gerade fühlte. «Wenn du dich in Zukunft nicht fern von mir hältst», murmelte der Gryffindor bedrohlich, «dann kann ich kaum dafür garantieren, dass mein Zauberstab nicht irgendwann in deinem Hintern steckt.»
Mit einem Ruck löste er sich von Regulus, der sich mit gequältem Blick wieder aufrappelte. «Na schön, du Kindskopf», resignierte er, «Verpiss dich zu deinen minderbemittelten Schlammblütern. Aber verlang nicht, dass ich Mum und Dad von dir grüsse.» Mit diesen Worten entfernte sich der junge Black und liess nichts zurück, ausser seinen Fussabdrücken im matschigen Waldboden. Vollkommen ausser sich marschierte Sirius auf den nächst besten Baum zu, um ihm einen gepfefferten Tritt zu verpassen. «Zur Hölle mit euch», zitterte er, «Zur Hölle!»
Und dann, dann bemächtigte sich die blinde Wut seines Körpers. Von einer Sekunde auf die nächste war er nicht mehr Mensch. Er war Tier. Ein rabenschwarzer, riesiger Hund, dessen innigster Wunsch es war, etwas Lebendiges so lange zu zerfleischen, bis nichts mehr davon übrig war. Nur in dieser Form war Sirius frei, im Körper eines erbarmungslosen Raubtieres konnte er sich endlich im süssen Vergessen verlieren. Und wieder rannte er, auf allen vier Pfoten, immerfort suchend nach einem Opfer…
Kurz nach dem Mittagessen waren die Ländereien von Hogwarts nicht selten überfüllt mit plappernden und scherzenden Schülern, doch mich störte das nicht in geringster Weise. Ich wusste den rastlosen, optimistischen Lifestyle meiner Schule zu schätzen, auch wenn ich selbst nicht direkt daran teilnahm. Wie jeden Montagnachmittag war ich auch heute am Ufer des schuleigenen Sees vorzufinden; an dem Ufer wohlgemerkt, an dem sich nicht so viele Leute tummelten. Von hier aus hatte ich perfekte Sicht auf das Schloss, wie es majestätisch in den Himmel ragte und von magischer Grösse zeugte. Auf meinem Schoss lag die alte Muggelgitarre meiner Mum. Seelenruhig zupfte ich an dem Instrument herum, das Mutter schon seit ihrem fünften Lebensjahr begleitet hatte.
«Heychen, Süsse!»
Die furchtbar vertraute Stimme eines Mädchens drang mir ans Ohr. Nur eine einzige Person in Hogwarts verwendete Ausdrücke wie «Heychen», «Klärchen» und «Hallöchen» – und dies innerhalb von erschreckend kurzen Intervallen. Als ich mich nach rechts wandte, wurden meine schlimmsten Befürchtungen wahr; Andromeda Black trampelte im hohen Gras auf mich zu, ihre glänzend pinken Haare zu zwei Zöpfen geflochten. «Schön, dich zu sehen, Beachen», strahlte die Zweitklässlerin, während sie sich ungefragt neben mich setzte. «Dito», erwiderte ich, konnte meinen Missmut über ihre Anwesenheit aber nicht so gekonnt verbergen, wie ich es mir gewünscht hätte.
«Hab gehört, dass du Zoff mit den Rumtreibern hattest», meinte sie, «Haben dich anscheinend ziemlich auseinander genommen.» Sie sah ungewöhnlich ernst aus, ganz so, als wäre sie selbst für diesen Umstand verantwortlich. «Der Einzige, der Zoff gemacht hat, war Sirius», erwiderte ich finster, «Dieser Plagegeist.» Andromeda zögerte. In der Hitze des Gefechts hatte ich vollkommen vergessen, dass meine Gesprächspartnerin Sirius' Cousine war. Zu meiner Verteidigung jedoch muss angemerkt werden, dass Andromeda so ziemlich gar nichts mit ihrer Familie gemein hatte. Die Vorstellung, dass Bellatrix ihre Schwester war, erschien geradezu absurd, unterschieden sich die beiden doch wie Tag und Nacht.
«Um ehrlich zu sein, wollte ich deswegen mit dir sprechen», flüsterte Andromeda betreten. Noch nie hatte ich sie so kleinlaut gesehen. «Ich muss mich an seiner Stelle für sein unmögliches Verhalten entschuldigen», meinte die junge Black, «Wahrscheinlich wirst du das weder verstehen noch akzeptieren können, aber Sirius ist nun mal anders. Er hat Dinge erlebt, die –» Sie seufzte und liess ihren Blick über die überfüllten Ländereien schweifen. Hier oben, auf der anderen Seite des Sees, war das Geplapper der Schüler nur noch gedämpft zu vernehmen. «Seine Familie ist schrecklich» fuhr sie schliesslich fort, «Ich weiss, wovon ich spreche.» Es war nicht das angeblich tragische Schicksal Sirius', das mich an jenem Herbsttag berührte, sondern das pflichtbewusste Auftreten eines Mädchens, das gerade mal dreizehn war – hier sass sie und verteidigte die Taten Tatzes, der so viel kindischer war als seine kleine Cousine.
Mit einem Male kam ich mir selbst unerträglich oberflächlich vor. «In seinem Elternhaus muss es schrecklich sein.» Hatte Charlotte Recht? Noch immer weigerte ich mich, das zu glauben. Und selbst wenn es so sein sollte, gab ihm dies lange nicht das Recht, andere wie Dreck an seinen Schuhsolen zu behandeln. «Eine Entschuldigung würde sicher besser ankommen, wenn sie von Sirius persönlich stammen würde», begann ich vorsichtig, «Ich halte es nicht für deine Aufgabe, das für ihn zu erledigen.» Überraschenderweise hellten sich Andromedas Züge auf, ihre Lippen umspielten wieder das typisch selige Lächeln einer sorglosen Schülerin. «Manchmal ist mein Cousinchen ein echtes Baby», schmunzelte sie, «Irgendwer muss sich doch um ihn kümmern. Wenn ich es nicht tue, wer dann?» Sie zwinkerte mir zu, als ob ich mich dafür interessieren würde, seine Ersatzmama spielen zu dürfen – was natürlich nicht der Fall war!
Trotzdem blieb mir angesichts ihrer Andeutung die Sprache weg. Meine Zunge schien sich auf mysteriöse Weise verknotet zu haben, sodass meinem Mund kein Laut entweichen konnte. Dies veranlasste Andromeda dazu, nur noch breiter zu grinsen. «Du bist niedlicher, als es den Anschein hat», meinte sie neckend. Dieses Gespräch wurde mir von Sekunde zu Sekunde unangenehmer… Glücklicherweise wandte die Pinkhaarige ihren Blick wieder von mir ab, um träumerisch ins Leere zu blicken. «Keiner benötigt liebevolle Zuneigung dringender als Sirius», sagte sie mehr zu sich selbst als zu mir, «Ironischerweise gibt es aber auch niemanden, der sie nur annähernd so sehr hasst.»
Unmerklich stahl sich ein vages Lächeln auf meine Lippen, das Andromedas wachsamen Augen natürlich nicht entging. «Selbst auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen», flötete sie heiter, «Muss ich dir trotzdem sagen, dass du süsser bist als eine Schachtel Pralinen, Schätzchen.» Mit einer überraschend wendigen Bewegung hüpfte sie auf und hob die Hand zum Gruss. «Also dann, wir –» Doch diese Verabschiedungsformel kam nie zu einem Ende. Andromedas Arm blieb verloren in der Luft hängen, ihr Blick hatte sich auf einen Punkt hinter meiner linken Schulter geheftet. Bedauerlicherweise sah sie ganz und gar nicht so aus, als hätte sie dort einen hübschen Schmetterling entdeckt. «Beweg dich nicht!», zischelte sie mir eindringlich zu, «Das erweckt nur seine Aufmerksamkeit.» Wie eine Statue blieb ich im Gras sitzen, nicht wissend, was für eine Bestie hinter mir lauerte.
Während Andromeda vorsichtig ihren Zauberstab zog, nahmen in meinem Kopf absurde Fantasien Gestalt an. Bilder von Werwölfen, Inferi und Riesen tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Leider stand keine dieser Kreaturen in dem Ruf, besonders menschenfreundlich zu sein. Mit zitternden Händen griff ich in den Umhang, um meinen eigenen Zauberstab zu umklammern. Wenn es sein musste, konnte auch ich mich verteidigen. Ein tiefes Knurren erfüllte die Luft, in meinem Nacken spürte ich den heissen Atem eines wilden Tieres. Mein Magen purzelte einige Stockwerke tiefer. War dies das Ende?
«Weg von ihr!», rief Andromeda mit fester Stimme, «Sei kein Dummkopf!» Der Mut der jungen Schülerin rührte mich, auch wenn ich dadurch auch um ihr Leben fürchten musste. Ich wollte nicht, dass sich jemand wegen mir in Gefahr begab. Diese Sorge jedoch wurde ohnehin nichtig, denn im nächsten Moment hatte mich das Vieh bereits gepackt. Seine schmutzigen Zähne versenkten sich in meinen Umhang und zogen mich unsanft in die Höhe. Andromeda liess einen spitzen Aufschrei durch die Luft gellen, konnte jedoch vor Angst nicht mehr reagieren. Mit einem gewaltigen Sprung überflog die Kreatur meine Mitschülerin, um mich über das Ufer des Sees entlang zu schleifen und nach einer Weile in den Verbotenen Wald abzutauchen. Ich konnte kaum mehr etwas erkennen, der wilde Ritt liess Übelkeit in mir heranwachsen, Übelkeit und unbändige Panik.
«Lass Sie in Frieden, du elender Idiot!», hörte ich Andromeda hinter mir kreischen, «Komm zurück! Sirius!»
