I know a way to something much better
I know a fairytale that's longer than anyone will read
I know a way to something much higher
Into the light we go, we're speeding
With all headlights on
„Ich habe dich kommen sehen" sagt sie.
„Du hast mich kommen sehen?" Jasper studiert ihr Gesicht, in dem alles klein und ebenmässig ist, nur die bernsteinfarbenen Augen sind gross und irgendwie unschuldig. Eine unschuldige Vampirin?
Seine Mundwinkel zucken. Irgendetwas hat dieses Mädchen – sie schafft es, sein lange verborgenes Lächeln hervorzulocken...
„Nenn es eine Gabe..." sagt sie, Stolz und Unsicherheit strahlen gleichzeitig von ihr ab.
„Du siehst die Zukunft?" mutmasst er, nicht überrascht. Er ist schon Artgenossen mit den verschiedensten Gaben über den Weg gelaufen, aber diese ist ihm neu – und wie nützlich...
„Ja. Nicht immer gleich gut. Manchmal sind die Bilder klar und scharf, manchmal sind es nur Blitze, kurz aufflackernd. Sie können sich ändern, wenn jemand eine Entscheidung neu fällt, etwas überdenkt. Nichts ist in Stein gemeisselt."
„Wann hast du mich zum ersten Mal gesehen?"
„Vor fast einem Jahr. Du warst mit zwei anderen unterwegs auf einer staubigen Landstrasse, einem Mann und einer Frau, aber ich sah, dass du dich von ihnen innerlich bereits gelöst hattest – und dass du sie verlassen würdest..."
„Peter und Charlotte" flüstert Jasper beinahe unhörbar.
„...und ich wusste, dass ich dich finden würde. Ich hab eine Woche lang in Philadelpha auf dich gewartet. Die Wirtin von diesem Diner dachte bestimmt schon, ich sei völlig verrückt." Sie zwinkert ihm zu, etwas wärmt seine kalte Haut von innen.
„Und du hast alles über mich gewusst?"
„Nein. Ich weiss nicht, wo du herkommst und was deine Geschichte ist. Ich wusste, dass du blond bist, aber die Locken..."
Zögernd streckt sie eine Hand aus und winkelt eine kurze blonde Locke um ihren Finger.
„... die haben mich überrascht." Sie grinst und die Gefühle, die sie ausstrahlt, lassen sich nicht beschreiben.
„Positiv?" fragt er, sein Atem geht etwas schneller.
„Positiv." bestätigt sie. „Ich hab auch nicht gesehen, wie schrecklich gross du bist."
„Bist du immer so ehrlich?"
„Oh ja, Alice wie sie leibt und lebt."
„Und was machen wir jetzt?" fragt er neugierig. Ihm ist alles recht, solange er die Gesellschaft dieser unglaublichen Frau noch etwas länger geniessen kann, er ist so lange alleine gewesen...
Plötzlich ernst, schaut sie ihm kurz in die Augen und dann weg. Ihre linke Hand rutscht auf dem Steuerrad umher.
„Du hast Durst..." sagt sie leise.
„Ja, und du?" sagt er gedehnt.
„Noch nicht so. In der Nähe hier gibt einen Nationalpark, da fahren wir hin."
„Einsame Wanderer, ja?" Seine Stimme klingt gequält.
Sie umklammert das Steuerrad fester und das Holz knackt bedenklich unter ihren Fingern.
„Ich jage keine Menschen, Jasper."
„Du... keine Menschen... was?" stammelt er.
„Keine Menschen." wiederholt sie geduldig. „Tiere."
Einen Moment lang ist es still. Seine Augen sind gross und sie fragt sich einen Moment lang, welche Augenfarbe er wohl als Mensch hatte... Blau, blau wahrscheinlich...
„Und das geht?"
„Das geht. Es ist manchmal schwierig – aber es ernährt genauso..."
„Warte mal, darum sind deine Augen golden, nicht wahr?"
Sie nickt, den Blick irgendwo am Horizont. Es beginnt wieder zu regnen, dicke Tropfen klatschen auf die Windschutzscheibe.
„Ich finde es schön" sagt er leise. Sie blickt ihn lange an, die Augen brennen jetzt.
„Danke" sagt sie schlicht. Ohne zu überlegen, greift er nach ihrer freien Hand. Seine Finger verschränken sich mit ihren und ein kleines, zufriedenes Geräusch kommt von ihr.
„Weißt du, ich habe versucht... ich habe wirklich versucht, meinen Durst zu kontrollieren und ihn seltener zu... löschen... aber es hat alles nur noch schlimmer gemacht, es ist quälend, Alice. Ich hasse mich dafür, schon lange..." Seine Stimme verebbt.
„Du bist was du bist, Jasper. Aber du bist nicht schlecht."
„Werde ich auch goldene Augen haben?"
„Du versuchst es?" sagt sie, aber ihre Stimme klingt nicht überrascht. Wahrscheinlich hat sie es vorhergesehen...
„Ja – sie werden auch golden sein, es dauert ein wenig..."
„Gut. Ich mag Gold sowieso lieber als Rot." Beide lachen.
Eine Weile später biegt sie in eine Nebenstrasse ein und parkiert den Porsche bald darauf am Wegrand.
„Wir sind da."
Sie lächelt ihn an und greift nach dem Türhebel. Er bereut einen Moment lang, ihre Hand loslassen zu müssen.
Far, away from it all
You and me with no one else around
Be still
I already know
Here's my hand and my heart
It's yours to take
(be still/k. clarkson)
„Und?" frage ich.
Langsam hebt Jasper den Kopf. Die Augen glimmen noch von der Jagd, das Raubtier hat sich noch nicht ganz zurückverwandelt.
Aber da ist es – das Lächeln, das ich schon lieb gewonnen habe.
„Annehmbar..." Seine Mundwinkel zucken. „Anders." fügt er ernster hinzu.
Der Wald ist düster heute, der Mond linst nur verschämt zwischen den Wolken hervor. Es regnet nicht mehr, aber der Boden quatscht nass unter meinen Stiefeln. Dreckspritzer auf meinen Kleidern. Kein Vogel flattert durchs Unterholz, die Tiere sind geflüchtet, der Wald scheint den Atem anzuhalten ob unserer Präsenz.
Langsam gehe ich auf Jasper zu.
„Du hast da noch Blut..." Ich ziehe ein Stofftaschentuch aus meiner Manteltasche und tupfe seinen Mundwinkel ab. Er schliesst die Augen. Ich starre auf seinen Mund, hoffe, dass er den Blick nicht spürt...
Seine Lippen sind weich geschwungen und erzählen von Sensibilität. Ich kann nicht anders und lege meine Hand an seine Wange. Er öffnet die Augen, Rot mit einem Tropfen Gold, er lehnt sich leicht in die Berührung, sein Mund öffnet sich ein wenig.
Sein Atem streift mein Gesicht, süss...
Süss...
Mein Denken setzt aus.
Ein Sandstrand, Wind zerzaust honigblonde Haare. Dichte Wolken, wir glitzern nicht.
Ich renne und er folgt mir, ich schlage Zickzacklinien und weiche immer wieder aus. Irgendwann packt eine Hand hart meine Hüfte, ich lasse mich fallen, Lachen schüttelt mich, er lässt sich auch fallen, es kracht – die Menschen würden denken, es donnert. Jetzt lacht auch er und plötzlich ist er über mir. Ich fühle sein Gewicht auf mir, goldene Augen funkeln mich an. Ganz nahe plötzlich. „Ich hab dich..." Er grinst. Und dann küsst er mich...
„Alice? Alice!" Jemand packt meine Schulter und schüttelt mich. „Alice?"
Jasper?
Meine Augen stellen plötzlich wieder scharf, Jasper, die Hand, mit der er vor meinem Gesicht wedelt, selbst das irgendwie anmutig, Besorgnis in den Augen, die Stimme drängend...
„Ist alles in Ordnung? Dein Gesicht war plötzlich ganz ausdruckslos und deine Augen waren leer..."
Ein entschuldigendes Lächeln kriecht über mein Gesicht, während ich noch taumele zwischen Vision und Realität.
Ich finde meine Stimme wieder und sie ist etwas rauer als sonst. „Entschuldige, jetzt bin ich wieder da... Es ist alles in Ordnung."
Seine Hand ist immer noch an meiner Schulter.
„Wirklich..." füge ich hinzu, sein Blick ist immer noch verwirrt...
„Ist es so, wenn du etwas... siehst?" fragt er.
Ich nicke.
„War es was Schlimmes?" Seine Augen werden gross.
Ach, Jasper...
„Nein, nein – ganz und gar nicht..."
Das scheint ihn zu beruhigen. „Und was machen wir jetzt?" fragt er. Irgendwie habe ich die Frage schon mal gehört.
Ich mustere meine schlammverschmierten Stiefel, die Dreckspritzer auf meinen Hosen. Ich brauche dringend etwas Luxus!
„Wir fahren in ein Hotel."
Ich lache, als ich seinen Gesichtsausdruck sehe und greife nach seiner Hand.
„Mach den Mund wieder zu, Jasper."
