A/N: Hallo ihr beiden! Danke für die Reviews, hat mich super gefreut.
Und hier geht's weiter:
Most of us want the same old things
someone to love
i know it's hard
it gets tough sometimes
you gotta hold on, like a carousel
going around and around
around and around
(carousel/laura izibor)
Im Auto ist es still, nur der Motor knurrt leise vor sich hin. Jasper starrt durch die Frontscheibe, sein Blick irgendwo in der Ferne. Wahrscheinlich will er einfach mal in Ruhe nachdenken... oder muss verarbeiten, was geschehen ist, unsere doch eher ungewöhnliche Begegnung...
Für einmal fällt es mir ziemlich schwer, mich auf die Strasse und aufs Fahren zu konzentrieren. Zum Glück bin ich selbst unkonzentriert eine sicherere Autofahrerin als die meisten Menschen.
Meine Gedanken fahren Karussell – um den blonden Vampir auf dem Beifahrersitz, jetzt fast statuenhaft. Er scheint nicht mal zu atmen.
In diesem Moment hätte ich meine Gabe liebend gern eingetauscht, gegen die Fähigkeit Gedanken zu lesen. Sicher gibt es auch Vampire, die das können. Vielleicht sogar jemand der Familie, von der ich immer wieder Schemenbilder empfange... meine zukünftige Familie... unsere zukünftige Familie – hoffentlich...
Ich werfe einen kurzen Seitenblick auf Jasper, immer noch reglos...
In diesem Moment ist er mir ein Rätsel.
Ich drücke stärker auf das Gaspedal, der Motor wird lauter, die Nadel springt auf über hundert Meilen, normalerweise berauscht mich die Geschwindigkeit, beruhigt mich auch irgendwie... aber gerade jetzt hilft es alles nichts...
Ich starre auf meine Hände, der Nagellack blättert ab. Ich gehe im Kopf all die Fläschchen in meinem Koffer durch, welche Farbe soll ich als nächstes nehmen?
Verdammt, warum sagt er nichts mehr?
Plötzlich breitet sich Wärme in meinem Körper aus, wellenförmig, ich werde ruhig, meine verkrampften Hände am Lenkrad entspannen sich.
Überrascht schaue ich zu Jasper.
„Du warst angespannt. Unruhig." Es sind seine ersten Worte seit über zwei Stunden.
„Wie machst du das?"
„Nenn es eine Gabe" sagt er und grinst.
„Du kannst Gefühle beeinflussen..." sage ich langsam.
„Ja. Und fühlen, sie strahlen rundherum auf mich ab."
„Du kannst fühlen, was ich fühle?" Oh mein Gott...
Sein Blick ist Bestätigung genug. Unruhig rutsche ich auf dem Sitz herum. Eine neue Welle von Ruhe erfasst mich.
„Immer?" frage ich vorsichtig.
„Ich kann es ausblenden. Manchmal. Bei dir fällt mir das schwerer als bei anderen..."
Ich nehme den Satz – und die Botschaft, die darin mitschwingt – entgegen.
„Zeig es mir" sage ich aus einem Impuls heraus.
„Was?"
„Das. Deine Gabe."
Er schaut mich vorsichtig an. Ich studiere noch sein Gesicht, als ich plötzlich zu lachen beginne. Laut und schallend. Heiterkeit durchströmt mich.
„Ok, das reicht" japse ich.
Mein Körper spannt sich an. Ein leises Knurren entfährt mir. Das Lenkrad knackt unter meinen Händen. Ich bin wütend, ich würde am liebsten...!
Ruhe erfasst mich und alles ist wieder wie vorher.
„Ehm, danke. Das war aufschlussreich" murmle ich. Jasper grinst nur und schaut wieder aus dem Fenster.
Ich schaue auf die Strasse, da ist das Ortsschild der nächsten Stadt, ich habe das Hotel gesehen und die Suite, die wir beziehen werden...
Lust durchzuckt mich. Heftig. Ich keuche auf und beisse mir gleich darauf auf die Unterlippe. Tief unten in meinem Bauch breitet sich Hitze aus. Der Porsche macht einen Schlenker.
„Jasper! Hör auf!" Die Entrüstung in meiner Stimme ist nicht ganz so überzeugend, weil ich immer noch atemlos klinge.
Er lächelt mich an, beinahe unschuldig, aber in seinen Augen glimmt etwas. Sein Duft lullt mich ein, die Luft im Auto ist plötzlich zähflüssig. In meinem Bauch flattern irgendwelche unbekannten Wesen.
„Entschuldige. Das war nicht nett" sagt er sanft und berührt meine Schulter.
„Du bringst mich durcheinander..." sage ich leise.
„Du mich auch, Alice" antwortet er fast unhörbar.
Einen Moment lang sind wir still. Dann flammt auf der linken Strassenseite das Leuchtschild auf, auf das ich gewartet habe. „Hampton Inn."
„Wo sind wir?" fragt Jasper.
„Easton."
„Schon? Eigentlich kein Wunder bei deinem Fahrstil." Er klingt belustigt, aber da ist noch ein anderer Unterton. Ich frage mich, ob die Gefühlsspielchen auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen sind... Mein Kopf ist wieder voll Bilder von diesem Strand, er, ich, seine Hände auf mir, meine Hände in seinem Haar...
Habe ich den gleichen Effekt auf ihn wie er auf mich? Ich habe tiefe Freundschaft gesehen, Vertrauen, vielleicht sogar Liebe – aber das hier... dieses Sehnsucht, diese Begierde ist neu für mich. Unbekannt. Beängstigend irgendwie, aber gleichzeitig... aufregend...
Um mich abzulenken, krame ich in meiner Handtasche. Und finde, was ich suche.
„Hier. Wegen deiner Augen." sage ich, drücke ihm eine dunkle Sonnenbrille in die Hand und vermeide dabei, ihn anzusehen. Erst muss ich mich beruhigen.
Ich lenke den Porsche auf dem Vorplatz und steige aus. Die Luft ist kühl und sauber vom Regen. Gelbes Licht fällt aus den Fenstern und malt Vierecke auf den Boden. Das Hotel ist weiss, mehrere Stockwerke hoch, Stuckverzierungen um die Fenster.
Ein Portier eilt herbei, jede seiner Bewegungen strahlt geschäftige Hilfsbereitschaft aus. „Ma'am, Mister. Herzlich willkommen im Hampton Inn."
Er mustert kurz meine dreckigen Stiefel, eine steile Falte auf der Stirn.
Sie verschwindet und macht einem geschäftstüchtigen Lächeln Platz, als sein Blick über den teuren Wagen schweift, meinen schlichten, aber eleganten Mantel und die Perlenstecker in meinen Ohren.
Ich drücke ihm den Autoschlüssel in die Hand, ein Lächeln auf den Lippen.
Er blinzelt verwirrt. Wie leicht sie immer zu verwirren sind...
„Gehen Sie doch schon voraus an die Rezeption, ich bringe ihr Gepäck gleich nach."
„Sicher, danke." Meine Stimme ist süss und er blinzelt wieder.
Ich hake mich bei Jasper ein und nehme die paar Stufen bis zum Eingang. Der Teppich in der Lobby ist rot, meine Stiefel versinken beinahe darin. Ein paar cremefarbene steife Sessel gruppieren sich um einen Loungetisch aus Mahagoni.
Die Frau hinter der Rezeption ist Ende zwanzig und hübsch. Rotes Haar, sorgfältig aufgesteckt, der schwarze Blazer schmiegt sich eng an einen wohlgeformten Oberkörper. Grosse Augen, blaugrün.
„Guten Abend, herzlich Willkommen" sagt sie freundlich. Ihr Blick verharrt auf Jasper. Ein seltsames Gefühl sticht in meinem Bauch. Jasper scheint es zu bemerken, er schlingt einen Arm um meine Hüfte. Sie sieht seine Geste und blickt endlich zu mir.
„Wir hätten gerne eine Suite für zwei Nächte" sage ich, meine Stimme klingt gelassen und freundlich.
Ihr Blick fällt auf meinen schwarzen, wohlgenährten Geldbeutel.
„Gerne..." sagt sie. „Auf welchen Namen?"
Ich konzentriere mich kurz. „Mister und Misses Jasper... Withlock."
Jasper atmet etwas lauter als nötig aus, sein Blick brennt sogar durch die Sonnenbrille auf meiner Haut.
Ich lächle ihn an. Triumphierend irgendwie.
