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Der Zeiger bleibt auf der «4» stehen, der Lift ruckelt und stoppt dann. Die Tür geht auf. Ich trete in den Flur, Jasper folgt mir. Der Flur ist wie die meisten Hotelflurs - lang, schmal, eine Reihe schlichter Holztüren, Teppich bedeckt den Boden. Der Teppich hier ist genau so dick und rot wie in der Lobby, die Nummern an den Türen sind kunstvoll verschlungen und golden.
Vor der Tür mit der Nummer 54 bleibe ich stehen. Der Schlüssel dreht leicht im Schloss.
Jasper tritt mit grossen Schritten ein, bleibt plötzlich stehen, dreht sich einmal um die eigne Achse. „Wahnsinn." murmelt er. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Die Suite ist in der Tat mehr als annehmbar. Mein Koffer und meine Reisetasche stehen in der Mitte des Raums, Jasper daneben, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Mein Autoschlüssel liegt auf dem Nachttisch.
Ich knie neben meinem Koffer nieder, öffne ihn und krame darin herum. Ich fühle Jaspers Blick auf mir. Er steht immer noch am gleichen Ort, etwas überfordert, vielleicht...
Ich schaue auf. Er hat die Sonnenbrille abgenommen. Seine roten Pupillen haben einen goldenen Rand bekommen. Sein Gesichtsausdruck ist neutral, unlesbar.
„Morgen gehen wir einkaufen" sage ich.
„Einkaufen?" echot er.
Ich mache eine vage Handbewegung in seiner Richtung. „Du brauchst dringend neue Kleider."
Er starrt mich an, aber entgegnet nichts.
„Vermutlich hasst du Einkaufen. Männer sind so..." Ist da eine kleine Regung in seinem Gesicht?
„Nicht, dass ich schon gross Erfahrung damit gemacht habe. Mit Männern... ich meine mit Männern und Einkaufen, zusammen... in Kombination..." Ich breche ab.
Sehr eloquent, Alice...
Er lächelt. „Keine Angst. Ich werde mich widerstandslos mitschleifen lassen. Ich hab mich nur gefragt, wie du... wie wir uns das leisten können. Ich meine, dieses Hotel, dein Auto..."
Ich tippe mir an die Stirn und schaue ihn vielsagend an.
„Ach so." sagt er.
„Genau. Sagen wir mal so, ich bin nicht ganz talentfrei darin, Börsenentwicklungen hervorzusagen. Oder in Casinos die Jackpots zu knacken. So, ich nehme jetzt ein Bad..."
„Du nimmst ein Bad" wiederholt er.
Meine Nase kräuselt sich. Ich habe das Gefühl vor Dreck zu starren.
„Bis gleich. Warum machst du es dir nicht gemütlich?" Ich spüre seinen Blick im Rücken bis die Badezimmertür hinter mir ins Schloss fällt.
Er kann Alice im Badewasser planschen hören. Sie singt leise vor sich hin. Jasper seufzt. Er strengt sich wirklich an, es sich nicht vorzustellen – ihre Haut, die im Badezimmerlicht perlengleich schimmert, ihre Lippen formen ein O, sie pustet etwas Badeschaum von ihrem Arm, ein schlankes Bein...
Er schüttelt den Kopf, als könnte er die Bilder so vertreiben und nestelt an seinen Mantelknöpfen. Irgendwo hat sie ja Recht, seine Kleider sind wirklich nicht mehr viel wert. Das Nomadenleben, Strassenstaub, Dornen, widerspenstige Äste haben ihren Tribut gefordert.
Er kramt in der Tüte, die sie ihm hingestellt hat. „Ich hab was für dich in Philly gekauft – ich hoffe, die Grösse stimmt einigermassen. Wie schon gesagt, ich hab nicht so gesehen, dass du so gross bist." Sie betonte das „so" und ging – es war eher ein Tanzen – Richtung Badezimmer.
Eine schwarze Hose, ein schlichtes weisses Hemd. Okay. Er atmet erleichtert aus, sie scheint ja sonst eher einen eleganten bis extravaganten Geschmack zu haben. Aber sie war schön in diesem roten Kostüm...
Er zieht sich um und stopft seine alten Kleider in die Einkaufstüte.
Auf der anderen Seite der Badezimmertür läuft das Badezimmerwasser gurgelnd ab.
Er kann Alice leichte Schritte hören, die Haarbürste, den Föhn – ihr zufriednes Vor-Sich-hin-Summen...
Und wieder läuft das Kino in seinem Kopf auf Hochtouren.
Himmel! Er krabbelt auf das lächerlich breite Bett und vergräbt sein Gesicht in einem der riesigen weissen Kissen.
Seine Gedanken wandern in eine andere, ebenfalls verbotene Richtung. Gesichter fackern vor seinem inneren Auge auf. Peter. Charlotte. Lucy. Andere, die nicht mal Namen hatten. Und dann dieses Puppengesicht, und der hässliche Ausdruck darauf, der so gar nicht dazu passt. Maria.
Gequält atmet er aus und hebt den Kopf. Das Licht der Nachttischlampe verfängt sich in dem Geflecht aus Narben auf seinem Unterarm, lässt die vielen Halbmonde schimmern.
Er beisst die Zähne zusammen, es knirscht.
In diesem Moment öffnet sich die Badezimmertür. Alice erscheint im Türrahmen.
Er setzt sich auf, erstarrt noch in der Bewegung.
Sie hält ebenfalls inne, ihr Blick verhakt sich in seinem.
Sie hat ihr schwarzes Haar irgendwie gezähmt und in einem Seitenscheitel gekämmt, eine goldene Spange hält die kurzen Strähnen an Ort und Stelle. Ihre Augen sind gross und irgendwie unsicher unter den dichten Wimpern. Ihre Hand glättet Stoff... sein Blick folgt ihrer Bewegung nach unten...
... Ist das ein - Negligé?
