Draco ließ sich kraftlos an der Wand hinabsacken, an der er schon einmal seine Lausch-Position eingenommen hatte. Scheinbar waren jetzt alle erwarteten Mitglieder des Ordens versammelt. Das Gespräch war dem Hauptthema schon die ganze Zeit sehr nahe gekommen, das hatte Draco mitgekriegt, aber scheinbar hatten sie noch auf den Weasley-Sprössling warten wollen, bevor sie die Diskussion eröffneten.
„Wir müssen langsam mal zu einer Entscheidung kommen", polterte Moody in seiner typischen Manier los und eröffnete damit scheinbar offiziell die Sitzung.
„Sirius, bist du dir sicher, dass der Malfoy Junge nichts weiß?" Diese ruhige, leise Frage kam wohl von Arthur Weasley.
Der Blonde kratzte sich nervös mit den Fingernägeln über die eingefallenen Wangen. Wie oft war diese Frage wohl schon innerhalb der Ordenssitzungen gestellt worden? Zu oft wahrscheinlich. Gleich... gleich würde er wissen, wie es weiter gehen sollte.
„Absolut. Sein Vater und Voldemort ziehen ihn nicht ins Vertrauen. Er ist wertlos – für sie und für uns."
Halt einfach dein Maul, Black. Draco schlug lautlos den Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Als hätten Severus und Black sich verschworen.
Ein zustimmender Laut kam von Snape. Sein guter Patenonkel hatte sich nicht mehr bei ihm gemeldet, war aber anscheinend immer noch hier. Die waren alle wirklich hilfsbereit drauf momentan. Naja. Blacks Hilfe hatte er abgelehnt... aber der klang auch immer so, als sei das alles nur ein Scherz.
„Wir können ihn nicht dem Ministerium übergeben", brummte Snape, nachdem einige Zeit Stille geherrscht hatte.
„Warum nicht?", blaffte Potter, dem diese Neuigkeit absolut nicht zu passen schien.
„Weil die ihn sofort wieder frei lassen müssten oder aber unrechtmäßig wegsperren würden, je nachdem an wen er gerät."
„Sollen sie ihn doch wegsperren!" Das war das Wiesel. Potters Busenfreund. Na wunderbar.
„Mr. Weasley", knurrte sein Patenonkel im besten Lehrerton, „dies wäre eine Entscheidung, die dem Dunklen Lord alle Ehre machen würde."
„Du bist sein Patenonkel, Snape. Klar, dass du voreingenommen bist", kam es von Moody.
„Darum geht es nicht, Mad-Eye. Wäre Draco für etwas zu verurteilen, würde ich dafür plädieren, ihm eine faire Verhandlung zu kommen zu lassen. So aber kann er entweder sowieso frei kommen, was wir ebenso bewerkstelligen können, oder aber ein unfaires Schicksal erleiden. Und ich dachte, wir sind die Guten", meinte Snape, seine Stimme triefend vor Sarkasmus. „Wenn das noch korrekt ist, dann – so meine ich im Ehrenkodex unserer Moral gelesen zu haben – schicken wir keine Unschuldigen in Gefängnisse oder Folterkammern."
„Unschuld ist ein sehr dehnbarer Begriff", murmelte Moody.
„Das bringt alles nichts, Leute." Das war wieder Black. „Ob der Junge nun unschuldig oder schuldig oder halb-schuldig ist, steht nicht zur Debatte. Für uns zählt ja wohl nur, was wir mit ihm machen können."
„Und was wäre das deiner Meinung nach, Black?" Snape.
„Ich würde..."
„Wir werfen ihn einfach beim nächsten Vollmond Remus zum Fraß vor!" Potter klang wie ein schmollendes Kleinkind.
„Harry!" Diese scharfe Zurechtweisung kam von Black und dem Werwolf selbst gleichzeitig.
„Ihr macht mich verrückt", begehrte dieser auf.
„Harry, das war wirklich unangebracht." Lupin klang irgendwie verletzt.
„Tut mir ja leid, Remus, aber – Merlin, warum machen wir wegen diesem Frettchen so einen Aufriss?"
„Du bist ziemlich geblendet von deinem Hass." Black versuchte weise zu klingen.
„Und du von deinen Hormonen", spie Harry aus.
„Noch in der Pubertät, Sirius?", spaßte Bill.
„So wie er sich bemüht, Malfoy das Hirn raus zu vögeln, könnte man das annehmen."
Augenblicklich erstarb jedes Geräusch. Draco hielt den Atem an.
„Harry James Potter."
Oh, oh. Das klang gar nicht gut. Black war sauer und irgendwie verschaffte das Draco einen kleinen Triumph.
„Ich sage es jetzt noch ein einziges Mal und empfehle dir, gut zuzuhören: Ich habe mich nicht dafür zu rechtfertigen mit wem ich wann oder wo oder wie oft vögele. Wenn ich möchte, dann ficke ich Malfoy jede Minute des Tages, in jeder erdenklichen Position und auf jede erdenkliche Weise. Was du dazu sagst, ist mir vollkommen egal und ich behalte mir vor, die Lage trotzdem noch objektiv beurteilen zu können. Solltest du das bezweifeln, dann kannst du mein Haus jetzt verlassen. Pass bloß auf, dass dir das alles nicht zu Kopf steigt, Junge. Du bist nicht Gott und du bist noch lange nicht erwachsen, gleichgültig wie schwer du es hattest. Du hast weder meine Erfahrung, noch die von Remus oder Severus. Ich habe dich wirklich gern, aber du solltest dein Verhalten in den letzten Wochen überdenken, wenn das so bleiben soll. Denn ich unterstütze nicht alles was du machst, nur weil du mein Patensohn bist." Black machte eine kurze Pause, ehe er absichtlich deutlich artikulierte: „Haben wir uns verstanden?"
Noch einen Moment war es drückend still, dann redeten alle durcheinander.
„Du hast was mit Malfoy?"
„Ich wusste es, Sirius..."
„Das war ja fast intelligent, Black. Aber wie kommst du auf die Idee, meinen Patensohn in dein Bett zu zerren?"
„Sirius und Malfoy? Krass."
„Du bist also wirklich schwul?"
In Dracos Kopf ratterte es. Hatte Black sich nun nur selbst verteidigt oder hatte er auch Draco verteidigt? War das nun eine weitere Demütigung gewesen oder war es richtig, dass ihm warm ums Herz wurde? Okay. Warm ums Herz wurde ihm nicht. Das wäre wirklich schon schwuchtelhaft. Und er war ja nicht schwul... nicht richtig. Hoffentlich.
„Ruhe", brüllte Remus plötzlich. Erneut verstummte alles.
„Sirius hat Recht." Der Werwolf atmete hörbar ein. „Es wäre nicht fair, uns ein Urteil über private Angelegenheiten zu erlauben, die uns nichts angehen. Draco ist zwar unser Gefangener, aber mehr auch nicht. Sirius muss wegen uns eine Menge mitmachen und wir alle wissen, dass Tatze lieber mit uns kämpfen würde, als hier sitzen zu müssen. Woran keiner von uns wieder wirklich unschuldig ist. Wir wollen hier herausfinden, was wir mit Draco Malfoy machen."
„Wir werden ihn gehen lassen müssen, spätestens in ein paar Tagen...", kam es von Arthur Weasley.
„Oder wir überzeugen ihn, die Seiten zu wechseln." Moment mal. Dumbledore? Seit wann war Dumbledore denn da drin? Draco blinzelte. Der Schulleiter hatte sich noch nicht zu Wort gemeldet gehabt, war aber scheinbar schon die ganze Zeit da. Über dem Haus lag eine Appariersperre, also konnte er nicht plötzlich aufgetaucht sein. Oder? Bei Albus Dumbledore wusste man ja nie.
„Malfoy ist Todesser mit Leib und Seele", meinte Weasley.
„Das ist nicht wahr." Nun waren es Black und Severus, die synchron waren. Was alle zu überraschen schien.
„Lucius Malfoy..."
„... manipuliert seinen Sohn seit seiner Geburt", vollendete Snape Blacks Satz, was diesen unwillig aufknurren ließ. Hogwarts' Tränkemeister ließ sich dadurch jedoch nicht beirren, sondern fuhr leise fort: „Draco könnte hilfreich für uns sein. Aber wir müssen ihn davon überzeugen, dass unsere Seite die Bessere ist. Auch für ihn."
Hilfreich. Es ging immer nur um den Nutzen. Immer. Bei Severus, bei seinem Vater, bei Voldemort, bei Black. Entweder man war nützlich oder man war entbehrlich.
Draco erhob sich und taumelte leicht, als ihm kurz schwarz vor Augen wurde. Seine letzte Mahlzeit lag schon ziemlich lange zurück. Dass er die letzten Reste davon zusammen mit bitterer Galle, dank seines Patenonkels, vorhin wieder hochgebracht hatte, machte es nicht besser. Aber das war egal. Er würde jetzt nachdenken müssen und das konnte er definitiv nicht hier unten. Die würden scheinbar eh heute keine Entscheidung mehr treffen. Also zog Draco es vor, sich wieder in seinem Zimmer zu verkriechen, ehe man ihn noch sah.
Obwohl in Dracos Zimmer keine Uhr hing, konnte er die Minuten ticken hören. Eine Fliege drehte zum wiederholten Mal ihre sinnlose Runde durch den Raum, während der Blonde sich keinen Zentimeter rührte. Wenn er so weiter machte, würden seine Muskeln bald Vergangenheit sein. Seit er hier war, hatte er jegliches Training entbehrt. Merlin, er sah so beschissen aus. Er wollte sich nicht mal mehr im Spiegel angucken, wie er vorhin festgestellt hatte, nachdem er duschen war. Nichts im Vergleich zu Black, der seine Fitness-Übungen wahrscheinlich irgendwo in diesem Haus abzog. Jedenfalls fühlte sein Körper sich verdächtig danach an. Als er vorhin praktisch über ihn hergefallen war… Merlin, Draco würde wohl in jeder Situation hart werden, solange Sirius in der Nähe war.
Und Black war, neben Voldemort, wohl der Mann, der seine Gedanken momentan am meisten in Beschlag nahm. Irgendwie war es ein Bisschen so, wie bei seinem Vater früher. Draco wollte alles tun, damit man ihn wahrnahm. Damit man ihn gern hatte. Nur dass er sich gegenüber Black nun besser im Griff hatte, als damals, im Kleinkindalter. Außerdem hatte er – Merlin sei Dank – nie das Bedürfnis verspürt, mit seinem Vater ins Bett zu steigen.
Der Blonde saß aufrecht, mit dem Rücken an die Verkleidung des Bettes gelehnt und fuhr mit seinem Finger kleine Kreise auf der Matratze. Welche Möglichkeiten hatte er eigentlich? Wohin würde er gehen, wenn der Orden ihn frei ließ? Eigentlich konnte er nur zu seinem Vater zurück. Oder hier bleiben. Aber die würden sicher nicht akzeptieren, dass er einfach so hier blieb. Er würde spionieren müssen. Er schluckte. Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Und ewig auf der Flucht zu sein, war auch keine Option. Er wollte nicht in jeder Minute um sein Leben fürchten.
Vielleicht… Verdammte scheiße. Draco keuchte auf und bekam nicht mit, dass genau in diesem Moment die Zimmertür vorsichtig aufgeschoben wurde.
Alles war er wahrnahm, war wie schon zweimal seit er hier war, das unmenschliche Brennen in seinem linken Arm. Mit zusammengepressten Lippen umklammerte er den Unterarm, auf dem das Dunkle Mal prangte. Der Lord rief nach seinen Todessern. Nur, dass Draco dem Drang zu apparieren nicht folgen konnte. Weil eben eine Appariersperre über dem Hauptquartier des Ordens hing.
Sirius erfasste seltsamerweise sofort was los war und schob das Tablett, das er in der Hand hielt, auf den Tisch, um sich neben Draco zu setzen.
„Draco-Baby…", murmelte er sanft und löste vorsichtig Dracos verkrampfte, rechte Hand von seinem Unterarm. Er hatte oft genug bei Severus gesehen, dass das Mal manchmal fast zwei Minuten lang brannte, ehe der Schmerz nachließ.
„Draco-Baby…", wiederholte Sirius und hob dessen Kinn an. „Guck mich an."
Verwirrt hob Draco den Kopf und starrte direkt in Blacks Augen. So tief. So grau. So schön… Als der Schmerz nachließ, sackte Dracos Hand nach unten. Sirius betrachtete das Dunkle Mal, das sich noch unnatürlicher als sonst von der blassen Haut abhob und dachte daran, dass gerade jetzt die Todesser auf dem Weg zu ihrem Meister waren.
„Merlin, Draco…", flüsterte er leise. „Du bist doch viel zu jung dafür."
„Man ist niemals zu jung zum kämpfen, Black."
„Die Philosophie deines Vaters?"
Der Blonde antwortete nicht sondern atmete tief durch und krempelte den Ärmel seines Hemdes wieder nach unten.
„Tut mir leid, dass ich vorhin so ausgeflippt bin", versuchte es Sirius versöhnlicher. Draco schluckte.
„Schon okay", meinte er etwas unbeholfen. Black griff hinter sich und stellte das Tablett aufs Bett.
„Ich habe keinen Hunger…"
„Du musst was essen, Draco-Baby."
„Bist du schwerhörig, Black? Ich habe keinen Hunger."
„Du kannst mich langsam wirklich Sirius nennen."
„Wieso sollte ich?"
„Mh, ich war schon in deinem Arsch, fändest du nicht, da wäre es…"
„BLA- Äh, Sirius", polterte Draco los und hob abwehrend eine Hand. „Ist gut. Ich habe es verstanden."
„Wunderbar", kam es von eben diesem mit einem zuckersüßen Lächeln. „Und jetzt iss."
„Ich habe das Gefühl, ich rede mit einer Wand."
„Guck mal…", meinte Sirius und beugte sich ohne zu Zögern vor, um Dracos Hemd hochzuschieben. Der Blonde quiekte auf als die Finger des Älteren über seinen Bauch strichen. „Wie willst du hier weiterhin Muskeln aufbauen, wenn du nicht mal etwas isst?" Ernster fügte er hinzu: „Draco, ich kann verstehen, dass du heute nicht deinen besten Tag hast. Aber du musst was essen."
„Ich kotze, wenn ich jetzt was esse."
„Bitte." Scheiße. Was war das denn für ein Blick, den Black da auf einmal drauf hatte? Der Malfoy-Sprössling schluckte.
„Okay, okay. Aber…" Draco seufzte und griff nach einem Brot. Gedankenverloren begann er daran herum zu kauen, verspürte noch immer eher Abneigung gegenüber dem Essen, schwieg aber. Sirius beobachtete ihn schweigend, bis er wenigstens das eine Brot gegessen hatte und schob das Tablett dann wieder zum Tisch.
„Black…", begann Draco leise.
„Sirius."
„Was? Ach so, ja." Der Blonde runzelte die Stirn, nickte aber. „Also", fuhr er fort, „ich habe nachgedacht. Wegen vorhin. Ich meine, also… Vielleicht… Mh, ich hab…" Draco atmete tief ein. „Ich hab' Angst… Ich… will nicht… Ich will nicht wieder allein sein. Kannst du…", der Rest seines Satzes ging in einer genuschelten, schnellen Aneinanderreihung von Worten unter.
„Ähm… was genau kann ich?"
„Kannst du mich nochmal in den Arm nehmen?", ratterte Draco hochrot herunter.
Sirius betrachtete ihn einen Moment verblüfft und unterdrückte dann ein Grinsen. Stattdessen zog er den blassen, dünnen Jungen in seine Arme und drückte ihn ohne viel Umschweifen an sich. Er vergrub sein Gesicht in Dracos Haar, das frisch gewachsen duftete und wunderbar weich war und hauchte ihm einen Kuss auf den Kopf.
„Es ist okay Angst zu haben, Draco", murmelte er. „Du hast mir gesagt, dass es okay ist Alpträume zu haben, oder? Siehst du. Ich weiß, dass du es auch nicht einfach hast. Aber du musst dir einfach noch einmal gut überlegen, welchen Weg du gehst."
Er wiegte den Jungen, dessen Schultern schon wieder verdächtig bebten, sanft hin und her. Draco verabscheute sich selbst für seine Schwäche. Andererseits wollte er jetzt nichts lieber tun, als sich einfach in diese Umarmung zu legen und das bisschen menschliche Nähe zu genießen, das Sirius ihm bat. Er fühlte sich so müde und erschlagen, so absolut verbraucht und erschöpft. Einfach nur schlafen. Bei Sirius einschlafen und nie wieder aufwachen. Das klang nach einer verlockenden Alternative.
„Ich möchte mit dir schlafen… Für immer", nuschelte Draco, schon im Wegdämmern. Sirius konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, doch dem schläfrigen Jungen schien nicht klar zu sein, was er da eben von sich gegeben hatte. Also riss sich Sirius zusammen und zog ihn langsam mit sich, in eine liegende Position. Er griff nach einer Decke.
„Ist okay. Schlaf ruhig ein Bisschen…", murmelte er an Dracos Ohr. Ja, Schlaf konnte dem Jungen wirklich nicht schaden.
