II. DANACH
LEONARDO
Ich glaube ehrlich, dass Meister Splinter der liebevollste, mitfühlendste Mensch auf dem Planeten ist. Ich meine, denk einmal darüber nach. Nimm an, du bist obdachlos in einem neuen Land. Du wachst in der Kanalisation auf und bist auf einmal eine mutierte Ratte. Da sind vier andere mutierte, schildkrötenartige Wesen neben dir, und sie machen dieses ätzende, heulende Geräusch. Was würdest du tun? (Pause.) Richtig – du würdest höllisch schnell rennen. Ich weißt, dass du's getan hättest.
MEISTER SPLINTER
Ich habe meinen mutierten Zustand zunächst gar nicht zur Kenntnis genommen. Ich sah nur vier andere Wesen, die verzweifelt Hilfe benötigten. Sie weinten. Sie schienen intelligent zu sein, doch es war klar, dass sie nicht verstanden, was geschehen war.
DONATELLO
Es ist schwer zu beschreiben, wie das war. Keiner von uns erinnert sich sehr lebendig daran, aber wir entsinnen uns alle vage. Um ehrlich zu sein gibt es keine Empfindung, die man damit vergleichen kann. Das Beste, womit ich dienen kann, ist das hier: Stell dir vor, du bist zwei Monate alt. Du schläfst ein, du wachst wieder auf, und plötzlich bist zu zwölf Jahre alt.
RAPHAEL
Plötzlich waren wir uns (gestikulierend) bewusst über... alles. Wir konnten nicht reden oder so. Aber jetzt waren die Gehirne soweit, und wir konnten alles wahrnehmen und verarbeiten. Und ich denke, wir hatten alle dieselben beiden Hauptgedanken: Erstens – das tut verflucht weh. Und zweitens – verdammt, es ist kalt.
MICHELANGELO
Da war dieses andere Wesen bei uns. Klar, es sah seltsam aus, aber zum Teufel, es war das erste, was wir sahen. Wir wussten nicht, was seltsam ist.
MEISTER SPLINTER
Ich sprach zu ihnen. (schmunzelnd) Auf japanisch, glaube ich. Ich hatte vergessen, wo ich bin. Doch es spielte keine Rolle, welcher Sprache ich mich bediente – sie verstanden mich nicht.
LEONARDO
Wir erinnern uns nicht gut an diesen Tag, aber Splinter hat uns über alles informiert, was für uns unklar geblieben ist. Er sagt, er hätte versucht, mit uns zu reden, was wir offenbar nicht verstanden haben. Dann hat er die Hand ausgestreckt und jeden von uns berührt. (zögernd) Daran erinnere ich mich irgendwie. Es war... Vielleicht habe ich nach etwas gesucht, woran ich mich festhalten konnte, aber plötzlich fühlte ich mich, als ob alles gut werden würde – irgendwie.
MEISTER SPLINTER
Ich beschloss, ein Feuer zu machen, da es recht kalt war. Ich versuchte, ihnen zu erklären, dass ich Material beschaffen musste, um das Feuer zu entzünden, dass ich aber wiederkommen würde. Sie verstanden wieder nicht. Als ich versuchte, zu gehen... schrie einer von ihnen.
MICHELANGELO
Laut Splinter drehten wir uns alle zu dem um, der geschrien hatte. Wer auch immer das war – wir erinnern uns nicht daran. Dann wurde uns klar, dass wir diese Stimmen hatten, also fingen wir alle an, uns gegenseitig anzuschreien und zu lachen. Das muss gruselig gewesen sein. Verdammt, es ist mir unheimlich, wenn ich nur dran denke.
LEONARDO
Irgendwann, während wir uns amüsierten, schaffte Splinter ein paar alte Kisten und Paletten heran und machte ein Feuer. Am nächsten Tag brachte er uns tiefer in die Kanalisation – dort war es etwas wärmer.
DONATELLO
Meister Splinter war so ziemlich am Ende seiner Kräfte. Es ist schwer genug, in New York ohne einen Job zurechtzukommen. Und nun hatte Sensei noch weitere vier Mäuler zu stopfen.
MICHELANGELO
Zum Glück hatte Splinter in seinen ersten paar Tagen in New York einen Freund gefunden.
MEISTER SPLINTER
Shoji Mitake ist der Besitzer des Nihon Ya, eines Geschäfts, das japanische Kunstobjekte und Artefakte verkauft. Ich hatte mich vor meiner Mutation einige Male mit ihm unterhalten. Nur durch seine freundliche Fürsprache sind wir heute hier. Am Tag nach meiner Mutation wagte ich es, meine Mündel allein zu lassen, und ging hinauf, um mit ihm zu sprechen.
MITAKE
Ich war ein wenig überrascht, Yoshi wiederzusehen, aber nicht so überrascht wie darüber, dass er nun eine Ratte war.
MEISTER SPLINTER
Ich wartete, bis er das Geschäft abgeschlossen hatte, und rief ihn dann zu mir herüber, um mich in der Gasse neben seinem Geschäft mit ihm zu unterhalten. Ich wollte, dass er sich darüber im Klaren war, dass es sich bei seinem Gesprächspartner tatsächlich um mich handelte, ehe er mich in meinem mutierten Zustand zu Gesicht bekam.
MITAKE
Yoshi ist nicht der Typ, der um Hilfe bittet, doch selbst ich konnte erkennen, dass er sie dringend benötigte. Wäre er allein gewesen, wäre er vielleicht ohne Hilfe durchgekommen, doch mit vier anderen, um die er sich kümmern musste, hatte er keine Chance, es allein zu schaffen.
MEISTER SPLINTER
Mitake bot an, mir etwas Geld zu leihen, was ich ablehnte – das erlaubte mir mein Stolz nicht. Allerdings brachte er mich im Anschluss auf die ideale Lösung.
MITAKE
Meine Frau und ich planten, den Laden etwas umzudekorieren, und ich hatte eines von Yoshis Gemälden gesehen. Ich glaubte, dass seine Arbeit wunderbar hineinpassen würde. Ich fragte, ob er mir ein paar Bilder für den Laden malen würde, wenn ich ihm das Material dazu gäbe.
MEISTER SPLINTER
Er ging mit mir zu Lis Markt, wo er dann Nahrungsmittel für mich kaufte. Ich bestand darauf, dass er die Kosten hierfür von meiner Bezahlung für die Gemälde abziehen sollte. Er erklärte sich einverstanden, tat es aber selbstverständlich nicht.
MITAKE
Ich versorgte ihn mit Leinwand, Farben und Pinseln, außerdem mit Kerzen, damit er sehen konnte, was er tat.
MEISTER SPLINTER
Meine Mündel schafften es, sich über längere Zeit miteinander zu beschäftigen, und in dieser Zeit versuchte ich, zu malen. Ich war überrascht, wie einfach die Bilder zu mir kamen. Ich nehme an, dass der Glaube daran, nie mehr die Außenwelt zu Gesicht zu bekommen, ganz zu schweigen von meinem Heimatland, die Bilder so leicht vor mein geistiges Auge geführt hat. Selbst in meinem neuen, mutierten Zustand entstanden die Bilder mit wenig Aufwand.
MICHELANGELO
Splinter hatte echt Glück. Vielleicht war's das Schicksal, das für die ganze Mutationssache zurückgezahlt hat. Bald nachdem er die Bilder für Mitakes Laden fertig hatte, sah sie ein Typ da hängen und fragte, ob er sie kaufen kann. Mitake wusste nicht, für wieviel sich die Bilder verkaufen lassen würden, also bat er den Typen, ein Angebot zu machen. Der Typ hat, meine ich, fünfhundert Dollar angeboten.
MITAKE
Ohne darüber nachzudenken sagte ich sofort: „Oh, nein." Ich dachte, das sei viel zu viel. Schließlich hatte ich sie ja zum Materialpreis erworben. Der Mann dachte, ich feilsche mit ihm, und hob sein Angebot auf eintausend Dollar. Mein Impuls war, wieder nein zu sagen, aber dann wurde mir klar, dass ich das Geld Yoshi geben könnte, der es dringend brauchte.
MEISTER SPLINTER
Einige Tage später besuchte ich Mitake – nur, um ihm für seine Großzügigkeit zu danken. (lächelnd) Ich war, einfach ausgedrückt, schockiert, als er mir eintausend Dollar überreichte.
MITAKE
Er wollte es natürlich nicht annehmen, aber es waren seine Bilder, und er brauchte das Geld sicherlich dringender als ich. Letztendlich nahm er das Geld an, aber er bestand darauf, dass ich zehn Prozent davon behalte, als sein „Agent". Das war eine Vereinbarung, die wir dann auch eine ganze Weile beibehalten haben.
MEISTER SPLINTER
Als ich mit einem Mal soviel Geld zur Verfügung hatte, dachte ich zunächst darüber nach, ob es nicht besser wäre, sich einen anständigeren Ort zum Leben zu suchen.
RAPHAEL
Es ist jetzt nicht so, dass Splinter uns da unten in der Kanalisation lassen wollte. Aber er war sich halt nicht sicher, wie die Leute auf uns reagieren würden. Er wusste nicht mal, ob er eine Wohnung finden konnte, die man an einen Haufen Freaks wie uns vermieten würde.
DONATELLO
Die Miete in New York ist wahnwitzig, und Splinter hatte keine Ahnung, ob er jemals wieder so viel Geld zu Gesicht bekommen würde. Wenn er das ganze Geld in eine Monatsmiete oder so gesteckt hätte, hätte wir uns vielleicht gleich danach wieder umdrehen und ausziehen können. Das wäre reine Geldverschwendung gewesen.
MEISTER SPLINTER
Also beschloss ich, unterirdisch zu verbleiben, in der Kanalisation, und meine Mündel bis auf Weiteres dort großzuziehen. Das Geld würde eine ganze Weile für das Essen reichen – genug Zeit, um einen anderen Weg zu finden, an Geld zu gelangen.
