IV. Leonardo
DONATELLO
Ein Wort, um Leonardo zu beschreiben? „Anführer."
MICHELANGELO
Jeder andere wird jetzt sagen „Anführer". Das ist ziemlich offensichtlich. Einfach, um was anderes zu sagen, sage ich jetzt... hm... „mitfühlend".
RAPHAEL
Oh, ich hab 'ne Menge Wörter, um Leo zu beschreiben. (Gelächter) Aber ich arbeite dran, das hinter mir zu lassen. Also lass uns einfach mal sagen: „Anführer".
LEONARDO
Einige Monate, nachdem wir mit unserem Training begonnen hatten, bekam Splinter Mutantengrippe. Er war bettlägrig, und jemand musste unsere Übungen anleiten. Er suchte mich aus. Zu dem Zeitpunkt dachte ich... Ich weiß nicht. Vielleicht ging er uns der Reihe nach durch, und ich war zuerst dran. Du weißt schon, ich leite dieses Mal, und beim nächsten Mal ist Mikey dran. Aber dazu kam es nie. Von da an war ich es jedes Mal.
MEISTER SPLINTER
Von Anfang an waren Leonardos Fähigkeiten vielversprechend. Er erkannte Probleme, wenn sie auftraten, oft in ihren frühesten Phasen, und versuchte sofort, sie zu korrigieren. Er war immer der Erste, der zu den Übungen erschien, und der Letzte, der wieder ging, wenn sie vorbei waren.
MICHELANGELO
Versteh mich nicht falsch. Er kann besser anführen als sonst wer. Außer Splinter, versteht sich. Er hat dieses... Ich weiß nicht. Egal, wie die Lage aussieht, er kann sie sofort erfassen und einen Plan austüfteln. Mit einem Mal schickt er uns in alle möglichen Richtungen, und ich frag mich noch: „Warum lässt er mich das jetzt machen?". Und erst wenn alles vorbei ist, fällt einem dann auf: „Ach, das hat er sich dabei gedacht!". Wir haben früher immer gefragt: „Warte mal, warum soll ich das jetzt tun?", aber ziemlich bald hatten wir raus, dass er wusste, was er macht. Na ja, manchmal konnte er nicht erklären, was er wusste – er wusste es eben. Und wir verschwendeten Zeit mit unseren Fragen. Jetzt machen wir einfach, was er sagt, und zwar sofort und ohne groß drüber nachzudenken.
DONATELLO
Drei, vier Male, an die ich mich jetzt erinnere, waren wir in Lagen, in denen ich dachte: „Es gibt keinen Weg aus diesem Mist." Leo hat den Weg jedes Mal gefunden.
LEONARDO
Ich kann es nicht erklären. Ich komme in diesen... nun, Sensei nennt es den „selbstlosen Zustand". Es ist, als würde plötzlich alles schneller – mein Denken, meine Reaktionszeit, meine Bewegungen. Ich tue, was ich sonst auch immer tue – die Situation erfassen, diverse Pläne in Betracht ziehen, einen aussuchen und anwenden. Aber ich tue es doppelt so schnell. Oder schneller.
RAPHAEL
Er strengt sich intensiv an. Etwas zu intensiv.
MICHELANGELO
Er muss lernen, sich zu entspannen. Nicht alles ist eine Kampfsituation.
LEONARDO
Meine Brüder – besonders Michelangelo – scheinen zu meinen, dass ich die Dinge zu ernst nehme. Und vielleicht tue ich das. Aber das Überleben und Wohlbefinden meiner Familie ist... jenseits von wichtig. Tatsächlich ist es das Wichtigste für mich.
RAPHAEL
Diese Intensität ist das eigentliche Problem. Splinter sagt, dass du dich dem Wind beugen musst, oder du wirst zerbrechen. Leo beugt sich nicht. Niemals.
MICHELANGELO
Der Rest von uns – wir haben Hobbies. Ich koche, ich schreibe und ich habe mein Skateboard. Donny liest und baut Sachen. Raph spielt Streethockey mit Casey, und hat vor Kurzem mit dem Schlagzeug angefangen. (zögernd) Leo hat kein richtiges Hobby. Und ich denke nicht, dass das gut ist.
LEONARDO
Mikey... na ja, ich weiß, was er versucht. Er fragt mich, ob ich mit ihm und Mondo skaten gehe, oder er fordert mich zu einer Partie Schach heraus. Er versucht, mich dazu zu bringen... Ich hätte fast gesagt, dass er versucht, mich dazu zu bringen, meine Pflichten zu vernachlässigen. Er sieht das nicht so. Er versucht, mich dazu zu bringen, mich zu entspannen – mal einen Moment über etwas anderes nachzudenken. (lächelnd) Ich weiß das zu schätzen. Aber Entspannen ist für mich nicht einfach.
MEISTER SPLINTER
Ich gebe mir die Schuld. Ich habe Leonardo möglicherweise zu sehr auf die Wichtigkeit von Pflicht und Familie geprägt. (lächelnd) Nun stelle ich fest, dass ich ihn zwingen muss, sich zu entspannen. Ein Widerspruch in sich selbst.
LEONARDO
Ich muss es etwas lockerer angehen lassen. Sie haben recht. Und ich arbeite daran. (schmunzelnd) Ich sitze hier und rede mit dir, richtig? Und ich habe meine Katana für beinahe dreißig Minuten nicht angefasst! (lachend) Ich habe ein paar Sachen ausprobiert. Splinters Shakuhachi zu spielen, zu lesen. Ich zeichne ziemlich gerne, aber ich bin darin wirklich schlecht. (zuckt die Schultern) Sensei sagt, dass das keine Rolle spielt, und er hat vermutlich recht.
DONATELLO
Splinter wollte jedem von uns den Umgang mit jeder Waffe beibringen. Und das tat er, bis zu einem gewissen Punkt. Wir sind alle vertraut mit den Grundlagen aller Waffen, aber es machte keinen Sinn, uns alle zu Experten an jeder davon zu machen. Splinter hatte nicht so viele Waffen herumliegen.
MICHELANGELO
Ursprünglich habe ich mit dem Katana trainiert, genau wie Leo. Aber ich mochte die Nunchakus irgendwie lieber.
LEONARDO
Als Michelangelo das Katana aufgab, standen plötzlich zwei Schwerter zur Verfügung.
MEISTER SPLINTER
Eines Tages sah ich Leo mit beiden Katana. Höchstwahrscheinlich hat er die beiden nur verglichen, aber ich musste mit einem Mal an „niten ichi-ryu" denken.
LEONARDO
Splinter begann, mir die Grundlagen von „niten ichi-ryu" - Zwei-Schwerter-Kampf - beizubringen. Ich erinnerte mich daran, dass Sensei davon berichtet hatte, als er uns die Geschichte von Miyamoto Musashi erzählte, doch als er mir die Technik zeigte, war ich davon schlichtweg fasziniert. Das war der Stil, auf den ich mich seitdem konzentrierte.
MEISTER SPLINTER
Leonardo gewöhnte sich schnell an den Stil. Ich kannte nur die Grundlagen, doch Leonardo unterrichtete sich selbst und passte den Stil an seine Persönlichkeit und seine Physis an.
LEONARDO
Eigentlich fasziniert mich jeder Aspekt der Kampfkunst. Nicht nur das Kämpfen und die Übungen, sondern auch die Körperlichkeit, das Künstlerische, die Geschichte. (lächelnd) Es gibt in der Bibliothek eine Menge Bücher über Kampfkunst. Ich habe sie alle gelesen.
MICHELANGELO
Wenn ich einen von uns als Kämpfer wählen könnte, um sich mit jemandem anzulegen, Mann gegen Mann – ich würde Leo aussuchen. Raph kann sich gefühlsmäßig zu sehr reinsteigern, Don wird zu nüchtern, und ich... nun, meine Gedanken schweifen gerne ab. Leo ist der Beste.
DONATELLO
Leonardo bringt diese Intensität, diesen Fokus, auf alles zur Anwendung, womit er sich befasst. Er ist beim Lernen genauso hingebungsvoll wie er es im Kampf gegen den Footclan war. Und wenn er fokussiert ist, ist er unaufhaltsam.
