VI. MICHELANGELO

LEONARDO

Von allen Worten, die mir einfallen, um Michelangelo zu beschreiben, passt „fröhlich" am besten.

RAPHAEL

(die Faust in die Luft streckend) „Party!"

DONATELLO

Er ist das Herz der Gruppe, oder die Seele. Wir haben alle unsere Routineaufgaben, aber es ist Mikey, der lächelt, während er sie erledigt.

LEONARDO

Michelangelo ist sowas wie der Anti-Raph. Wenn man Mikey fragen würde, würde er wahrscheinlich sagen, dass er nirgendwo lieber wäre als dort, wo er gerade ist.

MICHELANGELO

Seit der Mutation habe ich nie aufgehört, zu glauben, dass ich Glück habe. Ich meine, durch einen total schrägen Unfall, einen, dessen Wahrscheinlichkeit irgendwo gegen Null liegt, haben wir alle die Chance, wirklich zu leben, verstehst du? Und ich kann einfach nicht sagen, wie großartig das ist.

MEISTER SPLINTER

Da unser Dasein immer ein Kampf war, insbesondere am Anfang, habe ich versucht, das Leben positiv zu betrachten. Michelangelo ist unersetzlich dabei, mir zu helfen, diese Perspektive beizubehalten.

RAPHAEL

Es ist komisch. Selbst wenn's echt heftig wird, Mikey ist da und lächelt weiter. Kennst du diesen Witz? Ein König hatte einen wirklich optimistischen Sohn, und er füllt das Zimmer des Sohns mit Pferdedung, um ihn runterzuziehen. Er findet ihn ein paar Stunden später dabei, wie er das Zeug fröhlich wegschaufelt. „Wo soviel Mist liegt, muss auch irgendwo ein Pony sein!" Das ist eigentlich Michelangelo auf den Punkt gebracht.

DONATELLO

Selbst mit meinen wöchentlichen Ausflügen in die Bibliothek wären wir wahrscheinlich ewig unten in der Kanalisation geblieben, wäre da nicht Mikey gewesen. Er sehnt sich total nach sozialer Interaktion, und wir vier konnten ihm davon eben nicht genug bieten.

MICHELANGELO

Ich schau mir Donatello an, wie er an seinem Zeug arbeitet oder ein Buch liest, und ich frag mich, wie er das macht. Ich kann einfach nicht so lang allein sein – ich dreh dann durch.

LEONARDO

Mikey hat eines Nachts einen Überfall verhindert. Es stellte sich heraus, dass das Beinahe-Opfer der Bassist einer lokalen Punkband war – Atomic Zombie Mob. Um sich zu bedanken, gab der Typ Mikey zwei Karten für ihr nächstes Konzert.

DONATELLO

Wir haben uns kurz darauf getroffen, und er erzählte mir, dass er diese Karten habe. Ich meinte irgend so etwas wie: „Na, das ist doch eine nette Geste", und Mikey sagte: „Nein, ich will da tatsächlich hingehen." Ich sagte zu ihm, dass er das vergessen könne, es sei zu gefährlich, und Splinter würde es ihm sowieso nicht erlauben. Er sagte: „Ja, wahrscheinlich hast du recht." Und dann schlich er sich weg und ging trotzdem hin!

MICHELANGELO

Es war nicht so, als hätte ich Splinter nicht gehorchen wollen. Ich wusste, dass das, was ich machte, falsch war, und dass ich dafür meine Strafe kriegen würde. Aber ich hielt das für eine Gelegenheit... nun, heute würde ich sagen „ um meinen Bekanntenkreis zu erweitern". Ich weiß nicht, wie ich es damals genannt hätte. Und ich wusste auch nicht, ob ich es erklären könnte. Also machte ich mich einfach davon und ging hin.

RAPHAEL

(schmunzelnd) Irgendwie sorgte Mikeys Schleichaktion dafür, dass ich mich gut fühlte. Es war toll zu sehen, wie sich außer mir noch jemand rebellisch verhielt. Und mich im Vergleich auch noch gut aussehen ließ dabei!

MICHELANGELO

Die Musik war irgendwie lahm, um ehrlich zu sein, aber das hab ich kaum bemerkt. Ich meine, ich mochte die Stimmung und wie all die Leute zur Musik abgegangen sind. Obwohl ich die Musik nicht mochte, mochte ich, wie sie auf die anderen wirkte, und so hatte ich dann doch noch meinen Spaß. Ein paar Leute kamen zu mir rüber und redeten mit mir, und das war so cool. Ich meine... Menschen redeten mit mir! Und sie sind auch nicht durchgedreht dabei. Sie nahmen einfach an, dass ich mich für die Show so grün verkleidet hatte. Ich war nicht mal der seltsamste Typ da!

MEISTER SPLINTER

Als ich herausfand, dass Michelangelo auf ein Rockkonzert gegangen war, zermartete ich mir den Kopf darüber, ob ich gehen und ihn zurückholen sollte. Ich beschloss letztlich, dass das vermutlich noch mehr Probleme auslösen würde, also musste ich darauf vertrauen, dass er auf sich selbst achtgeben konnte. Als er zurückkehrte, gestand er sofort, doch es war offensichtlich, dass er seinen Spaß gehabt hatte. (leicht lächelnd) Er nahm seine Bestrafung glücklich hin, könnte man also sagen.

MICHELANGELO

Ich sagte Splinter, dass es mir leid täte, dass ich mich einfach davongeschlichen hatte, dass es aber Spaß gemacht hatte. Und dass ich akzeptiert worden war wie jeder andere Mensch.

MEISTER SPLINTER

Er gab zu, dass die Musik nicht das gewesen war, worauf er gehofft hatte.

MICHELANGELO

Ich war seitdem auf vielen anderen Konzerten – die meisten von ihnen waren besser. Klar, ich ziehe Blicke auf mich, und manchmal sagt jemand was, aber dann sag ich nur: „Ich bin wegen der Musik hier." Danach lassen sie dich immer in Ruhe.

LEONARDO

Er hat mich mal auf eins dieser Konzerte mitgeschleift. (den Kopf schüttelnd) Nie wieder. Na ja, vielleicht wenn Mondos Band spielt...

RAPHAEL

Ich gehe manchmal mit Mikey. Ich mag das trashige, harte Zeug – drei Akkorde und die Wahrheit – aber Mikey kann sich mit allem anfreunden.

DONATELLO

Willst du den wahren Grund wissen, warum wir es hassen, wenn Mikey auf Konzerte geht? Es heißt, dass jemand anders kochen muss.

MICHELANGELO

Kochen war eine der Hausarbeiten, bei denen wir uns abgewechselt haben. Alle fünf Tage war man mit dem Mittagessen dran. Aber ich habe das so gern gemacht, dass ich angefangen habe, meine anderen Hausarbeiten dagegen zu tauschen.

LEONARDO

Nach einer Weile fing Mikey an zu fragen: „Hey, soll ich heute für dich das Abendessen übernehmen?" Und ich antwortete: „Und was soll ich für dich übernehmen?" Und er sagte dazu: „Mach dir da mal keinen Kopf drum." (lächelnd) Schwer, da zu widerstehen. Trotzdem habe ich hin under wieder etwas für ihn getan – den Müll rausbringen oder so etwas – nur, weil ich mich schlecht dabei gefühlt habe, dass ich nichts gemacht habe.

DONATELLO

Das hat wirklich großartig funktioniert. Mein Standardwitz ist ja, dass ich sage, dass ich alles herrichten kann – außer einem anständigen Abendessen. (schmunzelnd) Die Jungs hatten die Nase ziemlich voll von meinen Erdnussbuttersandwiches.

MEISTER SPLINTER

Michelangelo war großartig darin, mit einem sehr kleinen Budget zu kochen.

DONATELLO

Geld ist heute nicht mehr das große Problem, also können wir schon etwas besser essen. Wir essen manchmal sogar auswärts – zum Teufel mit den Schaulustigen. Aber ich esse immer noch lieber Mikeys Pizza als irgendetwas anderes auf der Welt.

MEISTER SPLINTER

Michelangelo laß ein Buch, in dem die Figuren ein Sushirestaurant besuchten. Michelangelo fragte mich: „Was ist Sushi?"

MICHELANGELO

Splinter erklärte mir, was Sushi ist, und wie man es macht. An der Art, wie er das erzählte, merkte ich, dass er das Zeug wirklich mochte. Also besorgte ich mir dieses Buch über Sushi, ganz heimlich, weil ich nicht wollte, dass Splinter es weiß. Ich hab das Buch wieder und wieder gelesen – ich hab's auswendig gelernt. Irgendwann hab ich dann die Nerven gehabt, es zu machen. Ich sagte allen, dass es zum Abendessen eine Überraschung geben würde und dass sie nicht in die Küche kommen sollten.

RAPHAEL

Ob wir neugierig waren? Klar, waren wir. Aber Mikey hat uns nie enttäuscht, wir wussten's also besser, als ihm die Überraschung zu versauen.

MICHELANGELO

Ich war ein Nervenwrack. Ich wollte so sehr, dass es perfekt ist für Splinter. (kopfschüttelnd) War es nicht. Na ja, es war in Ordnung, aber die Form richtig hinzubekommen und das alles – das braucht viel Übung. Ich legte die besten Stücke – zwei Maki und fünf Nigiri – auf einen Teller, schüttete etwas Sojasauce in eine kleine Schüssel, gab etwas Wasabi dazu und eingelegten Ingwer. Es war nicht die schönste Sushiplatte. Sie sah nicht wirklich aus wie die in dem Buch.

LEONARDO

Also kommt Michelangelo aus der Küche, mit diesem Teller und der kleinen Schüssel auf der Servierplatte, und er stellt alles vor Splinter. Bis zu diesem Tag hatte ich noch nie einen glücklicheren Ausdruck auf Splinters Gesicht gesehen.

RAPHAEL

Splinter sagte: „Michelangelo, das ist ja Sushi!" Als hätte er's nicht gewusst.

MEISTER SPLINTER

(lächelnd) Ich bilde mir etwas darauf ein, meine Gefühle nicht offen zu zeigen. Ich gebe frei zu, dass ich an diesem Abend versagte.

MICHELANGELO

Ich sagte ihm, dass er nur essen solle – ich hatte noch mehr für den Rest von uns in der Küche. Er nahm eins der Stücke mit seinen Stäbchen, tunkte es in die Sojasauce, und biss hinein.

DONATELLO

Ehrlich gesagt sah dieses Essen seltsam aus, also beobachtete ich, wie Splinter wohl auf den ersten Bissen reagieren würde. (schmunzelnd) Na ja, eine Reaktion hab ich bekommen.

MICHELANGELO

Splinter schloss die Augen, kaute und schluckte es hinunter. Dann saß er da einfach einen Moment lang, und ich wollte gerade fragen, ob es in Ordnung sei. Aber da öffnete er die Augen, rückte auf seinem Kissen auf die Knie... und verbeugte sich vor mir.

MEISTER SPLINTER

Es fällt mir schwer, darzulegen, was ich in diesem Moment fühlte. Es war viel weniger das Sushi als... Es war das erste Mal, dass mir die Tatsache bewusst wurde, dass wir fünf nun wirklich eine Familie waren. Michelangelo hatte etwas ganz Besonderes getan, einfach, um mir etwas Gutes zu tun. Ich fühlte mich äußerst geehrt und demütig. (lachend) Obwohl ich sicher bin, dass ihm meine Reaktion peinlich war.

RAPHAEL

Ich hab Mikey tagelang damit aufgezogen. Du weißt schon, von wegen, dass er jetzt vermutlich Splinters Liebling ist und sowas alles.

MICHELANGELO

Als ich mal draußen auf Patrouille war, hab ich einen Drogendeal aufgelöst. Die beiden Typen sind einfach weggerannt. Einer von ihnen hat sein Skateboard liegen lassen. (grinsend) Das war fatal.

DONATELLO

Mikey kam mit diesem Skateboard nachhause, und er sagte, dass er sich beibringen würde, damit zu fahren. Ich hatte gerade damit angefangen, in die Bibliothek zu gehen, also brachte ich ihm ein paar Bücher darüber mit.

MICHELANGELO

Die Bücher, die Donny mit da gab, erzählten unheimlich viel von Sicherheitsvorkehrungen. Du weißt schon, Helme, Knieschoner und so weiter. Ich stopfte die Schoner an meinen Knien und Ellbogen noch etwas aus, aber es gab echt keine Chance, einen Helm in meiner Größe zu finden. Also musste ich wohl einfach nur extra vorsichtig sein. Was ich dann auch war. Mehr oder weniger.

LEONARDO

Es gab diesen Kanaltunnel, der über mehr als dreihundert Meter einfach nur geradeaus lief. An der Seite war ein Kontrollgang, und der wurde dann zu Mikeys Skatingpiste.

MICHELANGELO

Da war eine Backsteinmauer auf der einen Seite, und ungeklärtes Abwasser auf der anderen. Ein ziemlicher Ansporn dafür, sich nicht hinzulegen. Ich habe sehr langsam angefangen, aber ziemlich schnell an Tempo zugelegt.

RAPHAEL

Er war da echt gut drin, aber es ist nicht so, als hätte er sich nie langgelegt. Ich kann mich da an... zwei Male erinnern, vielleicht mehr. Da ist er zurück ins Versteck gekommen, voll mit Klärschlamm. Er brummelte nur was und ging unter die Dusche. Er musste das Skateboard mitnehmen, und nachher seine eigenen Fußstapfen aufwischen.

MEISTER SPLINTER

Ich machte mir Sorgen, weil er keinen Helm trug. Aber ich sah ihn nie besonders schnell fahren, also vertraute ich darauf, dass er nichts Unbesonnenes tun würde. Er trug einige Schrammen an den Beinen davon, doch solche Verletzungen sind Teil des Lernprozesses.

DONATELLO

Mikey hat in der letzten Zeit auch viel geschrieben. Er hat mir nicht viel davon gezeigt, aber das, was ich gesehen habe, ist ziemlich gut.

MICHELANGELO

Meine Schreiberei ist eigentlich privat. Meine eigene Sache. Ich finde es eigentlich nicht schlimm, wenn Sensei oder sonst jemand es liest, aber ich schreibe es nicht für sie, sondern für mich, verstehst du? Selbst wenn sie glauben, dass es Mist ist, spielt das also keine Rolle. (lächelnd) Schließlich war es ja nicht für sie.