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Kapitel 2:
Als Harry wieder zu sich kam, lag er in einem schmalen Kellergewölbe.
Der Boden unter ihm war feucht und ein paar Fackeln loderten in Halterungen an der Wand, die aber nur ein schwaches Licht verbreiteten und Details der Umgebung wohlwollend aussparten.
Sein Körper fühlte sich an, als hätte er den Schleudergang einer Waschmaschine persönlich kennen gelernt und seine Handflächen brannten höllisch; doch das war alles nichts im Vergleich zu dem Schmerz, der durch die blitzförmige Narbe auf seiner Stirn raste.
In dem Moment, wo er die Augen öffnete, hatte ihn das wohlbekannte Ziehen und Pochen begrüßt und ohne sich weiter umschauen zu müssen, wusste er, wer da mit ihm in dem Keller war.
„Was für eine unendliche Freude, dass du mich mal besuchen kommst, Potter."
Die Stimme war emotionslos und kalt, als sie Harry ins Ohr zischte. Der Sprecher hatte sich heruntergebeugt und Harrys Arm mit schraubstockhartem Griff gepackt.
Harry wurde schlecht. Seine Narbe fühlte sich an, als wollte sie aufplatzen. Er kniff die Augen zusammen und presste sich die freie Hand gegen die Stirn.
Mit einem Ruck wurde er nach oben gezogen. Seine Beine wollten nachgeben, doch er zwang sich stehen zu bleiben und auch die Hand vom Gesicht zu nehmen, er wollte jetzt keine Schwäche zeigen. Mit vor Schmerz tränenden Augen sah er in Voldemorts schlangenhaftes Gesicht.
„Ah, ganz der Kämpfer, tapfer, tapfer," zischte Voldemort boshaft und trat einen Schritt von Harry zurück auf einen Schatten an der hinteren Wand des Gewölbes zu. „Was man wohl auch von der hier behaupten könnte. Hat Avery übel zugerichtet. Dummes Ding."
Voldemort blickte mit erhobenem Kinn auf die Gestalt am Boden hinab, die sich leise rührte. Mit Wucht trat er ihr mit seinem Stiefel in die Seite. Ein Wimmern ertönte.
Harry stellten sich die Nackenhaare auf. Nellie war auch hier. Warum hatte sie sich einmischen müssen? Was würde Voldemort mit ihr machen?
Doch zum Nachdenken kam er nicht, denn schon stand der düsterste aller Zauberer wieder vor ihm und seine Narbe schien zu glühen. Harry hatte das Gefühl, zu keinem klaren Gedanken mehr fähig zu sein.
„Nun, Potter, ich freue mich schon so lange darauf, dass ich mich mal wieder in aller Ruhe mit dir unterhalten kann," zischte der dunkel Lord. Harry konnte keinerlei Freude in diesen Worten erkennen.
Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass Nellie sich aufgerichtet hatte und mit aufgerissenen Augen zu ihnen starrte.
„Was willst du, Tom?" fragte er.
Er hatte keine Hoffnung, dass Voldemort sich von ihm beeinflussen lassen würde, doch würde er, Harry, auch nicht nach seiner Pfeife tanzen. Er wünschte sich allerdings sehnlichst, diese Sache möglichst schnell erledigen zu können, denn den Schmerz in seiner Stirn würde er nicht viel länger ertragen können. Ihm wurde schon wieder schwarz vor Augen.
„Wie ungeduldig, Potter! Aber gut, überspringen wir das höfliche Geplänkel und kommen gleich zur Sache." Voldemorts schmale Lippen kräuselten sich zu einem gehässigen Grinsen. Harry musste sich sehr zusammenreißen um bei der Kälte, die von diesem Grinsen ausging, nicht hemmungslos zu zittern. „Du hast etwas, das mich sehr interessiert."
„Was sollte das sein?" Ganz gegen besseres Wissen, klang seine Stimme fest.
„Nun, Potter, du hast ein Wissen, das mir fehlt. Wie lautet der komplette Wortlaut dieser Prophezeiung?"
Die letzten Worte hatte Voldemort ihm entgegengezischt, während sein Gesicht wieder näher gekommen war. Wieder spürte Harry Übelkeit in sich aufsteigen. Doch widerstand er dem Drängen zurückzuweichen.
„Glaubst du im Ernst, dass ich dir das sagen werde?" Harry richtete sich zu seiner ganzen Größe auf und nahm all die Kraft zusammen, die seine brennende Narbe ihm noch ließ, Voldemort gerade in die Augen zu blicken.
„Nun, wenn nicht freiwillig, dann eben anders," zischte der und hob seinen Zauberstab. „Crucio!"
Harrys Körper schien von innen zu verbrennen, seine Knochen lösten sich einer nach dem anderen unter unerträglichen Schmerzen in kleinste Splitter auf.
Er ging zu Boden, biss aber die Zähne zusammen, um nicht zu schreien. Ein paar Meter weiter konnte er Nellie aufkeuchen hören. Der Schmerz schien nicht enden zu wollen und Harry wand sich unter Qualen. Lass es aufhören, lass es zu Ende sein……
Voldemort unterbrach den Fluch und grinste Harry wieder höhnisch an.
„Bist du dir sicher, dass du mir nichts sagen möchtest? Wir können dieses Spielchen aber auch gerne noch eine Weile weiterspielen."
Harry stand zitternd auf, seine Beine schienen aus Gummi zu bestehen. Er blickte kurz zu Nellie, der die Tränen übers Gesicht rannen, dann wieder zu seinem Todfeind.
„Was soll das, Tom? Du wirst mich ohnehin umbringen, also lass die kindischen Spielchen und lass es uns beenden. Ich werde dir nie auch nur ein Wort der Prophezeiung verraten."
Seine Worte klangen mutiger, als er sich tatsächlich fühlte, aber er würde nichts sagen, niemals. Eher würde er sterben.
Mit aller Mühe hielt er Voldemorts Blick stand.
Der sah ihn einen Augenblick wütend an, dann trat ein Glimmen in seine Augen, das Harry ganz und gar nicht gefiel.
„Du bist wirklich unhöflich, Potter. Dabei hätten wir uns es so nett machen können. Vielleicht hätte ich ja auch ein paar interessante Dinge zu erzählen gewusst, aber nun gut, wir haben Zeit. Und vielleicht änderst du unter gewissen Umständen ja auch deine Meinung."
Harry wollte gar nicht wissen, welche Umstände er meinte.
Einen Moment später hatte Voldemort seinen Zauberstab auf Nellie gerichtet.
Ihr war kalt, eiskalt und das lag nicht allein an dem zugigen Keller oder dem Steinboden, auf dem sie lag.
Nein, es war eine Kälte, die sich innerlich ausbreitete und ihr entsetzliche Angst machte.
Nellie hatte diese Angst gespürt, sobald sie durch einen schmerzhaften Tritt aufgewacht war.
Dieser Typ, der sie aus rot glühenden Augen so voller Hass ansah, machte ihr Angst. Die schwarz gewandten Gestalten, die ein Stück weiter regungslos standen, machten ihr Angst. Auch Harry, der ein paar Meter weiter stand, ließ sie zittern.
Sie hatte sich noch nie in ihrem Leben so hilflos gefühlt. Sie begriff nicht, was hier geschah, wo sie war, geschweige denn, wie sie hier her gekommen war.
Sie konnte nicht klar denken und wünschte sich aus vollem Herzen, möglichst bald aus diesem Alptraum aufzuwachen.
Die Angst verschnürte ihr die Kehle und ließ keinerlei Bewegung zu.
Ohne irgendetwas zu verstehen, hörte sie die Stimmen von dem Unbekannten und Harry. Die eine voller Kälte und Macht und die andere berechnend und voller Hass. Sie hörte Harry sprechen und erkannte ihn doch nicht wieder. Das war nicht der freundliche zurückhaltende Junge, den sie im Park kennen gelernt hatte, der ihr lachend zuhörte und mit Polly spielte. Nein, das war jemand anders.
Nellie verstand nicht, was passierte, als dieser neue Harry mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden fiel. Ihre Angst fraß sie förmlich auf. Sie wollte schreien, davonlaufen, um sich schlagen und konnte doch nur stille Tränen vergießen.
Dann traf sie ein Schmerz, der so plötzlich kam, dass Nellie alles um sich herum vergaß. Ihr Körper schien in tausend Stücke zu zerspringen und gleichzeitig bohrten sich glühende Messer in ihre Haut.
Sie schrie. Sie schrie so laut, wie sie noch nie geschrieen hatte. Dann war es wieder vorbei.
Sie blieb liegen, wo sie war, keuchend und weinend. Sie erkannte sich selbst nicht wieder. Seit wann war sie so hilflos?
Jemand berührte ihren Arm und als sie den Kopf hob, sah sie in Harrys grüne Augen. Er sah besorgt aus. Dann stand er schon wieder auf und die Erinnerung, an den jungen Mann, der mit ihr durch den Park gelaufen war, verblasste wieder.
„Lass sie in Ruhe, Tom! Sie hat mit dem hier nichts zu schaffen!" Harry spürte kalte Wut in sich aufbranden. Hätte er nur seinen Zauberstab! Doch der lag irgendwo in Nellies Küche. Vielleicht sogar zerbrochen.
„Oh, wie rührend! Weißt du was, Potter, ich glaube, das werde ich…..nicht tun," die letzten Worte spuckte Voldemort mit gehässigem Blick aus. „Nein, ich denke, dass sie mir noch recht nützlich sein kann."
Voldemort trat wieder einen Schritt auf Nellie zu, die ihr Gesicht in den Armen verborgen hatte.
Harry stellt sich schützend vor sie, doch Voldemort schritt um die beiden herum und trat dann wieder zu Harry.
„Ich frage mich ja, welche Macht sie hat," diese Worte klangen tatsächlich nachdenklich.
Harry runzelte die Stirn.
Seine Narbe brannte immer noch, doch er versuchte sie so gut er konnte zu ignorieren.
Konnte Voldemort wirklich vermuten, dass Nellie eine Hexe wäre? Glaubte Voldemort, dass Nellie irgendeine Art von Magie in sich haben könnte? Aber hatten die Todesser in Nellies Haus sie nicht als seine ‚Muggelfreundin' bezeichnet? Vielleicht dachte Tom Riddle so, weil das Mädchen Avery angegriffen hatte? Aber sie hatte dabei keinerlei Magie benutzt. Möglicherweise hatte es aber auf die Todesser doch wie Zauberei gewirkt, als sich ein scheinbar harmloser Muggel mit solcher Vehemenz auf sie gestürzt hatte.
Harrys Kopfschmerzen wurden schlimmer und vor seinen Augen begannen Sterne zu kreisen. War doch mehr an Nellie dran, wie er dachte?
Voldemort sah immer noch auf das Mädchen hinunter, das sich nicht rührte.
„Steh auf!" fuhr er sie an und trat ein weiteres Mal nach ihr. Doch Nellie schien ihn entweder nicht zu hören, oder nicht in der Lage zu sein, aufzustehen. „Los, Potter, hilf ihr auf."
Harry spürte keinerlei Bedürfnis, Voldemort nach der Pfeife zu tanzen, doch er sah im Moment keine Möglichkeit zur Flucht und es wäre am schmerzlosesten für sie beide, wenn er es tat.
Also kniete er sich neben Nellie und fuhr ihr mit einer Hand sanft über den Kopf.
„Nellie, ich bin's. Kannst du aufstehen?" Er versuchte seiner Stimme etwas beruhigendes zu geben, glaubte aber nicht besonders erfolgreich dabei zu sein.
Sie hob langsam den Kopf und sah wieder zu ihm hoch. Ihre Augen waren gerötet und starrten ihn verständnislos an.
„Komm, steh auf. Es wird alles gut." Den letzten Satz hatte er geflüstert.
Er glaubte zwar selber nicht dran, aber irgendwie war er schon so oft aus scheinbar auswegslosen Situationen entkommen. Warum nicht auch dieses Mal? Hatte er nicht jedes Mal Glück gehabt?
Gegen alle Vernunft breitete sich doch ein kleines bisschen Hoffnung in seinem Herz aus und er schaffte es, Nellie anzulächeln. Dieses Lächeln schien ihr die Kraft zu geben, sich aufzurichten und schwankend auf die Füße zu kommen. Voldemort stand jetzt vor ihr und sah sie mit einem fast gierigen Interesse an.
Harrys Nähe gab Nellie letztendlich die Kraft, sich aus ihrer verzweifelten Angst zu befreien.
Da war plötzlich wieder der Harry gewesen, der so fröhlich und doch so verschlossen sein konnte. Jetzt stand sie neben ihm und spürte gleichzeitig den heißen üblen Atem dieses schrecklichen Mannes ganz nah vor ihrem Gesicht. Sie wollte zurückweichen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Der Mann streckte eine Hand aus und legte seine langen weißen Finger unter ihr Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu schauen. Nellie hätte aufgeschrieen, wenn die Angst ihr nicht immer noch die Kehle zugeschnürt hätte. Diese Augen! Wie Brunnen voller Blut.
Sie spürte, wie Harry neben ihr versuchte, sie von dem Mann wegzuziehen und etwas Wütendes zu ihm sagte.
Doch bevor Nellie sich von diesem furchtbaren Augen abwenden konnte, traf sie etwas mit solcher Wucht, als hätte ein Lastwagen sie erfasst. Ihre Knie gaben nach und sie hatte das Gefühl, als würde eine riesige Faust in ihren Kopf krachen und ihr Gehirn wie einen Teig durchkneten. Ihre Augen schienen sich nach innen zu drehen. Ihr Kopf drohte zu explodieren.
Und dann waren da plötzlich überall Bilder. Sie konnte sie so klar vor sich sehen, als würde sie im Kino sitzen. Rosie wie sie vor dem Spiegel die Pappflügel auf dem Rückenteil ihres Nachthemdes bewundert.
Lisa an ihrem fünften Geburtstag.
Ihre Eltern vor dem Weihnachtsbaum.
Die Mädchen aus ihrer Klasse, die mit Kreide nach ihr werfen.
Ihre Mutter, wie sie mit ihr Plätzchen backt.
Harry, der im Garten Johannisbeeren pflückt…..
Die Bilder folgten immer schneller. Nellies Augen rotierten und ihr wurde mehr als nur schwindelig.
Schließlich fand sie sich in Harrys Armen wieder. Er hatte sie festgehalten, so dass sie nicht stürzen konnte und funkelte den Mann vor ihr wütend an.
Nellies Kopf fühlte sich wieder normal an, aber ihr war speiübel.
Was war das gewesen?
Das erste Mal, seitdem sie in diesem feuchten Gewölbe aufgewacht war, spürte Nellie Wut.
Was wollten diese Leute von ihr? Sie hatte nichts Schlimmes getan? Ihre Eltern würden sich schreckliche Sorgen machen, wenn sie sie nicht erreichen konnten.
Sie wollte hier weg.
An diesem Gedanken zog sie sich hoch und löste sich aus Harrys Griff.
„Eine Muggel," Voldemort klang richtig gehend enttäuscht. „Nichts weiter, als eine wertlose, nichtsnutzige, dumme Muggel." Mit einem letzten abwertenden Blick wandte Voldemort sich wieder an Harry. Doch jetzt wurde es Nellie zu bunt.
„Scheusal!" zischte sie Voldemort entgegen.
Harry sah sie verblüfft an.
„Wie war das?" Voldemort schien verwirrt.
„Sie sind ein kriminelles Scheusal und…" was Voldemort noch alles war, konnte Nellie nicht mehr sagen, denn im nächsten Moment stand ihr Körper wieder in qualvollen Flammen und dieses Mal ließ der Schmerz nicht so schnell nach.
„Ich kann dir nur empfehlen, Potter, mir die Informationen zu geben, die ich haben möchte, sonst wird deine kleine Freundin hier ihr dreckiges Mundwerk bald nicht mehr gebrauchen können."
Harry konnte sehen, dass Voldemorts Hände vor Wut zitterten und konnte sich nicht helfen, aber musste Nellie dafür gratulieren.
„Vergiss es, Tom, du wirst genauso dumm sterben müssen, wie du jetzt hier stehst." Harry wusste, dass er zu weit ging, aber er empfand ein grimmiges Vergnügen bei dem Gedanken, dass er Voldemort zur Weißglut brachte.
Und tatsächlich hatten sich Voldemorts Augen zu wütenden Schlitzen zusammengezogen und er hob wieder seine Zauberstabhand, die jetzt merklich zitterte.
Doch bevor Voldemort Harry einen Fluch auf den Hals jagen konnte, hatte Nellie sich auf ihn gestürzt.
Sie rammte ihm eine Faust in den Magen und die nächste krachte gegen sein Kinn.
Bevor Harry auch nur blinzeln konnte, hatte Nellie ein Lichtblitz vom anderen Ende des Gewölbes getroffen und gegen die nächste Wand geschleudert.
Und nachdem er sich von diesem Überraschungsangriff wieder gefangen hatte, schleuderte Voldemort noch einen Fluch hinterher. Harry hörte nicht, was er sagte, doch sah er das Resultat sofort.
Auf Nellies Armen und Oberkörper wurde die Haut wie von einem stumpfen Messer aufgeschlitzt. Schnell war ihr T-Shirt blutgetränkt.
Bei dem Anblick sprangen auch bei Harry ein paar Sicherungen raus und er stürzte sich gleichfalls auf Voldemort, der seinen Zauberstab immer noch auf Nellie gerichtet hatte.
Harry hatte immerhin Gelegenheit, Voldemort ein paar kräftige Schwinger zu verpassen, bevor er ebenfalls gegen die harte Steinwand knallte.
Er spürte seine Rippen knirschen und als er auf dem Boden aufschlug war er sich sicher, dass er sich mindestens ein Bein gebrochen hatte.
Doch Voldemorts Messer-Fluch traf ihn nicht. Stattdessen zischte dessen fiese Stimme schon wieder neben Harrys Ohr: „Überleg es dir gut, Potter. Ich werde das kleine Muggel-Biest ganz langsam erledigen, wenn du nicht kooperativer wirst. Ganz genüsslich und du wirst die Ehre haben, in der ersten Reihe zu sitzen. Und wenn ich mit ihr fertig bin, werde ich mir jeden einzelnen deiner Knochen vornehmen. Es wird sicher sehr amüsant."
Und mit diesen Worten verließ Voldemort den Keller und schloss eine Tür, die Harry vorher nicht wahrgenommen hatte.
Sie saßen also fest.
Harry versuchte in den nächsten Minuten seinen Puls wieder in den Griff zu bekommen.
Er musste ruhiger werden, um darüber nachdenken zu können, was er tun könnte, um sie beide hier raus zu bekommen.
Doch auch wenn ihm etwas Sinnvolles einfallen sollte, stünde er immer noch vor dem Problem, dass er mit seinem Bein kaum aufstehen konnte, geschweige denn laufen. Wie sollte er dann auch noch Nellie helfen, die neben ihm lag und ziemlich flach atmete.
Er hatte sein Hemd zerrissen und so gut er konnte versucht, Nellies Wunden abzubinden. Es schien ein wenig zu helfen, denn die Stiche bluteten nicht mehr ganz so stark.
Was konnte er nur tun? Würde sie jemand vom Orden hier finden? Er brauchte einen Plan!
Nellie neben ihm bewegte sich plötzlich und lenkte Harry von seinen Grübeleien ab.
Sie öffnete langsam die Augen und sah sich um. Als sie Harry erkannte, verdüsterte sich ihr Blick. Sie versuchte sich in eine sitzende Position zu stemmen. Als Harry ihr helfen wollte, schlug sie seine Hände schwach weg und funkelte ihn an.
‚Was war denn jetzt los?' dachte er sich und verstand die Welt nicht mehr.
Nach einer Weile saß Nellie stöhnend mit dem Rücken an der Wand und blinzelte Harry an. Ihre Wunden schien sie gar nicht wahrzunehmen.
„Was ist das hier für ein Spiel?" keuchte sie und sah ihn dabei mit solcher Wut an, dass ihm keine Antwort einfallen wollte. „Was bedeutet das alles? Wo hast du mich da hineingezogen? Und wer, verdammt noch mal, war das?" Ihre Stimme war sehr schwach, doch Harry konnte jedes einzelne Wort verstehen. Wo eben noch Verständnislosigkeit gewesen war, flutete jetzt Ärger auf.
„Was meinst du damit, hineingezogen? Ich habe dich nicht gebeten, dich einzumischen!"
„Was ist hier grad passiert? Was hat dieser Mistkerl mit mir gemacht?" Sie schien ihn gar nicht gehört zu haben. „Was will er von dir?" und nach einer kurzen Pause, in der sie ihn prüfend ansah: „Wer bist du?"
Harry wusste nicht, was er darauf erwiedern sollte. Er versuchte sich vorzustellen, wie diese Situation für sie wohl wirken musste. Sie wusste nichts von Zauberei, nichts von dem Krieg, der ausgebrochen war und auch nichts von Harry. Sie wusste nichts von der Verantwortung, die er tragen musste und nichts davon, wie sehr er sich wünschte, jemand anderes zu sein.
„Ich bin Harry, so wie du mich kennen gelernt hast. Was das alles hier bedeutet und was Tom von mir will, kann ich dir jetzt hier nicht erklären," es wäre sicherer für sie, nicht zu viel zu wissen, beschloss er. Doch auf ihren ärgerlichen Blick hin fügte er noch hinzu: „Glaub mir bitte, es ist besser, wenn du es nicht weißt."
„Du verdammter Heimlichtuer."
Nellie hatte ihre Arme um den Körper geschlungen und schien starke Schmerzen zu haben.
„Wenn ich geahnt hätte, dass du tatsächlich in kriminelle Machenschaften verwickelt bist, hätte ich mich weiterhin von dir fern gehalten." Sie begann immer stärker zu zittern.
Harry dagegen wurde immer ärgerlicher. Was sollte das denn heißen? Glaubte sie etwa, er wäre kriminell?
Doch dann dämmerte es ihm. Die Dursleys hatten sicherlich überall herumerzählt, dass er angeblich auf diese St. Brutus-Schule für hoffnungslose Fälle ging.
Aber wenn sie das dachte, warum hatte sie sich dann mit ihm angefreundet?
Harry schüttelte wütend den Kopf. Hier war nun wirklich nicht der richtige Ort, um über solche Dinge zu diskutieren.
„Was auch immer du über mich denkst, im Moment hilft es nichts. Wichtig ist jetzt nur, dass wir hier irgendwie raus kommen."
Nellie sah ihn einen Moment lang an, dann durchlief ein Beben ihren Körper und sie nickte schwach.
Ihr Blick jedoch blieb abschätzend.
Nellies plötzliche Wut auf Harry war schneller verebbt als sie ‚Polly' sagen konnte.
Alles, was sie noch empfinden konnte, waren Schmerzen. Sie wollte alles tun, damit sie aufhörten. Doch ihr Kopf war so schwer und dröhnte in solch einer Lautstärke, dass sie keinen klaren Gedanken an Flucht fassen konnte.
Harry neben ihr sprach noch eine Weile weiter, doch hörte sie ihn kaum. Aber es war beruhigend, dass er hier war, neben ihr saß.
Sie wollte ihm sagen, dass es ihr egal war, was er getan hatte, dass sie in diese Situation geraten war. Aber sie fühlte sich dazu nicht mehr in der Lage.
Der Keller um sie herum begann zu verschwimmen, ihr Kopf wurde immer leichter und irgendwann wurde es wieder dunkel um sie herum.
In den kurzen Perioden, in denen Nellie wieder zu Bewusstsein kam, war alles, was sie wahrnehmen konnte, ein stetig zunehmender Schmerz. Ihre Welt schien aus nichts anderem mehr zu bestehen.
Sie sah immer wieder schwarze Gestalten, die in ihrem Kerker auftauchten und ihre Qualen auf rätselhafte Weise verdoppelten. Sie konnte auch immer wieder Stimmen hören, war jedoch nicht in der Lage, einen Sinn hinter dem, was sie sagten zu erkennen.
Manchmal sah sie Harry, der auch noch in dem feuchten Keller war.
Er sah schrecklich aus. Er blutete aus mehreren tiefen Wunden, die gleichen, die sie auch bei sich selber schon bemerkt hatte.
Außerdem sah es durch Nellies trübe Augen so aus, als hätten ihn die Gestalten mit glühenden Eisen bearbeitet. Sie erkannte Striemen verbrannter Haut an seinen Armen.
An ihre eigenen Verletzungen wollte sie gar nicht denken und war mehr als dankbar, als sie die schmerzfreie Dunkelheit wieder umfing.
Sie hätte nicht sagen können, wie lange sie schon an diesem schrecklichen Ort waren. Stunden? Tage? Jahre? Zeit war hier völlig nebensächlich. Sie schien schon ihr ganzes Leben hier zu verbringen.
Sie konnte sich an nichts erinnern, das nicht mit dieser Pein verbunden war.
