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3. Kapitel:
Tonks
trat unruhig von einem Fuß auf den nächsten.
Sie stand
jetzt schon seit zwei Stunden vor Nummer elf und wartete.
Doch es
tat sich nichts. Immer wieder sah sie die Straße rechts und
links hinunter, doch es waren keinerlei verdächtige Bewegungen
zu erkennen.
Auch hinter dem Haus hatte sie nicht das
klitzekleinste Zeichen entdecken können, dass jemand hinein-
oder hinausgegangen war.
Zum sicher hundertsten Mal lief sie zur
Haustür, streckte den Finger nach dem Klingelknopf aus und zog
ihn unsicher wieder zurück.
Sollte sie klingeln?
Sie
hatte beobachtet, wie Harry in Nellies Haus verschwunden war.
Er
hatte nicht so ausgesehen, als ob irgendetwas Ungewöhnliches
passiert wäre. Daher war sie davon ausgegangen, dass er die
junge Frau einfach nur besuchen wollte, wie er es die letzte Zeit ab
und zu schon mal getan hatte.
Tonks hatte nicht das geringste
Bedürfnis danach, Harry hinterher zu schnüffeln. Sie konnte
sich ausmalen, wie er reagieren würde, wenn sie einfach bei
Nellie klingeln würde um zu fragen, ob bei ihm alles in Ordnung
sei.
Sie konnte sich sein wütendes Gesicht richtig gut
vorstellen und würde es ihm nicht einmal übel nehmen.
Sie
selber würde sich wahrscheinlich einen richtig fiesen Fluch auf
den Hals jagen.
Tonks
musste grinsen. Aber es wäre nicht nur für Harry eine
unangenehme Situation, wenn sie jetzt klingeln würde, sondern
erst recht für Nellie.
Was würde sie denken, wenn auf
einmal eine wildfremde Frau vor der Tür stünde und nach
Harry fragte?
Und dann auch noch mit hüftlangen himmelblauen
Haaren.
Gedankenverloren schüttelte Tonks ihre Mähne.
Tonks
hatte die Beiden während ihrer Schichten im Ligusterweg
beobachtet und freute sich insgeheim für Harry, dass er seine
Zeit in diesem Exil nicht ganz so trostlos wie die vorherigen Jahre
verbringen musste.
Ganz im Gegensatz zu Moody, der Harrys
Freundschaft zu einem Muggelmädchen gar nicht gerne sah.
„Das
ist nur wieder ein unnötiger Risikofaktor mehr," pflegte er zu
knurren, wenn das Thema im Hauptquartier des Phönixordens zur
Sprache kam.
Doch irgendetwas störte Tonks, während
sie immer noch unentschlossen vor Nummer elf stand. Etwas war dieses
Mal anders.
Im Haus war keinerlei Bewegung zu erkennen oder zu
hören.
Auch wenn die junge Aurorin ihr Ohr ganz fest an die
Haustür drückte, konnte sie nichts hören. Das Licht in
der Küche war zwar nach wie vor an, doch konnte sie sich beim
besten Willen nicht vorstellen, was Harry und Nellie zwei Stunden in
der Küche machen könnten. Außerdem hatte Tonks ein
ungutes Gefühl in der Magengegend und das hatte sie bisher noch
nie getäuscht.
Und trotzdem hatte sie noch nicht den Mut
gefunden, einfach zu klingeln.
‚Was bin ich denn bloß für
eine miese Aurorin?' schimpfte sie mit sich selber.
Ihre Schicht
würde in ein paar Minuten vorbei sein und sie schüttelte
sich bei dem Gedanken, was Moody wohl sagen würde, wenn er
erführe, dass Harry seit Stunden verschwunden war und sie nichts
unternommen hatte.
Der alte Mann konnte wirklich sehr unangenehm
werden.
Gerade hatte Tonks ihren Finger wieder ausgestreckt, als
sie ein leises Geräusch neben ihr zusammenzucken ließ. Sie
drehte sich blitzschnell um, den Zauberstab in der Hand, doch dann
erkannte sie den gebückten Mann, der neben ihr aufgetaucht
war.
„Verdammt, Moody, ich hab dir schon tausendmal gesagt, du
sollst dich nicht so an mir ranschleichen!" flüsterte Tonks
mit wütender Stimme. „Das nächste Mal verpass ich dir
einen Fluch, dass du es dir endlich merkst!"
„Immer ruhig,
Nymphadora, mach hier nicht so'n Wind," antwortete der alte
Ex-Auror und grinste breit, als er Tonks' empörtes Gesicht
sah. „Was ist hier eigentlich los?"
Immer noch sauer erzählte
Tonks was während ihrer Schicht passiert war, oder besser, was
nicht passiert war.
Noch während sie sprach wusste sie genau,
dass Moody das Haus mit seinem magischen Auge durchleuchtete, doch in
seinem Gesicht konnte sie keinerlei Regung erkennen, die auf
irgendetwas hätte schließen lassen.
„Nun, ich wollte
gerade klingeln, als du hier aufgetaucht bist," beendete Tonks
ihren Bericht.
„Das kannst du dir sparen," knurrte Moody. „Das
Haus ist leer."
„Was?" Tonks glaubte ihren Ohren nicht
trauen zu können. „Das kann nicht sein, ich war die ganze Zeit
hier, das hätte ich mitbekommen, wenn jemand das Haus verlassen
hätte!"
Moody achtete gar nicht auf sie, sondern hatte die
Haustür schon mit seinem Zauberstab entriegelt und stand im Flur
des Hauses, bevor Tonks auch nur Luft holen konnte.
„Du kannst
doch nicht einfach…" doch Moody unterbrach sie mit einer
ungeduldigen Handbewegung und sah sich aufmerksam um.
Auch Tonks
drehte den Kopf in alle Richtungen, doch es war nichts zu sehen.
Nichts, das in irgendeiner Weise auf das Verschwinden von Harry und
Nellie hindeuten konnte.
Denn dass das Mädchen ebenfalls
nicht hier war, stand außer Frage.
In der Küche standen
noch zwei volle Teetassen und Kekse auf dem Tisch.
Ein Stuhl war
umgekippt, aber sonst sah alles danach aus, als wären die beiden
Jugendlichen nur mal eben in den Garten gegangen.
Bei dem
Gedanken lief Tonks durchs Wohnzimmer an das Fenster, das in den
Garten hinausführte, aber auch hier war nichts Auffälliges
zu entdecken.
„Nichts deutet hier auf einen Kampf hin,"
knurrte Moody. „Doch es ist ganz eindeutig, dass hier gezaubert
wurde."
„Woran erkennst du das?" fragte Tonks, die wieder
zurück in den Flur gekommen war.
Moody sah sie streng an.
„Wie lange ist deine Auroren-Ausbildung eigentlich her? Das lernt
man gleich im ersten Jahr, schon vergessen? Das Aufspüren
vergangener Magie. Also wirklich!"
Tonks lief leicht rosa
an.
Ohne eine weitere beschämende Bemerkung an die junge
Aurorin, die auf ihre Fußspitzen starrte, kniete sich Moody
schwerfällig auf den Boden.
Da lag etwas hinter dem
Schuhschrank, das den beiden bisher noch nicht aufgefallen war. Tonks
beugte sich neugierig näher.
„Sieht aus wie ein Kissen,
oder so was," meinte sie, als sie das kleine flauschige Etwas
betrachtete.
Moody verdrehte nur die Augen und Tonks nahm diesmal
ein etwas dunkleres rosa an.
„Das ist ein Frettchen. Und wenn
mich nicht alles täuscht, ist es das Haustier von diesem
Muggelmädchen."
„Oh, ja, natürlich," Tonks
erkannte die spitze Nase und die kleinen Ohren des Tieres, als Moody
es vorsichtig aufhob. „Die beiden sind unzertrennlich. Polly heißt
es, glaub ich. Seltsam, warum liegt es hier im Flur? Es ist doch
nicht etwa…."
„Nein, es ist nicht tot, aber ein wenig
angeknackst, würde ich sagen." Moody trug das Frettchen zum
Küchentisch, legte es neben die Teekanne und zückte seinen
Zauberstab.
Nach
ein paar komplizierten Schlenkern und gemurmelten Zaubersprüchen
begann der buschige Schwanz des kleinen Tieres zaghaft zu zucken.
Noch ein paar Zauber später blinzelten zwei schwarze Knopfaugen
die beiden Auroren aufmerksam an. Das Frettchen schien keine Angst
vor den Fremden zu haben, sondern hüpfte nur zu Nellies halb
voller Teetasse und begann lautstark den kalten Tee zu schlappern.
Tonks war völlig hin und weg von dem niedlichen Tierchen, „ach,
wie süß!"
Als Pollys ganzer Kopf plus Vorderpfoten in
der Teetasse steckten, um auch den letzten Rest Flüssigkeit
herauszulecken, hob Moody noch mal seinen Zauberstab, richtete ihn
auf das Frettchen und murmelte „Parlare".
Tonks, die
diesen Zauberspruch noch nie gehört hatte, sah ihn fragend an.
Bevor sie jedoch auch nur irgendetwas bemerken konnte, blieb ihr
der Mund vor Staunen offen stehen.
„Hmm, gut, lecker,"
fiepste es aus der Teetasse heraus. Tonks riss neben ihrem Mund auch
noch beide Augen auf. Völlig entgeistert blickte sie auf
das pelzige Tier auf dem Küchentisch.
„Will mehr haben,
mehr haben," fiepste Polly. Ihr Kopf tauchte aus der Tasse auf
und sah sich auf dem Tisch um.
Dann hoppelte sie weiter zu Harrys
Tasse um sie ebenfalls auszutrinken, doch kippte die Tasse bei dem
Versuch um und begoss sie über und über mit Tee. Polly
schüttelte sich. „Nass, das ist nass."
Tonks, die
sich inzwischen etwas gefasst hatte, ließ sich auf einen Stuhl
plumpsen.
Dann sah sie wieder Moody an, der das Frettchen
ausdruckslos beobachtet hatte.
„Mit dem Spruch kann man Tiere
zum Sprechen bringen? Davon wusste ich gar nichts," meinte
sie.
„Nun, sieht ganz danach aus, oder nicht?" Moody war
gesprächig wie immer. „Der Zauber hält nicht lange an,
wir sollten uns also beeilen." Und ohne weiter auf Tonks' zu
weiteren Fragen geöffneten Mund einzugehen, beugte er sich zu
Polly hinunter. „Kannst du uns erzählen, was in diesem Haus
passiert ist?"
Polly, die sich inzwischen einen Keks stibitzt
hatte, blickte zu dem vernarbten Zauberer auf.
„Passiert,
passiert. Ist was passiert, ja," fiepste sie.
„Was
ist passiert?" fragte Moody, für den Geduld nie eine seiner
großen Stärken gewesen war.
„Der Junge kam her,
her kam er," Polly wandte sich wieder ihrem Keks zu.
Moody
schnaubte laut und eine Ader auf seiner Stirn begann zu
pochen.
Tonks, die das bemerkte, richtete nun das Wort an das
kleine Frettchen.
„Waren noch andere Menschen hier, außer
dem Jungen?" fragte sie in besonders freundlichem Ton.
„Waren
Menschen hier, ja, waren hier, viele Menschen," Moody und Tonks
lehnten sich gleichzeitig näher zu Polly hin, so dass das
Tierchen erschrocken zurückwich. Bevor es aber davon hüpfen
konnte, hatte Moody es mit einer knorrigen Hand gepackt.
„Wie
viele waren es und was haben sie gemacht?" knurrte er und Tonks
wagte es nicht, ihn in diese Stimmung zur Ruhe zu ermahnen.
Polly
fiepste schrill und panisch.
„Weg, will weg! Will nicht!
Viele waren es, viele!"
Moody, dem sein letzter Rest Geduld
nun wirklich abhanden gekommen war, begann das Frettchen zu
schütteln.
„Willst du uns jetzt mal endlich mehr erzählen?"
Tonks legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, doch Moody sah sie
nur wütend an. „Todesser! Und dieser Wurm hier will uns nicht
mehr verraten!"
„Moody, dieser Wurm hat vielleicht nicht mehr
gesehen," versuchte Tonks ihn zu beruhigen. Und an Polly gewandt:
„Haben diese Menschen dem Jungen weh getan?"
„Haben weh
getan, haben sie, dem Mädchen," fiepste Polly schrill, die
in Moodys Hand wie wild strampelte.
„Sie müssen
disappariert sein," überlegte Tonks. „Deshalb habe ich auch
nichts bemerkt."
„Und Harry ist bei ihnen. Verdammt!" Moody,
der wütend die Faust mit dem Frettchen geballt hatte, fluchte
laut auf, als er die spitzen Zähnchen des Tieres in seiner Hand
spürte und die Faust schell wieder öffnete.
Die
beiden Zauberer sahen nur noch einen grauen Schatten unter dem
Küchentisch durch ins Wohnzimmer verschwinden.
„Na toll!"
stöhnte Moody auf.
„Sie konnte uns wahrscheinlich ohnehin
nicht mehr sagen," meinte Tonks, die sich in ihrem Stuhl
zurückgelehnt hatte. „Ich nehme an, dass sie Nellie zu Hilfe
kommen wollte und dabei verletzt wurde. Deswegen hat sie wohl auch
nicht mitbekommen, wie sie verschwunden sind." Überlegte die
Aurorin.
„Also, hat Er Harry. So ein Mist!" Tonks schlug mit
der flachen Hand auf den Tisch, wobei die Teekanne umfiel und ihren
Inhalt über den Tisch ergoss.
Moody lief in der Küche
auf und ab, sein Gesicht war wutverzerrt.
„Warum
muss dieser Junge auch ständig herumlaufen? Man sollte doch echt
meinen, dass er in all den Jahren etwas mehr Verstand angehäuft
hätte!"
„Es ist nicht Harrys Schuld!" verteidigte ihn
Tonks. „Ich hätte einfach besser acht geben sollen. Hätte
ich nicht so lange gezögert, hätte ich sie vielleicht
aufhalten können."
„Es hat jetzt keinen Sinn mehr, sich
in Schuldzuweisungen zu verheddern," knurrte der Ex-Auror vom
Kühlschrank her. „Wir müssen versuchen, herauszufinden,
wo sie die beiden hingebracht haben. Wir müssen sofort den Orden
verständigen."
„Oh, wenn nur Dumbledore noch da wäre,
er wüsste mit Sicherheit, wo er sein könnte," jammerte
Tonks, die sich fahrig mit den Fingern durch ihr himmelblaues Haar
fuhr.
„Keine Zeit für Heulsusen, wir müssen ins
Hauptquartier. Los, beweg dich!" Moody packte Tonks am Arm und im
nächsten Moment waren die beiden
disappariert.
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Jugson stand neben Rabastan und blickte auf den berühmten Harry Potter hinunter, der vor ihnen auf dem Steinboden lag und sich nicht mehr rührte.
Er hielt nicht viel von dem Jungen, der angeblich eine so große Macht besitzen sollte. Eine Macht, die dem dunklen Lord gefährlich werden könnte. Was für ein Humbug! Hier lag er, in seinem Blut und hatte sich nicht das geringste bisschen einer besonderen Macht anmerken lassen.
Jugson
trat mit dem Fuß nach Harrys Bein, wie um zu prüfen, ob
der Junge noch am Leben war. Doch der reagierte nicht. Jugson trat
fester zu. Ein verhaltenes Stöhnen kam vom Boden her, dass dem
Todesser zeigte, dass er seinen Auftrag immer noch einhielt.
„Zeigt
dieser kleinen Kröte was es bedeutet, sich meinen Befehlen zu
widersetzen," hatte der dunkle Lord seinen Todessern befohlen.
„Aber tötet ihn noch nicht. Ich habe meine Pläne mit
ihm."
Und daran hatten sie sich auch gehalten.
Warum
dieses kleine Muggel-Gör allerdings am Leben bleiben sollte,
konnte sich keiner erklären. Die Befehle des Lord waren jedoch
eindeutig. Auch für sie hatte er Pläne.
Rabastan neben
ihm spielte gelangweilt mit seinem Zauberstab.
Nachdem die
Gefangenen sich nun schon eine ganze Weile nicht mehr gerührt
hatten und auf die Flüche, die die Todesser ihnen immer und
immer wieder aufhalsten, kaum noch reagierten, machte die Sache nicht
mehr halb so viel Spaß wie noch am Anfang.
Sogar
Bella hatte sich von dem Schauspiel zurückgezogen, weil es ihr
nicht die gleiche Befriedigung verschaffte, wenn ihre Opfer nicht
mehr schreien und sich unter Schmerzen winden konnten.
Rabastan
ließ Harrys Körper sich unter einem eher verhaltenen
Peitschen-Fluch aufbäumen. Jugson hatte den Eindruck, als ob die
Jugendlichen ohnehin nicht mehr viel mehr verkraften konnten.
Er wollte ihnen eine Pause gönnen. Nicht aus Mitleid, sondern weil der dunkle Lord jeden Moment wieder von seiner Mission zurückkehren konnte und sein erster Gang ihn dann hier herunter führen würde.
Jugson
wollte, dass der Lord sehen konnte, wie gut er seine Aufträge
einhielt. Es konnte nicht schaden, sich in der Gunst des Meisters
etwas nach oben zu arbeiten.
„Lass gut sein, Rabastan," meinte
er deshalb mit seiner öligen Stimme, „die zwei sind eh schon
mehr tot als lebendig. Und du kennst unseren Auftrag."
Rabastan
ließ den Zauberstab sinken. Auch ihm machte die Sache keinen
Spaß mehr. Er bevorzugte Opfer, die winselten und ihn auf Knien
um Gnade anflehten.
Er grunzte zum Zeichen, dass er verstanden hatte, versetzte Harry noch einen Fußtritt und drehte sich dann weg, um seinen Wachposten vor dem Gitter einzunehmen.
Jugson
folgte ihm.
Nachdem die beiden Todesser den Kerker verschlossen
und ihre Plätze auf einer einfachen Holzbank eingenommen hatten,
hing jeder von ihnen seinen eigenen Gedanken nach.
Es war nicht besonders ratsam, mit anderen zu viel zu sprechen. Jeder misstraute hier jedem und ein falsches Wort konnte fatale Folgen haben. So blieb jeder für sich.
Nach ein paar Minuten spürten die beiden Wache stehenden Todesser einen kühlen Luftzug und im Anschluss daran ein Gefühl, als würde sich eine schwere viel zu große Decke über sie legen. Bevor sie daraufhin auch nur die geringste Bewegung machen konnten, explodierten vor ihren Augen tausende schwarze Lichtblitze.
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Nellie erwachte durch ein Zerren an ihrem Arm.
Mit einem Schlag brachen all die Schmerzen, die ihr die Ohnmacht erspart hatte, wieder über ihr zusammen. Sie keuchte auf und fühlte ihren Herzschlag rasen.
Sie
spürte ihren Körper fast nicht mehr! Alles war beherrscht
von einem dumpfen Schmerz und heiß glühendem Pochen.
Arme
und Beine fühlten sich wie schwere Fleischwürste an.
Sie
war zu schwach um sich zu bewegen und ließ das Zerren an ihrem
Arm geschehen, ohne darauf zu reagieren.
Doch es ließ sich nicht ignorieren und wurde immer aufdringlicher.
Es tat weh und sie wollte keine Schmerzen mehr ertragen müssen. Sie wollte sterben!
Sie konnte Blut schmecken. Spürte, wie jeder einzelne Atemzug in ihren Lungen stach wie kleine Messer.
Sie
stöhnte auf und versuchte den Kopf in die Richtung zu drehen, in
der sie ihren Arm vermutete. Obwohl sie die Augen geschlossen hielt,
tanzten Sternchen hinter ihren Lidern Tango und ihr Kopf fühlte
sich an, als würde ihn jemand in eine Zitruspresse quetschen.
Nellie spürte, dass jemand ihren Kopf anhob und registrierte
im nächsten Moment etwas kühles Würziges an ihren
Lippen.
Obwohl es bitter schmeckte schluckte sie krampfhaft und hatte plötzlich das Gefühl, als würde ihr schmerzender Körper von neuer Energie durchströmt.
Plötzlich
fühlte sie sich in der Lage, die Augen zu öffnen und ihr
Kopf schien auch nicht mehr ganz so sehr zu vibrieren.
Das erste,
was Nellie erkennen konnte, war die verschwommene Gestalt von Harry.
Er lag ganz in ihrer Nähe, doch sein Anblick ließ sie die
Augen entsetzt wieder schließen. Sein Körper war von üblen
Wunden nur so übersäht, ein Bein stand in rechtem Winkel
vom Oberschenkel weg und aus seinem halb geöffneten Mund
tröpfelte leise Blut.
Was
taten sie ihnen hier nur an? Und warum? Nellie verstand das alles
nicht, sie wusste nur, dass sie hier weg mussten, sonst würden
sie das nicht mehr lange überleben.
Sie spürte wieder,
wie eine Hand sich unter ihren Kopf legte und sie diesmal
unmissverständlich dazu aufforderte, sich zu erheben.
Sehr
langsam richtete Nellie sich auf, sie spürte ihren zerschundenen
Körper.
Es war jedoch so als ob sie das alles durch einen
Schleier hindurch wahrnehmen würde. Die Schmerzen waren nur
betäubt, stellte sie schließlich fest.
Das musste an
diesem Getränk liegen, das man ihr gegeben hatte.
Die Hand
an ihrem Rücken verschwand und Nellie öffnete wieder die
Augen, darauf bedacht, diesmal nicht zu Harrys leblosem Körper
zu schauen.
War
er tot? Warum rührte er sich nicht?
Diesmal nahm Nellie eine
verhüllte Gestalt wahr, die neben ihr kauerte und darauf bedacht
war, ihr nicht ins Gesicht zu sehen.
„Wer sind Sie? Was machen
Sie da?" fragte sie mit schwacher Stimme.
„Keine Zeit,"
murmelte die Gestalt und zog ein Fläschchen aus der Tasche
seines schwarzen Umhangs. „Trink das."
„Was ist mit Harry?"
Nellie wusste nicht, was diese Gestalt wollte. War das wieder nur ein
weiteres Mittel, um sie zu quälen?
„Keine Zeit!" drängte
die Gestalt und Nellie war sich sicher, so etwas wie Angst aus der
Stimme herauszuhören. „Nimm seinen Arm, halt ihn fest."
Nellie
spürte, wie der Schwarzgewandete ihr wieder eine Flüssigkeit
einflößte, sie hatte keine Kraft, sich zu wehren. Während
sie noch erstaunt feststellte, dass sie sich plötzlich stark
genug fühlte, sich alleine in sitzender Position zu halten,
huschte die Gestalt zu Harry und zog seinen Körper näher zu
Nellie heran.
Der gab ein gurgelndes Geräusch von sich, mehr Blut tröpfelte von seinen Lippen, aber Nellie war erleichtert. Er lebte noch.
Das Nächste, was sie spürte war, dass die Gestalt ihre Hand nahm und um Harrys Arm legte.
„Halt
ihn fest, lass nicht los!" Etwas drängendes lag in diesen
Worten.
„Was passiert hier? Wer sind Sie?" Nellie war
schrecklich durcheinander. Erst wurde sie fast zum Wahnsinn
gefoltert, dann war da auf einmal jemand, der ihr scheinbar helfen
wollte. Wie passte das zusammen?
„Keine Zeit! Ich helfe euch
hier raus," war die schlichte Antwort.
Nellie spürte, wie
der Vorhang, der ihre Schmerzen verhüllte, immer dünner
wurde und stöhnte gequält auf. Ein Zittern durchlief ihren
Körper und sie konzentrierte sich einzig darauf, Harrys Arm
festzuhalten.
Wenn
dieser Schatten sie hier raus bringen konnte, dann sollte Harry
mitkommen. Aber wie sollte das geschehen? Was konnte diese Gestalt
denn tun?
Während der Unbekannte etwas aus seinem Umhang zog
und vor sich hinmurmelte, sah Nellie sich vorsichtig um.
Sie
waren immer noch in diesem Kellerraum, immer noch versperrte eine
schwere Gittertür den Ausgang, doch war sie diesmal nur
angelehnt.
Vor dem Gitter konnte Nellie die Umrisse von zwei
ebenfalls schwarz gekleideten Männern erkennen, die sich
bewegten als wären sie in Trance.
Was
ging hier verdammt noch mal eigentlich vor? Sie konnte sich auf all
das keinen Reim machen und spürte immer mehr, dass die Energie,
die von diesem seltsamen Getränk ausgegangen war, wieder
verebbte.
Erschöpft von der Bewegung ließ sich Nellie
wieder zu Boden gleiten, hielt Harrys Arm dabei aber immer noch fest
umklammert. Die Schattengestalt hatte inzwischen etwas Kleines in der
Hand, war wieder neben Nellie gekrochen und hielt ihr den Gegenstand
hin.
„Berühre das hier und halte ihn fest," murmelte die
Gestalt.
Nellie wollte eigentlich protestieren. Sie verstand das
alles nicht, wollte Erklärungen haben, wollte wissen, was da
eigentlich geschah, doch hatte sie nicht mehr die Kraft zu
Widerstand. Langsam war ihr alles egal. Viel schlimmer konnte es
eigentlich nicht mehr kommen.
Aber was hatte das zu bedeuten, sie sollte etwas berühren? Wollte dieser Kerl sie nicht hier raus bringen? Sollte er dann nicht mal langsam irgendetwas unternehmen? Und wie wollte er sie hier eigentlich weg kriegen, wenn sie nicht einmal aufstehen konnte? Ganz zu schweigen von Harry, der so lebendig wirkte, wie die Gitterstäbe vor ihrer Nase.
Doch
Nellie wollte nicht mehr denken. Wollte sich nicht mehr kümmern.
Ihr einziger Gedanke war, hier mit Harry wieder rauszukommen und
dafür wollte sie nach jedem Strohhalm greifen, der sich ihr
anbot.
Nellie streckte also ihre freie Hand aus, zog mit der
anderen Harrys Arm an die Brust und spürte die raue Oberfläche
eines Buches unter ihren tauben Fingern.
Im nächsten Moment kam es ihr so vor, als würde sie an einem Haken hinter ihrem Bauchnabel nach oben gezogen. Noch ehe sie vor Überraschung aufschreien oder sich auf sonstige Art und Weise wundern konnte, verschwand der Keller um sie herum und sie sah nur noch Harry, der nach wie vor neben ihr war.
Es fühlte sich an, als würden sie durch eine Rohrpostanlage gesaugt werden. Um sie herum knisterte es, in ihren Ohren war nichts als ein monotones Rauschen zu hören und als Nellie glaubte, es nicht mehr länger ertragen zu können, schlug sie wieder auf festem Boden auf.
Alle verbliebene Luft wurde ihr dabei aus den Lungen verpresst, sie keuchte und einen Moment lang wurde ihr wieder schwarz vor Augen.
Obwohl sie die Augen immer noch geschlossen hielt, wusste sie sofort, dass sie nicht mehr in dem feuchten Keller war, wollte sich da aber jetzt nicht drum kümmern.
Ihr war übel, jeder Millimeter ihres Körpers schmerzte und sie wusste genau, dass die Dunkelheit sie jeden Moment von neuem umfangen würde.
