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4. Kapitel
Jugson hatte das Gefühl, als wäre er aus einem tiefen Schlaf ruckartig aufgewacht. Er blinzelte, denn das Licht kam ihm auf einmal viel zu hell vor.
Neben ihm schüttelte Rabastan den Kopf, als wollte er eine Fliege verscheuchen.
„Was zur Hölle war das grad?" fluchte der und fuhr sich mit der Hand über die Augen.
Jugson wusste, was sein Kollege meinte, denn die gleiche Frage lag ihm auch auf den Lippen.
„Ich vermute irgend ein Zauber," antwortete er und dachte dabei an die Dunkelheit, die ihm so plötzlich jede Sicht geraubt hatte. „Erblindungs-Zauber oder so etwas in der Art."
Rabastan sah sich ärgerlich um.
„Wer soll das denn gewesen sein? Hier kommt doch keiner rein!" er schien es als persönliche Beleidigung zu sehen, dass jemand ihn so dermaßen kalt erwischt hatte.
„Woher soll ich das wissen?" fuhr Jugson ihn wütend an.
„Verdammter Mist!" fluchte er kurz darauf lautstark und stürzte auf die Gittertür zu, hinter der bis vor kurzem noch zwei Gefangene gelegen hatten. Doch nun war der Raum dahinter leer.
„Wie kann das sein?" Rabastan, der ihm gefolgt war, kratzte sich nervös hinter dem rechten Ohr. „Die Tür ist verschlossen!"
Keiner der beiden Männer brauchte auch nur zu erwähnen, was das für sie als Wachen zu bedeuten hatte.
„Du hirnloser Flubberwurm!" schrie Jugson den anderen Todesser an und schloss das Gitter auf, in der sinnlosen Hoffnung, irgendeinen Hinweis auf den Verbleib der Gefangenen zu finden.
Doch auch nach mehreren Runden durch den schmalen Raum war er nicht schlauer geworden, dafür Rabastan um einige Beleidigungen reicher.
„Wer kann das gewesen sein?" überlegte Jugson laut, während er immer noch auf und ab lief. „Ich erinnere mich nur, dass alles dunkel wurde."
„Irgendwas hatte ich gehört," grübelte Rabastan. Jugson sah ihn scharf an und unterbrach seine Wanderung. „Es waren nur Schritte, die hätten aber auch irgendwo anders hin führen können. Hab mir nichts dabei gedacht."
„Wann denkst du Vollidiot denn schon mal?" Jugson, der keinen Sinn darin sah, seinen Kollegen weiter über die ominösen Geräusche auszuquetschen, nahm seinen Gang durch den Kerker wieder auf.
„Aber wie konnten die beiden von hier verschwinden? Apparieren klappt nicht. Es muss ihnen jemand geholfen haben," bei dieser Erkenntnis blieb er wieder abrupt stehen. „Es wird verflucht noch mal nicht angenehm, das dem dunklen Lord zu erzählen."
Rabastan, der anscheinend das gleiche dachte, schluckte schwer und sah auf seine Füße.
„Diese miese Ratte von Verräter wird mir dafür teuer bezahlen!"
Nellie zwang sich den Kopf zu heben. Sie ignorierte die Sternchen, die ihr vor den Augen zu tanzen begannen und sah sich um.
Mit einem erleichterten Seufzen ließ sie sich wieder auf den Steinboden rutschen.
Sie war wieder zu Hause.
Wie das geschehen konnte, war ihr in diesem Moment herzlich egal, sie wollte nur, dass jemand kam, der ihr helfen würde.
Harrys Arm lag immer noch in ihrem Klammergriff und mit einem kurzen Blick erkannte sie, dass er von der kurzen Reise nichts mitbekommen hatte. Unter seinen verklebten Haaren sickerte Blut aus einer tiefen Wunde und sein Atem ging so flach, dass Nellie wieder Panik in sich aufsteigen spürte.
Sie zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinen Puls zu finden. Wofür hatte sie denn diesen Erste-Hilfe-Kurs damals gemacht! Doch ihre Hände zitterten zu stark und sie war selber viel zu schwach, um sich auf den Versuch länger zu konzentrieren.
„Harry! Bitte, wach doch auf!" murmelte sie und schüttelte Harry dabei leicht an der Schulter. Diese Bewegung war schon zu viel für sie selbst und sie musste die Augen schließen, um die Übelkeit, die in ihr aufstieg, zu unterdrücken.
Nellie öffnete ihre Augen und sah tiefe Schnitte in ihren eigenen Händen, die stark bluteten, nahm aber seltsamer Weise keine Schmerzen mehr wahr. Der Anblick allein genügte aber, um Nellie wieder völlig aus der Fassung geraten zu lassen.
„Bitte, Harry, wach doch auf! Was soll ich denn jetzt machen?"
Doch Harry reagierte nicht.
Nellie spürte Tränen auf ihrem Gesicht, konnte aber die Hände nicht heben, um sie wegzuwischen. Denn mit einer Hand hielt sie immer noch Harrys Arm und mit der anderen hatte sie seine Schulter umklammert, als könnte sie ihn allein durch ihren Griff dazu bringen, endlich die Augen zu öffnen.
Ihr Kopf schien völlig vernebelt. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen und fühlte sich absolut nicht in der Lage, irgendeine Entscheidung zu treffen.
„Stirb jetzt nicht!" flehte sie und musste dabei schwer schlucken.
Doch endlich hatte sich ein Gedanke in ihrem Kopf eingefunden: Hilfe holen. Mit zittrigen Beinen stand sie auf und humpelte zur Tür.
Wenn sie später jemand danach fragte, konnte Nellie beim besten Willen nicht sagen, warum sie sich so sicher war, draußen Hilfe zu finden. In dem Moment jedoch, als sie nur von dem einen Gedanken besessen war, Harry zu retten, war das für sie der einzig vernünftige Weg.
Nellie war einen Moment lang verwundert, die Haustür nicht mehr verschlossen vorzufinden, dann riss sie sie auf, stürzte auf wackeligen Knien und flimmerndem Blickfeld nach draußen und fiel im nächsten Moment einer jungen Frau in die Arme, die gerade die Treppen herauf kam.
„Bitte, helfen Sie mir!" konnte Nellie gerade noch stöhnen, als sie auch schon in dem Griff der unbekannten Frau zusammensackte und der Ohnmacht keinerlei Kraft mehr entgegenzusetzen hatte.
Eigentlich hätte sie im Hauptquartier sein sollen, um dort genauestens Bericht über die Vorfälle am Vorabend abzulegen. Sie hatte sich um diesen unangenehmen Job aber erfolgreich gedrückt, indem sie Moody gebeten hatte, das für sie zu übernehmen.
Der alte Auror hatte sie zwar mehr als geringschätzig angesehen, erklärte sich aber schließlich trotzdem bereit, sie zu vertreten.
Tonks machte sich wegen Harrys Verschwinden schon viel zu viele Vorwürfe. Die anklagenden Blicke der anderen Ordensmitglieder und Mollys sorgenvolle, tränennasse Augen würde sie nicht auch noch ertragen können.
Seit sie und Moody das leere Haus der Familie Carols betreten hatten, war inzwischen ein ganzer Tag vergangen - ohne auch nur das geringste Zeichen der beiden Vermissten.
Alle, die die Geschichte schon kannten und die nach wie vor an den Aktivitäten des Phönixordens interessiert und beteiligt waren, hatten sich keine Pause gegönnt um herauszufinden, wohin sie die Beiden verschleppt haben könnten.
Da die Verbindung zu ihrem einzigen Spion innerhalb der Todesser-Kreise schon seit einiger Zeit abgebrochen war, blieb der Orden jedoch völlig ratlos.
Tonks machte sich besonders um Remus Sorgen. Sie hatte ihn noch nie so aufgewühlt erlebt. Nicht einmal nach Sirius' Tod. Er hatte nicht geschlafen, nichts gegessen und mit niemandem gesprochen, lief nur den ganzen Tag wie ein eingesperrter Löwe durchs Haus.
Es war kein Geheimnis, wie sehr er an James' Sohn hing.
Tonks hatte sich wieder in den Ligusterweg abbeordern lassen, um weiter die Augen nach Hinweisen jeglicher Art, die sie zu Harry und dem Muggel-Mädchen führen könnten, offen zu halten.
Sie saß schon seit einigen Stunden vor dem Haus des Mädchens, als sie plötzlich das Gefühl hatte, dass sich im Haus etwas bewegte.
Zuerst hielt sie es für Einbildung, dann konnte sie jedoch ganz deutlich hören, dass sich jemand der Haustür von innen näherte.
Sofort war die junge Aurorin auf den Beinen, hatte den Zauberstab fest in der Hand und sprang gerade die Treppenstufen hinauf, als die Tür aufging und eine junge Frau herausgestolpert kam. Tonks kannte Nellie vom Sehen und spürte sofort eine Welle der Erleichterung, als sie sie erkannte.
Im nächsten Moment entdeckte sie auf dem Flurboden hinter der Tür einen Schatten und ihr Herz setzte einen Moment lang vor Schreck aus. Harry.
Dann war Nellie auch schon mit ihr zusammengestoßen und in ihren Armen zusammengebrochen.
„Bitte, helfen Sie mir!" hörte Tonks sie stöhnen, bevor sie ohnmächtig wurde.
Tonks ließ das Mädchen vorsichtig auf die Stufen gleiten und untersuchte sie dabei oberflächlich. Was sie in der Kürze herausfinden konnte, ließ sie sich noch mehr beeilen.
Nellies Kleider waren völlig zerrissen und vom Blut getränkt. Ihr Körper übersäht mit Schnitten und klaffenden Wunden. Wenn diese Mistkerle eine unschuldige Muggel schon so zugerichteten hatten, was mussten sie dann erst mit Harry angestellt haben?
Also legte Tonks sich Nellies Arm um die Schulter und zog sie wieder ins Haus. Sie wollte auf jeden Fall verhindern, dass neugierige Passanten diese Muggel-Sicherheitstypen (Politizen, oder so ähnlich) alarmierten.
Im Flur angekommen stieß sie die Haustür hinter sich zu und kniete sofort neben Harry nieder.
Doch die junge Hexe konnte schnell erkennen, dass ihre spärlichen Heilkenntnisse hier vollkommen unnütz waren und Harry so schnell wie möglich einen fähigen Heiler brauchte.
Sie sah sich noch mal in dem dunklen Raum um und entdeckte einen kleinen Gegenstand, der direkt neben dem Jungen lag. Es war ein Buch, das ganz sicher vorher nicht hier gelegen hatte.
Ein Portschlüssel, schoss es der jungen Frau sofort durch den Kopf. Jemand hatte den beiden also geholfen. Das hieß, dass die Todesser genau in diesem Moment wieder nach Harry suchen könnten.
Jetzt musste sie also schnell handeln. Zeit für Fragen würde später noch genügend vorhanden sein. Erst mal mussten sie hier weg.
Tonks stopfte also das Buch in die hintere Tasche ihrer Jeans, griff mit einer Hand nach Nellies und mit der anderen nach Harrys Arm.
Im nächsten Moment war das Haus Nummer elf im Ligusterweg wieder leer.
Die Stimmung im Hauptquartier des Phönixordens war schon seit Wochen auf einem Tiefpunkt angelangt. Eigentlich lief seit Dumbledores Tod nichts mehr wirklich rund. Aber wundern tat das niemanden. Der Schulleiter war das Herz und die Seele des Ordens gewesen, er hatte immer gewusst, was zu tun war, hatte alles zusammengehalten und nie mit Rat und Tat gegeizt.
Seit er nicht mehr präsent war, war der Orden richtig gehend verwaist. Man hatte den Zusammenhalt verloren, auch wenn Mad-Eye Moody sein Möglichstes tat, die Fäden wieder aufzunehmen und die begonnene Aufgabe fortzuführen. Er konnte den ehemaligen Schulleiter von Hogwarts aber nicht ersetzen.
Niemand fühlte sich in der Lage, Dumbledores Platz einzunehmen, und niemand wollte das. Dass es mit der Arbeit des Ordens weitergehen sollte, weitergehen musste, war allen klar. Die Nerven lagen aber bei den verbliebenen Mitgliedern blank.
Dass es ausgerechnet den größten aller Weißmagier treffen musste, hatte alle aus der Bahn geworfen und der Moral des Ordens erheblich geschadet.
Die meisten Mitglieder hatten sich in ihre sicheren Zufluchten zurückgezogen. Nur wenige waren aktiv geblieben, darunter die Weasleys, Remus Lupin, Moody, Tonks und ein paar wenige andere.
Das Verschwinden von Harry Potter hatte der Situation des Ordens auch nicht gerade geholfen. Vielmehr hatte es die wenigen, die geblieben waren, nur zusätzlich demotiviert.
Das Leben im Hauptquartier war sehr einsam geworden.
Remus Lupin war der einzige, der hier noch die Stellung hielt. Er hielt hartnäckig an der Aufgabe des Ordens fest und kämpfte verbissen für das, was sein alter Schulleiter begonnen hatte.
Unermüdlich half er Moody dabei, neue Mitglieder zu gewinnen und die alten zurückzuholen. Doch auch ihn hatte Harrys Entführung schwer getroffen. Tatsächlich belastete sie ihn am meisten.
Seit Sirius' Tod hatte er unbewusst dessen Rolle als Patenonkel übernommen und fühlte sich für Harry verantwortlich. Auch wenn Tonks immer wieder behauptete, dass da noch ganz andere Gefühle dahinter steckten. Vielleicht hatte sie auch nicht ganz Unrecht, wenn sie meinte, dass Remus in dem Jungen viel mehr als nur einen Patensohn sah.
Harry war seine einzige, letzte Verbindung zu einer Vergangenheit, die er so schmerzlich vermisste.
Es war schon spät, als Remus wieder unruhig durchs Haus lief.
Einen ganzen Tag war es jetzt her, dass Tonks und Moody ihm berichtete hatten, was geschehen war.
Ein ganzer Tag, an dem er versucht hatte, sich Namen und Orte von möglichen Todesser-Verstecken ins Gedächtnis zu rufen. Ohne Ergebnis. Die Verstecke, die dem Orden bekannt waren, waren schon seit längerem verlassen und die einzige verlässliche Informationsquelle über diese Kreise war für sie versiegt. Vielleicht für immer.
Der Gedanke an den Verräter Snape ließ ihn wütend die Fäuste ballen. Remus fühlte sich hilflos und schwach, weil er auf den Tränkemeister so viele Jahre hereingefallen war und nun seinem ehemaligen Schüler nicht helfen konnte.
An der Versammlung der wenigen verbliebenen Ordensmitglieder, die schon vor Stunden beendet worden war, hatte er nicht teilgenommen. Er hatte schon mit Tonks und Moody alles durchdiskutiert, außerdem würde es ohnehin nicht viel Neues zu berichten geben.
Remus hatte Moody zugesagt, den restlichen Abend im Hauptquartier zu bleiben, falls sich noch irgendetwas täte.
Doch es tat sich einfach nichts!
Er beschloss zum sicher zehnten Mal über den Kamin mit Arthur Weasley Kontakt aufzunehmen. Vielleicht hatte der im Ministerium irgendwas Neues aufgeschnappt.
Zufrieden mit dem Gedanken etwas anderes zu tun, als nur untätig umherzutigern, drehte er sich zur Küche um, als er vor der Haustür Bewegungen hörte. Im nächsten Moment ging auch schon die Tür auf und Tonks kam rückwärts herein gestolpert, den Arm mit ausgestrecktem Zauberstab vor sich, der zwei leblose Bündel in der Luft schweben ließ.
Remus stutzte nur einen kurzen Moment lang, ehe er die Lage erfasste und ihr zu Hilfe eilte. Beim Anblick der beiden Bündel wurde er noch blasser, als er ohnehin schon war.
So schnell sie es rückwärts anstellen konnte, manövrierte Tonks die beiden Bündel durch die Tür und Remus schloss sie schnell hinter ihr. Von den Muggeln schien niemand etwas bemerkt zu haben, aber es war ohnehin stockdunkel draußen und die Straßenlampen funktionierten schon seit Ewigkeiten nicht mehr.
„Nach oben, Tonks," flüsterte Remus seiner Freundin zu, die nur nickte und schon auf dem Weg war ins obere Stockwerk, in dem sich die Schlafzimmer befanden. „Ich werde Poppy alarmieren. Sie muss sofort kommen." Mit einem letzten entsetzten Blick auf Harry und das Mädchen, das neben ihm schwebte, schritt er schnell auf die Küche zu.
Tonks ließ die beiden Teenager die Treppe nach oben schweben, vorbei an den ausgestopften Hauselfen-Köpfen und in das größte Schlafzimmer am Ende des Ganges, in dem zwei Betten auf Gäste warteten.
So sanft es ging, ließ sie erst Harry und dann Nellie auf jeweils eines der Betten gleiten. Keine Minute später war Remus wieder an ihrer Seite und beugte sich sofort über Harrys leblosen Körper.
„Oh, mein Gott, was ist ihm nur angetan worden?" keuchte er, als er die tiefen Stichwunden und Verbrennungen sah. Tonks war neben Nellie stehen geblieben und sah auf das Mädchen hinunter.
„Sie hat scheinbar nicht ganz so viel abbekommen. Immerhin war sie noch in der Lage, Hilfe zu holen. Aber wenn ich sie mir so ansehe, kann ich nicht behaupten, dass sie gut aussieht," sagte sie.
Remus blickte auf und sah zu dem anderen Bett rüber.
In dem Moment ging die Zimmertür ein weiteres Mal auf und Madam Pomfrey, die Schulkrankenschwester von Hogwarts, rauschte herein.
Ohne viele Worte zu verlieren, baute sie ihre enorme Tasche voller Heiltränke, Kräuter und Pasten auf dem Tisch unter dem Fenster auf, krempelte sich die Ärmel ihres Umhangs hoch und schritt mit ihrem Zauberstab auf Harry zu. Remus machte gerade so viel Platz, dass er ihr nicht im Weg stand, wich aber keinen Zentimeter zu viel von Harrys Seite.
Instinktiv hatte Madam Pomfrey sich den Patienten mit den schwersten Verletzungen ausgesucht und untersuchte Harry sehr lang, während Tonks Remus ausführlich erzählte, was im Haus der Carols passiert war.
„Zeig mir doch mal bitte dieses Buch," meinte er und streckte eine Hand aus, ohne sich von Harrys Bett zu entfernen.
Tonks zog den besagten Gegenstand aus der Tasche und reichte ihn ihm. Remus drehte das kleine Buch in den Händen und blätterte schließlich darin.
„Sieht aus wie ein Notizbuch, aber bis auf ein paar Worte steht nichts drin. Beziehungsweise ich kann es nicht entziffern," Remus kniff ein wenig die Augen zusammen und blätterte eine Seiten durch.
Tonks war neugierig hinter ihn getreten und lugte ihm über die Schulter.
„Annulare, magia. Was bedeutet das?" fragte Tonks und runzelte die Stirn. „Könnte das ein Zauberspruch sein?"
„Wenn, dann habe ich noch nie davon gehört," antwortete Remus, ebenfalls mit Denkerstirn. „Ich werde Moody morgen danach fragen."
Madam Pomfrey hatte Harrys Untersuchung inzwischen beendet und sich Nellie zugewandt.
„Was ist mit Harry, Poppy? Kannst du schon irgendwas sagen?" Remus klang sehr nervös.
Tonks legte ihm eine beruhigende Hand auf die Schulter, als sie Madam Pomfreys Miene sah. Die auf nichts Gutes schließen ließ.
„Nun, Remus, ich will ehrlich sein," begann sie und unterbrach kurz das Kreisen ihres Zauberstabes über Nellies Körper, um zu dem Mann zu schauen, der mit dem schlimmsten rechnete. „Ich kenne nicht einmal die Hälfte der Flüche, die er abbekommen hat, doch allein die, die ich kenne, machen mir schon große Sorgen. Ich vermute, dass der arme Junge den Cruciatus und Schlimmeres erdulden musste. Neben Schnitten, Brüchen und Verbrennungen hat er sehr starke innere Blutungen. Wahrscheinlich sind einige Organe verletzt und es kann sein, dass sich diese inneren Verletzungen entzündet haben. Ich kann erst in ein paar Tagen sagen, ob er wieder völlig gesund wird, aber dass er überhaupt noch lebt, grenzt schon an ein Wunder." Mit diesen Worten drehte sie sich wieder zu ihrer zweiten Patientin und fuhr mit der Untersuchung fort.
Tonks konnte sehen, dass die ältere Frau keineswegs von Harrys Zustand so ungerührt geblieben war, wie aus ihren Worten vielleicht zu lesen war. Sie erkannte Tränen in ihren Augen.
Remus war auf Harrys Bett zusammengesunken und hatte nach der Hand des Jungen gegriffen, die kalt und schlaff in seiner lag. Remus zitterte, vor Wut und Angst, den Jungen auch noch zu verlieren. Er war ihm sehr ans Herz gewachsen, er wollte ihn nicht verlieren!
Remus spürte Tonks Hand auf seiner Schulter und war ihr unendlich dankbar, dass sie für ihn da war.
Auch die junge Aurorin hatten die Worte der Krankenschwester geschockt und sie konnte nichts dagegen tun, dass auch ihr die Tränen kamen. Sie hielt sehr viel von Harry, nicht etwa, weil er derjenige sein soll, der die Welt vor dem größten lebenden Tyrannen befreien soll, sondern weil er einfach ein feiner Kerl ist. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand Harry nicht gern haben könnte. Warum tat man ihm nur so etwas an?
„Das Mädchen hat ähnliche Verletzungen wie Mister Potter, vielleicht etwas weniger katastrophal. Ihr wurde wohl schon ein Stärkungstrank gegeben?" meinte die Krankenschwester, während sie nun begann, verschiedene Flaschen und Tiegel aus ihrer Tasche hervorzuholen.
Remus sah Tonks an, die aber nur mit den Schultern zuckte.
„Ich weiß nichts von einem Stärkungstrank," sagte die. „Das würde aber immerhin mal erklären, wie sie mir auf der Treppe entgegen kommen konnte, und dass sie überhaupt in der Lage war, einen Portschlüssel zu benutzen."
Remus nickte geistesabwesend. Sein Blick lag wieder auf Harrys Gesicht, dass Madam Pomfrey gerade mit einem Zauber vom Blut gesäubert hatte und dem Jungen nun verschieden farbige Zaubertränke einflößte.
„Remus, hörst du mir überhaupt zu?" Tonks versuchte Remus' Schulter zu sich zu ziehen, damit der Mann sie ansehen müsste, doch der entzog sich ihr.
„Lass mich jetzt bitte, Tonks, ja? Wir können morgen darüber reden."
„In Ordnung, wenn du meinst." Tonks zuckte wieder mit den Schultern und trat neben Madam Pomfrey. „Kann ich dir helfen, Poppy? Ich würde mich gerne etwas nützlich machen. Und ich denke, diesem alten Dumpfbeutel hier, würde es auch gut tun, wenn er etwas Sinnvolles tun könnte." Sie deutete dabei auf Remus, der sie nicht zu hören schien.
„Oh, vielen Dank, meine Liebe, du könntest mir tatsächlich helfen. Und auch für den Dumpfbeutel werden wir Beschäftigung finden."
Mit einem gequälten Gesichtsausdruck ließ Remus sich dazu verdonnern, dabei zu helfen, Harry und Nellie aus dem verkrusteten, zerrissenen Kleidern zu schälen und sie zu verarzten.
Zwei Stunden später, es war bereits weit nach Mitternacht, packte die Schulkrankenschwester ihre Tasche wieder zusammen und legte Remus eine Hand auf den Arm.
„Ich tue für ihn, was ich kann, Remus. Du bist nicht der einzige, dem etwas an dem Jungen liegt." Sie sah ihn mit einem mütterlichen Blick an. „Die nächsten zwei Tage sind entscheidend. Wenn er die übersteht, dann schafft er es."
Sie nahm ihre Tasche und wandte sich zur Tür um. „Ich werde morgen wieder vorbei kommen. Ich brauche einige neue Kräuter und Samen." Sie schien noch etwas sagen zu wollen, rang sich dann aber nur noch ein aufmunterndes Lächeln ab, bevor sie das Krankenzimmer schließlich verließ.
Remus hatte sich an das Fußende von Harrys Bett gesetzt und die Stirn auf die angezogenen Knie gelegt.
Tonks saß auf einem Stuhl neben Nellies Bett und sah zu dem Mann, den sie liebte. Sie konnte seine Verzweiflung spüren, doch wusste sie auch, dass er sie in diesem Moment nicht an sich heran lassen würde. Deshalb stand sie schließlich auf, ging zu ihm, drückte ihm einen Kuss auf den Nacken und verließ den Raum.
Remus wollte nicht von Harrys Seite weichen, nicht solange er noch irgendetwas für ihn tun könnte.
