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Kapitel 5:
Madam Pomfrey kam am nächsten Morgen wieder aus Hogwarts und hielt sich nicht lange in mit einem Kaffee der Küche auf, den Tonks ihr anbot, sondern wuselte gleich nach oben ins Krankenzimmer.
Sie hatte die ganze Nacht neue Tränke und Salben hergestellt und in Büchern nach diesen seltsamen Verletzungen gesucht, die sie bei den beiden Teenagern festgestellt hatte. Sie sahen nach Verbrennungen aus, ähnelten aber in nichts dem, was die erfahrene Heilerin jemals gesehen hatte.
Bei ihren Nachforschungen war sie jedoch erfolglos geblieben und ging nun davon aus, dass Du-weißt-schon-wer hier seine ganz eigene schreckliche Art von Magie benutzt hatte.
Madam Pomfrey war jedoch niemand, der sich von so etwas entmutigen ließe. Nein, sie war fest entschlossen, ihre Patienten zu heilen. Das sah sie nicht nur als ihre Pflicht als Heilerin, sondern vielmehr auch als ihre eigene kleine Mission in diesem Krieg an.
Tonks hatte nicht besonders gut schlafen können in dieser Nacht und war schon früh ins Krankenzimmer zurückgekehrt, um nach Remus zu sehen.
Es schien ihm nicht anders ergangen zu sein wie ihr, denn auch er hatte dunkle Ringe unter den Augen und machte einen sehr übermüdeten Eindruck. Er wollte aber nichts davon hören, sich in seinem eigenen Zimmer etwas hinzulegen. Nicht einmal für eine Tasse Kaffee wollte er das Krankenlager verlassen.
Er hatte nicht einmal von Harry aufgesehen, als sie ihn zur Begrüßung geküsst hatte.
Also war sie alleine weiter nach unten gegangen, nachdem sie einen Blick auf Harry und Nellie geworfen hatte.
Die beiden lagen unverändert still in ihren Betten, übersäht mit Verbänden und bunten Salben, die die Blutungen und Schwellungen lindern sollten. Nach allem, was Tonks einschätzen konnte, hatte sich ihr Zustand nicht verändert.
Tonks hatte gerade ihre leere Kaffeetasse auf den langen Tisch in der Küche abgestellt, als die Schulkrankenschwester ankam.
Unter anderen Umständen hätte sie sich über etwas weibliche Gesellschaft im Hauptquartier gefreut, doch heute nickte sie Madam Pomfrey nur freundlich zu, bot ihr Kaffee an, den die ablehnte, und folgte ihr dann wieder nach oben.
Sie hatte am Vorabend noch mit Remus darüber gesprochen, dass sie den anderen Ordensmitgliedern erst später bescheid geben wollten. Nachdem Madam Pomfrey sich die Patienten noch einmal angesehen hatte.
Der Tag ging mit Verbänden wechseln, Tränken einflößen und Tee kochen schnell vorbei. Der Tee war jedoch nicht für Harry und Nellie, sondern für ihrer aller Nerven und Madam Pomfrey bestand darauf, dass Tonks in Remus' Tasse noch einen ordentlichen Schuss Whiskey gab.
Er war das reinste Nervenbündel und hielt die beiden Frauen von der Arbeit ab, indem er immer wieder nach Harry Zustand fragte.
Tonks hatte Remus und Madam Pomfrey erst am späten Nachmittag dazu überreden können, die Teenager eine Stunde alleine zu lassen, damit sie gemeinsam etwas essen konnten.
Remus stocherte lustlos in seinem Essen herum und aß nur zögerlich, und das auch erst, nachdem Tonks ihn mehrmals streng ermahnt hatte.
Harrys Zustand war nach wie vor sehr kritisch. Madam Pomfrey konnte bei ihren Untersuchungen tatsächlich feststellen, dass der Junge innere Verletzungen hatte und wollte sich am Abend mit einem Kollegen aus dem St. Mungos darüber beraten, was in diesem Falle am besten zu tun sei. Natürlich ohne einen Namen zu erwähnen.
Die Zaubererwelt war wegen Voldemorts offenem Auftreten und Dumbledores Tod ohnehin schon panisch genug, da würde es nicht helfen, wenn publik würde, dass der einzige Hoffnungsschimmer, den sie noch hatten, vielleicht im Sterben lag.
Nellie dagegen schien auf die Heilkunst der Krankenschwester besser anzuschlagen. Sie hatte schon wieder viel mehr gesunde Farbe im Gesicht und ihre Wunden schlossen sich wie von alleine. Sie würde vermutlich innerhalb des nächsten Tages aufwachen.
Tonks und Remus warfen sich bei dieser Neuigkeit nervöse Blicke zu.
Was sollten sie ihre sagen, wenn sie fragte, wo sie hier sei oder auch nur, was geschehen war? Sie würden ihr wahrscheinlich keine einzige ihrer vielen Fragen beantworten können.
Aber sie mussten mit ihr sprechen, sie war im Moment die Einzige, die ihnen vielleicht wichtige Informationen über Voldemort, seinen Aufenthaltsort oder seine Pläne geben konnte.
Doch was sollte dann mit ihr geschehen? Sie war immerhin ein Muggel.
„Moody sollte über diesen Punkt mit entscheiden," beschloss Remus, als er etwas später wieder alleine mit Tonks bei Harry und Nellie saß.
Tonks nickte und strich Nellie dabei die kurzen Haare aus der Stirn. Sie machte sich Sorgen um das Mädchen.
„Meinst du, dass die Todesser sie suchen werden?" fragte sie Remus.
„Schon möglich," seufzte der. „Wir können erst sicher etwas entscheiden, wenn wie mit ihr gesprochen haben."
„Hm. Ich gehe mal nach unten und sage Molly, dass Harry wieder da ist. Sie wird wahrscheinlich schon alle Wände hoch gehen."
Damit stand die junge Frau auf und trat neben Remus.
Sanft streichelte sie ihm über den Kopf, woraufhin er sich zu ihr drehte und sie auf seinen Schoß zog. Tonks schlang ihre Arme um seinen Hals und schmiegte sich an seine Schulter.
„Er wird wieder gesund werden," flüsterte sie.
Remus nickte leicht, doch spürte sie, dass er zitterte.
Dann ging sie in die Küche.
„Oh, dem Himmel sei Dank!" Molly schlug sich beide Hände vors Gesicht und schluchzte herzergreifend. Ihr Mann, Arthur, nahm sie in die Arme und tätschelte beruhigend ihren Rücken. Auch er sah mehr als erleichtert aus.
„Wisst ihr schon was genaueres über sein Verschwinden?" fragte er, während seine Frau sich die Nase schnäuzte.
„Nein, die beiden sind noch nicht aufgewacht. Aber sobald wir mehr wissen, werden wir es euch sagen."
Tonks' Kopf im Kamin der Weasleys drehte sich nach rechts, als die Küchentür aufging und Fleur herein kam. Bill an ihrer Seite.
Als sie die Aurorin im Feuer erkannten, eilten sie sofort näher heran und fragten ebenfalls nach Harry. Also erzählte sie die kurze Geschichte noch einmal.
Sie fand diese Art der Kommunikation mehr als unbequem. Ihre Knie im Hauptquartier schmerzten und ihr Mund im Fuchsbau war schon ziemlich trocken.
Sie hatte bewusst nicht erwähnt, wie schlimm Harrys Zustand tatsächlich war. Molly hätte sonst nichts mehr halten können.
„Sie sind mit einem Portschlüssel zurückgekommen?" Bill runzelte nachdenklich die Stirn. „Wer hätte ihnen denn dort helfen können?"
„Keine Ahnung. Ich hoffe nur, dass es Severus war, denn von ihm fehlt weiterhin jede Spur," antwortete Tonks.
„Dieser Verräter?" rief Fleur. Sie hatte bisher nur zugehört, sprang jetzt aber auf. „Er at Dumbledore getötet! Wie könnt ihr noch nach ihm suchen? Isch offe, er ist tot!"
Alle starten die hübsche Frau an. Nachdem sie nun schon so lange mit den Weasleys unter einem Dach lebte, hatten sich alle mittlerweile an ihre Anwesenheit gewöhnt. Doch dass sie so emotional auf Dumbledores Tod reagierte, hatte niemand gedacht. Sie hatte den Schulleiter schließlich kaum gekannt.
„Er war immer sehr gut su mir!" meinte sie auf die Blicke der anderen hin. Bill nahm sie wieder in den Arm und zog sie zurück zum Kamin.
„Können wir Harry besuchen kommen?" fragte Molly jetzt, die sich wieder beruhigt hatte.
„Poppy meint, frühestens morgen. Die beiden brauchen noch Ruhe," antwortete Tonks.
„Natürlich. Oh, wie gut, dass er gesund wieder da ist! Ron wird sich so freuen! Er wollte schon alleine los ziehen, um ihn zu suchen. Ist bei Hermine im Moment, sie ist die einzige grad, die ihn etwas beruhigen kann," plapperte Molly drauf los. „Ich schicke ihm gleich Errol."
„Wie geht es Ginny?" fragte Tonks jetzt, der einfiel, dass Harrys Verschwinden für seine Freundin besonders schwer gewesen sein musste.
Molly warf Arthur einen traurigen Blick zu und griff schon wieder nach einen Taschentuch. Bill nahm jetzt seine Mutter in den Arm.
„Sie ist seit zwei Tagen nicht aus ihrem Zimmer gekommen," nahm Arthur das Gespräch wieder auf. „Wir hören sie nur weinen, aber sie lässt niemanden rein."
„Isch wollte auch mit ihr sprecken," meinte Fleur und sah dabei ehrlich bestürzt aus. „Seit unserer Ochseit aben wir uns gans gut verstanden, aber sie at mir auch nicht aufgemacht."
„Oh, das arme Kind! Aber jetzt wird ja alles wieder gut!" schluchzte Molly in Bills Armen und tupfte sich die Augen an dem Hemdskragen ihres Sohnes ab.
Tonks, die daran denken musste, was Madam Pomfrey über Harrys Verletzungen gesagt hatte, schluckte schwer.
„Ich muss jetzt los. Moody wollte gleich vorbei kommen. Wir sehen uns."
Und damit zog sie den Kopf aus dem Kamin, schüttelte sich die Asche aus ihren heute silber-grauen Haaren und holte sich eine neue Tasse Tee.
Das mit Moody war eine Notlüge gewesen, denn der alte Auror war schon vor zwei Stunden angekommen und saß gemeinsam mit Remus im Krankenzimmer.
Sie hatte es nur ganz einfach nicht mehr ertragen, dass alle so erleichtert waren, wo Harry doch immer noch um sein Leben kämpfte. Hatte sie ihnen vielleicht zu früh zu viel Hoffnung gemacht?
Der Tee war bereits kalt und Tonks schüttete ihn in den Abfluss. Sie nahm sich stattdessen ein Glas Kürbissaft, trank es in einem Zug leer und nahm noch zwei frische Gläser und einen ganzen Krug von dem Saft mit nach oben.
„Annulare magia…..hm, das sagt mir nichts, aber nach allem, was du mir erzählt hast, scheinen die Todesser sich zurzeit exzessiv einem neuen Hobby zu widmen. Dem, neue Zaubersprüche zu erfinden und scheinbar besonders gerne Flüche," knurrte Moody, während er das kleine Buch in den Händen drehte, dass Tonks aus Nellies Haus mitgebracht hatte.
„Könnte es vielleicht irgendwas anderes heißen?" fragte Remus, der auf Harrys Bett saß und den Rücken gegen das Fußteil des Bettes gelehnt hatte. „Die Schrift ist ziemlich verwischt und es scheinen noch mehr solcher Sprüche oder was auch immer das sein soll, drin zu stehen."
Moody blätterte langsam einige Seiten durch und studierte die wenigen lesbaren Worte sehr aufmerksam.
Sein magisches Auge wanderte dabei hin und her. Es huschte zu den beiden Patienten, die immer noch regungslos in den Betten lagen, an den Wänden entlang, dann wieder auf das Buch und schließlich drehte es sich nach hinten in Moody Hinterkopf hinein.
Remus hatte sich in all der Zeit, die er nun schon mit dem vernarbten alten Mann verbrachte, abgewohnt, auf das magische Augen zu achten. Es machte ihn zwar schon länger nicht mehr so nervös, wie noch am Anfang, doch wurde ihm immer etwas übel, wenn er dabei zusah, wie es in alle Richtungen rotierte.
„Das ergibt für mich alles keinen Sinn," brummte Moody schließlich, klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch. „Aber ich werde schauen, was ich in meinen Bücher darüber finden kann."
„Gut," meinte Remus, der aufgestanden war, um Harry und Nellie einen Trank zu geben, den Madam Pomfrey da gelassen hatte.
Die beiden Männer hatten sehr ausführlich über die Ereignisse der letzten Tage gesprochen und waren sich darin einig gewesen, dass Harry und Nellie verdammt großes Glück gehabt hatten.
Nun wollten sie warten, bis das Mädchen zu sich kam, um von ihr genaueres zu erfahren. Sie hofften, einen Hinweis auf diesen Ort zu bekommen, an dem sie festgehalten worden waren. Vielleicht könnte man ja einen Angriff wagen.
„Was soll eigentlich aus dem Mädchen werden, wenn sie wieder gesund ist?" fragte Remus als er wieder Platz genommen hatte.
„Was soll schon passieren? Wir werden ihr Gedächtnis verändern und sie nach Hause schicken." Moody schien sich über Remus' Frage zu wundern, denn er sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Auch das magische Auge war auf den jüngeren Mann gerichtet.
„Nach Hause schicken? Geht es dir noch ganz gut?" rief Tonks, die in diesem Moment das Zimmer betreten hatte. Sie stellte den Saftkrug ab und schenkte jedem ein Glas ein.
„Was ist, wenn Voldemort nach ihr sucht?"
„Warum sollte er nach ihr suchen?" knurrte Moody. „Was für ein Interesse sollte er an einem Muggelmädchen haben?"
„Wenn er kein Interesse an ihr hätte, wäre sie sicher jetzt nicht hier," überlegte Remus und fuhr sich mir einer Hand über das Kinn. „Warum hat er sie nicht einfach umgebracht?"
Moody sah ihn aufmerksam an. Tonks reichte die vollen Gläser herum und setzte sich dann neben Remus.
„Wenn ihr mich fragt, dann hatte er mit ihr noch irgendwelche Pläne," sagte sie und sah zwischen den beiden Männer hin und her.
„Das glaube ich mittlerweile auch," antwortete Remus, der an seinem Glas nippte.
„Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, was das für Pläne sein sollten, könntest du trotzdem Recht haben." Moody hatte sein unberührtes Glas auf den Tisch zurückgestellt und sah die junge Frau an. „Wir werden warten müssen, bis sie aufwacht. Dann werden wir entscheiden."
„Genau meine Worte," stöhnte Remus, leerte den restlichen Saft in seinem Glas mit einem Zug und stand dann wieder auf. „Also werden wir warten. Wieder einmal"
Er klang müde, aber auch ungeduldig. Tonks konnte ihn gut verstehen, auch sie hatte das Warten satt.
„Wir warten, aber das heißt nicht, dass wir nicht schlafen dürfen," sagte sie mir fester Stimme. „Es ist schon spät, für Harry und Nellie können wir jetzt nichts machen und du hast schon seit zwei Tagen nicht geschlafen." Sie stand auch auf, trat neben ihren Freund, der müde an der Tür lehnte und sah ihn streng an. „Poppy hat mir einen Schlaftrank für dich gegeben. Nein, keine Widerrede!" fügte sie hinzu, als Remus protestierend den Kopf hob. „Von mir aus kannst du hier schlafen, aber du wirst das hier trinken!"
Sie zog eine kleine Flasche mit einer durchsichtigen Flüssigkeit aus der Jackentasche.
Moody hatte sich inzwischen auch erhoben.
„Ich brauche mir nicht sagen zu lassen, dass ich Schlaf brauche," brummte er als er Remus mit sanfter Gewalt zur Seite schob. „Ich werde nach diesen Worten aus dem Buch suchen und komme in den nächsten Tagen wieder vorbei. Sagt mir bescheid, wenn Potter oder das Mädchen aufwachen. Auch wenn Potter nicht mehr aufwachsen sollte."
Tonks wollte ihn wütend anfahren. Was sollte denn diese Bemerkung? Natürlich würde Harry wieder aufwachen.
Doch dann sah sie die Besorgnis im zerfurchten Gesicht des Mannes und schluckte ihre patzigen Worte wieder hinunter.
Sie zog Remus sanft von der Tür weg, damit der Ex-Auror hinausgehen konnte, zauberte ihrem Freund dann ein gemütliches Feldbett herbei und hielt ihm das Fläschchen von der Schulkrankenschwester auffordernd hin.
„Wie du meinst," seufzte der und nahm ihr den Behälter ab.
„Ich kann auch ruhiger schlafen, wenn ich weiß, dass du dir hier nicht wieder die ganze Nacht um die Ohren schlägst," sagte sie sanft, während sie beobachtete, wie Remus den Korken aus der Flasche zog.
„Prosit," sagte er dann, hob die Flasche an die Lippen und trank sie in einem Schluck leer. Dann umarmte er Tonks, drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn und legte sich hin.
Tonks breitete mütterlich eine Decke über ihm aus.
Dann ging auch sie wieder in ihr Zimmer und legte sich hin.
Eine sanfte Stille legte sich über das Haus am Grimmauldplatz Nummer zwölf. Vor den Fenstern zogen Wolkenfetzen friedlich ihre Bahnen und der Mond warf ein freundliches Licht auf das Bett, in dem Nellie lag.
Das Mädchen atmete tief und gleichmäßig. Sie konnte eine vertraute Atmosphäre um sich herum wahrnehmen. Sie spürte das große altehrwürdige Haus ihrer Großeltern, in dem sie sich als Kind so wohl gefühlt hatte und roch die alten Möbel. Einen Moment lang bildete sie sich ein, ihre Großmutter im unteren Stockwerk mit ihren Stricknadeln klappern zu hören.
Nellie empfand einen so tiefen Frieden, dass sie die Augen geschlossen hielt und darauf warten wollten, von ihrer Oma geweckt zu werden.
Doch nach und nach kamen die Erinnerungen zurück, die sanfte Berührung des Traumes zog sich zurück und ein Gefühl kalter Angst befiel sie.
Eben noch entspannt, krallten sich ihre Hände jetzt in die Bettdecke.
Sie bemerkte, dass die Schmerzen verschwunden waren, dass sie atmen konnte, dass sie ihre Arme und Beine bewegen konnte und öffnete die Augen.
Einen absurden Moment lang dachte sie, wieder zu träumen. Einen Moment lang war ihr, als sei sie tatsächlich wieder in dem Haus ihrer Großeltern. Doch der Moment verging schnell wieder und die Angst kehrte zurück.
Sie war in einem fremden Haus, lag in einem fremden Bett.
Nellie wollte sich nicht mehr benutzen und ständig hin und her schieben lassen. Sie hatte genug davon, gegen ihren Willen an fremde Orte gebracht zu werden. Sie wollte aufstehen und endlich wieder nach Hause gehen können.
Dann hörte sie etwas und drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam.
Zuerst sah sie, dass zwei weitere Betten in dem Zimmer standen.
In einem davon lag ein Mann, den sie noch nie gesehen hatte.
In dem anderen sah sie einen schwarzen Haarschopf, der sich auf einem Kissen hin und her schmiss. Harry. Er stöhnte leise und warf sich von einer Seite auf die andere. Seine Decke hatte sich schon völlig verdreht.
Hatte er immer noch Schmerzen? Warum hatte sie keine Schmerzen mehr?
Sie versuchte vorsichtig aufzustehen und merkte, dass sie nur ein bisschen schwach war, aber ansonsten keinerlei Probleme dabei hatte. Das verwirrte sie doch ein wenig. Wie lange konnte es gedauert haben, dass sie wieder so gesund geworden war? Wie lange war sie nun schon von zu Hause weg? Ihre Eltern mussten sich schreckliche Sorgen machen!
Nellie tapste mit nackten Füßen zu Harrys Bett und setzte sich auf die Kante. Sie versuchte ganz leise zu sein, um dem fremden Mann nicht zu wecken.
Harrys Wunden schienen ebenso wie ihre eigenen ganz gut verheilt zu sein, doch war er schweißgebadet und schien Fieber zu haben. Er glühte förmlich und fand keine Ruhe.
Nellie legte ihm ihre kühle Hand auf die Stirn und murmelte ihm besänftigende Worte zu. Tatsächlich schien er sich ein wenig zu beruhigen.
Während Nellie so an Harrys Seite saß, dachte sie wieder an dieses seltsame Erlebnis in dem Keller. Etwas war komisch an dem jungen Mann. Er war nicht der, für den sie ihn gehalten hatte, aber trotzdem hatte er etwas an sich, dass sie anzog. Sie hatte ihn bis vor kurzem als guten Freund schätzen gelernt. Jetzt hatte sie erlebt, dass er sich schützend vor sie gestellt hatte, dass er sie nicht ausgeliefert hatte, um sich selbst zu retten. Ja, es war etwas Besonderes an ihm.
Sie konnte ihre Gefühle für Harry nicht beschreiben. Da war eine Vertrautheit, als würde sie ihn schon seit Ewigkeiten kennen und gleichzeitig ein gewisser abenteuerlicher Reiz. Was auch immer es war, sie wollte es nicht verlieren.
Während sie ihre Hand über Harrys Wange streichen ließ, beobachtete sie ihn genau. Seine krampfartigen Bewegungen ließen etwas nach, doch er atmete noch immer sehr unruhig und seine Hände krallten sich in die Decke.
Nellie strich ihm die schweißnassen Haare aus der Stirn und betrachtete die blitzförmige Narbe, die sich dort deutlich abzeichnete. Sie hatte sie schon vorher bemerkt und Harry danach gefragt, doch schien ihm das Thema nicht sehr zu behagen. Er hatte nur gemeint, dass er sich nicht erinnern könnte. Nellie hatte das Thema seit dem nicht mehr angesprochen.
Es gab so viele Themen, über die sie mit ihm nicht sprechen konnte.
Wenn sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass sie eigentlich gar nichts über Harry wusste. Was war mit seinen Eltern? Wo ging er zur Schule? Warum wohnte er ausgerechnet bei den Dursleys? Hatte er keine anderen Verwandten? Und warum erzählte er nie von seinen Freunden?
Es war so viel Seltsames an ihm, dass Nellie sich wunderte, dass sie trotzdem so gerne mit ihm ihre Zeit verbrachte. War es dieses Geheimnisvolle an ihm, das sie so anzog? War es vielleicht die Herausforderung, herauszufinden, was hinter Harry Potter steckte?
Ja, sie wollte gerne verstehen, wer er war. Besonders jetzt, nach allem, was sie durchgemacht hatten. Sie wollte wissen, was es mit ihm auf sich hatte.
Nellie wollte gerade aufstehen, um einen nassen Lappen zu holen, den sie ihm auf die fiebrige Stirn legen könnte, als seine Hand die ihre plötzlich umschloss. Seine Augen waren immer noch geschlossen. Er murmelte unzusammenhängende Dinge und Nellie vermutete, dass er Fieberträume hatte.
„Mum? Mum, geh nicht weg…" Harry drehte den Kopf von einer Seite auf die andere, als würde er nach jemandem suchen. Seine Hand klammerte sich an Nellies.
Das Mädchen wusste nicht, was es tun sollte.
Sollte sie den Fremden wecken? Es musste doch irgendwo Medizin geben. Doch alles, was Nellie in dem schwach erhellten Raum sehen konnte, waren seltsame Flaschen, mit denen sie nichts anfangen konnte.
Sie versuchte, ihre Hand aus Harrys Griff zu ziehen, um wenigstens an einen kühlen Lappen zu kommen, doch je mehr sie sich bemühte, ihre Hand frei zu bekommen, desto fester hielt Harry sie fest.
„Geh nicht weg. Bleib bei mir…." murmelte Harry. Seine Hand glühte von dem Fieber und der Schüttelfrost ließ ihn zittern.
Nellie konnte sich nicht dazu durchringen, den fremden Mann, der immer noch in dem dritten Bett schlief, zu wecken.
Sie sah Harry an und empfand plötzlich ein so tiefes Gefühl der Zuneigung, wie sie es sonst nur für ihre kleinen Schwestern empfand.
„Sch, ich bin hier, ich geh nicht weg," flüsterte sie schließlich, drückte Harrys Hand sanft und legte sich neben ihn.
Sie empfand dabei keinerlei Scham oder Beklemmung. Es schien für sie das Natürlichste der Welt zu sein, bei ihrem Freund zu liegen, ihn zu beruhigen und für ihn da zu sein.
Nellie hielt Harrys Hand fest, zog die Decke wieder über ihn, legte ihren Kopf an seine Schulter und spürte, wie sich seine Atmung immer mehr beruhigte, bis sich seine Brust schließlich gleichmäßig hob und senkte.
Sein Kopf lehnte an ihrem und Nellie schlief wieder ein.
