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Kapitel 6:
Die Sonne ging gerade an einem strahlend milden Himmel über London auf, als Harry erwachte. Das erste, was er wahrnahm, waren Schmerzen. Er konnte sich kaum bewegen, jedes Luft holen fühlte sich an, als würde ein Felsbrocken, der auf seiner Brust lag, ihn daran hindern.
Ihm war heiß, doch spürte gleichzeitig wie er vor Kälte zitterte.
Er wollte die Augen schon wieder schließen, als er eine Bewegung neben sich registrierte. Ganz langsam drehte er den Kopf auf die Seite. Er war schrecklich müde und spürte, dass der Schlaf ihn jeden Moment wieder überwältigen würde.
Sein Blick fiel auf einen braunen Strubbelkopf, der an seiner Schulter lag. Nellie war bei ihm. Das gab ihm ein Gefühl von tiefer Erleichterung.
Alles war doch noch gut geworden.
Mit diesem Gedanken überließ er sich wieder seinen wirren Träumen.
Remus fühlte sich an diesem Morgen um einiges besser. Er war froh, dass er Tonks' Rat befolgt hatte, der Schlaf hatte ihm wirklich gut getan.
Er stand auf und trat an Harrys Bett. Als er sah, dass das Muggel-Mädchen neben Harry lag, schmunzelte er.
Ganz sanft berührte er sie an der Schulter, um sie zu wecken. Nellie murmelte etwas im Schlaf, drehte sich halb um und blinzelte verschlafen in die Sonne, die durch das Fenster hereinschien.
„Guten Morgen," sagte Remus freundlich und zog seine Hand zurück. „Du solltest jetzt wieder in dein Bett gehen. Madam Pomfrey wäre nicht sehr erfreut, dich hier zu finden."
Nellie sah ihn etwas verwirrt an, drehte sich dann zu Harry, wurde ein bisschen rot und hüpfte zu ihrem Bett. Sie schlüpfte schnell unter ihre Decke und sah Remus an.
„Wie geht es Harry?" fragte sie ihn.
Remus sah etwas bedrückt aus.
„Nicht sehr gut."
„Aber seine Verletzungen sind doch ganz gut verheilt!" meinte das Mädchen und sah wieder zum Bett des Jungen.
„Die äußeren ja, aber die Inneren machen uns Sorgen. Madam Pomfrey tut, was sie kann, aber das Fieber wird ihr sicher nicht gefallen," meinte Remus nachdenklich und setzte sich neben Nellies Bett auf einen Stuhl.
„Madam Pomfrey?"
„Sie ist Krankenschwester und hat sich die ganze Zeit um euch beide gekümmert," erklärte der ältere Mann geduldig. „Ich würde dich gerne um einen Gefallen bitten," fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.
Nellie sah ihn misstrauisch an. Sie konnte sich denken, was er von ihr wollte. Aber sie hatte sich vorgenommen, dass sie für ihre Informationen auch welche zurückbekommen wollte.
„Ich werde Ihre Fragen beantworten, wenn Sie auch meine beantworten," sagte sie mit fester Stimme und fuhr sich mit den Fingern durch die strubbeligen Haare.
Remus sah sie aufmerksam an.
„Ich werde dir alle Fragen beantworten, auf die ich dir eine Antwort geben kann," antwortete er.
„Was so viel bedeutet wie, dass Sie mir nur das nötigste sagen werden. Richtig?"
„Ich sage dir das, was ich vertreten kann. Du musst aber auch verstehen, dass es für dich gefährlich ist, zu viel zu wissen."
„Gefährlich?" Nellie musste lachen. „Erzählen Sie mir bloß nichts von Gefahren! Davon hatte ich schon genug! Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten, aber ich lebe scheinbar ohnehin schon ziemlich gefährlich!"
Remus nickte und sah sie dabei immer noch freundlich an.
„Gut, ich werde sehen, was ich dir erzählen kann."
„Behandeln Sie mich nur nicht wie ein kleines Kind."
„Das würde ich nie tun." Remus blieb sehr ruhig, obwohl Nellie ihn immer bösartiger anfunkelte. „Würdest du mir bitte erzählen, was genau passiert ist?"
Nellie zog die Augenbrauen hoch und überlegte. Sollte sie diesem fremden Mann wirklich alles erzählen? So, wie es aussah, würde sie von ihm nicht alles erfahren, was sie gerne wüsste, also warum sollte sie dann offen sprechen?
Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Entschuldige bitte, Nellie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt," sagte Remus plötzlich und lächelte sie an. Dabei streckte er ihr eine Hand entgegen. „Mein Name ist Remus Lupin, ich war vor ein paar Jahren Harrys Lehrer und bin jetzt so eine Art Freund für ihn."
Nellie hatte seine Hand geschüttelt, sah aber immer noch skeptisch aus.
„Was heißt, so eine Art Freund?" fragte sie. „Sind Sie ein Freund oder nicht?"
Remus lachte wieder, auch wenn es etwas gezwungen wirkte.
„Ja, ich bin ein Freund. Harry bedeutet mir wirklich sehr viel, deshalb möchte ich gerne alles über diese Entführung wissen. Wo haben sie euch hingebracht? Was ist passiert? Wer war da?"
Nellie sah, dass es der Mann ihr gegenüber ehrlich meinte und beschloss, ihm alles zu erzählen.
„Ich kann mich nur an wenig erinnern, die meiste Zeit war ich ohnmächtig," begann sie.
„Erzähl mir einfach das, was du noch weißt," ermunterte Remus sie.
Nellie legte sich auf die Seite, zog sich die Decke bis zum Kinn hoch und begann alles zu erzählen, so wie sie es erlebt hatte.
Es war fast, als würde sie die Qualen noch einmal erleben.
Remus, der zu ahnen schien, wie schwer es ihr fiel, über das Erlebte zu sprechen, legte ihr eine Hand auf den Arm.
Als Nellie schließlich geendet hatte, liefen ihr Tränen über das Gesicht.
„Ich danke dir für deine Ehrlichkeit," sagte Remus und reichte ihr sein Taschentuch.
Nellie putzte sich die Nase und wischte die Tränen an ihrer Bettdecke ab.
„Können Sie mir jetzt sagen, was das alles zu bedeuten hat?" fragte sie schließlich und sah Remus auffordernd an. „Wer war dieser Mann? Und warum hat er uns so behandelt?"
Remus blickte sie lange nachdenklich an. Wie viel konnte er ihr sagen?
„Dieser Mann ist Lord Voldemort, zumindest nennt er sich heute so. Früher hieß er Tom Riddle." Nellie nickte verstehend. Sie erinnerte sich daran, dass Harry ihn die ganze Zeit ‚Tom' genannt hatte. „ Er ist ein sehr übler Geselle, eine Art Tyrann könnte man vielleicht sagen. Er ist schon seit langem hinter Harry her."
„Aber warum? Was hat Harry denn getan? Geht es dabei um Lösegeld oder so was? Und was sollte das mit dieser Prophezeiung?" Nellie fielen noch viel mehr Fragen ein, doch diese waren ihr erst mal am wichtigsten.
„Das sind alles Dinge, die ich dir nicht erklären kann. Es wäre zu kompliziert und du würdest es wahrscheinlich gar nicht verstehen," sagte Remus sanft.
Nellie funkelte ihn sofort wieder wütend an.
„Nicht verstehen? Was soll das denn heißen? Ich bin älter als Harry und er scheint es doch auch zu verstehen, oder nicht?"
„Es hat lange gedauert, bis wir alle diese ganze Geschichte richtig verstanden haben und ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir schon alles wissen." Remus sah wieder zu Harrys Bett rüber. Auch Nellie sah ihren Freund an. Harry hatte wieder begonnen, sich in seinem Bett hin und her zu werfen.
Remus stand auf, nahm einen Lappen aus der Wasserschüssel, die Madam Pomfrey auf den Nachttisch gestellt hatte und legte ihn Harry auf die fiebrige Stirn.
„Ist Harry gestern eigentlich noch aufgewacht?" fragte Remus plötzlich und sah Nellie an.
„Nein," brummte sie schlecht gelaunt. Es nervte sie, dass sie hier anscheinend wie ein dummes Ding behandelt wurde. „Er hat nur im Schlaf gesprochen."
Remus drehte sich zu ihr und sah sie fragend an.
„Nichts wichtiges," bemerkte Nellie sofort und hob abwehrend die Hände. „Er hat scheinbar von seiner Mutter geträumt."
Remus entspannte sich etwas, schien aber ein wenig enttäuscht. Er hatte Harrys Hand genommen.
„Was ist eigentlich mit seinen Eltern? Können Sie mir das wenigstens sagen? Er hat nie von ihnen gesprochen." Und mit einem beleidigten Unterton fügte sie hinzu: „Eigentlich hat er nie etwas von sich erzählt."
Remus blickte wieder zu ihr und schüttelte dann den Kopf.
„Das sollte er dir selber erzählen, wenn er dazu bereit ist."
Nellie stutzte. Etwas in seinem Tonfall verriet ihr, dass es sich diesmal nicht um eine Vorsichtsmaßname handelte, weswegen er ihr nicht antwortete.
„Nun, dann werden Sie mir aber wenigstens sagen können, wann ich wieder nach Hause kann."
Nellie wurde langsam ungeduldig. Sie fühlte sich in diesem Haus nicht wohl und wollte so schnell wie möglich hier raus. Doch wieder sah sie Remus Lupin traurig an.
„So einfach ist das leider nicht," begann er vorsichtig.
Nellie sprang vom Bett auf.
„Was soll das heißen? Ich werde ja wohl nach Hause gehen können, wenn ich will!" schrie sie. Es war ihr egal, ob sie Harry weckte oder sonst wen in diesem scheußlichen Haus.
„Beruhige dich, bitte!" bat Remus, der besorgt zu Harry sah. „Auch wenn du nicht verstehen kannst, warum, aber du bist in größerer Gefahr, als du denkst. Das habe ich vorhin schon versucht, dir zu erklären."
Nellie ballte die Fäuste und war bereit, sich auf diesen Mann zu stürzen, der sie schon wieder schulmeistern wollte.
„Wir vermuten, dass Voldemort noch immer nach dir suchen könnte. Es könnte sein, dass er hofft, durch dich ein weiteres Mal an Harry ran zu kommen."
Diesmal schaute Nellie ihn verblüfft an.
„Glauben Sie das im Ernst?" fragte sie etwas verwirrt. „Ich meine, zweimal würde doch niemand den gleichen Fehler machen. Kann er sich nicht denken, dass Sie damit rechnen werden?"
„Vielleicht, vielleicht aber auch nicht," Remus legte die Stirn in Falten. „Wir werden darüber noch entscheiden. Glaub mir, bitte, es ist nur zu deiner eigenen Sicherheit." Er war auf sie zu getreten und schob sie sanft wieder ins Bett. „Ich werde mal schauen, wo Madam Pomfrey bleibt." Damit war er auch schon verschwunden und Nellie mit ihren kreiselnden Gedanken alleine gelassen.
Warum hielt man sie hier fest? Warum erklärte man ihr nicht wenigstens warum? Schon wieder steckte sie in einem Gefängnis – sollte sie sich an den Zustand etwa gewöhnen müssen?
Der restliche Tag verging für Nellie nicht sonderlich amüsant. Die Krankenschwester kam in Remus' Begleitung kurz nach ihrem Gespräch ins Zimmer und wuselte zwischen den beiden Betten hin und her.
Sie erklärte Nellie, dass Harrys innere Verletzungen einen Wundbrand ausgelöst hätten, daher käme das Fieber. Aber nachdem sie sich mit einem Kollegen beraten hatte, war sie sich sicher, endlich das richtige Heilmittel gefunden zu haben. Insgesamt war sie mit Harrys Zustand recht zufrieden. Sein Fieber schien ihr wenig Kopfzerbrechen zu bereiten und tatsächlich konnte Nellie sehen, dass Harrys Gesicht zu glühen aufhörte, nachdem sie ihm einen seltsamen Trank eingeflößt hatte.
Was Nellie allerdings wirklich nervös machte, war die Tatsache, dass diese Krankenschwester keinerlei der ihr bekannten Heilmethoden zu praktizieren schien.
Nellie und ihre Schwestern waren oft genug krank gewesen um zu wissen, mit welchen Mitteln Ärzte so arbeiteten. Doch diese füllige Frau gebrauchte nur einen schmalen Holzstab, den sie über ihren Patienten kreisen ließ.
Das war allerdings nicht einmal das Verwirrendste. Nachdem Nellie dieses Holzstab-Kreisen eine Weile kommentarlos beobachtet hatte, war sie sich hundert Prozent sicher, gesehen zu haben, wie die Krankenschwester eine kleine Ampulle mit violetter Flüssigkeit einfach aus der leeren Luft hergezaubert hatte. Das war zu viel für ihre ohnehin schon strapazierten Nerven.
„Wie haben Sie das gemacht?" rief Nellie und fuchtelte mit den Händen in Madam Pomfreys Richtung.
Diese schien ehrlich verdutzt.
„Wie bitte? Was meinen Sie, meine Liebe?"
„Na, dieses Fläschchen, da, wie haben sie das ….. haben sie das grad…." Nellie wusste nicht, wie sie in Worte fassen sollte, was sie dachte. Es klang doch zu absurd zu sagen ‚hergezaubert haben'. Stattdessen fuchtelte sie nur noch etwas wilder durch die Luft.
Die Krankenschwester war sichtlich entsetzt, doch Remus schien zu verstehen und biss sich nachdenklich auf die Lippen.
„Könnte ich einen Moment mit Nellie alleine sprechen, Poppy?" bat er die Krankenschwester schließlich.
Madam Pomfrey schien davon nicht gerade begeistert zu sein und verließ nur unter Protest das Krankenzimmer.
„Das war Zauberei, richtig?" sprudelte es nun aus Nellie heraus, denn plötzlich begannen all diese klitzekleinen verwirrenden Puzzleteile in ihrem Kopf einen Sinn zu ergeben. Einen beunruhigenden vielleicht, aber doch einen Sinn. „Sie können zaubern, stimmt's?"
Nellie war sich nicht sicher, ob ihr dieser Gedanke gefiel, aber es beruhigte sie doch sehr, dass sie endlich eine Lösung gefunden hatte und nicht mehr länger an ihrem Verstand zweifeln musste.
„Das macht dann nämlich alles auf einmal Sinn!"
Remus sah sie lange nachdenklich an, dann nickte er schließlich.
„Ja, du hast tatsächlich Recht. Wir sind Zauberer."
Obwohl das genau die Antwort war, die Nellie sich erhofft hatte, war es doch wie ein Schock, sie zu hören. Mit weit aufgerissenen Augen drückte sie sich mit dem Rücken gegen die Wand, um so viel Abstand zu diesem Mann zu schaffen, wie ihr nur möglich war.
„Du brauchst keine Angst vor uns zu haben," versuchte Remus sie zu beruhigen. „Wir sind in dieser Sache die Guten."
„Dann ist Harry auch….ich meine…."
„Ja, genau."
„Aber warum hat er nie etwas erwähnt?"
„Hättest du ihm denn geglaubt?"
Nellie musste einen Moment lang nachdenken. Nein, sie hätte ihm nicht geglaubt, sondern hätte ihn für verrückt erklärt. Sie schämte sich etwas für ihre Frage.
Von diesem Mann schien nichts Gefährliches auszugehen, ganz im Gegenteil machte er auf sie eigentlich einen ganz vernünftigen Eindruck. Auch die Krankenschwester wirkte nicht bösartig und von Harry war ohnehin nie etwas Beunruhigendes ausgegangen.
Nellie entspannte sich und sah die beiden Männer, die sich mit ihr in dem Zimmer befanden, nacheinander an.
„Wenn er zaubern kann, warum konnte er uns dann nicht retten?" fragte sie schließlich. Die Frage erschien ihr mehr als angebracht. Wenn sie sich vorstellte, sie könnte zaubern, dann hätte dieser Voldemort ihr niemals so weh tun können.
„So einfach, wie du dir das vielleicht vorstellst, ist es mit der Zauberei leider nicht," meinte Remus und lächelte dabei. „Harry hatte seinen Zauberstab nicht bei sich und gegen Voldemort haben auch mit Zauberstab nur sehr wenige Zauberer eine Chance."
„Wollen Sie mir jetzt vielleicht ein bisschen mehr über diese ganze Sache erzählen?" fragte Nellie hoffnungsvoll. Vielleicht hatte er ja jetzt eingesehen, dass sie nicht so dumm war, wie er anscheinend dachte.
„Tut mir leid," war die kurze Antwort.
Dann kam die Krankenschwester wieder ins Zimmer zurück.
„Darf ich jetzt vielleicht wieder nach meinen Patienten sehen?" schnarrte sie wütend und ohne Nellie und Remus eines Blickes zu würdigen machte sie sich wieder daran, Harry weiter zu verarzten.
Am Abend kamen plötzlich mehrere Personen auf einmal ins Krankenzimmer, die Nellie alle nicht kannte. Sie zog sich die Decke bis über die Nasenspitze hoch und tat so, als würde sie schlafen.
Es waren sechs Besucher, die meisten von ihnen mit feuerroten Haaren, wie Nellie erkennen konnte, als sie kurz in die Richtung der Ankömmlinge blinzelte. Nur ein Mädchen hatte braunes buschiges Haar.
„Schhh," machte die ältere pummelige Frau. „Weckt sie nicht auf."
„Oh, er sieht schrecklich aus!" hörte Nellie eine Mädchenstimme und eine andere schluchzte leise.
„Diese miese Ratte," fluchte eine Jungenstimme.
„Ron, also bitte!" ermahnte ihn die ältere Frau. Sie hörte sich an, als wäre sie seine Mutter.
„Ist doch wahr!"
Nellie öffnete ein Auge einen Spaltbreit und konnte sehen, dass sich die Besucher um Harrys Bett gestellt hatten. Ein rothaariges Mädchen saß auf der Bettkante und hielt Harrys Hand. Auf ihrem Gesicht glänzten Tränen. Die ältere Frau stand direkt neben ihr und drückte sich ein Taschentuch gegen den Mund. Beide schluchzten. Ein älterer rothaariger Mann stand am Fußende und sah sehr erschöpft aus. Der Junge, Ron, stand neben dem braunhaarigen Mädchen, hatte ihr einen Arm um die Schultern gelegt und sah wütend aus. Das Mädchen weinte leise.
„Ich bin so froh, dass er wieder hier ist," flüsterte sie und verbarg ihr Gesicht an Rons Brust. Der fuhr ihr sanft durch die Haare.
„Kommt schon. Harry braucht Ruhe. Ihr könnt morgen wieder nach ihm sehen," sagte die ältere Frau und schob die anderen zur Tür. Die folgten nur widerwillig.
Das braunhaarige Mädchen sah in Nellies Richtung, die schnell ihr Auge wieder zukniff.
„Ich frage mich, warum Harry nie von ihr erzählt hat," sagte sie mit erstickter Stimme.
„Na, das würde ich auch gerne wissen," hörte Nellie die andere Mädchenstimme, die wohl zu der Rothaarigen gehören musste.
„Hör schon auf, Ginny," sagte das andere Mädchen. „Sei nicht so eifersüchtig."
„Du hast gut reden."
Die Stimmen verschwanden in den Gang hinaus und die Tür schloss sich.
Nellie dachte lange über das nach, was sie gehört hatte.
Diese Ginny musste Harrys Freundin sein. Natürlich hatte er eine Freundin! Wieso auch nicht? Aber warum hatte er nie von ihr erzählt? Eine Frage mehr, die sie sich merken wollte, um Harry bei der ersten Gelegenheit damit zu konfrontieren. Es waren mittlerweile schon richtig viele.
Diese Leute schienen Freunde von Harry zu sein, wahrscheinlich aus dieser Schule, die er nie erwähnte.
Warum war von ihren Freunden oder Verwandten niemand hier? Wusste überhaupt jemand, dass sie hier war?
Nellie nahm sich fest vor, diesem Remus Lupin bei der nächsten Gelegenheit noch ein bisschen zu löchern.
In dieser Nacht schlief Nellie sehr unruhig. Ständig sah sie dieses Gesicht mit den roten schlangenartigen Augen, spürte die Angst und die Kälte, und immer wieder diese Schmerzen. Nach einem besonders fiesen Alptraum fuhr sie mit einem lauten Schrei aus dem Schlaf auf und saß kerzengerade im Bett. Eine kühle Hand legte sich ihr sofort auf die Stirn und drückte sie wieder zurück in die Kissen.
„Ganz ruhig, meine Liebe, hier tut Ihnen niemand etwas an."
Diese Stimme war so besänftigend, dass Nellie nicht anders konnte, als sich wieder zu entspannen.
Das nächste Mal, als sie aufwachte, war das Zimmer wieder leer.
Remus war kurz zuvor in die Küche gegangen. Seitdem sich Harrys Zustand stabilisiert hatte, konnte er es vor sich selber vertreten nicht rund um die Uhr an seiner Seite zu sein. Er musste eine weitere Ordensversammlung vorbereiten.
Nellie lag wach und starrte aus dem Fenster. Draußen war es schon hell, doch ihr Blickfeld beschränkte sich auf den dicken Ast eines Baumes und eine Mauer. Sie war immer noch müde.
Sie ließ all das, was in den letzten Tagen geschehen war, noch einmal Revue passieren und versuchte sich zum wiederholten Male daraus ein Bild zu formen. Es nahm immer klarere Konturen an, doch machte es noch immer keinen wirklichen Sinn für sie.
Immer wieder drehten sich ihre Gedanken um Harry.
Wie auch immer sie die spärlichen Informationen, die sie hatte, drehte und wendete, er schien doch in all dem eine besondere Rolle zu spielen. Zum tausendsten Mal drängte sich ihr die Frage auf, wer dieser junge Mann eigentlich wirklich war. Sie wusste so wenig von ihm.
Nellie drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf eine Hand und blickte zu ihm hinüber. Sie starrte ihn an, als ob sie dadurch Antworten bekommen könnte. Doch stattdessen, blinzelte er und schlug auf einmal die Augen auf.
Harry bewegte die Hände und fuhr sich über das Gesicht. Er hatte fast keine Schmerzen mehr, konnte sich wieder bewegen, konnte atmen und fühlte sich auf erfrischende Art und Weise lebendig. Er sah sich in dem Raum um und erkannte ihn sofort. Es war keine Freude, die bei dieser Erkenntnis auf seinem Gesicht zu lesen war.
Sirius' Haus. Sein Haus. Hier wollte er eigentlich nicht sein.
Dann fiel ihm alles wieder ein. Die Todesser, Voldemort, der Keller – Nellie!
Sofort sah er sich um und sah sie, wie sie ihn aufmerksam betrachtete.
„Morgen, Schlafmütze," begrüßte sie ihn. Etwas an ihrem Tonfall verriet ihm jedoch, dass sie nicht wirklich so fröhlich war, wie sie sich anhörte. Wundern konnte Harry sich darüber aber nicht.
„Hey," antwortete er und richtete sich etwas auf. Sein Bein tat dabei etwas weh, aber es war erträglich.
„Bleib bloß liegen, sonst bekomme ich noch Ärger, dass ich dich nicht aufgehalten habe!" fuhr sie ihn an. „Diese Madam Pomfrey scheint nicht zu Späßen aufgelegt zu sein. Sie ist in letzter Zeit ein wenig überarbeitet."
Nellie grinste ihn an. Harry grinste zurück.
„Keine Sorge, zu größeren Aktivitäten bin ich grad nicht in der Lage."
„Gut so. Aber sprechen kannst du?"
Bei der Frage runzelte Harry die Stirn und sah sie verdutzt an.
„Wie bitte?"
„Na ja, jetzt, da du wohl wieder in der Lage bist, Worte zu Sätzen zu kombinieren, dachte ich mir, könntest du mir vielleicht ein paar Dinge erklären." Nellie sah ihn immer noch aufmerksam an. Sie versuchte, ihrer Stimme nichts Vorwurfsvolles zu geben, sondern einfach nur neugierig zu klingen.
„Keine Ahnung, was du damit meinst," antwortete Harry und sah sich nach einem Glas Wasser um.
Nellie, die das bemerkte, stand auf und holte ihm ein Glas Kürbissaft von dem Tablett am Fenster.
„Danke."
„Remus Lupin will mir nicht sagen, was das hier für ein Haus ist. Er will mir eigentlich gar nichts sagen. Würdest du das vielleicht übernehmen?"
„Lupin ist hier?" fragte Harry statt eine Antwort zu geben und war schon dabei aufzustehen, als Nellie wieder aufsprang und ihn zurück ins Bett schob.
„Liegen bleiben!" Ihre Stimme klang jetzt forscher und Harry wagte nicht zu widersprechen. So fit fühlte er sich noch nicht. Um ehrlich zu sein, fielen ihm die Augen fast schon wieder zu. „Und ja, er ist hier. Er war die ganze Zeit an deinem Bett, aber sie scheinen grad so was wie 'ne Versammlung zu planen."
Harry sank zurück in die Kissen und schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete saß Nellie auf seiner Bettkante und sah ihn durchdringend an.
„Harry, bitte, sag mir, warum Voldemort hinter dir her ist," ihre Stimme war jetzt etwas weicher geworden. Es war seltsam für Harry, dass sie hier neben ihm saß und Voldemorts Namen so normal aussprach, obwohl sie seine Grausamkeit am eigenen Leib kennen gelernt hatte.
„Das ist eine lange Geschichte. Kann das nicht warten?" er fühlte sich jetzt wirklich nicht in der Lage das alles zu erklären.
„Na gut," mit beleidigtem Gesichtsausdruck zog Nellie sich wieder auf ihr Bett zurück. „Behandelt mich ruhig alle wie ein nerviges Balg."
Harry zog die Augenbrauen hoch bei dieser Bemerkung.
„Ist doch wahr!" Nellies Wut kochte wieder hoch. Sie mochte Harry sehr gern, aber sie hatte eigentlich gedacht, dass er ihr behilflicher sein würden, nach allem, was sie durchgemacht hatten. „Glaubst du vielleicht ich merke nicht, dass mit dir irgendetwas seltsam ist? Auch wenn mir in diesem verdammten Haus niemand irgendetwas sagen will, kann ich mir doch ein bisschen was selbst zusammenreimen." Ihre Stimme wurde immer lauter. „Dieser Voldemort hat nach dir gesucht und ich nehme mal an, diese Männer, die bei mir zu Hause auftauchten, waren seine Anhänger. Sie haben dich aufgegriffen, als du bei mir warst, also konnten sie dich in dem Haus deiner Verwandten wohl nicht erwischen. Und mich haben sie scheinbar als eine Art Druckmittel mitgenommen." Nellie redete sich langsam aber sicher in Rage. „Hat aber nicht besonders gut geklappt, denn das, was dieser Typ von dir wollte, hast du ihm nicht gegeben, auch nicht, nachdem er uns gequält hat. Du hast irgendwas Besonderes an dir, irgendwas, das dieser Voldemort, oder Tom, haben will, deshalb hat er dich auch nicht getötet, obwohl ich mir sicher bin, dass er das gekonnt hätte." Nellie redete immer schneller. So vieles hatte sich in ihr aufgestaut, das sich jetzt einen Weg nach außen bahnte. „Und mich hat er nicht umgebracht, weil er vielleicht hoffte, dass ich ihm als Mittel zum Zweck noch gute Dienste leisten könnte. Ist es nicht so?" Nellie atmete ein paar Mal tief durch, während Harry sie sprachlos ansah.
„Schau nicht so dämlich!" Nellie wollte endlich Antworten haben. „Ist es nicht so?"
„Das hast du dir alles selbst zusammen gereimt?" Harry war beeindruckt.
„Und soll ich dir noch was sagen, was ich selbst herausgefunden habe?" Ihre Augen sprühten wütende Funken. „Du bist ein Zauberer, Harry Potter."
Einen Moment lang fühlte Harry sich an einen Tag vor fast 17 Jahren zurückversetzt, als ein hünenhafter Mann genau diesen Satz zu ihm gesagt hatte. Er musste schmunzeln. Das brachte Nellie nur noch mehr in Rage.
„Was gibt es da zu grinsen? Warum hast du mir das nie gesagt?" Schon wieder diese Frage, auf die sich die Antwort eigentlich selber geben konnte.
„Jetzt mach aber mal halb lang. Dass ich zaubern kann war nie wichtig, solange mich die Todesser in Ruhe ließen."
„Todesser? Nenne die sich so?" Nellie verzog angewidert das Gesicht.
„Allerdings. Und es bestand auch gar kein Grund, dass ich dir etwas davon erzählen musste. Du hättest mir doch eh nicht geglaubt. Außerdem, kannst du dir vielleicht vorstellen, dass ich diese ganze Sache mit diesem Scheißkerl mal hinter mir lassen wollte?" Jetzt begann Harry wütend zu werden. Nellie starrte ihn an. „Kannst du dir vorstellen, wie es ist, ständig verfolgt zu werden? Ständig mit dem Gedanken zu leben, dass man jedem Moment von hinten angefallen werden könnte? Es tat so gut, zur Abwechslung mal ein ‚normales' Leben zu führen, und sei es nur für ein paar Stunden." Nellies Augen waren immer größer geworden und ihr Mund stand offen.
„Nein, das kann ich nicht," sagte sie etwas kleinlaut. „Ist es wirklich so? Wirst du ständig verfolgt?"
„Na ja, entweder ist Voldemort mit seinen Todessern hinter mir her oder der Orden beschattet mich, um mich zu schützen," die letzten Worte kamen nicht ohne einen Anflug von Sarkasmus über seine Lippen.
„Der Orden? Was für ein Orden?"
Harry konnte nicht antworten, denn in diesem Moment ging die Tür auf und Remus Lupin kam herein. Als er sah, dass Harry wach war, strahlte sein Gesicht, er trat zu ihm, setzte sich auf die Bettkante und zog Harry in eine herzliche Umarmung.
Harry genoss dieses Zeichen der Zuneigung. Er hatte Remus seit der Hochzeit nicht gesehen und auch dort kaum eine Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen.
„Wie fühlst du dich?" fragte Remus und sah Harry aufmerksam an, während er ihn auf Armlänge von sich hielt.
„Ganz okay, glaub ich," Harry spürte die Müdigkeit wieder, lächelte Remus aber an. Er freute sich so, dass der andere hier war. „Es ist schön, dass du auch hier bist."
„Oh, ich bin nicht der einzige, die kompletten Weasleys sind auch hier, inklusive Hermine natürlich. Und wenn ich sage, die kompletten Weasleys, dann meine ich auch die kompletten," fügte Remus mit einem Grinsen hinzu.
„Auch Percy?" Harry konnte es nicht glauben.
„Nun, er war gestern mal kurz hier. Er hat sich jetzt auch entschlossen, auf unserer Seite zu kämpfen."
„Kämpfen?" kam es ungläubig von Nellies Bett.
Remus warf Harry einen vielsagenden Blick zu.
„Oh, schon klar, das ist wieder etwas von den vielen Dingen, die ich nicht verstehen würde," giftete Nellie und drehte sich mit dem Rücken zu den Männern.
„Wir haben heute Nachmittag eine Versammlung, in der wir entscheiden wollen, wie viel wir Nellie erzählen werden, und vor allem auch, ob sie zurück in ihr Haus kann," erklärte Remus an Harry gewand.
Der nickte nur. Er war furchtbar müde. Der kleine Streit mit Nellie hatte ihn erschöpft.
„Schlaf weiter, Poppy federt mich, wenn ich dich wach halte."
Mit diesen Worten schob Remus den Jungen ins Kissen zurück, zog ihm die Decke über die Brust und verließ den Raum wieder. Nicht, ohne sich an der Tür noch ein mal umzudrehen.
„Ich werde dir alles erklären, Nellie, das verspreche ich. Das bin ich dir schuldig," murmelte Harry.
„Was meinst du damit, das bist du mir schuldig? Du kannst doch nichts dafür, dass ich mich eingemischt habe. Das hast du selber gesagt," kam es gedämpft aus Nellies Decke.
„Du hast versucht, mir zu helfen, das weiß ich zu schätzen," Harry war schon fast eingeschlafen.
„Von wegen versucht," nuschelte Nellie. Harry hörte sie schon nicht mehr.
