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Kapitel 7:
Nellie wachte auf, als die Tür zum Krankenzimmer das nächste Mal geöffnet wurde. Das rothaarige Mädchen vom Vortag, Ginny, kam leise herein. Nellie rieb sich verschlafen die Augen.
„Oh, hab ich dich geweckt?" fragte Ginny und sah zu Nellie hin. Sie klang freundlich, aber distanziert.
„Schon okay, hab lang genug geschlafen," war Nellies Antwort.
Von den Stimmen der Mädchen war auch Harry aufgewacht. Als er Ginny sah, lächelte er und richtete sich im Bett auf. Sie setzte sich zu ihm und nahm schüchtern seine Hand.
Nellie spürte, dass sie hier störte. Sie räusperte sich, stand auf und ging auf die Tür zu.
„Ich brauche dringend eine Dusche und mal sehen, ob ich hier irgendwo ein paar frische Klamotten finde."
Ginny sah sie dankbar an. Harry grinste verlegen.
Als Nellie die Tür hinter sich zu zog konnte sie noch sehen, wie Harry Ginny in seine Arme zog. Warum fühlte sich das für sie so komisch an?
Im Gang sah sie sich erst mal um. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo hier das Bad war, geschweige denn, wo sie frische Kleider finden konnte. Also ging sie erst einmal die Treppe hinunter.
In den letzten Tagen hatte sie nur das kleine Zimmer zu sehen bekommen, in dem die beiden Teenager ihr Krankenlager hatten. Es wirkte sauber, aber irgendwie auch ungastlich.
Doch das, was sie nun vom Rest des Hauses zu sehen bekam, ließ sie sich in das kleine Zimmer zurückwünschen, wo Harry gerade mit seiner Freundin kuschelte. Bei dem Gedanken schüttelte sie den Kopf, um das Bild wieder zu vertreiben.
Alles hier war so düster, es gab keine fröhlichen Farben, nichts, dass auf irgendeine Art gemütlich wirkte. Sie hatte das Gefühl durch ein Geisterhaus zu laufen. Bei der Erinnerung daran, dass dieses Haus ja scheinbar von Hexen und Zauberern bewohnt wurde, wunderte sie das alles jedoch gar nicht. Wahrscheinlich war das in diesen Kreisen die übliche Wohnsituation.
Nellie blieb auf der Treppe stehen, als sie die aufgestellten Hauselfen-Köpfe sah. Es schüttelte sie vor Abscheu, doch zu einem heftigeren Gefühlsausbruch war sie vor Schreck nicht in der Lage.
Wo war sie hier nur gelandet?
Dieses Haus war einfach unheimlich. Es passte zu dem, was sie bisher von dieser ‚Zaubererwelt' kennen gelernt hatte, in die sie da so unwissend hineingestolpert war. Es passte nur nicht wirklich zu den Menschen, die sich darin aufhielten. Tatsächlich machte es ihr angst, doch sie wollte dieser Angst keine weiteren Angriffsflächen geben. Sie wollte stark sein und versuchen, all das irgendwie zu verstehen.
Während Nellie so auf der Treppe stand und sich unbehaglich umsah, hörte sie leise Stimmen aus den oberen Stockwerken. Es waren die von diesem Ron und seiner Freundin.
„Keine Ahnung wo sie ist, aber ich kann es mir schon denken," meinte der Junge leise.
„Sie hat sich solche Sorgen gemacht, Ron," antwortete das Mädchen. „Wenn ich mir vorstelle, dass du an seiner Stelle gewesen wärst, würde ich genauso reagieren."
„Ach, komm schon, Hermine, wie soll mich denn einer entführen?" brummte Ron. „Du hast doch gesehen, wie Mum das Haus und alle Bewohner bewacht. Sie kann echt schlimmer als ein Sicherheitstroll sein. Dass ich dich die zwei Tage besuchen durfte, war ja schon eine Meisterleistung."
Die beiden waren jetzt am Kopf der Treppe angelangt, auf der Nellie immer noch stand. Sie blieben stehen und einen Moment lang starrten sich die drei Teenager an. Nellie wünschte, sie hätte etwas anderes an, als diesen viel zu großen Schlafanzug. Weiß der Geier, wem der mal gehört hatte. Und ihre Haare mussten auch ganz fürchterlich aussehen.
„Hey," sagte sie daher nur etwas kleinlaut.
Das Mädchen, Hermine, lächelte sie freundlich an und kam auf sie zu. Ron sah etwas verlegen aus und kam langsamer hinterher.
„Du bist Nellie, richtig?" sagte sie. „Hey, ich heiße Hermine, das ist Ron." Sie deutete auf den rothaarigen Jungen, der neben ihr stehen geblieben war. „Wo willst du denn hin? Darfst du überhaupt schon aufstehen? Madam Pomfrey ist in der Küche, wenn du willst, hole ich sie." Hermine war schon fast auf dem Weg nach unten, als Nellie sie aufhielt.
„Nein, ich … ähm…musste mal kurz aus dem Zimmer raus. Ich hab, glaub ich, gestört," Nellie lächelte verlegen und verknotete ihre Finger. Warum wurde sie jetzt rot?
Ron machte ein seltsames Gesicht, aber Hermine lächelte verstehend und sah dann Ron an.
„Könnt ihr mir vielleicht sagen, wo das Bad ist? Und ich könnte ein paar neue Klamotten brauchen," sagte Nellie und zupfte an ihrem Oberteil, das mit braunen Kringeln gemustert war.
„Klar, komm mit," Hermine nahm sie an der Hand und führte sie wieder nach oben. Und an Ron gewandt fügte sie noch hinzu: „Du kannst ja schon mal vorgehen, wir kommen gleich nach."
„Ja, ja," brummte Ron und schlurfte die Treppe alleine weiter hinunter.
Zwei Treppen weiter oben öffnete Hermine eine Tür, die in ein großes luxuriös eingerichtetes Bad führte. Trotz riesiger Badewanne und vergoldeten Wasserhähnen hatte dieses Bad schon eindeutig bessere Zeiten erlebt. Einige Fliesen fehlten, die Spiegel hatten Kratzer und die Armaturen waren schlimm verkalkt.
„Was ist das hier bloß für ein Haus?" konnte sich Nellie bei dem Anblick nicht verkneifen zum wiederholten Male zu fragen. Sie rechnete schon nicht mehr mit einer Antwort.
„Das ist das Hauptquartier des Phönixordens," antwortete Hermine. Nellie sah sie erstaunt an. „Ich weiß, dass ich dir eigentlich gar nichts davon erzählen sollte, aber das hättest du sowieso irgendwann erfahren."
„Was ist das für ein Orden? Ist das so was wie eine Sekte?" Nellie wurde immer mulmiger. Hermine schien sehr nett zu sein und wirkte so normal wie ihre kleinen Schwestern. Doch, dass sie sich in ihrer Gesellschaft so unwissend fühlte, wie an ihrem ersten Schultag, gefiel ihr nicht.
Die andere lachte.
„Oh nein, auch wenn es hier wahrscheinlich nach so was in der Art aussieht," Hermine sah sich um. „Ich mag dieses Haus auch nicht. Eigentlich mag es, glaube ich, keiner so wirklich, aber es ist der sicherste Ort, den wir im Moment haben." Sie klang sehr nachdenklich.
Bevor Nellie Gelegenheit hatte, weitere Fragen zu stellen, hatte Hermine einen Holzstab gezückt, wie sie ihn schon bei Madam Pomfrey und Voldemort gesehen hatte. Sie schwenkte ihn und einen Moment später lagen ein paar ordentlich gefaltete Kleider für Nellie auf einem Schränkchen.
Nellie war zurückgewichen. Ihr behagte diese plötzliche Zauberei überhaupt nicht.
„Ich kann dir nicht mehr sagen. Heute Nachmittag findet eine Versammlung statt, vielleicht erfährst du danach mehr," sagte Hermine mit einem entschuldigenden Lächeln. „Wenn du fertig bist, komm einfach nach unten in die Küche. Du hast sicher Hunger?"
Hermine schloss die Badezimmertür hinter sich und ließ eine verwirrte und gleichzeitig wütende Nellie allein zurück, die sich nichts sehnlichster wünschte, als dass sie Harry niemals kennen gelernt hätte. Doch hasste sie sich gleichzeitig selber für diesen Wunsch.
„Ich hatte solche Angst um dich," hauchte Ginny Harry ins Ohr. Sie hatte sich in seine Arme gekuschelt und schmiegte ihr Gesicht an seinen Hals. Harry streichelte ihr Gesicht und atmete den Duft ihres Haares tief ein.
Sie hatte ihm gefehlt. Er brauchte sie, das merkte er jetzt. Doch stand sein Entschluss immer noch fest.
„Es ist ja alles noch mal gut gegangen," sagte er nur. Er fürchtete den Tag, an dem sie erkennen musste, dass sie in seine Pläne nicht mit einbezogen wurde. Er wollte sie doch nur schützen!
Ginny legte ihren Kopf in den Nacken und sah ihm tief in die Augen. Harry legte seine Hände an ihr Gesicht und zog sie zu sich. Ihre Lippen berührten sich sanft.
Er hatte ein schlechtes Gewissen, während er ihre Nähe genoss. Hatten sie nicht beide gewusst, worauf sie sich einließen? Er musste mit ihr sprechen, irgendwann. Aber nicht jetzt.
Nach einer Weile setzte Ginny sich aufrecht hin und sah ihn aufmerksam an.
„Was hast du jetzt eigentlich vor?" fragte sie gerade heraus. Nach all den Jahren, die sie nun schon mit Harry verbrachte, kannte sie ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er nicht untätig bleiben würde. Nicht nach allem, was passiert war.
Er hatte an ihrem letzten Tag in Hogwarts erklärt, dass er nicht in die Schule zurückkehren würde. Sie konnte sich Hogwarts ohne Harry gar nicht vorstellen. Er hatte aber auch gesagt, dass sie nicht länger zusammen sein durften. Doch hier waren sie, immer noch beisammen. Konnte er seine Meinung, Hogwarts betreffend, nicht vielleicht auch wieder ändern?
„Was meinst du," fragte Harry zurück, der immer noch ihre Hände in den seinen hielt.
„Was meine ich wohl? Was wirst du jetzt wegen …Vol-, wegen Du-weißt-schon-wem unternehmen?" Dieser Name bereitete ihr immer noch Unbehagen, auch wenn Hermine sie alle immer wieder dazu anhielt, ihn endlich auszusprechen.
Harry ließ ihre Hände los und zog sich die Decke wieder unters Kinn. Er hatte damit gerechnet, dass seine Freunde ihn irgendwann danach fragen würden. Mit Hermine und Ron würde er vielleicht über seine Pläne sprechen. Er hatte immer alles mit ihnen geteilt. Er war es gewohnt, dass sie an seiner Seite standen. Mit Ginny war es irgendwie anders. Sie wusste nichts um die Horkruxe. Er wollte nicht, dass sie sich selber in Gefahr brachte, um bei ihm zu sein.
„Ich weiß noch nicht," sagte er deshalb ausweichend, merkte jedoch gleich, dass sie ihm nicht glaubte. „Hab mich noch nicht entschieden."
Ginny war mit der Antwort nicht zufrieden.
„Und wirst du wieder zur Schule kommen?"
„Wird sie denn wieder geöffnet?" Harry hatte darüber noch nicht nachgedacht. Für ihn war Hogwarts ohne Dumbledore nicht Hogwarts.
„Dad meint, es gäbe schon Kandidaten für den Schulleiter-Posten," erzählte Ginny. „Es ist ziemlich sicher, dass sie wieder aufgemacht wird. Unsere Bildung muss weiterhin gefördert werden," äffte sie einen Artikel nach, der vor Kurzem im Tagespropheten veröffentlicht worden war.
„Hm, ich weiß noch nicht," sagte Harry, obwohl er sich eigentlich schon dagegen entschieden hatte.
Ginny hatte keine Lust weiter mit Harry zu diskutieren und kuschelte sich stattdessen lieber wieder zu ihm unter die Decke.
Die Dusche hatte Nellies Lebensgeister wieder geweckt und als sie die Klamotten anzog, die Hermine ihr gezaubert hatte, fühlte sie sich fast wieder wie die ‚alte' Nellie. Die Kleider hatte sie lange skeptisch angestarrt, bevor sie sie erst einmal einzeln untersucht hatte. Aber es schien damit alles in Ordnung zu sein, also hatte sie sie schließlich übergezogen.
Als sie sich danach aber die Zähne putzte, bekamen ihre neu gewonnenen Lebensgeister gehörig eins übergebraten.
„Kämm dir mal die Haare, junge Dame!" tönte es plötzlich ermahnend aus dem Spiegel.
Nellie spuckte vor Schreck den gesamten Inhalt ihres Mundes auf das Spiegelglas.
„Also bitte, was sind das denn für Manieren?" beschwerte sich die Stimme aus dem Spiegel. Nellie konnte ihn nur anstarren und brachte kein Wort heraus.
Als Nellie später in die Küche kam war der lange Holztisch in der Mitte gut besetzt. Einige der Rothaarigen, die sie am Vortag gesehen hatte, aber auch ein paar, die sie noch nicht kannte, saßen da und sahen ihr neugierig aber freundlich entgegen. Hermine saß auch dabei. Es gab aber auch noch anders farbige Köpfe, die sich ihr zuwendete, darunter ein grasgrüner.
„Du musst ja halb verhungert sein, Schätzchen. Komm, setz dich, ich mach dir erst mal ein ordentliches Frühstück." Die ältere rothaarige Frau von gestern war auf sie zugekommen, hatte sie in eine mütterliche kurze Umarmung gezogen und auf einen Stuhl am Tisch geschoben. Nellie war diese plötzliche körperliche Nähe zu der fremden Frau sehr unangenehm, erst recht aber die vielen fremden Augen, die sie anstarrten.
Die Frau war hier anscheinend voll in ihrem Element, denn hinter ihr begann sie nun mit verschiedenen Töpfen und Pfannen zu hantieren. Als Nellie einen Blick über die Schulter in ihre Richtung warf, hielt sie eines dieser Zauberstöckchen in der Hand, die hier so beliebt waren, und als daraufhin Schüsseln und Lebensmittel durch die Luft segelten, musste Nellie nach Luft schnappen. Schon wieder diese Magie. Sie zog den Kopf ein und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie am liebsten davon gelaufen wäre.
„Guten Morgen," begrüßte sie schließlich die junge Frau mit den grasgrünen Haaren. „Ich bin Tonks. Ich hab euch beide hierher gebracht." Tonks streckte ihr eine Hand entgegen.
„Hey," war Nellies schwache Antwort als sie zaghaft die Hand schüttelte.
In den nächsten Minuten wurden ihr auch noch alle die anderen Gesichter am Tisch vorgestellt, während sie gleichzeitig von Mrs Weasley einen Teller mit Rührei, Toast und Pfannkuchen vorgesetzt bekam. Auf diese Weise lernte sie fast alle Weasleys kennen und den halben Orden, wobei sie von dem ja immer noch nichts wusste. Madam Pomfrey war nach Hogwarts zurückgereist, um ihre Vorräte an Heilkräutern wieder zu erneuern.
„Wo bleiben eigentlich Fred und Georg? Wollten die nicht auch kommen?" fragte Ron und schaute hungrig auf Nellies Teller, den sie noch kaum angerührt hatte.
„Die kommen erst zur Versammlung. In ihren Laden ist gestern eingebrochen worden, hast du das nicht mitbekommen?" meinte Charlie und sah seinen jüngsten Bruder kopfschüttelnd an.
„Nein! Im Ernst?" Ron war fassungslos. „Warum erzählt mir das keiner? Mensch, ich bin volljährig und ihr behandelt mich wie Ginny!"
„Dann solltest du dich auch wie ein Volljähriger benehmen, Bruderherz," sagte Charlie amüsiert. „Ich erinnere dich nur an gestern Abend, als du die halbe Küche unter Wasser gesetzt hast, nur weil du Tee aufsetzen solltest." Alle am Tisch lachten, nur Ron nicht. Seine Ohren färbten sich dunkelrot. Hermine legte ihm lachend eine Hand auf den Arm.
„Nein, im Ernst, es ist soweit bei den beiden alles in Ordnung, keine große Sache," erkläre Bill, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. „Waren wohl nur ein paar Kinder, die ihre Vorräte auffrischen wollten."
Nellie hörte dem Gespräch unbeteiligt zu. Diese Menschen waren ihr fremd, auch wenn sie sehr nett wirkten. Sie brauchte bei fremden Leuten immer etwas Zeit, um sich an sie zu gewöhnen. Sie war so nervös, dass sie begann, an ihren Fingernägeln zu kauen. Wenn das ihre Mutter sehen würde!
Zum Glück schien sie niemand dazu drängen zu wollen, sich am Gespräch zu beteiligen oder auch nur viele Fragen zu beantworten. Obwohl sie selber so einige hatte, die sie gerne loswerden würde. Aber sie traute sich nicht.
„Worum geht es eigentlich heute in der Versammlung," fragte Hermine schließlich.
„Ja, und können wir dran teilnehmen?" ergänzte Ron.
„Nein, natürlich nicht," erwiderte Mrs. Weasley scharf. „Ihr seid immer noch in der Schule."
„Wenn es denn noch eine gibt," brummte Ron.
„Ron hat recht, Mrs. Weasley, vielleicht gibt es ja gar keine Schule mehr, außerdem haben wir jetzt schon so oft mit dem Orden zusammen gekämpft, sollten wir dann nicht auch wenigstens an den Versammlungen teilnehmen dürfen?" Hermine wählte ihre Worte sehr sorgfältig. Nellie bewunderte sie dafür, dass sie so offen mit der älteren Frau sprach, die sehr streng wirkte. Diese runzelte unwillig die Stirn.
„Ich denke, was Miss Granger sagt, ist gar nicht so unsinnig, Molly," knurrte der alte Mann am Kopf der Tafel, den Nellie nicht so genau sehen konnte. Einen Moment lang überlegte sie, wen er eigentlich meinte. „Wir brauchen im Augenblick jeden, der einigermaßen in der Lage ist, für unsere Sache zu kämpfen."
Schon wieder ging es ums ‚Kämpfen'. Herrschte hier etwa Krieg oder so was?
Mrs. Weasley schnappte hörbar empört nach Luft.
„Jetzt hör aber auf, Molly, sie sind keine Kinder mehr und haben oft genug bewiesen, wie fähig sie sind." Mad-Eye Moody hatte sich über den Tisch nach vorne gelehnt. Nellie blickte zu ihm und verschluckte sich prompt an einem Stück Rührei, dass sie sich gerade in den Mund geschoben hatte. Das eine Auge dieses Mannes rotierte! Sie hustete und Remus neben ihr klopfte ihr auf den Rücken.
Ron hatte sich inzwischen an seine Mutter gewandt.
„Mum, sieh es ein, wir werden im Orden mitmachen, ob du das willst oder nicht. Wir lassen Harry nicht im stich." Er klang dabei plötzlich sehr erwachsen. Das schien auch seine Mutter zu bemerken, denn auf einmal hatte sie Tränen in den Augen und sah ihren Sohn gerührt an.
Hermine nickte ernst.
Nellie verstand nichts von dem, was hier gesprochen wurde. Nach dem Anblick dieses scheußlichen Auges war ihr der Appetit vergangen und sie schob ihren Teller von sich weg.
„Entschuldigen Sie mich bitte," murmelte sie, stand auf und verließ die Küche.
Die Ordensmitglieder sahen ihr etwas verwirrt hinterher.
„Armes Mädchen, das alles hier muss für sie ganz schrecklich sein," meinte Mrs. Weasley mitfühlend.
„Glaub ich auch," sagte Tonks. „Sie würde sicher gerne wieder in ihre Welt zurückkehren."
„Da wird wohl eher nichts draus," grummelte Moody.
„Na, das darfst du ihr dann aber erklären," warf Remus ihm entgegen. „Sie wäre sicher hoch erfreut."
Nellie wanderte eine Weile still durch das dunkle Haus und entdeckte dabei immer mehr Details, die ihren Wunsch, von hier wegzukommen, nur noch verstärkten. Die Portraits an den Wänden zischten ihr leise Verwünschungen hinterher, ein Türgriff im Erdgeschoss zwickte sie schmerzhaft in die Hand und das Treppengeländer war mit kunstvoll geschnitzten Holzschlangen verziert, die Nellie so täuschend echt vorkamen, dass sie sich auf dem Weg nach oben ängstlich an der Wand entlang schob. Wie konnten diese Leute hier nur leben? Und wieso war sie plötzlich so verdammt ängstlich? Wem gehörte dieses Haus bloß? Wer konnte an so etwas gruseligem Gefallen finden?
Nellie war nach ihrem weichen Bett zumute, in dem sie sich unter der Decke verkriechen und von zu Hause träumen konnte. Und von Polly. Der Gedanke an das kleine Frettchen schnürte ihr das Herz zusammen. Wie ging es ihrer Freundin? Hatte sie den Angriff überlebt?
Als Nellie ihr Zimmer jedoch betreten wollte, sah sie, dass Ginny immer noch bei Harry war, so dass sie die Tür sofort wieder schloss.
Warum bereitete ihr das so ein Unbehagen?
Sie beschloss, noch die oberen Stockwerke zu besichtigen. Auf ihrer Wanderung begegnete ihr noch so viel Magie, dass Nellie sich schon fast daran gewöhnte. Kerzen begannen urplötzlich zu brennen, als sie an ihnen vorbeikam, ein Umhang, der an einem Haken an der Wand eines Zimmers hang, stürzte sich auf sie, als sie eintrat und eine Tür verlangte ein Passwort, bevor sie sich öffnen wollte. An zischenden und murmelnden Bildern mangelte es auch hier oben nicht.
Als Nellie schließlich im obersten Dachgeschoss angekommen war, kratzte ihr Hals von dem vielen Staub ganz fürchterlich und sie öffnete ein Dachfenster, um etwas frische Luft zu atmen. Als sie sich aus dem Fenster lehnte und auf die schmuddelige Straße vor dem Haus hinunter blickte, bemerkte sie Trittstufen, die auf dem Dach neben dem Fenster zum Schornstein führten. Sie nahm sich vor, das nächste Mal dort hoch zu klettern, doch jetzt hatte sie Durst und war erschöpft.
Auch wenn Ginny immer noch an Harry kleben sollte, würde sie sich dieses Mal nicht abwimmeln lassen. Sie war schließlich immer noch Patientin hier und brauchte jetzt Ruhe.
Das Mittagessen nahm Nellie gemeinsam mit den anderen Bewohnern des Hauses in der Küche ein. Nur Harry hatte von der Schulkrankenschwester strengste Bettruhe auferlegt bekommen, weswegen er brummelnd alleine im Zimmer blieb. Nellie hätte ihm liebend gerne Gesellschaft geleistet, aber Hermine konnte sie überreden, mit nach unten zu kommen („Das wird sicher lustig.").
Es war tatsächlich eine lustige, gesellige Runde, die da am Küchentisch beisammen saß und sich die Köstlichkeiten von Mrs. Weasley schmecken ließ. Alle plauderten, lachten und schienen bester Dinge zu sein. Aus den Gesprächen konnte Nellie heraushören, dass das in erster Linie an Harrys Wiederauftauchen lag. Ein Puzzleteilchen mehr in Nellies Bild. Harry musste für all diese Leute hier einen weit höheren als nur einen emotionalen Wert haben.
Mrs. Weasley unterhielt sich gerade mit Hermine und Bill über ägyptische Zauberergeschichte. Charlie war mit seinem Vater und Tonks in ein Gespräch über die Arbeit im Zaubereiministerium vertieft ( ‚Es gibt ein Ministerium für Zauberei?') und Ron vergnügte sich damit, sich einen Löffel Kartoffelbrei nach dem anderen in den Mund zu schaufeln. Am Ende des Tisches war Mad-Eye Moody (‚Wie gut dieser Name doch passt') mit zwei anderen Ordensmitgliedern, denn das mussten sie wohl sein, in eine geflüsterte Diskussion vertieft. Ginny saß Nellie gegenüber und erzählte ihr gerade von Bill und Fleurs Hochzeit.
„Sie kann eigentlich echt nett sein, wenn sie will, aber die meiste Zeit ist sie einfach nur…" und dabei streckte sie ihre Stupsnase betont grazil in die Höhe und tat sehr pikiert. Nellie musste lachen.
„Wo ist sie denn gerade?" fragte sie Ginny.
„Oh, sie hat wieder angefangen zu arbeiten, bei unserer Bank. Sie kommt aber am Wochenende her," erklärte sie. „Außerdem kann sie sich ja so schlecht von ihrem Billy trennen." Ginny sah ihren Bruder frech an. Die Mädchen lachten und Nellie fühlte sich schon viel wohler.
„Wie lange bist du denn schon mit Harry zusammen?" traute sie sich deshalb zu fragen.
„Oh, nicht lang, etwa zwei drei Monate," erzählte Ginny und nahm sich eine Portion Grießbrei, den ihre Mutter gerade auf den Tisch gestellt hatte. Nellie nickte. Irgendwie wollte sie das doch nicht wissen.
„Kann ich eigentlich bei dieser Versammlung später dabei sein?" wendete sie sich an Remus Lupin, der ein paar Plätze entfernt saß.
„Madam Pomfrey meinte, du solltest dich noch schonen, und das sei zu viel Aufregung für dich," sagte der mit ehrlich bedauernder Miene. „Tut mir leid."
Nellie wollte nicht schon wieder bockig wirken und nickte wieder nur.
Nachdem sich alle satt gegessen hatten, wurde noch Kaffee und Tee gekocht und die Gesellschaft amüsierte sich damit, sich gegenseitig nette kleine Zaubereien vorzuführen.
Hermine verwandelte die Salz- und Pfefferstreuer in niedliche kleine Meerschweinchen, die aufgeregt quiekten, Tonks ließ sich Elefantenohren wachsen und Remus veranlasste das verbliebene Besteck dazu, Salsa zu tanzen. Die Stimmung war sehr ausgelassen und auch Nellie konnte fröhlich über Mr. Weasley lachen, der auf der Tischplatte dazu den Takt trommelte.
Als Ron es dann noch bewerkstelligte, dass seine Serviette sich in einen Vogel verwandelte (darüber staunte nicht nur er in erheblichem Maße), wurde Nellie immer mutiger.
Sie nahm sich auch ein paar Servietten und begann, daraus kleine Kunstwerke zu falten, ganz ohne Zauberstab. Eine Rose, ein Häschen und anschließend noch ein kleines Schiffchen. Die anderen am Tisch staunten nicht schlecht. Mrs. Weasley war besonders von der hübschen Rose angetan und Ron bekam den Mund gar nicht mehr zu. Hermine und Ginny waren sofort Feuer und Flamme, das auch auszuprobieren.
„Das grenzt ja fast schon an Magie," grinste Bill, der seinen Versuch, eine Rose für Fleur zu falten, zerknüllte und Ron an den Kopf warf.
