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Kapitel 8:
Nach dem Mittagessen war Nellie bereit, sich auf alles einzulassen, was in diesem Haus noch auf sie warten würde. Auch wenn das Ambiente nicht unbedingt stimmte, so war dieser Orden scheinbar gar nicht so übel.
Doch auch dieses Mal bekam ihre neu erlangte gute Laune einen Dämpfer.
Sie war gerade mit Ginny und Tonks dabei, den Tisch abzuräumen. Hermine und Ron waren mit etwas Nachtisch zu Harry gegangen. Die restlichen Anwesenden unterhielten sich in verhaltenem Ton.
„Das machen sie immer, wenn jemand von uns Schülern anwesend ist," erklärte ihr Ginny und verdrehte dabei die Augen. Nellie nickte. Also war sie nicht die einzige hier, der nicht alles erzählt wurde.
Ein lautes Scheppern ertönte und Tonks lag der Länge nach auf dem Küchenboden, einen Stapel saubere Töpfe um sich herum verteilt.
„Alles in Ordnung," rief sie und rappelte sich auf. „Das war Absicht!"
Mrs. Weasley runzelte die Stirn, während die jüngere Frau die Töpfe wieder einsammelte.
Nellie ging auf den Tisch zu, an dem Remus und Mr. Weasley die Köpfe zusammen gesteckt hatten.
„Er wurde seit dem nicht mehr gesehen, sag ich dir," flüsterte Remus. „Welche Beweise willst du noch…."
Der Mann verstummte als Nellie näher trat und die leere Gemüseplatte vom Tisch nahm. Sie blickte ihn böse an.
„Nicht doch, lassen Sie sich von mir nicht unterbrechen," meinte sie sarkastisch und schmiss dabei ganz zufällig eine Flasche Butterbier um, die ihren Inhalt in Remus' Schoß ergoss. „Entschuldigung."
Mr. Weasley runzelte die Stirn, wobei er seiner Frau alle Ehre machte, doch Remus lächelte nur und hatte das Malheure mit seinem Zauberstab schon wieder beseitigt.
Nellie spürte schon wieder Zorn.
„Hören Sie," fing sie an und versuchte, höflich zu klingen. „Ich werde dieses Haus verlassen, auch wenn Sie es nicht wollen. Es sei denn, Sie könnten mir einen sehr guten Grund nennen, das nicht zu tun."
Nellie drehte sich um, reichte Mrs. Weasley die Platte und verließ die Küche.
Sie hatte diese Heimlichkeiten satt.
Harry langweilte sich, während alle in der Küche saßen und sich wahrscheinlich prächtig amüsierten. Er war ein wenig im Zimmer auf- und abgelaufen und hatte dabei festgestellt, dass er sich schon fast wieder wie der alte fühlte. Sein Bein, das mehrfach gebrochen gewesen war, tat noch etwas weh und ihm wurde schnell schwindelig, aber sonst ging es ihm prima.
Während er anschließend wieder auf seinem Bett saß und aus dem Fenster sah dachte er daran, wo er in diesem Moment eigentlich sein wollte.
An dem Abend, als er sich von Nellie verabschieden wollte, hatte er eigentlich geplant, nach Godric's Hollow abzureisen. Er wollte die Gräber seiner Eltern besuchen und von dort aus mit der Suche nach den restlichen Horkruxen beginnen. Obwohl er keine Ahnung hatte, was ihn in dem alten Haus seiner Familie erwarten würde, hatte sein Entschluss doch festgestanden. Dem war er inzwischen aber noch um keinen Meter näher gekommen.
Doch aufgeschoben war bekanntlich nicht aufgehoben. Vielleicht konnte er hier, im Hauptquartier, noch ein paar wichtige Informationen bekommen, die ihm bei seiner Suche helfen würden. Vielleicht würde er in diesem Haus (er versuchte nicht zu denken, in ‚Sirius' Haus) ein paar Nachforschungen anstellen können.
Ja, er würde die Zeit, die er nun schon mal hier verbringen musste, gut nutzen.
Ob er seine beiden besten Freunde mitnehmen wollte, hatte er noch nicht entschieden. An dem Abend im Ligusterweg hatte er vorgehabt, alleine zu gehen, doch jetzt, da sie wieder um ihn waren, genoss er den Gedanken, sie bei sich zu haben.
Während er so an Ron und Hermine dachte, und all die Abenteuer, die sie schon gemeinsam erlebt hatten, betraten die beiden den Raum. Harry freute sich über den Nachtisch und stürzte sich sofort darauf.
„Wann fängt die Versammlung denn an?" fragte er zwischen zwei Löffeln Erdbeerauflauf.
„Sobald alle da sind," Hermine sah etwas nervös aus.
„Was ist los?" fragte Harry sofort, der seine beste Freundin gut genug kannte.
Hermine sah zu Ron. „Wir dürfen heute das erste Mal an der Sitzung teilnehmen," sagte sie schließlich und sah auf ihre Finger.
Harry ließ den Löffel fallen.
„Im Ernst?" war alles, was er herausbrachte. „Ich auch?"
„Madam Pomfrey würde im Quadrat springen, wenn du aufstehst," sagte Hermine schnell und sah Ron hilfesuchend an.
„Echt wahr, man, du hättest sie heute Morgen hören sollen," sagte der und sah Harry bestürzt an. „Sie hat geschworen, dass sie dich eher ans Bett fesseln will, als das zuzulassen."
„Das ist mir so was von egal," regte Harry sich auf. „Wenn ihr dabei seid, werde ich das auch!"
„Harry, es geht nur um die Entscheidung, was mit Nellie passieren wird," versuchte Hermine ihn zu beruhigen. „Remus wird alles erzählen, was ihr beide ihm berichtet habt. Das ist alles, das ist für dich doch eh nicht so interessant. Ich meine….ähm…..du warst schließlich auch da." Sie wurde rot und verknotete ihre Finger nervös.
„Und warum geht ihr dann hin, wenn es nicht so interessant ist?", fragte Harry beleidigt.
„Nun, wir wollen so was wie ein Beispiel setzen," erklärte Ron und warf sich dabei wichtigtuerisch in die Brust. „Dass auch wir Verantwortung übernehmen können und so was, du weißt schon."
Hermine sah ihn mit erhobenen Augenbrauen an.
„Da ist noch was anderes, was ich dir unbedingt erzählen muss," versuchte sie dann das Thema zu wechseln. Sie bemerkte, dass Harry noch weiter darüber diskutieren wollte, ob er auch ein Recht hätte, Verantwortung zu übernehmen.
„Ich habe in den letzten Tagen ein bisschen nachgeforscht und habe was ziemlich interessantes über Godric's Hollow herausgefunden," sprach sie weiter und hatte nun die ungeteilte Aufmerksamkeit der beiden jungen Männer.
„Du hast mir davon ja gar nichts gesagt," meinte Ron eingeschnappt.
„Weil es für dich nicht die gleiche Bedeutung hat, wie für Harry. Außerdem hörst du es ja jetzt, oder nicht?"
Harry hob die Hand, um Rons Einwände zu unterbinden.
„Hört auf, ihr beiden! Hermine, nun erzähl schon!"
„Also, ich bin alle alten Geschichtsbücher durchgegangen, die ich in die Finger bekommen konnte und habe dabei…."
In diesem Augenblick kam Nellie ins Zimmer. Hermine verstummte sofort. Nellie, die merkte, dass sie hier störte, verdrehte angewidert die Augen und verschwand wieder.
„Oh, ich hatte gehofft, dass das nicht passiert," meinte Hermine niedergeschlagen, als die Tür hinter dem Muggel-Mädchen zufiel.
„Was passiert?", fragte Harry, der sich auch nicht besonders wohl fühlte, bei dem Gedanken, wie Nellie sich wohl gerade fühlte.
„Ach, merkst du das etwa nicht?" fuhr sie ihren besten Freund an. „Niemand hier spricht offen mit ihr, alle haben vor ihr Geheimnisse – wie würdet ihr euch denn fühlen, wenn ihr an einem Ort festgehalten würdet, den ihr nicht kennt, der euch unheimlich ist und an dem euch niemand sagt, warum ihr eigentlich hier sein müsst?"
Ron schien über die Frage nachzudenken, Harry wirkte geknickt.
„Heute Abend können wir ihr vielleicht mehr erzählen," meinte Harry.
„Vielleicht," war Hermines schlichte Antwort. „Aber noch mal auf Godric's Hollow zurück. Harry, ich habe herausgefunden, dass du ein sehr entfernter Verwandter von Godric Gryffindor bist."
Nach diesen Worten herrschte erst mal Stille. Die beiden Jungen starrten Hermine mit offenen Mündern an. Die schien die Wirkung ihrer Worte wiederum ein Stück weit zu genießen.
„Wie bitte?" kam es von Harry und Ron gleichzeitig.
„Seid ihr taub?"
„Das kann doch gar nicht sein, Hermine," meinte Ron. „Hätte Dumbledore das nicht gewusst? Er hätte Harry doch sicher davon erzählt."
„Genau! Besonders nachdem ich das Schwert von dem aus dem Hut gezogen hatte. Damals in der Kammer des Schreckens."
„Aber genau das ist doch der beste Beweis dafür, dass ich Recht habe," sagte Hermine. „Nur du, als rechtmäßiger Erbe, konntest es dort herausziehen! Verstehst du das nicht? Außerdem besteht eure Verwandtschaft über so viele verschlungene Ecken, dass man schon gar nicht mehr von einer Blutsverwandtschaft sprechen kann." Hermine klang sehr aufgeregt. „Wisst ihr, es war wirklich großer Zufall, dass ich darauf gestoßen bin. Ein Archivar in der Winkelgasse hat mich darauf gebracht. Aber egal, was ich meine ist, dass Dumbledore vielleicht gar nichts davon wusste."
Harry musste diese neue Information erst einmal verdauen. Was bedeutete das für ihn? Änderte das irgendetwas? Und warum hatte Dumbledore das nie erwähnt? Konnte es sein, dass er tatsächlich davon nichts gewusst hatte?
„Wirst du das dem Orden erzählen?" fragte er schließlich Hermine. In seinem Kopf drehte sich alles
„Erst mal nicht," antwortete sie. „Ich möchte vorher noch ein paar Dinge überprüfen."
„Überprüfen?" Ron sah sie erstaunt, aber gleichzeitig auch beeindruckt an. „Ehrlich, Hermine, du solltest nach der Schule Spionin werden oder so was, in Dinge aufspüren bist du echt große Klasse!"
Hermine lief rosa an und grinste beschämt.
„Wir werden doch dorthin gehen, oder?" wandte sie sich erneut an Harry. „Nach Godric's Hollow, mein ich?"
„Wir?" Harry fühlte sich mit der Frage konfrontiert, die er sich selber noch nicht beantwortet hatte.
„Natürlich, wir," Ron war es, der antwortete. „Du sagtest bei der Beerdigung, dass du da hin willst und wir sagten, wie kommen mit, also nennt man das wohl ‚wir'."
Harry musste grinsen. Seine beiden besten Freunde würden sich an seine Fersen heften, was auch immer er tat und der Gedanke, sie bei sich zu wissen, tat ihm gut.
„Natürlich, wir," sagte er deshalb und erntete zufriedene Gesichter. Die Entscheidung war ihm gar nicht schwer gefallen und sie fühlte sich gut an.
Die drei unterhielten sich noch eine Weile über Hermines Entdeckung, bis das Mädchen ihren Freund schließlich beim Arm nahm.
„Wir sollten mal nach unten gehen, sonst fangen sie doch noch ohne uns an."
Mit einem unsicheren Blick auf Harry standen die beiden auf.
„Schon okay, aber ich will nachher genauestens Bericht, verstanden?" Harry rutschte in seinem Bett wieder tiefer unter die Decke.
„Alles klar, man," antwortete Ron noch, bevor Hermine ihn aus dem Zimmer gezogen hatte.
Nellie hatte sich in die Bibliothek im Erdgeschoss zurückgezogen. Obwohl sie sich beim Mittagessen so gut amüsiert hatte, gingen ihr doch immer noch alle aus dem Weg.
Überall, wo sie auftauchte verstummten Gespräche, wurden unsichere Blicke ausgetauscht. Das gefiel ihr nicht. Sie wusste, dass der Orden in der Versammlung, die jeden Moment beginnen sollte, über ihren weiteren Verbleib entscheiden würde und ärgerte sich, dass man sie dabei ausgeschloss.
Sie hatte sogar überlegt, sich einfach dazu zu setzen und sich zu weigern, wieder zu gehen, doch hätten ihre Energiereserven dafür nicht ausgereicht. Eigentlich wollte sie sich hinlegen, doch sogar in ihrem Zimmer herrschten Heimlichkeiten, die sie ausschlossen.
Nellie fühlte sich so einsam, wie sie sich noch nie in ihrem Leben gefühlt hatte.
Sie hatte Hermine, Harry und Ron noch einen Moment lang von außen durch die Tür hindurch belauscht, doch nichts Interessantes gehört. Nur noch mehr verwirrende Namen. Warum verheimlichte man ihr Dinge, die sie doch nicht verstand? Remus Lupin schien doch recht zu haben damit, dass sie diese ganze Sache nicht verstehen würde.
Weil sie nicht wusste, wie sie sich am besten die Zeit vertreiben sollte, hatte sie wahllos ein paar der dicken Bücher durchgeblättert, die hier in riesigen Regalen darauf warteten, gelesen zu werden.
Auf- und Abstieg unbekannter Flüche war das erste gewesen, doch hatte sie es schnell wieder weggelegt, als sie die Illustrationen gesehen hatte. Einfach widerlich! Als nächstes hatte sie sich Genealogie und wofür wir sie brauchen vorgenommen. Der Titel hatte harmlos geklungen und hatte sich als totlangweilig entpuppt. In Ein Leben ohne Zauberei und wie ich es überlebt habe hatte sie etwas länger gelesen und es recht amüsant gefunden.
Sie hatte es aber ebenfalls zur Seite gelegt, als sie Schritte im Flur hörte und leise Stimmen, die sich gegenseitig zur Eile ermahnten.
Nellie hatte den Kopf aus der Bibliothek gestreckt und konnte gerade noch einen blauen Umhang erkennen, der in der Küche verschwand.
Ihr Entschluss war schnell gefasst und sie schlich sich zur Küchentür, legte ein Ohr dagegen und lauschte. Sie konnte zwar nur bruchstückhafte Sätze verstehen, doch reichte ihr das völlig. Sie wollte endlich wissen, wann sie aus diesem Alptraum wieder verschwinden konnte. Und sie wollte nicht darauf warten, bis sich jemand erweichte und ihr des Zeitpunkt gnädigerweise mitteilte.
In der Küche war Kingsley als letzter eingetroffen. Alle Anwesenden unterhielten sich miteinander und erörterten diese und jene Themen.
„Jetzt ist aber genug geschwatzt!" donnerte schließlich die Stimme von Moody in die Versammlung und rief alle zur Ruhe. „Wir haben einiges zu besprechen und ich habe keine Lust hier ewig festzusitzen, weil manche denken, dass hier wäre eine gemütliche Party!" Dabei sah er Tonks vorwurfsvoll an, die sich fröhlich mit Arabella Figg unterhalten hatte.
Niemand wagte es jetzt noch, mit seinem Nachbarn zu sprechen und alle sahen den alten Auror aufmerksam an.
„Remus kann uns gleich erzählen, was das Muggel-Mädchen und Harry über die Entführung zu berichten hatten. Wir sollten uns dann auch noch darüber beraten, was mit dem Mädchen passieren soll. Wir sind uns ja wohl alle einig, dass sie nicht einfach so nach Hause geschickt werden kann." Moody sah jeden einzelnen mit seinen beiden unterschiedlichen Augen an.
Remus trat vor und berichtete ausführlich, was die beiden Teenager ihm über die Ereignisse in dem Keller erzählt hatten.
Nachdem er geendet hatte, brach ein kleinerer Tumult aus, während dem die verschiedensten, haarsträubendsten Theorien aufgestellt wurden, was es mit diesem fremden Mann und dem Portschlüssel auf sich haben könnte.
„Das kann doch nur Severus gewesen sein!" rief Kingsley. „Wer sonst könnte die Wachen so einfach austricksen?"
„Dieser Hurensohn?" schrie Elphias Doge. „Der würde doch niemals einem Muggel-Mädchen helfen."
„Könnte dieses Mädchen sich das alles nicht nur eingebildet haben?"
„Vielleicht ist jemand von außerhalb dort hinein appariert?"
„Könnte dieser Malfoy Junge was damit zu tun haben?"
„Malfoy?" Ron war schneller auf den Beinen, als Hermine ihn zurückhalten konnte. „Dieses kleine Stück Drachenmist?"
Hermine zog ihn wieder auf den Stuhl zurück. Niemand schien von seinem Ausbruch größere Notiz genommen zu haben.
„Diese Schreierei bringt uns nicht weiter," rief Remus schließlich und hob die Hände. Die Anwesenden beruhigten sich wieder. „Es ist jetzt auch erst einmal nebensächlich, wer das war. Wichtiger ist eher, was es mit diesem Buch auf sich hat."
Er hob das braune Notizbuch hoch, so dass es jeder sehen konnte.
„Hat einer von euch eine Vermutung, was diese Worten zu bedeuten haben könnten?" er las das vor, was er entziffern konnte, erntete dafür aber nur Kopfschütteln und Schulterzucken.
In diesem Punkt, der Remus als ein wichtiger Schlüssel in diesem ganzen Rätsel erschien, waren sie noch immer keinen Millimeter weiter gekommen.
Remus ließ das Buch sinken und kehrte an seinen Platz neben Tonks zurück, die aufmunternd seine Hand ergriff.
„Wenn dazu nichts mehr zu sagen wäre, würde ich vorschlagen, dass wir überlegen, was aus dem Mädchen und ihrer Familie wird," nahm Moody das Thema wieder auf.
„Ihrer Familie?" rief Mrs. Weasley. „Was meinst du damit, Alastor?"
Der rollte mit den Augen. „Wir nehmen an, dass Voldemort (ein Keuchen und Zusammenzucken durchlief die Küche), das Muggel-Haus ein weiteres Mal besuchen könnte, was für alle dort Lebenden gefährlich sein dürfte, das brauch ich ja wohl niemandem zu erklären."
„Aber wo soll sie denn hin?"
„Ihre Familie wird wohl am sichersten sein, wenn wir sie umsiedeln, das dürfte kein Problem darstellen," sagte Remus, der wieder aufgestanden war. „Schwieriger dürfte wohl die Frage zu beantworten sein, wo Nellie bleiben soll."
Molly schlug sich eine Hand vor den Mund und riss ungläubig die Augen auf. Tonks sah ihren Freund entsetzt an.
„Du meinst doch nicht etwa, dass sie nicht zu ihrer Familie zurück darf, Remus?" fragte sie.
Remus sah sie mit traurigem Blick an.
„Genau das wird das Beste sein," übernahm Moody die Antwort. „Voldemort könnte das Mädchen aufspüren, wir wissen alle, dass das nicht besonders schwierig ist. Und es ist einfacher, einen Menschen zu schützen, als fünf."
Bis zu diesem Punkt der Versammlung hatte Nellie wie erstarrt an der Küchentür gelehnt und sich ein Ohr platt gedrückt.
Ihr waren viele der Dinge, die sie gehört hatte, noch immer suspekt, doch dass sie ihre Familie nie wiedersehen sollte, war zu viel für sie gewesen. Wie konnte irgendjemand glauben, sie würde sich damit abfinden können? Wie konnte irgendjemand von ihr erwarten, dass sie ihre Familie verließ?
Sie war von der Tür zurückgewichen und starrte auf das alte Holz. Dann drehte sie sich um, rannte auf die Haustür zu, riss sie auf und wollte hinauslaufen. Sie musste hier weg, und das schnell, bevor sie jemand aufhalten konnte.
Ihr war, als würde sie gegen eine Gummiwand laufen, die sie mit Wucht wieder in den Flur zurückwarf. Sie landete hart auf dem Boden, ihr blieb die Luft weg. Doch sie stand sofort wieder auf und versuchte ein weiteres Mal durch die Tür hindurch ins Freie zu rennen.
Wieder wurde sie zurückgeschleudert und diesmal knallte die Haustür mit lautem Krachen ins Schloss und ließ sich von Nellie, die wieder aufgesprungen war, nicht mehr öffnen.
Laut fluchend schlug sie mit Händen und Füßen auf die Tür ein.
„Verdammte Tür, lass mich raus!"
Eine Sekunde später war Nellie nicht mehr die einzige, die im Flur wütete und fluchte. Das Portrait von Mrs. Black war aufgewacht und schrie, dass sich Nellies Nackenhaare kräuselten.
„Verfluchte Blutsverräter, Sittenpack, Lumpengesindel, raus aus meinem Haus!" schrie das Portrait, das eine dicke hässliche alte Frau beheimatete.
Es war Nellie bisher nie aufgefallen, weil es hinter einem Vorhang verborgen war.
Nellie starrte die Frau entsetzt an.
„Unwürdige Schlammblüter, Missgeburten, Verräter! Und jetzt auch noch Muggel!" Die Frau starrte Nellie mit einem Abscheu an, der das Mädchen erschaudern ließ.
Nellie hatte keine Ahnung, was sie mit ‚Muggel' meinte, erkannte es jedoch als eine Art Schimpfwort.
Lange hielt Nellies Starre nicht an. Zuviel Wut hatte sich in ihr aufgestaut, als dass sie sich diese Gelegenheit entgehen lassen konnte.
„Maul halten, du bescheuerte alte Mumie!" brüllte sie. „Giftnatter! Liebend gerne würde ich dein beknacktes Haus verlassen!"
Die Küchentür war aufgesprungen und Remus kam heraus gerannt, Ron und Hermine hinter sich. Er machte sich sofort an den Vorhängen zu schaffen und versuchte, sie wieder vor das Bild zu ziehen. Ron sprang ihm zu Hilfe.
„Wie kannst du es wagen, du wertloses, dummes Schlammblut!" keifte das Portrait.
„Ich wage, was ich will!" schrie Nellie zurück, die rot angelaufen war und die Fäuste ballte.
„Was für eine Schande, in meinem eigenen Haus! Verschwinde hier, besudle nicht das ehrwürdige Haus meiner Ahnen!"
„Du kannst mir gar nichts befehlen, du verkalkte, dämliche, siffige Kamelscheiße!" Nellie war in Beleidigungen nie sehr kreativ gewesen. „Du läufst wohl nicht mehr ganz rund, mich so blöd von der Seite anzumachen?"
Ron, Remus und Hermine sahen Nellie entsetzt an. Auch das Portrait von Mrs. Black schien es die Sprache verschlagen zu haben.
Ron warf jetzt einen Blick auf das alte Bildnis, stutzte dabei und zog schließlich den Vorhang zu.
Ohne irgendeine Reaktion abzuwarten, rannte Nellie die Treppen nach oben, bis unters Dach. Dort kletterte sie durch das Fenster, die Trittstufen hinauf und setzte sich hinter den Schornstein. Hier war das Dach etwas flacher und sie ließ sich nach unten rutschen, bis sie auf dem Rücken lag und in den bewölkten Abendhimmel blickte.
Sie atmete schwer, fühlte sich elend und spürte wieder die Verletzungen, die doch eigentlich gut verheilt waren. Sie spürte ihr Herz rasen und versuchte sich zwanghaft zu beruhigen.
Was würde jetzt passieren? Sie konnte das Haus anscheinend nicht verlassen.
Sie hatte schreckliches Heimweh! Nellie begann haltlos zu zittern und legte sich die Arme um den Körper. Sie rollte sich so eng es ging zusammen und begann zu schluchzen. Sie wollte doch nur nach Hause!
Aus dem Schluchzen wurde ein Weinen und Nellie konnte sich nicht gegen die Flut an Tränen wehren, die über ihr zusammenbrach. So weinte sie sich selber in den Schlaf.
Die Zeit verging während Nellie dort oben auf dem Dach lag und ihr Kreislauf immer noch auf Hochtouren lief. Es begann zu regnen und wurde immer kühler, doch das Mädchen hatte keine Kraft mehr alleine vom Dach hinunter zusteigen. Sie nahm um sich herum nichts mehr wahr, sah nur die Gesichter ihrer geliebten Familie vor sich, die sie vielleicht nie wieder sehen sollte.
