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Kapitel 9:
Ron achtete gar nicht auf Nellie, die wütend die Treppen nach oben rannte. Er war mit etwas ganz anderem beschäftigt.
Er musste dringend zu Harry.
Während Remus wieder zur Versammlung zurückkehrte, rannte er die Treppe hinauf, Hermine keuchte hinterher.
„Ron, was ist denn los?"
Sie stolperte mit hochrotem Kopf ins Zimmer und atmete schwer, als Ron schon dabei war, Harry aus dem Bett zu ziehen. Der war über das Verhalten seines Freundes nicht weniger überrascht als sie.
„Was soll denn das?" fragte er und versuchte, seinen Arm aus Rons Griff zu befreien. „Was ist denn in dich gefahren?"
„Komm schon," Ron war ganz aufgeregt. „Ich muss dir was zeigen. Das wird dich umhauen!"
„Ich hau dir gleich eine runter, wenn du nicht sofort sagst, was los ist," erboste sich Hermine, die die Hände in die Hüften gestemmt hatte und immer noch damit beschäftigt war, nach Luft zu ringen.
„Ihr seht es ja gleich," quengelte Ron. „Kommt einfach mit. Es ist wirklich wichtig!"
Harry hatte sich einen Morgenmantel übergezogen und schwankte ein wenig. Ron fasste ihn unter dem Arm und zog schon wieder an ihm.
„Mach dich nicht lächerlich," beschwerte Harry sich und kam sich vor wie ein Invalide. „Ich kann alleine gehen."
So zogen die Drei los, die Treppe nach unten. Hermine und Harry hinter Ron, der geheimnisvoll tat. Vor dem Vorhang, hinter dem das Portrait von Mrs. Black verborgen war, blieb er stehen.
„Soll das ein W….," begann Harry, wurde aber von der streitlustigen ehemaligen Hausherrin unterbrochen, die Ron soeben wieder geweckt hatte, indem er den Vorhang zur Seite zog.
„Ruhestörer, Gossengören! hat man hier nie seine Ruhe?"
Harry und Hermine hielten sich die Ohren zu, doch Ron sah sehr mit sich zufrieden aus, während er das Portrait betrachtete. Als seine Freunde jedoch nicht zu begreifen schienen, gestikulierte er aufgeregt zum Bild.
„Seht ihr denn nicht ihren Schmuck?" rief er über das Gekeife der Frau hinweg.
Die Küchentür war wieder aufgegangen. Diesmal kam der halbe Orden heraus und sah sehr verärgert aus. Als Remus die Drei vor dem Portrait stehen sah, zog er die Augenbrauen hoch und sah sie fragend an.
Hermine und Harry starrten jedoch nur Mrs. Black an, die sich bereits heiser schrie. Genauer gesagt, starrten sie auf ihren Hals. Harry verstand, was Ron meinte und traute seinen Augen kaum.
Fred und George hatten sich inzwischen mit vereinten Kräften an den Vorhängen zu schaffen gemacht und es endlich geschafft, Mrs. Black zum Schweigen zu bringen, indem sie sie wieder zuzogen.
Nachdem nun Ruhe eingekehrt war, richteten sich alle Augen auf die drei Teenager, die sich gegenseitig Blicke zuwarfen.
„Was hat das zu bedeuten," knurrte Moody, der wegen der zweiten Störung der Sitzung sehr aufgebracht war. „Und was suchst du hier unten?" Er deutete auf Harry.
„Ich wollte ihm nur zeigen….." begann Ron, wurde aber von Harry unterbrochen.
„Wir wollten eigentlich in die Bibliothek, Ron meinte, er habe ein interessantes Buch über….Ahnenkunde gefunden," sagte er und bedeutete seinem Freund stumm, den Mund zu halten. „'Tschuldigung, dass wir die geweckt haben," er nickte in die Richtung des Bildes.
„Wir sind eh fast fertig," meinte Remus daraufhin und war schon wieder auf dem Weg zurück in die Küche. Die anderen folgten.
Harry, Ron und Hermine gingen jedoch zurück ins Krankenzimmer.
„Hättest du nicht wenigstens den Muffliato benutzen können?" maulte Hermine, der es gar nicht gefallen hatte, sich vor den Ordensmitgliedern so bloßstellen zu lassen. „Dann hätten wir sie vielleicht ein wenig befragen können."
„Das sagst gerade du?" ereiferte sich Ron. „Du hast dich doch immer so gegen die Hexereien des Halbblutprinzen gewehrt. Oh, wie gut kann ich mich noch dran erinnern: ‚Dieser Halbblutprinz ist ein ganz böser Schurke," äffte Ron Hermine nach, die immer wütender wurde.
„Im Gegensatz zu dir kann ich allerdings eine Situation differenzieren," sagte sie mit gefährlich zusammengekniffenen Augen. „So was nennt sich Situationsanalyse, wovon du bekanntlich ja wenig verstehst."
Harry, der mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war, achtete nicht auf seine beiden Freunde, die sich jetzt böse anfunkelten. Ron hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben. Hermine warf sich demonstrativ die Haare aus dem Gesicht und trat ans Fenster.
Eine Weile sagte niemand etwas.
„Das ist unglaublich!", meinte Harry schließlich und seine Stimme unterstrich seine Ungläubigkeit.
„Nicht wahr?" Ron, der sich schnell wieder gefasst hatte, war sehr mit seiner Entdeckung zufrieden. Er versuchte Hermines Schnauben zu ignorieren.
„Seid wann weißt du das?" fragte Harry ihn und setzte sich aufs Bett.
„Hab's erst vorhin entdeckt," erzählte Ron grinsend. „Als Nellie diese kleine Auseinandersetzung mit der alten Black hatte."
„Nellie hatte mir ihr eine Auseinandersetzung?"
„Oh, ja, du hättest die Beiden hören sollen," Ron konnte sich ein Lachen nicht mehr verkneifen. „Wundert mich allerdings, dass du es nicht gehört hast. War laut genug."
Harry, der davon nichts mitbekommen hatte, schüttelte den Kopf. Das war jetzt aber nicht wichtig.
„Das war das Medaillon, richtig?" fragte Ron aufgeregt und setzte sich neben Harry. „Du weißt schon, das, was du mit Dumbledore aus dieser Höhle holen wolltest."
Harry, der bei dem Gedanken an den Ausflug mit seinem Schulleiter den Kopf hängen ließ, nickte.
„Ja, es sieht genauso aus."
Harry hatte das nachgemachte Medaillon, das er und Dumbledore aus der Höhle geborgen hatten, lange genug mit sich herum geschleppt, in den Händen gehalten und betrachtet, um es stets wieder zuerkennen. Auch wenn es nur eine Fälschung war, hatte es doch große Ähnlichkeit mit dem echten Schmuckstück, das Harry zweimal in Dumbledores Denkarium gesehen hatte. Und hier war es plötzlich wieder. Harry war sich sicher, diesmal das Original vor sich gehabt zu haben. Das Zeichen Slytherins war eindeutig erkennbar gewesen.
Harry war sich darüber im Klaren, dass es sich hier nur um ein Portrait handelte. Das Schmuckstück war nicht tatsächlich greifbar nah, aber er hatte einen Anhaltspunkt zu einem weiteren Horkrux.
„Wie könnte sie da dran gekommen sein?" fragte Ron, der sich auf den Rücken gelegt hatte.
„R.A.B.," ertönte Hermines Stimme vom Fenster her. Sie stand mit dem Rücken zu den Jungen, drehte sich nun aber um. Ihre Wut auf Ron schien verflogen zu sein, „Das stand doch unter diesem Zettel, der in dem falschen Medaillon steckte, nicht wahr, Harry?"
„Ja, stimmt," antwortete der verwirrt.
„Die Initialen müssen für Regulus Black stehen," fing Hermine an.
„Sirius' Todesser Bruder," beendete Harry ihren Satz. Seine Fäuste waren geballt, ohne dass er es bemerkte.
„Genau," Hermine sah ihn besorgt an und sprach weiter. „Er muss das Medaillon hier im Haus versteckt haben und nach seinem Tod hat seine Mutter es gefunden. Wahrscheinlich hielt sie es für eine Art Ehre oder so, ein Erbstück des berühmten Salazar Slytherin zu tragen und ließ sich damit portraitieren."
Hermine verfiel wieder in Schweigen und runzelte nachdenklich die Stirn.
„Das würde zu ihr passen," murmelte Ron. „Sich mit fremden Federn schmücken, etwas Ruhm von anderen einheimsen."
Hermine blickte ihn schmunzelnd an.
„Wo hast du das denn aufgeschnappt?" fragte sie. „Das ist aus einer Muggel-Fabel."
„Keine Ahnung," meinte Ron schulterzuckend. „Vielleicht hast du es mal erwähnt?"
Harry hatte der kurzen Unterhaltung seiner Freunde wieder nicht zugehört, sondern dachte über das Medaillon nach.
„Könnte es dann nicht noch irgendwo hier im Haus sein?" fragte er schließlich.
Ron war sofort aufgesprungen.
„Das wäre möglich! Wir durchsuchen einfach alle Zimmer! Das wird wie'ne Schnitzeljagd!"
Hermine klatschte plötzlich in die Hände.
„Erinnert ihr euch noch an das erste Mal, als wir hier im Haus waren und alles putzen mussten?" fragte sie und man sah ihr an, dass sie auf etwas ganz bestimmtes hinaus wollte. Ihre Wangen glühten wieder, doch diesmal vor Aufregung.
„Oh, man, erinnere mich nicht daran," brummte Ron. „Den Schimmelgeruch hab ich immer noch in der Nase."
„Ach, als ob du so besonders ordentlich geputzt hättest," hänselte Hermine ihn.
Ron, der schon zu einer Erwiderung Luft holte, wurde von seiner Freundin überfahren, die einfach weiter sprach.
„Wir haben damals ein Medaillon gefunden, wisst ihr noch?"
Harry und Ron sahen beide verdutzt aus, sprach doch aus ihren Gesichtern die mangelnde Erinnerung.
„Wie kannst du dir nur all solche Sachen merken?" Ron war wieder mal von Hermine beeindruckt.
„Reine Übung," konterte die. „Keiner von uns konnte es damals öffnen."
Immer noch keine Reaktion der beiden Jungen. Hermine verzog enttäuscht den Mund.
„Ihr solltet wirklich was für euer Gedächtnis tun, sonst vergesst ihr irgendwann mal im richtigen Moment zu atmen," meinte sie gehässig.
„Wenn dein Gedächtnis so unglaublich toll ist, dann sag uns doch einfach, worauf du hinaus willst," Ron, der sich nicht gerne zurechtweisen ließ, hatte sich wieder aufs Bett gefläzt und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nun, ich denke, wir können davon ausgehen, dass wir damals diesen Horkrux in den Händen hielten!" antwortete Hermine. „Doch bin ich mir ziemlich sicher, dass er nicht mehr hier ist," fuhr sie etwas kleinlauter fort.
Harry sah sie vorwurfsvoll an. Einen Moment vorher hatte er noch daran gedacht, wie viel Zeit und Ärger er sich mit dieser Entdeckung ersparen konnte.
„Und wofür dann die ganze Aufregung?"
„Mensch, Harry, überleg doch mal," Hermine hatte ihren McGonagall-Blick aufgesetzt und sprach auch fast schon wie die Professorin. „Wer hat letztes Schuljahr das Silbergeschirr mit dem Familienwappen der Blacks verhökert?"
Bei Harry ging ein Licht auf. Sofort veränderte sich sein Gesichtsausdruck wieder. Zuerst war es Erleichterung, da er nun wohl doch noch an den Horkrux heran kommen konnte. Dann veränderte er sich wieder in grollenden Zorn.
„Dieser miese kleine Dieb," zischte er zwischen zusammen gebissenen Zähnen.
„Dung?" Ron sah zwischen seinen Freunden hin und her.
„Wer sonst?" fragte Hermine und sah ihn verwundert an. „Wer würde sogar seine eigene Mutter verkaufen, um an Schnaps zu kommen? Außerdem hat er damals mitbekommen, was wir alles an Schmuck und Silber gefunden haben. Als das Haus so lange leer stand, war es für ihn ein leichtes, sich die Sachen unter den Nagel zu reißen."
„Aber der Kerl kann das Medaillon an jeden verkauft haben!"
„Nun, zumindest wissen wir, wo er sich aufhält."
„Stimmt," meldete sich Ron wieder zu Wort. „Er sitzt immer noch in Askaban. Dad hat erzählt, dass demnächst Verhandlungen stattfinden sollen."
„Eben. Wir brauchen also nur einen Besuchstermin und können ihn fragen, an wen er das Medaillon verkauft hat."
Hermine setzte sich zu den Jungs aufs Bett und sah sehr zufrieden aus.
„Na, dein Wort in Gottes Ohr, Hermine, dass das so einfach wird," meinte Harry wenig überzeugt.
Allein der Gedanke, nach Askaban zu gehen, um mit jemanden zu sprechen, gefiel ihm überhaupt nicht. Aber dann auch noch mit Mundungus Fletcher? Er konnte sich nicht entscheiden, was von beidem schlimmer war. Aber es war ein Anhaltspunkt und den musste er nutzen! Es war eine Spur, der er nachgehen würde, sobald er hier weg konnte.
Die drei Freunde begannen nach einer Weile über die letzte Ordenssitzung zu sprechen, als Fred und George ins Zimmer kamen.
„Was war denn mit euch beiden los?" fragte George in gespielt erbostem Ton. „Erst werft ihr alle Ordensregeln über den Haufen, dass ihr an der Versammlung teilnehmen dürft…"
„….und dafür, alle Achtung!.." ergänzte Fred.
„….und dann haut ihr einfach so mitten drin ab?"
„Haben wir was wichtiges verpasst?" fragte Hermine sofort nach.
„Nun, einen kleinen Wutausbruch von Moody…"
„…einen netten kleinen Ich-habs-euch-doch-gesagt-Aussetzer von Mum…."
„….und einen Schlichtungs-Versuch von Remus, sonst nichts weiter."
„Und, was habt ihr jetzt eigentlich wegen Nellie entschieden?" wollte Harry wissen.
„Na ja," begann Hermine. „Ihre Familie soll umgesiedelt werden und Moody meinte, dass es das Beste wäre, wenn Nellie erst mal nicht zu ihnen zurückkehrt. Aber bevor das entschieden wurde, war der kleine Zwischenfall mit Mrs. Black."
„Sie darf nicht zu ihrer Familie zurück?" Harry war entsetzt. Nellie hatte immer so liebevoll von ihren Eltern und ihren Schwestern erzählt, dass diese Nachricht für sie ein Schock sein würde. „Das kann doch nicht euer Ernst sein!"
„Moody ist das vollkommen ernst," meinte Fred, dem zur Abwechslung mal jeder Sinn für Humor abhanden gekommen war. „Er meinte, wir sollten dich fragen, ob du es ihr nicht erzählen könntest. Zu dir hat sie anscheinend den besseren Draht."
„Wo ist sie eigentlich?" George sah sich im Zimmer um. „Wir hatten eigentlich gehofft, dass sie hier wäre."
„Keine Ahnung," auch Ron sah sich überflüssigerweise im Raum um. „Nachdem sie die olle Black zum verstummen gebracht hat, hab ich sie nicht mehr gesehen."
„Natürlich hast du sie gesehen! Sie kam vorhin hier rein, erinnerst du dich nicht?", meinte Hermine und schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. „Vielleicht sollten wir sie suchen." Sie wirkte besorgt.
„Ach, sie wird schon wieder auftauchen," winkte Ron ab. „Sie ist den ganzen Tag schon durchs Haus gestromert."
„Ich könnte mir vorstellen, dass sie einen Teil der Versammlung mitangehört hat, oder wie sonst würdest du dir ihren extremen Ausbruch erklären?" Hermine sah Ron auffordernd an.
„Sie schien mir die ganze Zeit ziemlich gereizt."
„Was mich nicht besonders wundert." Hermines Augenbrauen nahmen wieder einen strengen Ausdruck an.
„Ach, Hermine, ist ja gut, wir suchen sie," Ron hob abwehrend die Hände.
Noch eine Stunde verging, bevor Nellie auf dem Dach gefunden wurde.
Moodys magisches Auge musste zur Verstärkung gebeten werden, da das Mädchen nirgends im Haus gefunden werden konnte. George war schließlich durch das Fenster in den Regen hinaus geklettert und hatte sie rein geholt.
Nellie war zu diesem Zeitpunkt völlig unterkühlt. Ihr Kreislauf hatte letztendlich unter all dem Druck aufgegeben. Sie war durchnässt und zitterte.
Als Nellie das nächste Mal aufwachte fühlte sie sich von einer angenehme Wärme und Sorglosigkeit umhüllt. Ihr Ausflug hoch aufs Dach erschien ihr weit weg gerückt. Diese Wirkung hatte sie einem Trank zu verdanken, den Mrs. Weasley aus einem ihrer Haushaltsheilzauber-Bücher kannte.
Nellie war rundum zufrieden, ausgeglichen und nicht in der Lage, sich um irgendetwas Sorgen zu machen. Sie lächelte und war das erste Mal seit Tagen wieder glücklich. Obwohl sie die Herkunft dieses Gefühls nicht kannte.
„Wie geht es dir?" fragte eine freundliche Stimme ganz nah neben ihr.
Nellie drehte ihren Kopf in die Richtung und sah Harry ins Gesicht. Er hatte sich neben sie gelegt, ganz genauso wie sie vor kurzem neben ihm gelegen hatte. Jetzt verstand sie die Herkunft dieses glücklichen Gefühls. Hier war jemand, der sie gern hatte, das war im Moment Grund genug, glücklich zu sein.
„Ganz okay," murmelte sie und zog sich die Decke bis unter die Nasenspitze.
Es war schön, dass er hier war.
Harry hatte beobachtet, wie George Nellie herein getragen hatte und hatte an Hermines Worte denken müssen, dass sie sich in diesem Haus wahrscheinlich sehr einsam fühlte. Deshalb hatte er beschlossen, für sie da zu sein.
Er konnte nicht beschreiben, was für Gefühle es waren, die sie in ihm auslöste, aber es war nicht das gleiche, wie bei Ginny. Mit Nellie verband ihn etwas anderes.
„Wann kann ich hier weg, Harry?" fragte Nellie plötzlich.
Die Wirkung des Beruhigungstranks ließ langsam nach und sie erinnerte sich wieder an die Versammlung, die sie belauscht hatte.
Harry sah sie lange an und überlegte, was er ihr sagen sollte.
„Erst einmal bleibst du hier bei uns, hier bist du in Sicherheit," und als Nellie protestierend den Kopf drehte, fügte er hinzu: „Deiner Familie passiert nichts, solange Voldemort nichts von ihnen weiß. Du wirst sie sicher wiedersehen, ich weiß nur nicht wann."
Nellie sah ihn so unsagbar traurig an, dass er daran denken musste, wie schwer es ihm gefallen war, Sirius letztes Weihnachten in diesem Haus allein zurück zu lassen.
Nellie war nicht mehr in der Lage wütend zu werden. Außerdem traf Harry an dieser Sache ja keine Schuld. Doch konnte sie es nicht verhindern, dass ihr die Tränen kamen.
„Ich möchte hier nicht bleiben," sagte sie mit erstickter Stimme. „Ich kann hier nicht bleiben. Dieses Haus ist einfach….schrecklich."
„Ich weiß, aber du wirst sicher nicht ewig hier bleiben müssen. Lupin wird eine Lösung finden."
„Bitte, Harry, sag mir, was das alles hier zu bedeuten hat." Nellie dreht sich wieder zu ihm und sah ihm in die Augen. „Du hast es mir versprochen."
„Ja, ich weiß," antwortete er und begann erst stockend und dann immer flüssiger zu erzählen.
Harry erzählte ihr von seinen Eltern, von den Dursleys und Hogwarts. Er berichtete von Voldemort und wie er ihm schon so oft entkommen war. Er ließ auch Sirius' Tod und die Prophezeiung nicht aus. Nur von den Horkruxen sagte er nichts.
Nellie unterbrach ihn nicht. Sie sah ihn nur an, nickte ab und zu und berührte seine Hand, als er von Sirius' und Dumbledores Tod erzählte.
Es war Harry nicht so schwer gefallen, über all das zu sprechen, wie er erwartet hatte, es war sogar etwas befreiendes daran gewesen.
Er sprach etwa eine Stunde lang und sie wurden nicht unterbrochen.
Nachdem Harry geendet hatte, sah Nellie ihn noch lang an. Dann sagte sie: „Danke!"
Sie konnte jetzt vieles besser verstehen, fühlte sich nicht mehr ausgeschlossen und war in der Lage einzuschätzen, in welche Situation sie sich begeben hatte.
„Wie kommst du mit all dem zurecht?" fragte sie ihn.
„Ich hatte ziemlich viel Zeit, mich daran zu gewöhnen," antwortete er ehrlich.
Nellie drehte sich auf den Rücken und blickte an die Decke.
„Ich würde dir gerne helfen, wenn ich könnte," meinte sie nach einer Weile. „Aber das wäre wohl etwas anmaßend, oder?"
Harry musste grinsen.
„Mal sehen, was wir für dich finden können," meinte er nur und sah sie an.
Sie war süß, das konnte er nicht leugnen und er mochte sie sehr gern. Die braunen Haare standen ihr in alle Himmelsrichtungen wirr vom Kopf ab und sie begann wieder an den Fingernägeln zu kauen.
„Ich mag dich, Harry," sagte sie schließlich und wirkte nervös. „Ich fände es schade, wenn wir nicht mehr befreundet sein könnten." Nellie sah immer noch an die Decke. „Aber ich werde auch an deiner Seite kämpfen. So gut ich es eben kann. Oh, Gott, klingt das heroisch!" Sie schlug sich lachend die Hände vors Gesicht und streckte Harry, der auch lachen musste, die Zunge heraus.
„Ich würde mich freuen, wenn wir befreundet bleiben könnten," sagte er schließlich und nahm sie in den Arm. Es fühlte sich nicht so an wie bei Ginny, wenn er sie umarmte. Es war auch anders, wie bei Hermine. Es war nicht verwirrend, sondern irgendwie normal.
Nellie kuschelte sich an seine Schulter und hätte geschnurrt, wenn sie eine Katze gewesen wäre. Sie dachte an Ginny und wie sie wohl reagieren würden, wenn sie beide jetzt so sehen würde. Aber sie empfand bei dieser Umarmung nur Wärme und Geborgenheit, wie bei einem Bruder. Ja, das war die beste Beschreibung, die sie dafür finden konnte. Wie bei einem Bruder.
