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Kapitel 10:
Die nächsten Tage im Hauptquartier des Phönixordens vergingen ohne größere Vorfälle.
Nellie erholte sich dank Madam Pomfreys Heilkünsten sehr schnell von ihrem kleinen Aufenthalt auf dem Dach und Harry durfte zwei Tage später das Bett wieder offiziell verlassen. Die Schulkrankenschwester hatte ihn als geheilt eingestuft und ihn sehr besorgt angesehen, als sie ihn bat, das nächste Mal besser auf sich aufzupassen. Nellie erzählte ihm daraufhin, wie knapp er mit dem Leben davon gekommen war, was ihn doch etwas aus der Bahn warf.
Ginny verbrachte die nächsten Tage mit wütend verkniffenem Mund und war für niemanden ansprechbar. Ganz besonders nicht für Harry oder Nellie. Sie wollte ihren Freund an dem Morgen nach Nellies Aussetzer wecken und war mehr als erbost gewesen, ihn im Bett der anderen jungen Frau vorzufinden. Niemand hatte sie beruhigen können. Wobei Hermine und Ron sich aus der Sache demonstrativ heraushielten. Ron, weil er Harry seine Begründung nicht wirklich abnahm („Sie ist meine Schwester, vergessen?") und Hermine, weil sie das alles albern fand („Wenn Harry sagt, es ist nichts passiert, dann ist auch nichts passiert, basta").
Harry ging der Streit mit Ginny sehr nah, besonders weil er sich als zu unrecht Verurteilter betrachtete. Und so wurde er es nach zwei Tagen leid, ihr hinter herzulaufen und ließ sie einfach in Ruhe. Hielt sich aber vorsorglich etwas von Nellie fern.
Nellie war über den Streit der Beiden sehr betrübt. Sie wollte nicht, dass die zwei sich wegen ihr stritten und so hatte sie mehrmals versucht, mit Ginny zu sprechen, hatte aber nur böse Blicke und fiese Flüche zur Antwort bekommen. Nach allem, was Nellie inzwischen von der Zaubererwelt kannte, war sie sehr froh darüber, dass Ginny außerhalb der Schule noch nicht zaubern durfte! Doch hatte sie ihre Schlichtungsversuche schließlich auch aufgegeben.
Da die Mitglieder des Ordens ihr gegenüber immer noch sehr distanziert waren und Moody sich noch auf kein persönliches Gespräch mit ihr einlassen wollte (was ihr eigentlich auch ganz recht war, denn dieser Mann machte ihr wirklich Angst), hielt Nellie sich die meiste Zeit bei Harry, Ron und Hermine auf. Und sie bekam in den nächsten Tagen noch eine neue Gefährtin. Polly war wieder da!
Zwei Tage nach ihrem Nervenzusammenbruch waren Tonks und Arthur Weasley in das Haus der Carols zurückgekehrt, um dort ein paar von Nellies Sachen zu holen und hatten eine völlig abgemagerte und zerzauste Polly gefunden, die sich widerstandslos mitnehmen ließ. Was war das für eine Wiedersehensfreude gewesen. Das kleine Tierchen hatte sich auf Nellie gestürzt, als wollte sie sie zu Boden ringen, was sie auch beinahe geschafft hätte.
Nellie saß gerade mit ihren drei neuen Freunden in der Bibliothek und unterhielt sich, als die Tür aufging und ein grauer Schatten auf sie zugerast kam. Hätte Nellie nicht in einem weichen Sessel gesessen, wäre sie sicher vor Schreck umgefallen. So ließ sie sich von dem kleinen quietschenden Wesen das Gesicht ablecken und hatte vor Freude Tränen in den Augen. Sie hatte nicht damit gerechnet, das Frettchen noch mal wieder zu sehen.
Tonks war hinter Polly in die Bibliothek getreten.
„Sie schien zu spüren, dass wir sie zu dir bringen würden, denn sie ließ uns die ganze Zeit, die wir im Haus waren, nicht aus den Augen," erzählte sie schmunzelnd, als sie der Szene zusah.
„Sie waren bei mir zu Hause?" fragte Nellie und streichelte Polly, die sich um ihren Hals gelegt hatte.
„Zunächst einmal, heiße ich Tonks, und nicht Sie," meinte Tonks und lächelte Nellie an. „Und, ja, wir wollten deine Sachen holen, die wirst du hier vielleicht brauchen. Außerdem haben wir einen Alarmzauber auf das Haus gelegt."
„Einen…wie bitte?"
„Einen Alarmzauber," wiederholte Tonks geduldig. „Wenn jemand unbefugt das Grundstück betritt wissen wir es."
„Aber das ist doch wunderbar, dann kann ich ja doch zurück," rief Nellie und stand auf.
Tonks sah sie mit gerunzelter Stirn an. Auch Harry und die anderen blickten zu Nellie.
„Hast du nichts aus dem Ausflug in diesen Keller gelernt?" fragte Tonks in ungewohnt strengem Ton. „Voldemort und seine Todesser könnten dich schneller weggebracht haben, als wir dir zur Hilfe kommen könnten!"
Nellie ließ den Kopf hängen und gab es von dem Moment an auf, weiterhin zu hoffen, dass sie doch wieder nach Hause könnte.
Dass Polly wieder bei ihr war, gab Nellie viel ihrer natürlichen Lebensfreude zurück. Sie lachte wieder mehr, hielt sich aber immer noch bei den wenigen Menschen im Haus auf, denen sie traute. Dazu gehörten seit dem Abend auf dem Dach auch die beiden Weasley Zwillinge. Nellie stand den beiden in Sachen Dummheiten anstellen, in nichts nach und so fand sich Ron an einem Morgen mit Federn gespickt wieder und brauchte eine halbe Stunde unter der Dusche, um sie wieder abzubekommen. Fred und George hatten sich nicht die Mühe gemacht, einen Gegenzauber zu entwickeln. Ein anderes Mal verschwand der Wein aus Remus' Glas, jedes Mal, wenn er es an die Lippen setzen wollte. Nellies Idee dabei war gewesen, den Wein während dem Trinken in Essig zu verwandeln, aber Hermine hatte interveniert.
Polly hatte im Haus schnell alle Sympathien auf ihrer Seite. Auch wenn sie weiterhin allen Fremden gegenüber eher feindselig gegenüberstand, war sie doch der Mittelpunkt der kleinen Gesellschaft, die nun zusammen im Haus lebte. Polly klaute hier mal einen Stapel Servietten und verteilte sie dekorativ über den Salon. Oder sie fand ein amüsiertes Publikum, als sie Ron seinen Zauberstab mopste und ihn zu einer kleinen Verfolgungsjagd veranlasste. Wo auch immer sie auftauchte, wurden ihre kleine Leckereien zugesteckt und nach einer Woche sah man ihr ihre Fastenkur in dem verlassenen Haus im Ligusterweg nicht mehr an.
Nellie fühlte sich in dem riesigen düsteren Haus immer noch nicht wohl, doch hatte sie sich an die Situation gewöhnt und mochte ihre neuen Freunde sehr gern. Obwohl Harry, Ron und Hermine immer mal wieder in geflüsterte Diskussionen verfielen, während denen sie über die Suche nach den verbliebenen Horkruxe sprachen. Harry weigerte sich immer noch, mit irgendjemand anderem über seine Mission zu sprechen. Hermine fand das zwar unbegründet, beugte sich aber unter seinen Wunsch.
Einen Besuchstermin in Askaban zu bekommen, erwies sich als schwieriger, als erwartet. Da die Dementoren die Insel verlassen hatten, herrschten dort höchste Sicherheitsvorkehrungen und Besuche wurden nur noch in Ausnahmefällen gestattet. Und da Harry und seine Freunde nicht den wahren Grund für ihren Besuch nennen wollten, wurde ihnen kein Termin gegeben. Mr. Weasley machte ihnen aber Mut, als er von ihrem Vorhaben hörte, indem er ihnen anbot, dass sie vielleicht kurz vor oder nach der Gerichtsverhandlung mit Mundungus sprechen könnten. Er bot sich an, sich darum zu kümmern.
Währenddessen versuchte Harry immer wieder zu Ginny durchzudringen, die nach drei Tagen sturen Ignorierens ebenfalls die Sehnsucht schwach werden ließ. So kam es, dass die Beiden sich doch wieder versöhnten und Nellie sich wieder öfters alleine fand, wenn die beiden Pärchen für sich sein wollten. Denn dass Hermine und Ron sich ineinander verliebt hatten, blieb auch für sie nicht lange ein Geheimnis.
Indessen rückte Harrys 17. Geburtstag immer näher, doch war er entschlossen, ihn einfach zu ignorieren. Er wollte den Tag seiner Volljährigkeit nutzen, um zu dem Familienwohnsitz der Potters aufzubrechen. Und dieses Mal wollte er sich nicht wieder aufhalten lassen.
Zwei Tage vor seinem Geburtstag nahm Remus Harry nach dem Frühstück zur Seite.
„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten, Harry," meinte er und blickte Harry ernst an.
„Was gibt es denn?"
„Wir haben alle Vorkehrungen getroffen, Nellies Eltern nach ihrer Ankunft am Flughafen in ein paar Tagen in ihr neues Zuhause zu bringen."
Bevor er weitersprechen konnte, hatte Harry ihn unterbrochen.
„Wie meinen Sie das, in ihr neues Zuhause?"
„Haben Ron und Hermine dir nichts davon erzählt?" fragte Remus verwirrt.
„Doch, schon, aber ich dachte nicht, dass das alles so heimlich ablaufen würde."
„Nun, wir mussten alles vorbereiten, bevor die Familie Carol aus dem Urlaub zurück kommt," erklärte Remus. „Wir werden ihre Gedächtnisse verändern, so dass sie denken, sie wären kurz vor ihrem Urlaub in ein neues Haus umgezogen. Es ist das Haus einer Bekannten von Tonks. Sie wird vorläufig im alten Haus der Carols wohnen, bis sie was neues gefunden hat."
Remus machte eine Pause und sah sich in der Küche um.
Nellie führte den Zwillingen gerade einen Trick vor, indem sie auf ein halb volles Wasserglas einen Pappdeckel legte, das Glas langsam umdrehte, den Pappdeckel los ließ, der am Glas kleben blieb und das Wasser nicht auslief. Die Zwillinge staunten nicht schlecht und Ginny klatschte in die Hände.
„Nellie wird mit euch im September nach Hogwarts gehen, dort ist sie in Sicherheit. Erst mal," fügte er hinzu und sah besorgt aus.
„Mit mir nicht," antwortete Harry mit ernstem Gesichtsausdruck. „Ich werde nicht nach Hogwarts zurückkehren Das habe ich Ihnen schon gesagt."
Remus dreht sich zu Harry um und sah ihn nachdenklich an.
„Wir haben schon darüber gesprochen, das stimmt," begann er vorsichtig. „Aber Harry, ich bitte dich, überleg es dir noch mal. In Hogwarts können wir dir helfen, wir können dich schützen und du kannst deinen Schulabschluss machen! Du musst auch an deine Zukunft denken."
„An meine Zukunft," nickte Harry. „Oh ja, daran denke ich ständig, keine Sorge."
„Harry, was auch immer du vor hast, und glaub nicht, dass mir entgeht, dass du irgendwas vorhast, brauchst du doch einen Schulabschluss, wenn du später einen Beruf ergreifen möchtest," Remus war näher getreten. Harry war mittlerweile so groß wie er und die beiden Männer sahen sich gegenseitig in die Augen. Remus legte Harry eine Hand auf die Schulter und lächelte traurig. „Überleg es dir bitte noch mal."
„Schon gut," meinte Harry. „Aber um was für einen Gefallen wollten Sie mich bitten?"
„Oh, ja," Remus sah wieder zu Nellie, die darüber lachte, dass die Zwillinge ihren Trick nicht nachmachen konnten. Polly hüpfte zwischen den Stühlen hin und her, verfolgt von Hermines Kater Krummbein. „Ich möchte dich bitten, dass du Nellie von der Umsiedlung erzählst. Und auch, dass wir in den nächsten Wochen einen Tag vereinbaren werden, an dem sie sich mit ihrer Familie treffen kann. Würdest du das bitte tun? Ich glaube, von dir würde sie es am besten aufnehmen."
„In Ordnung," entgegnete Harry.
„Danke. Und noch etwas anders. In ein paar Tagen wird das Vermächtnis von Professor Dumbledore bekannt gegeben," Remus' Stimme begann zu zittern bei diesen Worten. Harry hatte plötzlich einen Kloß im Hals. „So wie es aussieht, wirst du darin auch erwähnt. Ich werde dich informieren, wenn ich was Genaueres weiß."
Remus nickte Harry noch mal zu und verschwand dann aus der Küche. Er war in letzter Zeit nur selten im Hauptquartier.
Seine letzten Worte hatten sehr geschäftsmäßig geklungen, doch konnte Harry sich vorstellen, dass auch für Remus Dumbledores Tod schrecklich gewesen sein musste.
Er verdrängte den Gedanken an dieses ominöse Vermächtnis aus seinem Kopf und setzte sich wieder an den Küchentisch. Ginny rückte sofort näher zu ihm und führte ihm den Wasserglas-Trick vor. Doch irgendetwas lief schief, denn kurz darauf hatte Harry ein nasses T-Shirt und Ginny kringelte sich vor Lachen.
Fred und George hatten inzwischen wieder mit Nellie die Köpfe zusammen gesteckt.
