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Kapitel 11:
In den nächsten zwei Tagen mussten Nellie und Polly das Black'sche Anwesen ohne die Zwillinge unsicher machen. Die beiden wollten ihren Laden neu eröffnen.
Nach dem Einbruch hatten sie viele ihrer Produkte neu be- oder herstellen müssen und hatten die Gelegenheit dazu genutzt, ein paar Neuerscheinungen ins Sortiment aufzunehmen.
So waren sie zum Beispiel auf eine Schwarzwälder Kuckucksuhr gestoßen, die immerzu die falsche Zeit ansagte, und hatten neben ihren Nasch-und-Schwänz-Leckereien Süßigkeiten entwickelt, mit denen man seine Augenfarbe verändern konnte.
Diese Neuheit hatte Hermine als erste zu spüren bekommen. Sie hatte unbedarft einen Schokokeks von Nellie angenommen und musste danach einen ganzen Tag lang mit violett blinkenden Augen durchs Hauptquartier laufen. Ron war begeistert gewesen. Hermine dagegen aß seit dem Tag nichts mehr, was auch nur im entferntesten nach Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen aussah.
Nellie hatte die Zwillinge sehr gern gewonnen und verbrachte ihre Zeit am liebsten mit ihnen, denn immer noch machte sie die Erfahrung, dass Harry, Ron und Hermine bei ihrem auftauchen in ihren Gesprächen plötzlich verstummten. Lange würde sie das nicht mehr mitmachen!
Polly hatte sich inzwischen mit Rons Eule Pig angefreundet und die beiden flatterten und huschten den ganzen Tag aufgedreht durchs Haus. Damit brachten sie nicht nur Mrs. Weasley zur Verzweiflung. Die beiden hatten es besonders auf Krummbein abgesehen, den sie durch die Gänge jagten. Hermine bedachte Nellie immer wieder mit wütenden Blicken, doch Ron war in diesem Punkt auf Nellies Seite.
„Da siehst du mal, wie es mir in unserem 3. Schuljahr erging," meinte er zu seiner wütenden Freundin. „Du weißt schon, als dein verrückter Kater es auf meinen Krätze abgesehen hatte."
„Nun hör aber auf," fauchte Hermine. „Wir wissen doch beide, dass Krätze eigentlich ein mieser Verräter war und Krummbein ihn als einziger entlarvt hatte!"
„Tu doch nicht so, als hättest du das damals schon gewusst!"
Die beiden verfielen in ihre üblichen Streitereien und wurden von den restlichen Anwesenden nicht mehr weiter beachtet.
Ginny und Harry verbrachten soviel Zeit wie nur möglich zusammen. Auch wenn Nellie die Zeit mit Harry fehlte, so freute sie sich doch über das Strahlen auf seinem Gesicht, wenn Ginny den Raum betrat.
Nellie sah Harry inzwischen tatsächlich wie einen Bruder an, den sie nie hatte. Er stand ihr sehr nah und manchmal glaubte sie zu wissen, was er in einem Moment dachte oder fühlte.
Auch in der Gesellschaft der anderen Teenager fühlte Nellie sich immer wohler, dieses Haus jedoch blieb ihr suspekt. An die sprechenden Spiegel und murmelnden Gemälde hatte sie sich gewöhnt. Auch das viele Zauberstab-Gefuchtel im Haus konnte ihr nur noch ein schwaches Zucken abgewinnen. Wenn sich jedoch ein Zauberstab unvermittelt auf sie richtete, aus welchen Gründen auch immer, bekam sie Schweißausbrüche und rannte meistens panisch davon. Ihre Erfahrungen in diesem Keller, mit Voldemort, waren noch zu frisch.
An Harrys Geburtstag scheuchte Mrs. Weasley die vier jungen Leute mit Putzaufträgen durchs Haus. Sie sollten die Teppiche reinigen, die Betten frisch beziehen und im Wohnzimmer den Staub entfernen. Alle bis auf Ginny und Nellie gebrauchten ihre Zauberstäbe dafür und amüsierten sich bei dieser Arbeit ungemein. Harry hatte seinen Zauberstab von Tonks überreicht bekommen, den diese zusammen mit Nellies und Harrys Habseligkeiten aus dem Ligusterweg mitgebracht hatte.
„Das wollte ich schon immer mal machen," strahlte Ron, als er einen Staubwedel mit Magie dazu brachte, die Bücherregale entlang zu wedeln.
„Eigentlich sollten wir das doch besser auf Muggelart erledigen," meinte Hermine und duckte sich, als Rons Staubwedel an ihrem Ohr vorbeiwedelte. „Das ist gut für die Disziplin."
„Oh, der Meinung bin ich allerdings auch," rief Nellie, die niesen musste von dem vielen aufgewedelten Staub. „Ein bisschen Disziplin täte euch echt gut!"
„Du bist doch nur neidisch," meinte Ron, der dabei war, gleichzeitig zwei Staubwedel zu verhexen. Das war allerdings zu viel des Guten und die beiden Geräte begannen, statt zu putzen, sich gegenseitig durch den Raum zu jagen.
„So könnte man es auch nennen," grinste Nellie und versuchte, Harry dazu zu überreden, ihren Wischlappen zu verhexen, damit er ihren Job alleine übernähme.
Nachdem das Wohnzimmer wie neu glänzte, Rons durchgedrehte Staubwedel wieder zur Ruhe gebracht worden waren und die Betten frisch bezogen, nahm Harry Nellie zur Seite.
„Ich würde gerne was mit dir besprechen."
„Was gibt es denn? Geht es um Hermines Augen? Da wusste ich echt nichts davon!"
„Nein," Harry konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Es geht um deine Familie."
Nellie wurde sofort ernst.
Seit der Versammlung hatte sie über dieses Thema viel nachgedacht. Sie hatte inzwischen verstanden, warum ihre Familie umgesiedelt werden musste, wollte aber noch nicht akzeptieren, warum sie nicht mitgehen konnte.
„Du hast erzählt, dass sie morgen am Flughafen ankommen," fuhr Harry fort. „Sie werden von da aus direkt in ihr neues Haus gebracht."
Nellie nickte nur und sah auf den Boden. Sie kaute schon wieder an ihren Fingernägeln.
„Lupin meinte, dass es das Beste wäre, du gehst im September mit nach Hogwarts."
Nellies Kopf fuhr in die Höhe und sie sah Harry mit großen Augen an.
„Du kannst dort deinen normalen Schulabschluss machen. Und bist in Sicherheit." Harry betrachtete Nellie ernst und wartete auf ihre Reaktion.
Nellie war völlig baff. Nach Hogwarts? Auf die Zaubererschule?
„Das soll ein Witz sein, oder?" fragte sie nach. „Was soll ich als Muggel denn auf Hogwarts?"
„Du bist dort sicher, solange, bis ich meinen Auftrag erledigt habe," Harry sagte das sehr ernst. Nellie sah ihn immer noch an. Sie wusste, von welchem Auftrag er sprach und der Gedanke daran gefiel ihr gar nicht. Sie fragte sich immer noch, wie ein einzelner 17-jähriger einen so mächtigen Magier erledigen sollte.
In ihrem Kopf begann es zu kreisen. Sie fand den Gedanken schön, bei ihren neuen Freunden bleiben zu können und auch weiterhin in Harrys Nähe zu sein. Auf der anderen Seite dachte sie aber auch daran, wie viele Hexen und Zauberer dort sein würden, wie sehr sie dort als Sonderling gelten musste. Sie dachte auch daran, dass Harry ihr erzählt hatte, wie manche Zauberer auf Muggel reagierten.
„Aber, ich bin keine Hexe, das kann unmöglich euer Ernst sein," war ihr nächster Einwand. „Was werden die anderen dazu sagen? Ihr könnt doch nicht erwarten, dass ich mich da zur Zielscheibe für irgendwelche Spinner mache!"
„Mach dir mal keine Sorgen. Ron, Hermine und Ginny werden schon auf dich aufpassen. Außerdem wird niemand merken, dass du keine Hexe bist, dafür sorgen die Lehrer schon."
„Und was ist mit dir?" stutzte Nellie, der nicht entgangen war, dass Harry nicht von sich gesprochen hatte.
„Ähm, ich…ich werde nicht mehr nach Hogwarts gehen," stotterte er. „Das ist eine Sache, die ich dir nicht erklären kann." Er ließ den Kopf ein wenig hängen. Eigentlich wollte er nicht, dass Nellie merkte, dass er immer noch Geheimnisse vor ihr hatte. Tatsächlich hatte er das gar nicht erwähnen wollen. Da hatte er sich aber ordentlich verplappert.
Nellies Blick verdüsterte sich.
„So, also immer noch der Geheimniskrämer," brummte sie und steckte die Hände tief in ihre Hosentaschen. „Wahrscheinlich wieder so eine Schutzmaßnahme."
Damit drehte sie sich um und ließ Harry im Wohnzimmer stehen. Polly, die sich auf dem Fensterbrett ausgestreckt hatte, wuselte ihr sofort hinterher.
Harry hätte sich selber am liebsten geohrfeigt. Hätte er nicht ein bisschen besser darauf achten, können, was er sagt? Mit so einer Reaktion hätte er rechnen müssen.
Harrys Geburtstagsfeier am Abend war gut besucht. Ron und Hermine hatten ein paar Freunde aus der Schule eingeladen, die alle mit verbundenen Augen hergebracht worden waren, (Moody hatte ohnehin schon genug über diese Feier zu mosern gehabt, da sollten wenigstens die Sicherheitsvorkehrungen aufrecht erhalten bleiben) und sogar einige der Lehrer aus Hogwarts waren gekommen. Neben dem kompletten Orden, versteht sich.
Es wurde eine lustige Feier, auf der Fred und Georges neueste Feuerwerk-Generation den Höhepunkt darstellte und einige Gäste mit neuen Augenfarben für aufsehen sorgten.
Polly hatte sich mal kurz blicken lassen, um sich ein Stück Kürbispastete zu stibitzen, aber Nellie hatte Harry ihr Geschenk schon am Morgen überreicht und blieb den Abend über in ihrem Zimmer.
Harry, der bei dem Gedanken an Nellie einen Kloß im Hals spürte, gab sich jede Mühe, seine Party trotzdem zu genießen. Immerhin war er jetzt volljährig, durfte ohne Einschränkungen zaubern und hatte nun freie Bahn für die Suche nach den Horkruxen.
Er hatte mit Ron und Hermine in den letzten Tagen viel darüber gesprochen und sie waren darin überein gekommen, dass sie am nächsten Morgen zusammen nach Godric's Hollow aufbrechen wollten.
Harry wollte nicht am Grimmauldplatz bleiben, nicht, wenn er es verhindern konnte. Hermine hatte lange auf ihn eingeredet. Hier würde er alle Hilfe bekommen, die er bräuchte und wäre nicht alleine.
Doch Harry hatte sich von seinem Plan nicht abbringen lassen.
Er hielt auch noch immer an seinem Wort fest, dass er Dumbledore gegeben hatte, dass diese ganze Horkrux-Geschichte unter ihnen bliebe. Nein, er wollte hier nicht bleiben, wo er immer wieder mit Fragen und Erinnerungen an Sirius bombardiert wurde. Er wollte zum Familiensitz der Potters und dort leben. Von dort seine Suche starten und dort bleiben. Der Gedanke, zu seinen Wurzeln zurück zukehren, wurde beinahe zu einer fixen Idee, von der er sich nicht mehr abbringen ließ.
Am nächsten Tag sollte es soweit sein. Alles war geplant. Sie würden früh morgens aufbrechen und den Fahrenden Ritter nehmen. Nur der Gedanke, Ginny und Nellie zurück zu lassen belastete ihn sehr. Doch er wollte nicht, dass irgendjemand wusste, wo er hin ginge. Sie würden nur wieder versuchen, ihn davon abzubringen.
Harry tanzte gerade mit Ginny, die über das ganze Gesicht strahlte, als Remus Lupin und Moody auf ihn zutraten. Sie waren den ganzen Tag unterwegs gewesen und machten ernste Gesichter. Unmissverständlich machte Moody Harry ein Zeichen, dass er ihm folgen sollte.
Ginny war nicht begeistert, ihren Freund wegzulassen, fügte sich aber und ließ sich anschließend von Fred über die Tanzfläche schwingen.
„Was ist denn passiert?" fragte Harry sofort, nachdem er mit den beiden älteren Männern vor die Tür getreten war.
„Es tut mir leid, wenn wir das jetzt mit dir besprechen müssen," meinte Lupin und sah ehrlich zerknirscht aus. „Ist wahrlich kein guter Zeitpunkt."
„Papperlapapp," knurrte Moody, ungerührt wie immer. „Keine Zeit für Sentimentalitäten. Ein Zahn zieht sich leichter, wenn es schnell geschieht!"
Harry riss die Augen auf.
„Jetzt mach ihm mal keine Angst, Moody," Lupin grinste leicht. Harry sah seinen ehemaligen Lehrer wütend an. Er hatte keine Angst! „Es geht um Dumbledores Vermächtnis. Wir haben heute sein Testament bekommen."
Harry spürte wieder einen Kloß im Hals. Er hatte den Gedanken an seinen Schulleiter und Freund für eine Weile erfolgreich verdrängt, jetzt stürzten all diese Bilder wieder auf ihn ein. Verdammter Snape!
„Harry?"
Der Angesprochene hob den Kopf und nickte zum Zeichen, dass er noch zuhörte.
„Er hat dir einen Brief hinterlassen," erklärte Lupin und Moody streckte Harry einen großen Briefumschlag entgegen.
Harry nahm den Umschlag, spürte, dass er etwas Schweres enthielt und starrte auf die so wohlbekannte Schrift: Harry James Potter.
Lupin und Moody sahen Harry an, als würden sie auf eine Reaktion warten. Als die ausblieb wandte sich Moody wieder zur Tür.
„Nun, ich hab gesehen, dass Molly eine Orangentorte gebacken hat," knurrte er. „Davon will ich mir noch ein Stück sichern. Ihr entschuldigt mich."
Lupin ging ein Stück den Gang entlang, betrachtete kurz ein Bild, das einen düsteren Wald zeigte und drehte sich dann wieder zu Harry.
„Er hatte dich sehr gern, Harry," sagte er mit belegter Stimme. „Aber er hat schon lange geahnt, dass er sterben muss. Wir müssen uns alle daran gewöhnen, jetzt ohne ihn zurecht zu kommen." Nach kurzem Nachdenken fügte er hinzu: „Für dich muss es sicher besonders schwer sein. Harry, du weißt, wenn ich dir helfen kann, dann werde ich das tun. Egal, was es ist."
Harry nickte. Er starrte immer noch auf den Umschlag.
Hier hielt er den absoluten, den letzten Beweis in den Händen, dass sein alter Mentor fort war. Unwiederbringlich fort. Er war jetzt auf sich alleine gestellt, musste diese Aufgabe alleine bewältigen.
Harry dachte über Lupins Worte nach. Sollte er ihm von den Horkruxen erzählen? Lupin könnte ihm sicher eine große Hilfe sein.
„Ich weiß," sagte er dann nur, legte den Umschlag auf einen Tisch, so dass er ihn später mitnehmen könnte und ging einen Schritt auf Lupin zu. „Ich habe nur eine Bitte an Sie. Könnten Sie wohl auf Nellie acht geben, ähm…wenn sie in Hogwarts ist? Oder zumindest ab und zu nach ihr sehen?"
Beinahe hätte er gesagt, während er in Godric's Hollow wäre.
Lupin sah ihn ernst an. Er wusste, dass Harry nicht nach Hogwarts zurückgehen wollte, war mit diesem Entschluss aber alles andere als einverstanden. Doch war Harry mittlerweile erwachsen genug, für sich alleine zu entscheiden. Also nickte er.
„Natürlich werde ich das tun, Harry. Aber ich hoffe immer noch, dass du auch dort sein wirst."
Mit diesen Worten drehte er sich wieder zur Wohnzimmertür und öffnete sie.
Harry folgte ihm und wurde sofort von Ginny bestürmt. Sie bemerkte schnell, dass etwas geschehen war, umarmte Harry daher herzlich und drückte ihm ein Butterbier in die Hand.
Moody hatte inzwischen ein paar blau karierte Augen und brummte ungehalten vor sich hin. Unter der Decke zischten und knisterten hunderte bunter Feuerräder, die einen angenehm kühlen Funkenregen auf die Gäste verteilten, der, sobald er auf dem Boden auftraf, die schönsten Blumen sprießen ließ. Der Teppich war schon übersäht mit kniehohen Orchideen, Gänseblümchen und Geranien in allen Farben.
Harry bückte sich, pflückte eine Nelke und steckte sie Ginny hinters Ohr. Sie errötete und drückte ihm zum Dank einen Kuss auf die Wange.
Harry hatte den restlichen Abend echte Mühe sich auf die Feier zu konzentrieren. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er an den Umschlag dachte, der draußen vor der Tür auf ihn wartete. Immer wieder überlegte er, was Dumbledore ihm wohl geschrieben haben könnte.
Nachdem Ginny etwas später ein wenig von der verbesserten Kanariencreme erwischt und sich in einen hübschen goldenen Vogel verwandelt hatte, forderte Hermine ihren besten Freund zum tanzen auf. Auch ihr war seine reservierte Stimmung nicht entgangen. Sie schaffte es jedoch genauso wenig, ihn wirklich aufzumuntern.
