Kapitel 12:
Es war weit nach Mitternacht, als Harry endlich mit dem großen Briefumschlag auf sein Zimmer gegangen war.
Er saß einige Minuten auf seinem Bett und hörte Nellies gleichmäßigen Atemzügen zu, bevor er sich dazu aufraffen konnte, den Umschlag endlich zu öffnen.
Als erstes fiel ihm ein alter Schlüssel entgegen. Er war groß, das Metall grün stichig, aber nicht verrostet. Er machte den Eindruck, als wäre er sehr sorgfältig aufbewahrt worden.
Nachdem Harry den Schlüssel eine Weile ratlos betrachtet hatte, zog er einen Bogen Pergament aus dem Umschlag.
Er war erstaunt darüber, dass ihn die Erinnerung an Dumbledore in diesem Augenblick nicht schmerzhafter traf. Einen Moment lang musste er bei der Erinnerung an den spleenigen alten Mann sogar grinsen, der immer so fröhlich und unbeschwert gewesen war, obwohl er doch eine so immense Verantwortung zu tragen gehabt hatte.
Es vergingen wieder Momente, in denen Harry sich den Bildern überließ, die ihm in den Sinn kamen.
Schließlich las er den Brief, den sein ehemaliger Schulleiter ihm hinterlassen hatte.
Lieber Harry,
wenn du diese Zeilen liest, bin ich wahrscheinlich schon tot. Hoffentlich war das für dich kein zu großer Schock. Es war nur noch eine Frage der Zeit, glaub mir bitte, Harry. Ich hoffe nur, dass die Umstände meiner würdig gewesen sind. Der Tod ist nur ein weiterer Schritt im Leben, den wir alle gehen müssen, aber er ist nicht das Ende des Weges. Es gibt keinen Grund, sich davor zu fürchten oder vor ihm zu fliehen, vergiss das nie. Damit haben wir Voldemort schon etwas voraus, Harry.
Ich möchte dir in diesem Brief all das mitteilen, was ich dir zu meinen Lebzeiten nicht mehr sagen konnte. Zunächst zu den Horkruxen: Du kennst sie mittlerweile und bist heute wahrscheinlich auf dem gleichen Wissensstand wie ich. Du weißt, welche bereits zerstört sind und welche noch übrig bleiben. Du wirst die verbliebenen finden müssen, Harry, das ist keine einfache Aufgabe, aber du wirst es schaffen. Ich kann dir in diesem Punkt nicht mehr viel sagen. Folgendes möchte ich dir noch mit auf den Weg geben: In den letzten Tagen habe ich verstärkt nach der Tasse von Helga Hufflepuff gesucht und bin dabei auf einen Antiquitätenhändler aus Deutschland gestoßen, der diese Tasse eine Weile in seinem Besitz hatte. Mehr konnte ich nicht in Erfahrung bringen, da ich kurz darauf auf das Medaillon gestoßen bin. Der Name dieses Händlers ist Patrick Miersch. Er ist ein Zauberer, ahnt aber nichts von dem Wert dieser Tasse. Ich bin mir aber sicher, dass er dir noch behilflich sein kann.
Weiter möchte ich dir sagen, dass ein Horkrux an sich sehr schwer zu erkennen ist. Er muss sich nicht durch Äußerlichkeiten oder Magie hervorheben, sondern kann sehr unscheinbar sein. Du musst dich bei deiner Suche auf dein Gefühl verlassen, Harry. Dein Herz wird dir helfen, die richtigen Wege zu finden.
Zu deiner Volljährigkeit möchte ich dir zunächst herzlich gratulieren und anschließend noch ein letztes Geheimnis anvertrauen, das ich vor dir verborgen habe. Doch glaube mir, es kann seinen Wert für dich erst jetzt entfalten. Ich möchte dir etwas schenken, das dir in diesem Moment sowieso schon gehört. Den Schlüssel für Godric's Hollow. Ich habe ihn für dich aufbewahrt, da dieses Erbe deiner Familie erst durch deine Volljährigkeit wirksam wurde. Ich habe es für dich gepflegt, vielleicht hilft es dir bei deiner Suche weiter.
Wenn man am verzweifeltsten nach etwas sucht, sollte man sich manchmal an seinen Ausgangspunkt zurückversetzen, um es dort zu finden.
Nun wünsche ich dir viel Glück, Harry. Ich weiß, dass du erfolgreich sein wirst, denn etwas anderes erwarte ich von dir nicht. Du bist ein großer Zauberer, glaube an dich selbst, an deine Freunde und an die Liebe. Glaube an dich, so wie alle anderen an dich glauben.
Gib das Beste, zu dem du fähig bist – und dann übertriff dich selbst.
In Freundschaft und Liebe
Dein Albus Dumbledore
Harry musste sich über die Augen wischen, als er den Brief beiseite legte und den Schlüssel wieder in die Hand nahm. Godric's Hollow. Es war ohnehin sein Ziel gewesen, dorthin zu gehen, doch nun erschien es ihm doppelt wichtig. Es war, als habe er die persönliche Erlaubnis von Dumbledore bekommen und Harry sah es als ein Zeichen an, dass er genau in diesem Moment tatsächlich der rechtmäßige Besitzer war. Mit einem verschmitzten Lächeln machte er sich bewusst, dass er nun sogar zwei Häuser besaß.
Wenn er Dumbledores Worte richtig verstand, hätte er ohne diesen Schlüssel das Haus seiner Eltern gar nicht betreten können. Es musste also richtig sein, dass er dorthin ginge.
Harry dachte an Hermines Entdeckung von seiner Verwandtschaft zu Godric Gryffindor und überlegte, ob Dumbledore wohl davon gewusst haben könnte?
Was meinte er außerdem damit, wenn er schrieb, dass man an seinen Ausgangspunkt zurückkehren sollte, um etwas zu finden? War das so etwas wie ein Hinweis?
Doch Harry wollte darüber jetzt nicht mehr nachdenken.
Er sah kurz zu Nellie, die in dem anderen Bett schlief, drehte sich dann um und schlief selber ein.
„Harry Potter, du sturer Blödmann!"
Nellie war außer sich. Sie war aus dem Bett aufgesprungen, hatte rote Flecken im Gesicht vor Wut und fauchte Harry an, der gerade dabei war, seinen großen Schrankkoffer zur Tür zu schleifen. Polly sprang aufgeregt auf dem Bett herum. Sie war die einzige, die die ganze Aufregung zu genießen schien.
„Was soll das! Warum bist du nur so…stur?" Sie fand keine Worte für das, was sie empfand.
„Beruhig dich wieder!" Harry war frustriert. Er hatte gehofft, aufbrechen zu können, ohne dass jemand etwas davon mitbekam.
„Beruhigen? Hast du sie noch alle? Du haust einfach ab, ohne ein Wort zu sagen, und ich soll mich beruhigen?"
„Was auch immer du mir damit sagen willst, ich werde nicht bleiben!"
„Glaubst du, ich will dich von irgendetwas abhalten?" Nellie konnte nicht verstehen, wie Harry so schwer von Begriff sein konnte. „Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich mit dir mitgehen werde. Wohin auch immer."
„Oh, bitte, hör damit auf!" Harry wollte am liebsten einfach aus dem Zimmer verschwinden. Er hatte keine Ahnung, wie er Nellie davon überzeugen sollte, dass es besser war, wenn sie ihn einfach gehen ließe! „Du hast doch keine Ahnung, um was es hier geht!"
„Nein, wahrscheinlich nicht, aber es scheint dich ja auch nicht zu interessieren, das zu ändern," fauchte sie und funkelte ihn an. Nellie musste tief durchatmen um nicht zu schreien.
„Harry, ich stecke in diesem Mist mit drin, warum kann ich dich nicht begleiten? Oh, Moment, das kann ich mir selber beantworten…weil ich ein, wie sagt ihr doch gleich dazu, Muggel bin." Verächtlich verschränkte sie die Arme vor der Brust.
Harry wurde wütend.
„Lass das, die Masche zieht jetzt nicht. Wenn es nach mir ginge, würde ich niemanden mitnehmen!"
Nellie sprang sofort auf diesen Hinweis an.
„Ach, okay, also ist es doch der Grund, dass ich nicht zaubern kann, wenn du die anderen mitnimmst."
„Ron und Hermine wissen wenigstens, worauf sie sich einlassen! Aber glaubst du etwa, dass es mir gefällt, sie in Schwierigkeiten zu bringen? Meinst du ernsthaft, dass ich mir nicht jede Nacht Gedanken darüber mache, wie ich sie schützen könnte? Und dabei weiß ich doch, dass es nicht nützen würde! Ich hab schon genug Leute auf dem Gewissen, da musst du nicht auch noch dazu gehören, Nellie Carols!"
Nellie funkelte ihn weiter wütend an.
„Wenn du mir jetzt nicht gleich sagst, was du vor hast, Potter, schwör ich dir, schrei ich das ganze Haus zusammen und ich glaube nicht, dass du Publikum brauchen kannst, bei deiner kleinen Flucht. Oh, und ich hab eine nette Freundin kennen gelernt, die würde mich sicher liebend gerne unterstützen."
Die beiden Teenager standen sich kampfbereit gegenüber. Nellie hatte die Augen zu Schlitzen verengt und Harry biss die Lippen zusammen.
„Du weißt, dass ich dich zum verstummen bringen könnte," antwortete er.
Nellies Nasenflügel bebten.
Diesmal atmete Harry tief durch.
„Nellie, bitte, mach es mir nicht schwerer als es eh schon ist!" bat er sie und trat einen Schritt auf sie zu. „Ich weiß, dass ich dich in Schwierigkeiten gebracht habe, aber ich will dir nicht noch mehr aufhalsen." Er nahm ihre Hand und sah ihr in die Augen. Nellie spürte, wie ihre Wut nachließ. Sie spürte, dass es ihm wirklich nicht leicht fiel. „Ich möchte dich aber trotzdem um einen Gefallen bitten."
Harry wartete, bis Nellie schließlich nickte.
„Kannst du bitte Lupin sagen, dass ich in Sicherheit bin? Er soll nicht nach mir suchen! Professor Dumbledore hat mir die Erlaubnis gegeben, dorthin zu gehen, es ist wirklich sehr wichtig. Sag ihm bitte, dass ich ihm Nachricht schicken werde, wenn irgendetwas passieren sollte, ja?"
Nellie sah Harry ins Gesicht und nickte schließlich wieder. Es fiel ihr nicht leicht, ihn so einfach gehen zu lassen.
„Danke," sagte Harry erleichtert, schloss sie in die Arme und nahm dann wieder seinen Koffer auf. „Und wir sehen uns wieder, versprochen!"
„Versprich nichts, was du nicht auch halten kannst, Harry Potter."
Harry grinste sie an, öffnete dann die Tür und verschwand.
Die nächsten Tage verliefen für Nellie einfacher, als sie erwartet hatte. Nachdem Harry, Ron und Hermine so plötzlich verschwunden waren, hatte sie alle Hände voll damit zu tun, den Ordensmitgliedern zu versichern, dass die Drei in Sicherheit waren und sich melden würden, wenn sich daran etwas ändern sollte. Es dauerte drei volle Tage, bis sich die Aufregung gelegt hatte.
Lupin schien nervös, fand sich aber mit Harrys Entscheidung ab. Moody ließ sich nur noch selten blicken und knurrte bei Nellies Anblick immer unwillig, als könnte sie persönlich etwas dafür. Er hatte sich aber mit der Erklärung zufrieden gegeben, dass Dumbledore mit Harrys Aufbruch einverstanden gewesen war. Auch Mrs. Weasley hatte sich schließlich beruhigt. Sie war in Tränen ausgebrochen, als sie erfuhr, dass ihr jüngster Sohn, ohne Nachricht zu hinterlassen, abgehauen war.
„Er ist bei Harry und Hermine," hatte Tonks sie getröstet. „Und denk daran, Molly, die drei haben schon so viel durchgemacht, sie wissen, wie sie auf sich aufpassen können!"
Die einzige, die sich mit Harrys weggehen nicht anfreunden konnte, war Ginny. Sie hatte Nellie eifersüchtig beäugt, als sie ihr davon erzählt hatte.
„Warum konnte er mich nicht mitnehmen?" hatte sie erbost gefragt. „Ich war immerhin im Ministerium auch dabei, und als die Todesser in Hogwarts waren! Warum behandelt er mich wie ein kleines Kind?"
Nellie hatte darauf nichts zu sagen gewusst, aber dass die beiden jungen Frauen gemeinsam zurückgelassen worden waren, schweißte sie in den nächsten Tagen enger zusammen, als sie sich hätten vorstellen können. Tatsächlich rätselten sie tagelang gemeinsam über die Fragen, wo die Drei hingegangen sein könnten.
Langweilig wurde es Nellie im Hauptquartier wahrlich nicht. Neben den langen Gesprächen mit Ginny und den Besuchen bei den Zwillingen in der Winkelgasse, bei denen sie Bauklötze staunte über die verrückten Scherzartikel, die es da gab, machte sie noch eine weitere neue Bekanntschaft.
Als sie drei Tage, nachdem Harry, Ron und Hermine verschwunden waren, morgens in die Küche kam, stand da ein Mann, den sie vorher noch nie gesehen hatte, und unterhielt sich mit Moody. Er musste wohl zum Orden gehören, doch war er ihr vorher nie aufgefallen. Er stand mit dem Rücken zur Tür und schien sie noch nicht bemerkt zu haben.
Nellie trat zu Mrs. Weasley, die am Herd stand und das Frühstück vorbereitete, und nahm sich einen Becher Tee. Als sie gerade auf dem Weg zum Tisch war, drehte der Fremde sich zu ihr, sah sie an und der Raum um Nellie herum begann sich zu drehen. War das in einem Zaubererhaus normal? Dieser Mann, der höchstens Mitte Zwanzig sein konnte, lächelte und Nellie fiel der Becher aus der Hand.
Mrs. Weasley runzelte die Stirn und ließ ihn mit einem Schlenker ihres Zauberstabes wieder zur Spüle segeln.
‚Oh, du meine Güte, reiß dich zusammen!' herrschte sie sich in Gedanken an, konnte den Blick aber nicht von dem Fremden nehmen, der jetzt amüsiert aussah. Nellie wurde rot.
„Miss Carols, das hier ist Emil Warthrow, er wird Sie nächstes Schuljahr unterrichten," stellte Moody in kurzen Worten vor.
„Wie bitte?" Nellie war verwirrt. Sie wusste, dass sie mit nach Hogwarts gehen sollte, das hatte Harry ihr erzählt, doch war das tatsächlich schon so beschlossene Sache? Und sie würde Unterricht von einem Zauberer bekommen?
„Mister Warthrow wird Sie in Ihren üblichen Muggel-Fächern unterrichte. Potter hat Ihnen doch sicher ausgerichtet, dass Sie an Hogwarts Ihren Schulabschluss machen werden?" Moody hatte sich an den Tisch gesetzt und nahm einen Teller mit Würstchen und Spiegelei von Mrs. Weasley entgegen. Auch Emil Warthrow hatte sich gesetzt und beobachtete Nellie immer noch aufmerksam. Er hatte blonde Haare und glänzende grau-blaue Augen. Er sah verflixt gut aus und Nellie musste sich schwer am Riemen reißen, ihn nicht anzustarren.
„Oh, ja, das hat er wohl, aber wie soll mich denn ein Zauberer in meinen Fächern unterrichten? Sicher versteht er doch gar nichts von meinem Abitur! Verzeihung, Mister Warthrow."
„Ab heute, Professor Warthrow, Miss Carols," verbesserte Moody sie und nahm einen Schluck aus seinem Flachmann. „Und er versteht sehr wohl etwas davon. Er unterrichtet an einer Muggelschule, aber das soll er Ihnen besser selber erklären."
Nellie sah ihren neuen Lehrer neugierig an. Der lächelte nur, streckte ihr die Hand entgegen und machte eine leichte Verbeugung, als wollte er ihr die Hand küssen. Dabei lachte er immer noch.
„Sehr gerne würde ich Ihnen das erklären, aber nicht heute," sagte er und seine Stimme klang wunderbar. „Ich wollte Sie nur kurz kennen lernen, Miss Carols. Leider kann ich mich nicht aufhalten. Sie entschuldigen mich?"
Mit einer eleganten Verbeugung zu Mrs. Weasley und einem Nicken zu Moody ging er auf den Kamin zu.
„Wir sehen uns dann in Hogwarts," sagte er noch lächelnd an Nellie gewandt, bevor er im Feuer verschwand.
„Wow," hörte Nellie sich selber seufzen, sah sich dann etwas panisch um, aber niemand schien diesen Gefühlsausbruch bemerkt zu haben.
