Kapitel 13:
Hermine war ziemlich grün im Gesicht, als die Drei schließlich vor Godric's Hollow standen, und Ron hatte einen geschwollenen Knöchel, den er einem Koffer zu verdanken hatte, der ihn in einer ziemlich verwegenen Kurve von den Beinen gehauen hatte. Die Fahrweise des Fahrenden Ritters war also nicht nennenswert bequemer geworden.
Die Freunde standen vor dem Gartentor eines großen Anwesens. Das Tor ließ sich problemlos öffnen, doch hatten die Drei zweifellos das Gefühl, dass sie durch eine unsichtbare Barriere liefen, die sie durchleuchtete wie ein Metalldetektor.
Es gab also Schutzschilde hier.
Nachdem sie das Gartentor hinter sich magisch verschlossen hatten, ließen sie ihre schweren Koffer über den mit Moos bedeckten Schotterweg schweben, der zu einem hübschen Cottage führte. Das Haus hatte zwei Stockwerke, eine große Veranda und lag in einem Garten, der Hermine nur ein verzücktes ‚Wow' entlockte.
Es war offensichtlich, dass dieses Anwesen seit langem unbewohnt war, doch machte es den Eindruck, als könnten seine Besitzer jeden Augenblick zurückkehren und das Leben hier wieder Einzug halten.
In gewissem Sinne war diese Eindruck sogar korrekt. Denn der wahre Eigentümer kehrte tatsächlich zurück.
Harry hätte nicht sagen können, ob er sich in irgendeiner Weise an dieses Gebäude oder seine Umgebung erinnern konnte. Er empfand nichts besonders bei dem Anblick, höchstens eine wachsende Nervosität. Was würde er hier wohl finden?
Die drei hatten kein Wort gewechselt, seit sie Godric's Hollow betreten hatten. Sie blickten sich nur ungläubig um. Als sie schließlich vor der hohen Haustür standen, blickten Hermine und Ron Harry an. Dieser holte den Schlüssel, den er von Dumbledore bekommen hatte, heraus, zögerte einen Moment, steckte ihn dann aber doch ins Schloss, drehte ihn um und es ertönte ein leises Klicken.
Harrys Hände zitterten, als er den Schlüssel wieder in die Tasche gleiten ließ. Er wusste nicht, was ihn zurückhielt, die Tür einfach zu öffnen. Er konnte nicht im Ernst annehmen, dass er in diesem Haus immer noch die Leichen seiner Eltern finden würde.
Ron nahm ihm schließlich die Entscheidung ab und drückte die Tür auf.
Ein dunkler Raum lag dahinter. Eine Treppe war im Hintergrund erkennbar.
Ron, der seine Neugierde scheinbar nicht mehr zügeln konnte, schob Harry ein wenig unwillig zur Seite und wollte das Haus betreten, kam aber nicht von der Stelle. Er stemmte sich nach vorne, ruderte mit den Armen, war aber nicht in der Lage, die Türschwelle zu übertreten.
„Was ist denn hier los?" stieß er aus und schaute Hermine und Harry ungläubig an.
Hermine schnaubte nur.
„Ist doch klar, dieses Haus kann nur von seinem rechtmäßigen Besitzer betreten werden," sagte sie und fuhr mit der Hand über die unsichtbare Mauer, die sich auch für sie aufbaute. „Nur Harry kann hindurch gehen."
„Und was ist dann mir uns, sollen wir vielleicht im Garten zelten?" Ron war gar nicht begeistert.
„Wahrscheinlich muss er uns erst dazu auffordern einzutreten, oder einen Zauber sprechen, oder so was ähnliches," Hermine überlegte fieberhaft.
Während dessen war Harry schon einen Schritt vorgetreten und verspürte dabei nur ein leichtes Flimmern. Er stand im Flur und konnte rechts und links zwei große geräumige Zimmer erkennen. Vor ihm führte eine schmale Treppe nach oben. Durch die geschlossenen Fensterläden sickerte das Sonnenlicht in weichen Streifen herein und zeichnete Muster in den staubigen Boden. Harry drehte den Kopf in alle Richtungen und hatte plötzlich das Gefühl, den Geruch dieses Hauses wieder zuerkennen. Er schloss einen Moment die Augen und spürte eine tiefe Ruhe in sich.
Hinter sich aber spürte er die unruhigen Bewegungen seiner Freunde.
„Wie wär's, Kumpel, wenn du uns auch herein bittest?"
Harry dachte einen Moment nach, nahm seine Begleiter dann Beide an den Händen und zog sie einfach herein. Es funktionierte und Augenblicke später standen drei große Schrankkoffer, zwei Eulenkäfige und ein Katzenkorb neben der Treppe und drei Teenager besichtigten Harrys Elternhaus.
Zwei Tage später hatten die Jugendlichen das Haus bereits wohnlich hergerichtet. Der Staub war entfernt, die Fensterläden weit geöffnet, so dass eine frische Brise das Haus durchströmte und Hermine hatte in allen Räumen frische Blumen aufgestellt. Hedwig und Pig fühlten sich in ihrer neuen Umgebung sehr wohl und flatterten durch den Garten.
Harry verbrachte viel Zeit damit, durch die Räume zu laufen und nach Erinnerungsstücken seiner Eltern zu suchen. Ron und Hermine ließen ihn dabei respektvoll allein. Er fand viele alte Fotos, auch von seinen Großeltern und verbrachte einen Nachmittag damit, eine Kiste mit Kinderspielzeug zu durchwühlen. Er versuchte sich dabei vorzustellen, dass er selber damit vor Ewigkeiten gespielt hatte, konnte sich aber beim besten Willen an diese Zeit nicht mehr erinnern. An einem Abend fand er im hinteren Eck eines Kleiderschranks das Tagebuch seiner Mutter. Er nahm es mit ins Wohnzimmer, wo Ron und Hermine am Kamin saßen und Zaubererschach spielten. Er hielt es lange in den Händen, konnte sich aber nicht darüber klar werden, ob er das Recht dazu hätte, es zu lesen. Nach Stunden legte er es schließlich wieder an den Platz zurück, an dem er es gefunden hatte.
Hermine hatte schon am ersten Tag die Familien-Bibliothek entdeckt und verbrachte ihre Zeit meistens dort. Sie stöberte in Ahnenreihen und begründete diese Arbeit damit, dass sie schließlich noch immer auf keinen handfesten Beweis gestoßen war, dass Harry tatsächlich mit Godric Gryffindor verwandt sei. Und diese Bibliothek wäre für ihre Suche ein Geschenk des Himmels. Es verging kaum ein Tag, an dem man sie nicht mit mindestens einem Buch unter dem Arm durchs Haus laufen sah. Sie war sogar schon mehr als einmal über einem der Bücher eingeschlafen. Doch erschien sie Ron und Harry bei ihren Forschungen so gut gelaunt, wie schon lange nicht mehr. Und weil sie sich so prächtig amüsierte, gönnte sie sich ab und zu eine kleine Pause, die sie mit den Jungs gemeinsam verbrachte.
Ron war die ersten Tage in diesem Haus etwas unbeständiger Laune. Er hatte eine Weile versucht, Hermine bei ihrer Suche zu helfen, hatte sich dann aber mit der Begründung davon verabschiedet, dass er langsam eine echte Bücherallergie entwickle. Da Harry die meiste Zeit in irgendwelchen Schränken und Kisten wühlte, hatte Ron sich in den Garten zurückgezogen, wo er sich selbst bemitleidete. Er hatte es sich eigentlich anders vorgestellt, mit Harry hierher zu kommen. Nur die wenigen Momente allein mit Hermine entschädigten ihn für die Langeweile, die ihn sonst plagte.
Nachdem Harry das Haus seiner Eltern vom Keller bis unters Dach durchstreift hatte, konnte er schließlich keine Ausrede mehr dafür finden, warum er noch nicht nach den Gräbern seiner Eltern gesucht hatte. Er wusste nicht einmal, was ihn so sicher machte, dass sie überhaupt hier waren. Ja, er musste zugeben, dass er sich vor dem Moment gedrückt hatte, nach ihnen zu sehen. Es war etwas anderes, in ihrem Sachen nach Erinnerungen zu schauen, als vor ihren Gräbern zu stehen. Doch er war auch aus diesem Grunde hierher gekommen. Also wurde es nun Zeit dafür.
Ron und Hermine schlossen sich ihm sofort an, als er ihnen beim Frühstück am fünften Tag nach ihrer Ankunft von seinem Plan erzählte.
Ron, der sich in dem verwilderten Garten inzwischen sehr gut auskannte, führte seine beiden Freunde über einen schmalen, kaum noch erkennbaren, Weg zu einer Gruppe Obstbäume. Harry merkte, wie sich plötzlich alles in ihm gegen diese Begegnung sträubte, doch er zwang sich weiterzugehen.
Zwischen den Bäumen war ein kleiner Platz freigelegt worden. Hier hatte jemand das hüfthohe Gras entfernt und das Laub und Fallobst von mehreren Jahren zur Seite geräumt.
Hermine sah Ron erstaunt von der Seite an, der blickte nur puterrot im Gesicht zu Boden, grinste aber, als seine Freundin sich an ihn kuschelte.
„Du warst ja richtig beschäftigt," flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Wollte mich halt auch nützlich machen," antwortete er, nahm Hermine in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
Die drei standen jetzt direkt vor diesem freien Platz und blickten auf zwei Steinplatten hinab, die in den Boden eingelassen worden waren.
Harry starrte die Steine nur an. Ron und Hermine beobachteten ihn verstohlen von der Seite.
Hier waren sie also, seine Eltern. Hier hatten sie ihre letzte Ruhe gefunden.
Harry kniete sich auf die Erde und legte jeweils eine Hand auf einen der Grabsteine. Er war zu keinem Gedanken fähig, starrte nur auf seine Hände und nahm nicht wahr, wie Hermine Ron einen kleinen Stupser in die Seite gab.
„Was ist denn los?" fragte Ron sie leise und rieb sich die Rippen.
Hermine starrte auf den Grabstein, auf dem der Name von Harrys Vater eingraviert war.
„Da," flüsterte sie und deutete drauf. „Erkennst du das denn nicht?"
Ron sah genauer hin. Hermines Finger deutete auf die linke untere Ecke des Steines und als Ron sich näher heran lehnte, konnte er sehr feine Linie erkennen, die Wörter bildeten, die für ihn allerdings keinen Sinn ergaben.
Verständnislos drehte er sich wieder Hermine zu und zuckte mit den Schultern.
Hermine warf Harry einen besorgten Blick zu, doch der hatte von ihrer neuerlichen Entdeckung nichts mitbekommen. Er kniete immer noch auf dem Boden und hatte die Augen jetzt geschlossen.
Hermine zog Ron von den Gräbern weg.
„Hast du es nicht erkannt?" fragte sie ihn sehr leise.
„Was erkannt? Diese Linien? Mir kommt das so vor, als hätte da jemand dran rumgekratzt," antwortete Ron genauso leise.
„Oh, Ron, das ist genau die gleiche Sprache, die auch in diesem Buch verwendet wurde, mit dem Nellie und Harry aus diesem Keller herausgebracht worden sind!"
„Hast du das Buch etwa gesehen?"
„Natürlich, hab ich es gesehen, es lag schließlich in der Bibliothek!"
„Oh, tschuldigung, war ne dumme Frage! Es gibt nicht viele Bücher in einer Bibliothek, die du nicht liest." Ron grinste, wurde von Hermine aber schnell wieder unterbrochen.
„Siehst du denn nicht den Zusammenhang?" Hermine war sehr aufgeregt. Sie verknotete ihre Finger nervös, blickte immer wieder zu Harry und trat von einem Fuß auf den nächsten. „Das sind keine Kritzeleien, das wurde regulär auf den Grabstein eingraviert. Das bedeutet, dass Harrys Eltern etwas mit diesem Buch zu tun haben müssen!"
„Wie kann das denn sein, Hermine? Dieser Fremde, der den beiden geholfen hat, muss ein Todesser gewesen sein! Und du glaubst doch nicht, dass Harrys Eltern was mit den Todessern zu tun hatten?"
„Sei nicht albern, Ron! Natürlich glaub ich das nicht! Aber wir wissen nicht, wer ihnen geholfen hat! Wir wissen nicht einmal, ob es ein wirklicher Todesser war, oder ob derjenige sich nur als solcher ausgegeben hat." Hermine begann zwischen den Obstbäumen auf und ab zu laufen. Sie hatte einen Finger an der Stirn liegen, während sie nachdachte. „Es könnte doch sein, dass dieses Buch einst James Potter gehört hat. Diese Schrift könnte eine Geheimschrift sein. Das würde passen, weil aus dem Orden keiner diese Schrift zu kennen scheint, aber wenn sie hier wieder auftaucht, dann könnte es passen."
„Würdest du bitte in einer Form sprechen, die ich auch verstehen kann?" Ron waren Hermines Gedankengänge ein Rätsel.
„Ja, und ich würde dem ganzen auch gerne folgen können," klinkte Harry sich in die Unterhaltung mit ein.
Ron und Hermine wirbelten zu ihm herum. Sie hatten nicht bemerkt, dass er zu ihnen getreten war.
„Oh, Harry, entschuldige bitte," sagte Hermine und sah ihn besorgt an.
„Ich bin nicht krank, Hermine," meinte er dazu. „Also, was habt ihr herausgefunden, dass ihr hier so flüstern müsst?"
Also erzählte Hermine ihm noch einmal von den seltsamen Zeichen, die sie in dem Portschlüssel-Buch und jetzt plötzlich wieder auf James Potters Grabstein entdeckt hatte.
„Und du glaubst, dass dieses Buch meinem Vater gehört haben könnte?" fragte Harry ungläubig. „Wie sollte es denn dann in diesen Keller gekommen sein?"
„Darüber denke ich ja gerade nach, Harry," entgegnete Hermine aufgebracht und begann wieder auf und ab zu laufen. „Wenn wir nur wüssten, was das für eine Art Schrift ist! Es scheint eine Geheimschrift zu sein, aber ich habe sie noch nie gesehen! Vielleicht…"
Hermine warf Harry einen kurzen Blick zu, trat dann wieder an die Grabsteine, zückte ihren Zauberstab und richtete ihn auf die linke untere Ecke von James Potters Grabstein. Ein paar Funken verließen die Spitze des Stabes, nachdem sie ein paar unverständliche Worte gemurmelt hatte, doch nichts veränderte sich.
„Mist," fluchte sie leise als sie den Zauberstab wieder einsteckte. „Einen Versuch war es aber wert. Nur kommen wir so nicht weiter. Es muss einen Zusammenhang geben und ich werde noch darauf kommen."
Hermine sah ernsthaft entschlossen aus. Den besten Beweis für ihre Entschlossenheit lieferte sie damit, dass sie auf direktem Wege in die Familien-Bibliothek der Potters stürmte und den restlichen Tag nicht mehr auftauchte.
