Kapitel 14

Die beiden jungen Frauen standen vor der Haustür, hatten ihre Koffer und Taschen um sich herum verteilt und sahen sich grinsend an.

„Willst du, oder soll ich?", fragte die eine mit einem schiefen Grinsen.

„Alter vor Schönheit," entgegnete die andere frech und machte eine lässige Verbeugung.

Die erste Frau nahm daraufhin den Messingtürklopfer in die Hand und betätigte ihn. Er gab kein Geräusch von sich. Kein Klopfen, nicht einmal ein leises Pochen.

Die beiden Frauen sahen sich stirnrunzelnd an, dann nahm die Erste den Klopfer mit der anderen Hand, holte etwas weiter aus und schlug so fest zu, dass die andere in Erwartung eines heftigen Klopfens zusammenzuckte. Aber nichts tat sich.

Stirnrunzeln.

„Ach, lass mich mal," meinte die jüngere und benutzte ihre Faust, um gegen die Tür zu hämmern. „So macht man das bei uns."

Die beiden Frauen lachten wieder und warteten, dass die Tür geöffnet wurde.

Als Harry auf das aufdringliche Klopfen hin die Haustür öffnete, glaubte er erst, seinen Augen nicht zu trauen. Die beiden Menschen, die da draußen standen, hatte er am allerwenigsten erwartet. Eigentlich hatte er hier, in Godric's Hollow, gar keinen Besuch erwartet.

„Ginny! Nellie! Was…?", Harry starrte die beiden mit offenem Mund an.

„Ach, frag nicht," jauchzte Ginny und wollte sich ihrem Freund um den Hals werfen, den sie jetzt seit einer Woche nicht gesehen hatte. Doch sie schien gegen eine Wand zu laufen und rieb sich perplex die Nase. „Was ist das denn?"

Harry musste lachen. Als dann auch noch Polly von Nellies Schulter in den Flur springen wollte und ebenfalls gegen den Schutzschild prallte und in Nellies schnell ausgestreckte Hände fiel, fand er es einfach nur noch herrlich.

„Herein mit euch Schönheiten!", rief er gut gelaunt, nahm sie bei den Händen und zog sie in den Flur. Nellie schüttelte sich etwas, grinste dann aber wieder und deutete auf den Türklopfer.

„Also, ehrlich mal, Herr Hausbesitzer, du solltest dein Heim wirklich etwas besser pflegen. Oder willst du vielleicht keine Gäste?"

Harry runzelte die Stirn und als Nellie ihm den stummen Löwenkopf vorführte, der einen schweren Ring im Maul trug, zuckte er nur grinsend mit den Schultern.

Hermine und Ron waren inzwischen auch auf den kleinen Tumult im Flur aufmerksam geworden und kamen, um die beiden Besucherinnen zu begrüßen. Sie waren nicht weniger überrascht sie zu sehen, als Harry.

„Wie kommt ihr denn hier her?"

„Woher wisst ihr überhaupt, wo wir sind?"

„Danke der freundlichen Willkommensworte! Ach, komm schon, Harry, nachdem wir erfahren haben, dass du ein Haus geerbt hast, wollten wir uns das doch nicht entgehen lassen. Außerdem ist es echt unfair von dir, dass du es hier so gemütlich hast, während wir in diesem düsteren Schuppen rumhängen müssen," meinte Nellie und sah sich um.

„Eben, und dann auch noch mit Moody, und mit dem ist zur Zeit echt noch schlechter Kirschen essen wie eh schon. Wobei," fügte Ginny grinsend hinzu und löste sich langsam von Harry, den sie jetzt endlich umarmt hatte. „Nellies neuer Lehrer machte es uns nicht gerade einfach, da zu verschwinden."

„Lehrer?" Ron sah aus, als wäre er einem violetten Geist begegnet. „Seid wann interessierst Du dich für Lehrer?"

„Den solltet ihr mal sehen, sieht echt cool aus," Ginny grinste Nellie an, die zu verbergen versuchte, dass ihr das Thema unangenehm war.

„Das könnt ihr uns später erzählen," Harry sah die beiden Mädchen ernst an. „Jetzt will ich erst mal wissen, was passiert ist."

Und so kam es, dass die fünf Freunde in der kleinen Küche am Esstisch saßen und von den Keksen naschten, die Ginny mitgebracht hatte. Die beiden Neuankömmlinge mussten erst mal berichteten, was in den letzten Tagen im Hauptquartier los gewesen war.

„Also, erst mal solltest du wissen, Harry, dass ich mich absolut an das gehalten habe, worum du mich gebeten hast," meinte Nellie kauend.

„Das stimmt, sie hat ständig auf Lupin und Moody eingeredet," Ginny sprang ihrer neuen Freundin zur Seite.

„Aber du musst auch wissen, dass es schon ziemlich dumm von euch war, zu glauben, dass ihr dem Orden so einfach entwischen könnt," Nellie griff nach Polly, die gerade versuchte, auf ihren Kopf zu klettern und setzte sie auf den Boden.

„Allerdings. Wundert mich, dass die Euch nicht schon am nächsten Tag zurückgeholt haben," Ginny nickte mit dem Kopf.

„Die wissen, wo wir sind?" Harry sah wütend aus.

„Was glaubst du denn?" Ginny strahlte. „Wie sonst hätte wir hier her kommen können? Ich darf noch nicht zaubern und Nellie, na ja, sie übt noch…"

Hermine musste lachen. Wurde aber von Harrys Blick zum Schweigen gebracht.

„Hätte ich mir denken können," brummte er.

„Ach, komm schon, Harry, sie lassen dich in Ruhe, immerhin, wenigstens in dem Punkt haben sie auf uns gehört," Nellie nahm noch einen Keks und gab ihn Polly, die schon wieder auf ihren Schoß geklettert war.

„Was meinst du damit?"

„Es gab vor zwei Tagen noch eine Versammlung."

„An der wir mal wieder nicht teilnehmen durften," fügte Ginny grummelnd hinzu.

„Der wir aber trotzdem zugehört haben," Nellie feixte zu Ginny hin, die wieder lachte.

Harry fiel auf, dass er die Beiden schon lange nicht mehr so fröhlich gesehen hatte.

Ron lehnte sich jetzt über den Tisch nach vorne.

„Langziehohren?"

„Bingo, Brüderchen, aber die Neuen," sagte Ginny im verschwörerischem Tonfall. „Mit denen kommst du durch jede Tür."

„Und?" Harry wollte Details hören.

„Ach, das Übliche," meinte Ginny mit wegwerfender Handbewegung. „ ‚Der Junge ist viel zu leichtsinnig', ‚Wir können die Drei doch nicht allein lassen', ‚ Die wissen doch gar nicht, worauf sie sich einlassen' und Mum: ‚Wenn ihnen nun was passiert?'" Hermine musste wieder lachen und ließ sich diesmal nicht davon abhalten.

„In kurzen Worten," erklärte Nellie, „haben sie beschlossen, dass du freie Bahn haben sollst, bei deinen Plänen."

„Auch, wenn keiner weiß, welche das sind," fügte Ginny hinzu und sah Harry von der Seite an. „Nicht einmal wir. Und glaub mir, sie haben uns gelöchert deswegen!"

„Und sie unternehmen gar nichts, um mich zurückzuholen?"

„Oh, sei nicht naiv, Harry," Hermine klinkte sich das erste Mal mit in das Gespräch ein. „Sicher werden sie dich wieder beschatten, das hat bei deinen Verwandten ja auch funktioniert. Na ja, mehr oder weniger, Außerdem hat Dumbledore das Haus scheinbar mit jeder Menge Zauber geschützt. Wahrscheinlich reicht ihnen das erst mal."

Harry murrte noch etwas vor sich hin. Schon wieder wurde er beschattet. Konnte man ihn denn niemals alleine lassen?

„Na gut, solange sie sich raushalten," meinte er schließlich. „Aber woher wissen sie von dem Haus?"

„Schon wieder so naiv," meinte Nellie und verdrehte die Augen. „Wenn dieser Dumbledore dir das Haus deiner Familie überlässt, wird er das doch mit Sicherheit nicht ganz alleine gewusst haben."

„Eben. Lupin wusste von Godric's Hollow und er war es auch, der uns davon erzählt hat," Ginny lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und sah sich in der Küche um.

Pig war gerade hereingeflattert. Als Polly ihn sah, flitzte sie von Nellies Schoß und war gemeinsam mit der winzigen Eule schneller aus dem Fenster verschwunden, als jemand sie zurückhalten konnte.

„Wir sollen dir ein paar Dinge ausrichten," Nellie richtete sich nun gerade auf, räusperte sich, als wollte sie eine Rede halten und fuhr dann fort. „Also, zunächst von Mr. Weasley: Am 16. August findet im Ministerium die Verhandlung um Mundungus irgendwas statt, ihr könnt vorher zehn Minuten mit ihm sprechen."

Harry sah auf und blickte Ron und Hermine an. Hermine nickte zufrieden.

„Dann von Moody, an Ron und Harry: Ihr habt in drei Tagen eure Appar…Akka…"

„Apparierprüfung," half Ginny nach.

„Genau, danke," Nellie verbeugte sich höflisch und Ginny erwiderte mit ernstem Gesicht diese Geste.

Wieder staunte Harry über die Fröhlichkeit der beiden jungen Frauen. Sie schienen keine Ahnung zu haben, auf was sie sich da einließen. Für sie schien das alles ein amüsanter Ausflug zu sein.

„Also ihr habt diese Prüfung am 9. August, auch im Ministerium."

Harry und Ron ließen etwas die Köpfe hängen. Harry hasste den Gedanken ins Ministerium zu gehen und den Zaubereiminister zu treffen. Ron war mehr als mulmig zumute. Er hasste Prüfungen!

„Und dann noch von Mrs. Weasley, an dich, Ron: ‚Wenn ich dich in die Finger bekomme, Ronald Weasley!' und dir, Harry, richtet sie aus, dass du mal von dir hören lassen sollst."

Ron war ganz rot im Gesicht geworden und hatte die Hände zu Fäusten geballt.

„Wieso haben sie euch Beide geschickt und kommen hier nicht selber vorbei?", fragte Hermine schließlich.

„Och, sie dachten wohl, dass ihr uns nicht gleich die Köpfe abreißen würdet," meinte Ginny grinsend.

„Lupin hat gesagt, dass wir ein wenig auf euch acht geben sollen," Nellie schien sich über Harrys und Rons Gesichter königlich zu amüsieren. „Sie werden sich im Hintergrund halten, aber um ehrlich zu sein, wir haben sie so lange genervt, bis sie uns haben gehen lassen."

„Nun," stieß Hermine heraus, die die schlechte Stimmung der beiden Jungen bemerkte und klatschte in die Hände. „Jetzt seid ihr hier, machen wir also das Beste daraus."

„Verdammt, das Beste?" Harry schlug eine Hand auf den Tisch. „Das war doch genau das, was ich verhindern wollte, Hermine. Jetzt wissen wieder alle bescheid und beschatten mich auf Schritt und Tritt. Wieder werden sich jetzt alle möglichen Leute in Gefahr bringen, um mich zu schützen! Verdammt!"

„Nu aber mal halb lang," sagte Nellie, der das Lachen vergangen war. „Bescheid weiß außer euch keiner, was ihr hier eigentlich treibt. Und das mit der Gefahr will ich von dir gar nicht mehr hören, du wiederholst dich!"

„Gut! Und ihr werdet auch nicht bescheid wissen, weil ihr gleich morgen wieder zurückgehen werdet! Ihr habt eure Nachrichten überbracht, schön, gut, aber das reicht!" Harry sprang auf und verließ die Küche.

Die anderen sahen ihm hinter her. Ginny wollte ihm nachlaufen. Sie hatte ein zorniges Funkeln in den Augen, doch Hermine hielt sie zurück.

„Ist der in letzter Zeit öfters so?"

„Lass ihn mal," meinte Hermine ruhig. „Aber es liegt tatsächlich an ihm, ob er euch einweihen möchte, oder nicht. Das hier ist wirklich kein Spiel." Mit einem ernsten Blick erstickte sie alle restlichen Proteste der Beiden.

„Zeigt ihr uns dann wenigstens ein wenig das Haus und den Garten?"

Nellie wollte so schnell nicht aufgeben, sah aber im Moment keinen Sinn darin, weiterzudiskutieren.

Ron war den restlichen Nachmittag in schlechter Stimmung und Harry brütete in der Bücherei, also blieb es an Hermine hängen, Ginny und Nellie herumzuführen. Eigentlich hätte sie lieber in ihren Büchern weiter gelesen, sie war nämlich gerade auf etwas sehr interessantes gestoßen, doch freute sie sich auf der anderen Seite darüber, dass die Beiden da waren.

Harry hatte sich die letzten Tage eine Liste gemacht, mit allem, was er von den Horkruxen wusste und wo er nach ihnen suchen wollte.

Die Sache mit dem Medaillon beschäftigte ihn, doch musste er sich bis zu dieser Verhandlung am 16. noch gedulden.

Wo sich Voldemorts grässliche Schlange aufhielt, konnte er sich nicht im geringsten vorstellen und der Tipp mit der Tasse hatte sich auch noch nicht ausgezahlt. Harry hatte Hedwig am vorherigen Tag mit einer Nachricht zu diesem Patrick Miersch geschickt, rechnete aber erst in ein paar Tagen mit Antwort.

Und dann war da noch dieser ominöse Gegenstand, entweder von Ravenclaw oder Gryffindor. Wie sollte er den denn bloß finden?

Er zerbrach sich weiter den Kopf, wie er diese Horkruxe vernichten sollte, wenn er sie denn überhaupt fände. Er dachte an diesen seltsamen Trank, der Dumbledore in der Höhle so geschwächt hatte. Wenn dieses falsche Medaillon schon so dermaßen gut geschützt war, was würde ihn dann noch erwarten?

Harry hatte auch wieder angefangen, Bücher zu durchstöbern, nach Zaubersprüchen und Flüchen, die ihm behilflich sein würden. Er hatte auch angefangen, wieder mit Ron und Hermine diese Zauber auszuprobieren. Er wollte gut vorbereitet sein.

Die drei Mädchen standen schließlich vor den Grabsteinen von Harrys Eltern und sahen darauf hinab. Ginny schluckte schwer, doch Nellie beugte sich hinunter und fuhr mit den Fingern über die seltsamen Zeichen, die in die Ecke von James' Stein eingraviert waren. Hermine stutzte, als ihr das auffiel.

Nellie verengte die Augen, als sie die Zeichen überflog, als würde sie versuchen, sich an etwas zu erinnern.

„Was ist denn?", fragte Ginny, der auch aufgefallen war, dass ihre Freundin sich seltsam benahm und schaute über ihre Schulter.

„Hat das hier schon immer da gestanden?", fragte Nellie und sah Hermine an.

„Keine Ahnung, wir haben die Gräber erst vor einer Woche das erste Mal gesehen," antwortete sie. „Warum, kannst du das lesen?"

„Sicher, ihr etwa nicht?" Nellie blickte die beiden Hexen verwundert an. Die schüttelten die Köpfe. Hermine schien sehr aufgeregt.

„Was steht da denn, Nellie? Es ist wirklich wichtig!"

„Wichtig?" Nellie stand auf und sah Hermine an. „Wichtig genug, dass ihr uns sagen könnt, um was es hier eigentlich geht?"

Hermines Gesicht wurde sofort ernst und sie zog die Augenbrauen zusammen. Ginny sah nervös zwischen den beiden hin und her.

„Das kann ich nicht entscheiden," sagte Hermine schließlich und musterte Nellie. „Aber ich lass mich nicht erpressen."

„Himmel, nein!" Nellie trat einen Schritt auf Hermine zu. „Ich will dich nicht erpressen!"

Hermine entspannte sich wieder etwas und auch Ginny atmete erleichtert auf.

„Aber ich möchte wirklich wissen, was das für ein Rätsel ist, das ihr da am lösen seid. Ich meine natürlich, wir," fügte sie hinzu, auf Ginnys erbosten Blick hin. „Wenn es hier sogar um rätselhafte Nachrichten auf Grabsteinen geht…"

„Es ist also wirklich eine Nachricht?", rief Hermine.

„Keine Ahnung, aber rätselhaft ist es," meinte Nellie und blickte wieder auf die Buchstaben hinab. „Da steht einfach nur ‚VITALLARE'."

Hermine und Ginny beugten sich sofort über die Ecke des Grabsteines.

„Wie hast du das erkannt?" Hermine war Feuer und Flamme. Ginny stand nur ratlos daneben.

„Es ist eine Geheimschrift, die ich in der Grundschule mit einer Freundin benutzt habe. Wundert mich echt, dass ihr so was nicht kennt! Aber ihr habt wohl bessere Methoden, heimliche Botschaften zu schreiben. Es ist ziemlich einfach. Man lässt den ersten Buchstaben weg, vertauscht den zweiten und dritten und setzt den letzten an den Anfang. Voilá: Vitallare."

Hermine staunte, Ginny starrte wieder die Zeichen an.

„Oh, wenn wir nur dieses Buch hier hätten!"

„Welches Buch?", fragte Ginny.

„Diesen Portschlüssel, der Harry und Nellie aus dem Keller weggebracht hat! Wenn Nellie diese Schrift lesen kann, könnte sie auch den Rest aus dem Buch lesen, das würde uns sehr helfen!"

„Worum geht es hier eigentlich?" Nellie wiederholte sich nicht gerne, aber diese Frage brannte ihr dermaßen unter den Nägeln, dass sie sie gerne noch ein weiteres Mal stellte.

Hermine sah sie nur traurig an.