Kapitel 18:
„Sie ist also nicht mehr dort," rief Hermine hinter einem Baumstamm hervor. Sie klang dabei ziemlich enttäuscht, wenn man mal davon absah, dass sie ziemlich außer Atem war.
„Scheinbar nicht," Harry klang nicht weniger frustriert. Er hatte sich hinter einem Busch verschanzt und lugte über die Schulter nach seinen Freunden. „Stupor!"
Sein Lähmfluch prallte gegen den Stamm, hinter den Ron sich geflüchtet hatte. Der konnte den Kopf gerade noch rechtzeitig einziehen.
„Besonders viel hat dieser Kerl auch nicht grade geschrieben," rief Harry und klang dabei genauso enttäuscht wie Hermine.
Er kroch hinter seinem Busch hervor und konnte gerade noch einen blauen Blitz auf sich zurasen sehen, bevor er sich zu Boden werfen konnte. Hermine rannte jetzt hinter ihrem Baum hervor auf Ron zu, der davon abgelenkt war, dass Pig ihm um die Ohren flatterte. Ron fuchtelte wild mit den Armen, um die Eule zu verscheuchen.
„Impedimenta!", rief sie und zielte auf ihren Freund. Der riss erschrocken die Augen auf und warf sich dann im letzten Moment flach auf den Boden.
Harry hatte die Gelegenheit genutzt und sich von hinten an Hermine herangeschlichen. Seinen Kitzelfluch konnte sie jedoch problemlos mit einem Protego abfangen, bevor sie wieder hinter einem dicken Apfelbaum Schutz suchte.
Harry, der jetzt Rons Zauberstab auf sich gerichtet sah, hechtete hinter das nächste Gestrüpp.
„Rictusempra!"
Doch Rons Fluch versenkte Harry nur ein paar Haare.
Alle Drei keuchten jetzt hinter ihren Verstecken.
„Was bedeutet das eigentlich, dass ein Sammler sie sich hat schicken lassen?", fragte Ron in die entstandene Stille hinein.
„Was soll es schon heißen? Er hat sie nicht mehr." Harry atmete tief ein und aus. Seinen Zauberstab hielt er immer noch fest umklammert.
Sie hatten schon den ganzen Tag über diese Nachricht diskutiert, die Hedwig aus Deutschland gebracht hatte und die ihnen bisher mehr Kopfzerbrechen bereitet als irgendwelche Informationen geliefert hatte.
Patrick Miersch hatte in dem Schreiben mitgeteilt, dass ein anonymer Kunstsammler seine gesamte Geschirrkollektion aufgekauft habe, darunter auch die Tasse von Helga Hufflepuff. Harry hatten diese Neuigkeiten ziemlich frustriert. Konnte es nicht ab und zu mal etwas einfacher laufen?
„Wer könnte dieser anonyme Sammler denn sein?", rief Ron hinter seinem Baum hervor. Man konnte hören, dass Pig ihn immer noch wie ein aufgescheuchtes Sonnensystem umschwirrte.
„Wahrscheinlich weis er es selber nicht, wenn er es nicht erwähnt," meinte Harry, der die zerknüllte Nachricht aus seiner Hosentasche fischte, um sie ein weiteres Mal zu lesen.
In dem Moment nahm er eine Bewegung rechts von sich wahr.
Der Beinklammerfluch traf Hermine direkt in den Bauch, genau in dem Moment, als sie ihren Zauberstab gehoben und auf Harry gerichtet hatte.
„Nicht schlecht, Hermine," sagte Harry und grinste seine Freundin an, die sich nicht mehr rühren konnte und ihn nur genervt anfunkeln konnte. „Aber nicht gut genug."
Mit einem Schlenker hob er den Zauber auf und Hermine rieb sich die Knöchel.
„Ganz ehrlich, Harry," meinte sie und sah dabei nicht sehr glücklich aus. „Ich hab von diesen Hasenjagden die Nase voll."
„Und ich erst," stöhnte Ron, der seine Deckung ebenfalls verlassen hatte. „Wir haben doch eh keine Chance gegen dich." Dabei sah er Harry achselzuckend an.
„Schon okay, aber ihr werdet immer besser!"
Wie schon beim Training zum Trimagischen Turnier und den DA-Treffen hatten Harry, Ron und Hermine wieder damit begonnen, Zauber und Flüche zu üben. Dabei jagten sie sich gegenseitig durch den Garten, achteten aber darauf, sich dabei nicht ernsthaft zu verletzen.
Die Drei ließen sich schwitzend ins Gras sinken und Harry nahm den Brief von Patrick Miersch wieder zur Hand.
„Wer könnte dieser Sammler nur sein?", überlegte Hermine und starrte das Pergament in Harrys Händen an. „Wer käme für so etwas denn in Frage?"
„Woher sollen wir das wissen? Ich hätte ja nie gedacht, dass es solche Spinner tatsächlich gibt! Wer kauft denn ein ganzes Lager Tassen? Wie verrückt kann einer sein?" Ron verdrehte die Augen.
„Es ist wirklich nicht gerade hilfreich, was er da schreibt," murmelte Harry und stopfte den Brief schließlich wieder zurück in die Tasche. „Nur, dass es ein britischer Sammler ist."
„Na, wenigstens das," meinte Ron und ließ sich nach hinten auf die Ellenbogen fallen. „Das nenne ich sehr hilfreich."
„Wir müssen doch eigentlich nur herausfinden, welche Sammler hier bei uns für so etwas in Frage kämen. Es muss doch Kataloge, Listen oder Adressen geben. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand eine so große Sammlung besitzen kann und niemand etwas davon weiß! Vielleicht finde ich ja was in der Bibliothek?" Damit hatte Hermine sich schon wieder aufgerappelt und war in Richtung der Haustür verschwunden. Bevor sie kurz darauf mit genervtem Gesichtsausdruck wieder auftauchte.
„Schon klar, ich komme," rief Harry, stand ebenfalls auf und lief ihr entgegen.
„So sinnvoll es auch sein mag, aber dieser Schutzschild beginnt mich langsam zu stressen," meinte er, als er sich wenige Augenblicke später wieder neben seinen Freund ins Gras plumpsen ließ.
Ron grinste nur.
„Was hast du jetzt vor?", fragte er seinen Freund nach einer Weile.
„Keine Ahnung," antwortete der. „Das war der einzige Hinweis, den ich zu der Tasse hatte. Vielleicht findet Hermine ja wirklich diesen Sammler. Ich kann es nur hoffen!"
„Hast du mit diesem Vitallare-Teil eigentlich irgendwelche Fortschritte gemacht?", fragte Ron als nächstes.
„Nein."
Harry hatte nebenbei damit begonnen den Vitallare-Zauber seines Vaters an ein paar Rosenbüschen im Garten ausprobiert. Hermine hatte davon zum Glück noch nichts mitbekommen.
Das Resultat war jedoch immer das Gleiche gewesen. Die Büsche waren im Zeitraffertempo verwelkt, dann aber genauso schnell wieder aufgeblüht. Der Zauber hatte also nur eine temporäre Wirkung. Aber das konnte mit Sicherheit nicht der Sinn dahinter sein.
Harry hatte alles Mögliche versucht, um dies zu überwinden. Er hatte sowohl die Aussprache des Wortes als auch die Zauberstabbewegung variiert, doch kam er dabei zu keinem neuen Ergebnis. Es war frustrierend.
Erst der Streit mit Nellie und Ginny, dann dieser bissige Türklopfer, danach die schlechten Nachrichten aus Deutschland und nun wollte dieser Zauber, der vielleicht die Welt retten sollte, nicht funktionieren! Und hinter das Geheimnis von dieser Geheimschrift waren sie auch noch nicht gekommen.
„Also, auch wenn nicht alle hier meiner Meinung sind, aber ich denke, wir brauchen Nellies Hilfe," meinte Ron. „Sie ist zwar eine Muggel, aber irgendwas ist seltsam an ihr."
„Ich weiß, was du meinst," sagte Harry, dem plötzlich wieder einfiel, dass auch Voldemort in Nellie nicht nur eine einfache Muggel gesehen hatte. „Und ich denke, ich werde ihr wirklich schreiben. Ich muss wissen, was Dad in diesem Buch geschrieben hat!"
„Mensch, bin ich froh, dass du das jetzt auch endlich einsiehst!" Ron schien wirklich erleichtert und legte sich der Länge nach in die Sonne. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sah so aus, als wollte er ein Nickerchen halten.
Die nächsten zwei Tage sahen Nellie und Ginny die restlichen Hausbewohner des Grimmauldplatz nur beim Essen in der Küche. Die restliche Zeit saßen sie in der Bibliothek und lernten. Nellie hatte schon einen ganz trockenen Hals von den vielen staubigen Büchern. Sie hatte ihre lautstarken Proteste jedoch inzwischen aufgegeben und begnügte sich damit, dass Fred und George sie über die Fortschritte ihres neuesten Rumtreiber-Sortiments auf dem Laufenden hielten und damit für willkommene Abwechslung sorgten. Es ging dabei um Leise-Sohlen-Treter und Heimlichkeits-Kerzen.
Polly hatte sich seit ihrem Fellfarben-Malheure erstaunlich ruhig verhalten, was Nellie allerdings nicht als bestes Zeichen beurteilte.
Die Stimmung im Hauptquartier war also dementsprechend eher schlecht.
Am Samstag, als Nellie und Ginny sich schon auf einen Abend ohne Bücher freuten, bat Remus Lupin Nellie auf ein Wort in die Küche.
„Es ist wegen morgen, nicht wahr?", kam Nellie dem grau gekleideten Mann zuvor.
Sie mochte ihn sehr gern. Er war immer freundlich zu ihr gewesen und so ehrlich, wie es eben ging. Dass er immer etwas zerlumpt und kränklich aussah, störte sie wenig. Sie mochte es, wie er ihr zuzwinkerte, wenn er sich über etwas amüsierte. Was Remus Lupin in Nellies Augen aber erst recht sympathisch machte, war die Art, wie er mit Tonks umging. Dass die Beiden ein Paar waren, konnte man gar nicht übersehen, so liebevoll sie sich gegenseitig behandelten. Lupin war ihr gegenüber immer ausgesprochen höflich und aufmerksam, auch wenn Tonks ein eher burschikoser chaotischer Typ Frau war.
„Ganz recht, Nellie," antwortete Lupin ihr. „Ich möchte mir dir besprechen, was wir deinen Eltern erzählen können und was nicht. Es würde sicher keinen sehr guten Eindruck machen, wenn wir uns gegenseitig widersprechen."
Lupin lächelte sie an.
„Nein, würde es nicht," erwiderte Nellie und lächelte zurück.
Sie hatte eigentlich vorgehabt, darauf zu bestehen, ihren Eltern die Wahrheit über die Vorkommnisse zu erzählen, die sich abgespielt hatten, nachdem diese zu Verwandten aufs Festland abgereist waren. Doch in langen Gesprächen sowohl mit Ginny als auch mit ihrem eigenen inneren Schweinehund, war sie zu dem Ergebnis gekommen, dass sie sich auf das Urteil erfahrener Zauberer verlassen musste. Sie wusste immer noch viel zu wenig.
„Mein Vorschlag ist," fuhr Lupin fort. „Dass wir einfach bei der Wahrheit bleiben."
Nellie glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können.
„Zumindest soweit, wie darin keine Zauberer, Magie oder Keller vorkommen," ergänzte er, als er Nellies verwirrten Blick sah.
Sie nickte.
„Das Beste wird sein, ich übernehme es, deinen Eltern von Hogwarts zu erzählen."
Wieder nickte sie. Lupin sah die junge Frau ihm gegenüber jetzt aufmerksam an.
„Du hast Angst um sie, nicht wahr?"
Nellie sah ihm in die Augen. Dann nickte sie abermals.
„Die kann ich dir leider nicht nehmen," sagte Lupin und seine Stimme klang so beruhigend, dass Nellie spürte, wie sich der Knoten in ihrer Brust zu lösen begann. „Aber wir können davon ausgehen, dass die Todesser nichts von deiner Familie wissen. Solange das so bleibt, besteht keine Gefahr. Aber da sie dich wahrscheinlich beobachten, müssen wir dieses Treffen morgen kurz halten, verstehst du das?"
„Natürlich." Nellie hatte den Blick gesenkt.
„Wir haben euer Haus mit einem Alarmzauber belegt, Moody hat das, glaube ich, schon mal erwähnt. Wir wissen jederzeit, wer sich in dem Haus aufhält und wer versucht, dort einzudringen. Falls es tatsächlich zu einem Angriff kommen sollte, greifen wir ein. Doch das wird, hoffentlich, nicht geschehen."
Nellie wünschte sich, die Zeit zurückdrehen zu können. Bei diesem Gedanken fiel ihr Harry wieder ein.
„Mister Lupin? Könnte Harry nicht mitkommen, morgen?"
Lupin stutzte und sah sie verwundert an.
„Ich meine, es ist doch so, dass ich Freunde gefunden haben soll, die nach Hogwarts gehen, durch die ich überhaupt darauf gekommen bin, dort hin zu wollen, oder nicht? Und, na ja, da würde Harry sehr gut passen."
„Nun, abgesehen davon, dass er nicht hier ist, frage ich mich, warum es nicht auch Ginny sein kann," antwortete Lupin.
„Meine Eltern kennen Harry, zumindest vom Sehen und können ihn ganz gut leiden. Ich kann ihm ja schreiben. Das mit den Eulen hab ich inzwischen kapiert. Das müsste doch gehen?"
„In Ordnung, du kannst es versuchen. Ich würde mich auch freuen, ihn wieder zusehen."
Während Nellie anschließend die Treppen zu ihrem Zimmer hinaufstieg, überlegte sie schon, wie sie den Brief an Harry formulieren sollte, so dass er gar nicht absagen konnte.
Obwohl sie immer noch einen Groll auf ihn spürte, weil er sie abgewiesen hatte, wollte sie ihn bei diesem Treffen doch bei sich haben. Es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit, wenn sie sich vorstellte, dass Harry bei ihr war. Sie musste sich eingestehen, dass sie vor dem Gespräch mit ihren Eltern eine Heidenangst hatte. Sie liebte ihre Eltern und wusste, dass sie sie genauso liebten, aber wie würden sie auf all das reagieren?
Außerdem machte Nellie sich Vorwürfe, in etwas hineinverstrickt zu sein, dass sie in Gefahr bringen konnte. Wenn Harry bei ihr wäre, wäre es fast wieder wie damals, als sie noch nichts von Zauberern und Magie gewusst hatte.
Und dass ihre Eltern Harry gern hatten, stimmte sogar, denn sie hatten die Geschichten von den Dursleys über dieses St.-Brutus-Irgendwas nie geglaubt.
Kurz vor der Zimmertür hatte Nellie ihren Brief schon fast ausformuliert. Als sie die Tür öffnete, konnte sie ihn sich schon bildlich vorstellen. Als sie dann im Zimmer stand, sah sie Hedwig auf der Stuhllehne sitzen und zufrieden schuhuhen.
„Hedwig!" Nellie liebte diese Eule. Sie war so hübsch!
Die Schneeeule streckte ihr ein Bein entgegen, an dem eine kleine Rolle Pergament hing. Nellie hatte bisher noch nie Eulenpost bekommen und tat sich dementsprechend etwas schwer, die Rolle von dem Eulenbein zu lösen.
Polly, die auf dem Bett lag, schlug ungehalten mit dem Schwanz auf die Decke. Hedwig hielt sehr ruhig, begann nach einer Weile aber auch ungeduldig zu werden.
Schließlich hielt Nellie die Rolle in den Händen.
„Kannst du noch etwas warten?", fragte sie die Eule dann. „Ich möchte Harry auch gerne einen Brief schreiben."
Hedwig blinzelte sie an und blieb sitzen, wo sie war.
Nellie öffnete Harrys Nachricht und hatte sie schnell durchgelesen. Sie war sehr kurz.
Liebe Nellie,
erinnerst du dich daran, als ich dir gesagt habe, dass ich dich um Hilfe bitten würde, wenn ich sie bräuchte? Nun brauch ich sie. Ich muss wissen, was in diesem Buch steht.
Ich freue mich, von dir zu hören. Du kannst Hedwig mit Antwort zurückschicken.
In Liebe, Harry
Nellie runzelte die Stirn und vergaß dabei einen Moment lang, dass sie selber noch einen Brief schreiben wollte.
Er brauchte ihre Hilfe? War etwas passiert? Aber nein! Wenn etwas passiert wäre, hätte er sicher nicht ausgerechnet sie um Hilfe gebeten. Es musste etwas mit dieser Geheimschrift, oder auch mit dem blöden Türklopfer zu tun haben.
Jetzt auf einmal brauchte er sie also wieder?
Nellie fühlte wieder die Wut in sich aufsteigen und eine Minute lang dachte sie daran, Hedwig ohne Antwort zurück zuschicken. Doch dann dachte sie an den Abend zurück, als Harry so schwer verletzt gewesen war und sie zusammen in einem Bett geschlafen hatten. Sie dachte an die Gefühle, die er in ihr ausgelöst hatte. Sie dachte an ihn, als ihren kleinen Bruder. Dann setzte sie sich an den Tisch und schrieb ihren Brief:
Lieber Harry,
blöde Frage, natürlich helfe ich dir!
Ich habe aber auch eine Bitte an dich: Kannst du mich und Remus Lupin morgen Nachmittag zu dem Treffen mit meiner Familie begleiten? Ich würde mich wohler fühlen, wenn du dabei wärest. Remus Lupin meinte, das Café, in dem wir uns treffen ist gegenüber vom Tropfenden Kessel, vielleicht treffen wir uns morgen da, um 15 Uhr? Ich würde mich freuen!
Liebe Grüße an Hermine und Ron.
In dem Moment kam Ginny hereingestürmt, ein Schachbrett unter den Arm geklemmt.
Als sie erkannte, was Nellie für einen Brief schrieb, nahm sie ihr den Stift aus der Hand und kritzelte in ihrer eigenen Handschrift darunter:
Und einen Kuss von Ginny!
Nellie musste lachen. Dann beendete sie den Brief noch mit den Worten:
In Liebe, Nellie
