Kapitel 19:

Nellie wachte am Sonntagmorgen mit einem unguten Gefühl auf. Sie war nervös, schrecklich nervös, aber es ging hier doch um ihre Familie, warum sollte sie da ein ungutes Gefühl haben? Sie freute sich auf ihre Eltern, auf Rosie und Lisa, was sollte da denn schon passieren?

‚Werde ich langsam schon paranoid?'

Beim Frühstück, zu dem auch die Zwillinge gekommen waren, ging es fröhlich und ausgelassen zu, wie immer. George hatte extra für Nellies kleine Schwestern ein paar der neuesten Feuerwerkskörper aus dem Laden mitgebracht. Nellie hatte erzählt, dass die Beiden eine Vorliebe für alles hatten, was richtig viel Lärm macht. Zum Verdruss der restlichen Familienangehörigen.

Nachdem alle Hausbewohner sich anschließend ihren sonntäglichen Verpflichtungen zugewendet hatten, sprach Nellie Remus Lupin an.

„Ich hab gestern nach diesem kleinen Buch gesucht. Sie wissen schon, das aus dem Keller," fing sie an. „Ich konnte es aber in der Bibliothek nicht finden."

„Warum suchst du danach?", wollte Lupin wissen und sah sie fragend an.

„Ähm, ich wollte…," stotterte Nellie, die nichts von der Entdeckung auf den Grabsteinen oder Harrys Interesse an der Geheimschrift erwähnen wollte. „Ich wollte es mir gerne mal ansehen. Na ja, schließlich hat es mir, sozusagen, das Leben gerettet."

Lupin schien mit der Begründung zwar nicht zufrieden, nickte aber trotzdem.

„Ich habe es auf meinem Zimmer," sagte er und die Beiden stiegen gemeinsam die Treppen in den zweiten Stock hinauf.

„Es ist seltsam, aber diese Schrift in dem Buch erinnert mich an etwas," meinte der ältere Mann nachdenklich, als sie auf die Tür zu seinen Wohnräumen zugingen. „Ich kann mich nur nicht erinnern, woran. Mir ist, als hätte ich sie schon irgendwo gesehen."

Lupin betrat seine Räume. Nellie blieb respektvoll in der Tür stehen, sah sich aber neugierig um.

Es war eine kleine Einliegerwohnung, die sich hier vor ihr öffnete. Sie blickte direkt in ein gemütliches kleines Wohnzimmer mit Kamin, von dem zwei Türen abgingen. Eine davon schien zum Schlafzimmer und eine andere ins Bad zu führen.

Lupin war an den großen Schreibtisch getreten, der unter den Fenstern stand und hatte das braune Buch zur Hand genommen, das dort gelegen hatte. Als er sich zu Nellie umdrehte und sie immer noch in der Tür stehen sah, winkte er sie lächelnd herein.

„Seit sicher einer Woche zerbreche ich mir jetzt schon den Kopf über dieses Buch," sagte er und begann dabei zwischen den Seiten zu blättern. „Was ist das für eine Schrift und wer kann es euch gegeben haben? Ach, viel zu viele unbeantwortete Fragen hängen daran."

Während er sprach hatte er zu Nellie aufgeblickt, die nervös auf ihre Füße starrte und dabei die Hände tief in ihre Jeanstaschen gestopft hatte. Sie versuchte krampfhaft nicht so auszusehen, als wüsste sie irgendetwas über dieses Buch.

Sie scheiterte kläglich.

Lupin lachte.

„Also, ihr jungen Leute habt wirklich kein Talent dafür, etwas zu verbergen. Also sind die Drei diesem Rätsel auch wieder auf der Spur, habe ich recht?"

Nellie sah ihn verdutzt an.

„Du brauchst gar nichts zu sagen," grinste er und schlug das kleine Buch zu. „Frag mich nicht, wie sie es immer wieder schaffen, aber Harry, Ron und Hermine sind dafür bekannt, Dinge herauszufinden, an denen sich ältere und erfahrenere Zauberer die Zähne ausbeißen."

„So, wie Sie, zum Beispiel?"

Lupin lachte noch lauter. Nellie musste auch grinsen.

„Zum Beispiel."

Damit reichte er ihr das Buch.

„Was auch immer dieses Buch bedeuten mag, Harry wird es herausfinden. Aber Nellie," jetzt wurde der Zauberer wieder ernst. „Ich hoffe, dass er nicht vergisst, dass er auch unter den Erwachsenen Freunde hat."

„Das tut er sicher nicht, Mister Lupin," antwortete Nellie und war sich dabei sicher, die Wahrheit zu sagen.

Die restlichen Stunden bis zu dem Treffen mit ihrer Familie verbrachte sie auf ihrem Zimmer damit, das alte Notizbuch von James Potter zu lesen und eine Übersetzung für Harry zu erstellen. Es war eine zermürbende Arbeit.

Immer wieder brach James mitten in seinen Sätzen ab und fing mit einem völlig neuen Gedanken an, oder er machte sich gekritzelte Notizen, die Nellie teilweise nur schwer entziffern konnte. Und wieder anderes verstand sie überhaupt nicht.

James Potter beschrieb in kurzen Stichworten, wie er angefangen hatte, an dem Vitallare-Zauber zu arbeiten. Er beschrieb seine Fortschritte zu Beginn, wie er an Pflanzen und kleineren Insekten geübt hatte, war aber immer wieder in Sackgassen stecken geblieben, an denen seine Versuche zu keinem neuen Ergebnis mehr führten.

Viele Absätze waren durchgestrichen und anhand der Handschrift konnte Nellie erkennen, dass diese Arbeit für ihn sehr frustrierend gewesen sein musste. Und immer wieder dokumentierte er, wie er seine Experimente vor Freunden und Verwandten geheim gehalten hatte.

Er musste schreckliche Angst davor gehabt haben, mit seinem Plan letztendlich zu scheitern. Denn sehr schnell wurde Nellie, während sie sich mühsam durch die Aufzeichnungen kämpfte, klar, dass Harrys Vater tatsächlich an einem Todes-Fluch gearbeitet haben musste, mit dem er Lord Voldemort vernichten wollte.

Im Stillen bewunderte sie Hermine für ihren Scharfsinn.

Laut James Potter sollte dieser Fluch nur lautlos funktionieren und in erster Linie, da er neu und unbekannt wäre, für einen Überraschungsmoment sorgen. Daher auch die Geheimhaltung.

Nellie musste ein paar Mal schlucken, bevor sie den Abschnitt über die Todesflüche abschreiben konnte. Dass es in der Zaubererwelt auch nicht friedvoller zuging, wie bei den Muggeln (Nellie hatte sich diesen Ausdruck mittlerweile angewöhnt, weil er ihr die Unterscheidung erleichterte), aber so weit hatte sie noch nicht denken wollen. Es machte ihr ein wenig Angst, wenn sie sich vorstellte, dass jeder Zauberer, der einen Zauberstab besaß, mit Todesflüchen um sich schießen konnte.

An dieser Stelle klappte sie das Buch zu und ging ein paar Mal in ihrem Zimmer auf und ab.

Ginny war mit ihren Eltern im Fuchsbau, um dort nach dem Rechten zu sehen und die Zwillinge verbrachten den Tag in ihrem Laden, über neuen Knalleffekten und Späßen grübelnd. Es war also niemand mehr im Haus, mit dem sie sich die letzten paar Stunden bis zu dem Treffen vertreiben konnte.

In diesem Moment biss Polly sie schmerzhaft in den Knöchel und fiepste lautstark. Nellie, die bei ihrem umherwandern nicht acht gegeben hatte, war dem Frettchen aus versehen auf den Schwanz getreten.

„'Tschuldigung, Süße!"

Wie hatte sie nur Polly vergessen können?

„Komm, wir schauen mal, ob wir irgendwas zum Knabbern in diesem seltsamen Haus finden können," sagte sie zur Entschuldigung.

Polly krabbelte sofort an ihrem Bein nach oben und auf ihre Schulter, wo sie Nellie genüsslich ins Ohrläppchen zwickte.

Als Nellie die Treppe gerade nach unten ging, klingelte es an der Haustür. Sofort begann das Portrait der alten Mrs. Black mit ihrer Schimpftirade.

„Schlammblüter, Blutsverräter, Gesindel, Gossenpack!"

Nellie, die sich die Ohren zuhielt, rannte in Richtung Küche, um jemanden zu verständigen. Sie war sich nicht sicher, ob sie einfach die Tür öffnen durfte. Doch Tonks kam ihr schon entgegen geeilt. Auch sie hatte ihre Hände auf die Ohren gepresst.

„Raus aus meinem Haus, nichtsnutziger Abschaum, Missgeburten!"

Tonks hatte inzwischen die Tür erreicht und zog einen großen schwarzen Zauberer herein, den Nellie schon öfters gesehen hatte. Der zwinkerte ihr freundlich zu und machte sich dann eiligst auf den Weg in die Küche.

Tonks, die ganz rot im Gesicht geworden war (was sich ganz fürchterlich mit ihren grell violetten Haaren biss), machte sich nun an dem Vorhang zu schaffen.

„Ausgeburten, Halbblüter – hinfort mit euch, ihr Schande für das Haus meiner Vorfahren!", schrie das Portrait weiterhin und sabberte dabei schrecklich.

Nellie stellten sich die Nackenhaare auf und als sie gerade Tonks mit dem Vorhang helfen wollte, fielen ihr ein paar Sticker wieder ein, die Fred und George ihr vor ein paar Tagen in die Hände gedrückt hatten.

„Die sind doppelt gut," hatte Fred zwinkernd gemeint.

„Halten immer und überall," ergänzte George seinen Bruder grinsend.

„Und halten."

„Und halten."

„Und halten. Heißt im Klartext, sie lassen sich nicht mehr entfernen!" Die Zwillinge hatten sich dabei triumphierende Blicke zugeworfen.

„Und gleichzeitig machst du damit auch noch Werbung für uns."

Auf den Aufkleber stand in leuchtenden, blinkenden Schriftzügen: Weasleys Zauberhafte Zauberscherze.

Nellie hatte die Sticker in die hinteren Taschen ihrer Jeans gesteckt, später aber nicht mehr daran gedacht.

Nun schien der perfekte Zeitpunkt gekommen zu sein, ihnen ihren ersten großen Auftritt zu verschaffen.

Sie zog einen aus der Tasche, trat auf das Portrait von Mrs. Black zu, die sie verächtlich anschnaubte („Dreckige Muggel!") und klebte ihr den Sticker mitten auf den Mund.

Und prompt war Ruhe.

Man konnte erkennen, dass die alte Hausherrin hinter dem Sticker rot anlief und sich alle Mühe gab, weiter zu keifen und zu zetern, brachte aber keinen Mucks mehr heraus.

Tonks war begeistert, zog den Vorhang trotzdem noch zusätzlich zu.

„So was brauch ich auch, unbedingt," strahlte sie und rieb sich den Schweiß von der Stirn.

Nellie drückte ihr die Hälfte ihres Tascheninhaltes in die Hände und dachte bei sich, dass sich ihr ungutes Gefühl vom Morgen wohl gewaltig getäuscht haben musste.

Zwei Stunden später stand sie neben Lupin vor dem Tropfenden Kessel und sah die Straße im Muggel-London hinab. Ein Stück weiter konnte sie das Café erkennen, in dem sie gleich ihre Familie endlich wieder sehen sollte.

Sie war nervös und spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden.

„Denk einfach daran, dass wir nichts von Magie oder Voldemort erwähnen. Du kannst ganz normal mit deiner Familie sprechen, von Hogwarts erzähle ich, in Ordnung?"

Lupin sah sie von der Seite an.

Er wirkte heute sehr müde und erschöpft. Nellie war regelrecht erschrocken, als sie ihn heute gesehen hatte. Er war immer schon recht blass gewesen, doch heute sah er richtig krank aus. Und eine tiefe Schnittwunde hatte sich noch am Morgen über seine Wange gezogen. Man sah davon nur noch einen Kratzer, aber als Nellie ihn jetzt betrachtete, wie er so direkt neben ihr stand, fielen ihr noch andere Kratzer und Narben auf, die sich über sein Gesicht und den Hals zogen. Sie wollte nicht wissen, wie der restliche Körper aussah.

Sie nickte schließlich.

„Harry scheint wohl nicht kommen zu können," meinte Lupin und sah sich um.

„Täuschen Sie sich da mal nicht," ertönte eine Stimme direkt hinter ihnen.

Nellie quietschte und wirbelte herum, konnte aber niemanden sehen. Lupin grinste nur.

„Zeig dich, Harry," meinte er nur und im nächsten Moment kam ein über das ganze Gesicht grinsende Harry hinter ihnen im Eingang des Pubs zum Vorschein.

Nellie, die sich inzwischen an so ziemlich alles in der Zaubererwelt gewöhnt hatte, musste auch lachen.

„Harry, wie kannst du mich nur so erschrecken?" Nellie war erleichtert, dass er gekommen war. So erleichtert, dass sie ihm um den Hals fiel. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum ihr so viel daran lag, dass er hier war. Lupin und Harry schienen darüber auch erstaunt, sagten aber nichts.

Die Drei gingen schließlich die Straße entlang und auf das Café zu.

Je näher sie kamen, desto nervöser wurde Nellie. Harry schien das zu bemerken und berührte sie am Arm. Er lächelte ihr zu, sie lächelte zurück.

Das Café war von außen nicht einsehbar und so konnte Nellie erst beim Eintreten sehen, dass alle ihre Lieben an einem Tisch im hinteren Eck saßen. Ihre Eltern, braun gebrannt und entspannt, Rosie mit einem Milchbärtchen und durch einem Strohhalm Blasen in ihre restliche Milch pustend, und Lisa unter dem Tisch nach irgendetwas krabbelnd.

Nellie war stehen geblieben und sah ihrer Familie einen Moment lang zu. Sie hatte sie so lange nicht gesehen! Und wusste nicht einmal, wann sie sie wieder sehen sollte! Sie nahm dieses Moment sehr bewusst wahr und versuchte sich alles einzuprägen, als wäre es dafür die letzte Gelegenheit.

Lupin und Harry standen neben ihr und beobachteten sie.

Dann hatte Rosie ihre große Schwester entdeckt und ließ das alle restlichen Cafébesucher mit einem spitzen Schrei wissen. Sofort kam der kleine Blondschopf auf sie zugerast und warf sich ihr um den Hals. Lisa hatte sich bei Rosies Schrei den Kopf unter dem Tisch angeschlagen und kam jetzt, so schnell es die vielen Stühle erlaubten, heraus gekrochen und ebenfalls auf die Schwester zu gerannt. Sie schlang ihre pummeligen Arme um Nellies Hüfte und lachte über die Pausbacken. Mr. und Mrs. Carols sahen ihren Töchtern lächelnd zu und standen dann auch auf, um ihre Älteste zu begrüßen.

„Mum! Dad!" Nellie beeilte sich, ihren Eltern in die Arme zu fallen, so schnell das mit zwei kleinen Mädchen am Rocksaum eben ging. Als sie schließlich an dem Tisch angekommen war, konnte sie Tränen in den Augen ihrer Mutter erkennen, als sie sie herzlich umarmte. Ihr Vater drückte sie mit kräftigen Armen an sich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Jetzt liefen auch Nellie die Tränen über die Wangen.

„Liebes! Was ist denn los?", fragte ihr Vater, der strahlte. „Man könnte ja meinen, du hättest uns vermisst!"

„Ach, Dad, wie könnte ich euch denn vermissen?", antwortete Nellie und nahm sich eine Serviette, um sich die Augen zu trocknen. „Und dann auch noch diese beiden Katastrophen?"

Nellie sah ihre beiden jüngeren Schwestern liebevoll an, die sich zu beiden Seiten von ihr gesetzt hatten und sich an sie schmiegten.

Harry und Lupin standen abseits des Tisches und warteten, bis die erste Wiedersehensfreude abgeklungen ist.

Nellie, die sich auch wieder an die Anwesenheit der Beiden erinnerte, drehte sich zu ihnen um und winkte sie heran.

„Mum, Dad, das sind Mister Lupin und Harry Potter," stellte sie die beiden vor. „Ihr kennt Harry ja."

„Oh, ja, natürlich," sagte Mrs. Carols lächelnd. „Wie geht es deinen Verwandten?"

„Oh gut, denke ich, vielen dank," meinte Harry.

„Und Mister Lupin kennen wir ja auch bereits," sagte Mr. Carols und reichte Lupin die Hand.

Nellie dachte daran, dass irgendjemand diesen Termin mit ihren Eltern schließlich vereinbart haben musste.

„Ganz recht, freut mich, Sie wieder zusehen," erwiderte Lupin höflich und reichte Nellies Eltern die Hand.

„Das sieht alles sehr nach einem förmlichen Anlass aus," wunderte sich Mr. Carols und sah seine Tochter fragend an.

„Nun, ja und nein," antwortete sie. „Ich denke, das sollte euch Mr. Lupin erklären."

„Ja," fing Lupin an. „Ich möchte Sie fragen, ob Sie etwas dagegen hätten, wenn Nellie ihr letztes Schuljahr an einem Internat verbringen würde?"

Nellie musste schlucken. Sie hatte eigentlich gedacht, dass er die Sache nicht ganz so deutlich auf den Tisch brachte.

Ihre Eltern tauschten erstaunte Blicke. Rosie sah Nellie mit großen Augen an.

„Du gehst auf ein Internat?"

„Also, ich weiß nicht, was das bedeuten soll, aber wir sind mit Nellies Schule eigentlich sehr zufrieden," sagte Mrs. Carols und sah Lupin an. „Warum sollte sie die Schule wechseln?"

„Ähm, Rosie, Lisa," sagte Nellie an ihre beiden Schwestern gerichtet. „Wie wäre es, wenn ihr beiden ein bisschen raus geht? Ich hab hier was, womit ihr euch draußen eine Weile beschäftigen könnt, ja?"

Damit drückte sie Rosie, der älteren der Beiden, die Feuerwerkskörper der Zwillinge in die Hand. Rosie strahlte und nahm ihre kleine Schwester mit nach draußen.

Die nächste Stunde erzählten Lupin und Harry von Hogwarts. Von den hervorragenden Lehrern, der wunderschönen Umgebung, den Möglichkeiten zum Studium, der umfangreichen Bibliothek, den außerschulischen Angeboten und Nellie fügte hinzu, dass sie jetzt schon so viele Freunde an dieser Schule hätte, dass sie sehr gerne dort hingehen würde.

Es war erstaunlich, von einer Schule der Hexerei und Zauberei erzählt zu bekommen, ohne dass ein einziger Zauberstab oder seltsame Namen erwähnt wurden.

Harry dachte bei sich, dass Hogwarts wohl doch, in gewisser Weise, eine ganz normale Schule war. Bei dem Gedanken musste er sich jedoch ein Lachen verkneifen.

Nellies Eltern blieben skeptisch.

„Wir können uns unmöglich ein Internat leisten, Schatz," sagte Nellies Mutter schließlich.

„Und das ist dein letztes Schuljahr vor dem Abschluss, ist es da nicht zu verwirrend für dich, noch mal die Schule zu wechseln?", argumentierte ihr Vater.

„Es gibt einen Fond für Schüler, die sich das Schulgeld nicht leisten können," antwortete Lupin auf das Argument von Mrs. Carols. „Und wir wären sehr gerne bereit, Nellie für das eine Schuljahr aus diesem Fond fördern zu dürfen. Wir hätte sie sehr gerne unter unseren Schülern."

Das schien zumindest Nellies Mutter zu beruhigen. Ihr Vater runzelte weiterhin die Stirn.

„Oh, Dad, es gibt dort wirklich gute Lehrer. Ich habe einen erst vor kurzem kennen gelernt und er hat mir schon Bücher mitgebracht und Aufgabenlisten. Ich bin schon richtig am lernen!"

Das Runzeln auf seiner Stirn begannen sich zu glätten.

„Um den Schulabschluss ihrer Tochter brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen," sagte Lupin. „Sie bekommt bei uns die beste Ausbildung, die Sie sich nur wünschen können!"

„Warum sind Sie eigentlich so an unserer Tochter interessiert?", fragte Mrs. Carols schließlich. „Ich habe von dieser Schule noch nie gehört. Wie sagten Sie, war der Name? Higwalds?"

„Hogwarts, Mum," antwortete Nellie.

„Nun, die Frage ist natürlich berechtigt," sagte Lupin in sehr höflichem Ton und lächelte Nellies Eltern gewinnbringend an. „Nellie ist eine sehr intelligente junge Frau, außerdem ist sie fleißig, diszipliniert, verantwortungsbewusst und kameradschaftlich."

Nellie klappte der Kiefer nach unten. Das sollte sie alles sein? Harry trat ihr unter dem Tisch gegen das Bein, damit sie den Mund wieder schloss. Aus den Augenwinkeln konnte sie aber sehen, dass auch er grinsen musste.

„Lauter Eigenschaften, die wir an unseren Schülern sehr schätzen," fuhr Lupin unbeeindruckt fort. „An unserer Schule nehmen wir Schüler aus allen sozialen Schichten auf, es geht uns dabei in sehr hohem Maße um die Persönlichkeit."

„Das klingt alles sehr vielversprechend. Aber, sagen Sie, Mister Lupin, darf ich Sie fragen, wie Sie das alles beurteilen können?", fragte Mr. Carols höflich.

„Aber selbstverständlich dürfen Sie das," antwortete Lupin nicht weniger höflich. „Ich bin Lehrer an dieser Schule."

Jetzt war es an Harry, den Mund nicht mehr zu zubekommen und Nellie trat ihm kräftig gegen das Schienbein.

„Autsch," zischte er ihr zu. „So fest wäre nicht nötig gewesen."

„Und du gehst auch auf diese Schule, Harry?", fragte Nellies Mutter dann. „Ich dachte immer, es wäre dieses St.-Brutus."

„Oh, nein," sagte Harry. „Meine Verwandten nennen es nur immer so, keine Ahnung, warum."

Das war eine ziemlich lahme Begründung und die Carols schienen damit auch nicht wirklich zufrieden, aber Nellie kannte ihre Eltern gut genug um zu wissen, dass sie Harry mochten, und dass ihnen die Meinung der Dursleys herzlich egal war.

Nellies Eltern und Lupin unterhielten sich noch eine Weile über Hogwarts, während Nellie versuchte, aus Harry ein paar Neuigkeiten herauszubekommen.

Etwas später wurden sie von einem lauten Knall vor dem Café unterbrochen.

Nellie spürte mehr, als dass sie es sah, dass Harry und Lupin in ihren Jackentaschen ihre Zauberstäbe umklammert hielten.

Alle sahen erschrocken zur Eingangstür, durch die jetzt eine heulende Lisa und eine mit Russ verschmierte Rosie hereingehetzt kamen.

„Um Himmels Willen, was ist denn passiert?", Mrs. Carols, die ihre Töchter kannte, war nur halb so geschockt von dem Anblick, wie die anderen Cafébesucher.

„Rossy wollte mir keinen von den Knallfröschen von Nell geben," beschwerte sich Lisa unter Tränen. Sie hatte sich auf den Schoß ihres Vaters geflüchtet, der ihr liebevoll über die Haare strich.

Rosie stand mit strahlendem Gesicht daneben. Ihre rußigen Backen glühten vor Freude.

„Wow, Nell, wo hast du die Dinger denn her?", fragte sie ihre ältere Schwester aufgeregt. „Die sind einfach Klasse! Gehen ab, wie eine Rakete!"

Nellie musste lachen, auch ihre Eltern lächelten, nur Lisa vergoss immer noch Tränen auf das Hemd ihres Vaters.

Mrs. Carols hatte sich inzwischen ihre zweitälteste Tochter geschnappt und machte sich daran, ihr das Gesicht sauber zu wischen.

Harry beobachtete dieses Familienidyll mit gemischten Gefühlen.

Er erkannte in diesem Moment, was es für Nellie bedeuten musste, nach Hogwarts zu gehen und auf das Zusammensein mit den Menschen, die sie am meisten liebte, verzichten zu müssen. Hier sah er eine Familie, wie er sie sich immer gewünscht hatte, eine Familie wie die Weasleys.

Auf der anderen Seite spürte er einen neidischen Stich im Herzen. Warum hatte er seine Familie so verdammt früh verlieren müssen?

Dann sah er die übrig gebliebenen Feuerwerkskörper, die Rosie immer noch in der Hand hielt und ihm kam eine Idee.

Nellie genoss das Zusammensein ungemein. Sie alberte mit ihren Schwestern herum, erzählte ihren Eltern von ihren Ferien und ließ sich Fotos von den Verwandten auf dem Festland zeigen. Lisa, die sich inzwischen wieder von ihrer Niederlage erholt hatte, verursachte eine kleinere Kakao-Überschwemmung auf dem Tisch und Rosie zeigte Nellie ein paar tote Käfer, die sie noch in ihrer Tasche hatte. Lisa warf Harry von Zeit zu Zeit schüchterne Blicke zu. Wenn er ihr allerdings zulächelte, verbarg sie ihr pausbäckiges Gesicht hinter der dichten braunen Mähne, die ihr in die Augen fiel.

Fast zwei Stunde lang dachte Nellie nicht an Gefahren, Zauberer oder schwarz maskierte Männer.

Als die Carols schließlich aufbrechen mussten, geschah dies unter vielen Tränen und Umarmungen. Lisa wollte sich nicht von Nellie trennen und weinte noch mehr bittere Tränen und warf dabei auch Harry einen traurigen Blick zu. Rosie wurde richtig bockig, weil sie nicht einsehen wollte, dass Nellie sich bei ihren neuen Schulfreunden besser auf den Abschluss vorbereiten konnte, als mit zwei kleinen Nervensägen zu Hause.

Die Carols hatten schließlich zugestimmt, dass Nellie nach Hogwarts gehen durfte. Sie wollten für ihre Tochter nur das Beste, hofften allerdings, dass sie in den Ferien nach Hause kommen könnte.

Diese Frage wurde geschickt übersprungen und als Nellie, Harry und Lupin schließlich noch eine Weile alleine in dem Café sitzen blieben, wurde Nellie plötzlich bewusst, wie sehr sie ihre Eltern doch gerade hinters Licht geführt hatte.

„Was wäre eigentlich gewesen, wenn meine Eltern Nein gesagt hätten?", fragte sie schließlich in die Stille hinein, denn nach dem Trubel, den Nellies Schwestern verursacht hatten, hatte keiner der Drei etwas gesagt.

„Dann wäre Plan B an der Reihe gewesen," antwortete Lupin und schlürfte seinen dritten Kaffee aus.

„Und wie hätte der ausgesehen?", fragte Harry, der Nellie eine Weile von der Seite beobachtet hatte.

Er konnte ihre Verzweiflung und ihr Heimweh spüren. Sie tat ihm jetzt einfach nur noch unendlich leid.

„Keine Ahnung," meinte Lupin nur fröhlich. „Improvisieren, wahrscheinlich."

Nellie schnaubte. Harry grinste.

In diesem Moment glitt ein dunkler Schatten vor den grün getönten Scheiben des Cafés vorbei und die Eingangstür wurde mit einem lauten Klirren aufgerissen.

Schneller, als sie hätte erschrocken aufschreien können, hatte Harry sie mit sich unter den Tisch gezogen. Dort zog er einen Umhang aus seiner Tasche, der aus einem leichten fließenden Stoff bestand, bei dessen betrachten es Nellie vor den Augen zu flimmern begann. Er breitete den Umgang über sie beide und machte ihr Zeichen, leise zu sein.

Unter dem Tisch hervor spähend konnte Harry sehr genau erkennen, wer das Café gerade betreten hatte. Er hatte, noch ehe Lupin ihn unter den Tisch drücken konnte, geahnt, dass er sich besser unsichtbar machen sollte. Und Nellie war in dieser Situation in genauso großer Gefahr wie er selbst, deshalb hatte er sie mitgezogen.

„Todesser," zischte er Nellie ins Ohr.

Sie kauerte dicht an ihn gepresst und hatte die Augen weit aufgerissen. Sie sah Harry ungläubig an.

„Was machen die hier?", zischte sie zurück.

„Kannst du dir das nicht denken?"

Es waren drei schwarz maskierte Gestalten, die nun auf den Tisch zukamen, an dem Remus Lupin scheinbar alleine saß.

Die Gäste, die sich sonst noch in dem Café befanden, waren starr vor Schreck. Die Kellnerin stand gegen die Kaffeemaschine gepresst und zitterte vor Angst.

„So, so, der Werwolf, so allein unter Muggeln? Bist wohl unter deines Gleichen nicht so gerne gesehen?"

Der vorderste Todesser sah höhnisch auf Lupin herab, der völlig unbeeindruckt blieb.

„Werwolf?", japste Nellie und bekam von Harry hastig eine Hand auf den Mund gepresst.

„Was willst du hier, Lucius?", fragte Lupin seelenruhig. „Du willst doch sicher keinen Kaffee mit mir trinken. Wobei ich den hier sehr empfehlen kann."

Malfoy lachte unter seiner Maske auf.

„Wir haben wichtigeres zu erledigen, als uns mit Abschaum wie dir abzugeben, Lupin," erwiderte er. „Wo ist das Mädchen?"

Nellie begann zu zittern. Harry neben ihr legte einen Arm um ihre Schultern und versuchte sie zu beruhigen.

„Welches Mädchen? Keine Ahnung, wovon du sprichst."

„Spiel hier keine Spielchen mit uns, Werwolf," sagte ein zweiter Todesser wütend. „Wir wissen, dass sie hier war und ihre dreckige kleine Familie auch."

Nellie bebte vor Angst und unterdrückter Wut. Es war also wirklich so, wie Lupin gesagt hatte. Die Situation war ernster, wie sie angenommen hatte. Aber woher wussten sie, dass das Treffen heute hier stattgefunden hatte?

Als ihr bewusst wurde, wie knapp ihre geliebte Familie einer Katastrophe entkommen war, musste sie sich auf die Lippen beißen, um nicht laut zu schluchzen. Ihr liefen die Tränen die Wangen hinunter und am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte diesen maskierten Blödmännern gezeigt, was es hieß, sich mit einer Muggel wie ihr anzulegen. Doch Harry hielt sie fest und sah ihr unter dem Umhang in die Augen.

Nellie vermutete, dass es sich bei dem Umhang um eine Erfindung der Zwillinge handeln musste, mit dem man von anderen wahrscheinlich nicht gesehen werden konnte.

Ohne, dass sie es merkte, hatte Harry ihre Hände in die seinen genommen und hielt sie fest.

Nellie bebte immer noch, als die Eingangstür des Café ein weiteres Mal gewaltsam aufgestoßen wurde. Diesmal sah sie Männer und Frauen, die nicht maskiert waren, aber mit ausgestreckten Zauberstäben auf die Todesser zu gerannt kamen. Es gab ein paar Knalle, einige Flüche hallten durch den Raum und man hörte auch den einen oder anderen Schrei.

Dann kehrte wieder Ruhe ein und Lupin's Gesicht tauchte unter dem Tisch auf.

„Ihr könnt wieder rauskommen, sie sind disappariert," sagte er. Er klang enttäuscht, stand dann auf und begann sich mit einem der Männer zu unterhalten, der gerade hereingekommen war.

Harry stopfte den Umhang wieder in seine Tasche, half Nellie unter dem Tisch hervor, hielt sie aber immer noch bei den Händen und sprach beruhigend auf sie ein.

„Wo sind meine Eltern? Was wollten die von ihnen? Geht es ihnen gut?"

Nellie wollte sich nicht beruhige lassen und riss sich von Harry los.

Lupin trat sofort auf sie zu, während die Auroren, die von Tonks herbeigerufen worden waren, begannen, die Gedächtnisse der anwesenden Muggel zu verändern.

„Es ist alles in Ordnung. Deine Familie war längst mit dem Auto verschwunden, als die Drei hier auftauchten. Wir schicken sofort Leute, um nach ihnen zu sehen, aber ich bin mir hundert Prozent sicher, dass sie in Sicherheit sind! Wir hatten wirklich großes Glück!"

Tonks kam in diesem Moment zu ihnen.

„Als hätten wir so etwas erwartet, oder?", meinte sie grinsend.

Diese Bemerkung sollte lässig gemeint sein, erreichte bei Nellie aber das genaue Gegenteil.

„Wie bitte?", rief sie. „Sie haben damit gerechnet, dass so etwas passiert?"

„Nein!" Tonks war bestürzt und trat jetzt näher an Nellie heran. „Wir wollten nur ein paar Sicherheitsvorkehrungen einhalten, darum habe ich draußen aufgepasst. Keiner hat damit gerechnet, Nellie!"

Nellie zitterte immer noch am ganzen Körper.

„Ich will sofort mit meinen Eltern sprechen!", schrie sie, völlig außer sich.

„Nellie, beruhige dich doch," versuchte Harry es noch einmal. „Du hast gerade erlebt, in welcher Gefahr sie sind. Du würdest die Todesser nur direkt zu ihnen führen."

Nellie starrte ihn an, als würde sie kein Wort von dem verstehen, was er sagte. Dann gaben ihre Beine nach. Harry fing sie auf und half ihr, sich auf einen Stuhl zu setzen.

Nellie stand unter Schock und krallte sich an Harrys Jacke fest. Sie schluchzte an seiner Schulter, bis er sie schließlich in die Arme nahm und festhielt, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte.

„Geh nicht wieder weg, Harry," schluchzte sie. „Nicht du auch noch."

Harry konnte dazu nichts sagen, sondern hielt sie nur noch eine Weile fest, bis Lupin ihm schließlich ein Zeichen gab, dass es Zeit wurde, aufzubrechen.