Kapitel 22:

Als Harry und Mr. Weasley den kleinen Raum betraten, in dem die Verurteilten auf ihre Verhandlung warteten, wurden sie von zwei weiteren griesgrämig dreinblickenden Auroren empfangen. Die beiden standen an der Tür und musterten die Ankömmlinge kritisch, machten aber keinerlei Anstalten, sie zurückzuhalten.

„Mister Weasley," fragte Harry, während er sich in dem Raum umsah. „Wer genau bewacht jetzt eigentlich Askaban? Ich meine, jetzt, wo die Dementoren zu Voldemort übergelaufen sind?"

Nicht nur Mr. Weasley schüttelte sich bei der Erwähnung dieses Namens. Aber er fing sich schnell wieder.

„Sicherheitstrolle, Harry," antwortete er knapp.

Und wirklich konnten sie aus dem hinteren Teil des Raumes ein tiefes Grunzen hören.

Harry nickte und sah sich dann weiter um.

Der Raum war schlauchartig und eher düster. Ein paar Feuer brannten auf Säulen, Bänke standen an den Wänden entlang. Ein paar zusammengesunkene Gestalten konnte Harry in der Nähe erkennen.

„Wo ist Dung?", fragte Harry und versuchte, die Gestalten zu erkennen.

Mr. Weasley drehte sich zu den griesgrämigen Auroren um. Einer der Beiden deutete mit dem Daumen ans Ende des Raumes. Harry hatte das Zeichen ebenfalls bemerkt und drehte sich zu Mr. Weasley um.

„Ich würde gerne alleine mit ihm sprechen," sagte er mit ernster Stimme und sah ihm dabei direkt in die Augen.

„Ich kann nicht behaupten, dass mich das erstaunt, aber ich bin damit eigentlich nicht einverstanden," antwortete Mr. Weasley und sah Harry nachdenklich an.

„Es ist allein meine Angelegenheit, um die es hier geht," erklärte Harry fest und spürte, wie ihn schon wieder sein schlechte Gewissen zu plagen begann. Er hatte diese Heimlichkeiten satt. „Es wird nicht lange dauern, ich möchte ihn nur etwas fragen. Bitte."

Mr. Weasley schien nicht wirklich überzeugt, nickte aber schließlich doch.

„Dung ist vielleicht ein Dieb und ein Gauner, aber er ist kein Schwerverbrecher," sagte er. „Wenn etwas ist, kannst du mich rufen, ich bleibe hier stehen."

Damit war Harry einverstanden und ging dann langsam an den Bänken entlang in den abgelegenen Teil des Raumes. Die Luft wurde hier immer stickiger und das schwere Atmen der Sicherheitstrolle wurde lauter.

Harry musste nicht lange suchen, bis er Mundungus fand. Die übliche Rauchwolke und Alkoholfahne, die ihn sonst für gewöhnlich umgab, fehlte zwar, doch erkannte Harry den schäbigen Umhang und grauen Haarschopf sofort.

Dung saß mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und hatte die Augen geschlossen. Er sah krank aus, doch Harry wehrte sich gegen das Gefühl des Mitleides. Er setzte sich neben ihn auf die Bank.

„Hey, Dung," sagte er.

Der Angesprochene zuckte heftig zusammen, hob die Hände schützend vors Gesicht und spähte mit rot geränderten Augen zwischen den dicken Fingern hindurch zu Harry hin.

„'Lo Harry," meinte er schließlich und ließ die Hände wieder sinken. „Was treibt'n dich hier her?"

„Ich möchte dich etwas fragen."

Harry spürte, wie ihn wieder die Wut überkam. Er erinnerte sich an den Tag in Hogsmeade letztes Schuljahr, als er Dung dabei erwischt hatte, wie er das Familiensilber der Blacks verhökerte. Das Silber bedeutete Harry nichts, nein, darum ging es nicht. Es ging dabei um die Erinnerung an Sirius.

Dung sah den jungen Mann aufmerksam an. Der Alkoholentzug, dem Dung während seiner Gefangenschaft zwangsweise ausgesetzt sein musste, hatte ihn gezeichnet. Seine Haut war wächsern, die Augen hatten tiefe Ringe und einen gehetzten Ausdruck. Doch war darin immer noch eine gewisse Gerissenheit zu erkennen. In diesem Moment musterten sie Harry fast schon verschlagen.

Harry bemerkte diesen Ausdruck, runzelte darüber die Stirn und überlegte, wie er es am besten anfangen konnte, um die gewünschten Informationen aus Dung heraus zu bekommen. Er dachte dabei an den Garrire-Fluch und nahm sich vor, ihn einzusetzen, wenn es sein musste.

„Wo ist das Medaillon, das im Hauptquartier aufbewahrt worden war?"

Harry hatte sich für den direkten Weg entschieden. Er hatte nicht ewig Zeit, bevor Mr. Weasley oder einer der Auroren nach ihm schauen würde.

Dung sah ihn eine Weile mit gerunzelter Stirn an. Dann kratzte er sich mit einer schmutzigen Hand durch den grauen Bart.

„Hmm," machte er und sah Harry abschätzend an. „Warum sollt ich'n dir das sagen? Aber ich bin'n Geschäftsmann, Harry, weiß'te ja und ich könnte dir'n Geschäft anbieten."

Harry hatte mir so was in der Art gerechnet. Natürlich würde er versuchen, eine Gegenleistung zu erhalten.

„Was willst du, Dung?"

„Hab nur'ne kleine Bitte. Bin unschuldig, musst du wissen. Als freier Mann könnt ich dir sagen, wo's ist."

Harrys Hände bebten.

„Du weißt genau, dass ich auf den Ausgang der Verhandlung keinen Einfluss habe," presste er aus zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Was will'ste denn mit dem Ding?"

„Das geht dich nichts an. Es ist ein Erbstück und gehört dir nicht. Du hast es gestohlen und wo wir schon mal dabei sind, könnte ich den Richtern gerne noch ein paar Geschichten über dich erzählen, vielleicht bringt dich das dann dazu, mir zu sagen, wo das Medaillon ist."

Harrys Stimme war immer leiser, dafür aber drohender geworden.

Dung wich ein Stück zurück und versuchte sich darüber klar zu werden, ob Harry wirklich zu dem, was er da sagte, fähig wäre.

„Das würde'ste nich machen," sagte er und klang dabei leicht verunsichert.

„Du hast keine Ahnung, was ich machen würde," zischte Harry und griff in seine Tasche nach dem Zauberstab.

Dung war Harrys Bewegungen mit den Augen gefolgt und begann jetzt leicht zu schwitzen.

Harry hatte nicht wirklich vor, Magie anzuwenden. Abgesehen davon, dass das mit Sicherheit Konsequenzen nach sich zöge. Er wollte Druck ausüben und sah zufrieden, dass sein Plan aufzugehen schien.

„Komm schon, Harry, du würdest'nen alten Freund doch nich angreifen, oder?"

„Einen alten Freund nicht, nein."

Dung wurde immer blasser. Harry fühlte sich in der Rolle, die er eingenommen hatte, nicht wohl, aber er musste sich durchsetzen. Es ging hier nicht um alberne Gewissensbisse, sondern um viel mehr.

„Ich warne dich, Dung, erzähl mir jetzt, was du weißt, oder ich vergesse vollends, dass wir uns mal gekannt haben."

Harry zog seinen Zauberstab jetzt soweit heraus, dass er vom Eingang aus nicht gesehen werden konnte, von Dung aber umso besser. Der schnappte nach Luft.

„Ich bin unschuldig, Harry, unschuldig," jammerte er. „Sitze hier fest für was, das ich nich gemacht hab. Hilf mir hier raus und ich helf dir!"

„Das Medaillon lag in einem Schreibtisch im Salon. Es ist etwa so groß," Harry zeigte mit den Fingern eine Größe und beachtete Dung's flehende Blicke nicht. „Es ist aus Gold und hängt an einer schweren goldenen Kette. Es ließ sich nicht öffnen. Wo ist es, Dung, sag schon!"

„Dann gib mir wenigstens noch was ordentliches zum Trinken oder ein wenig Tabak," versuchte Dung es weiter.

„Es ist auf dem Portrait von Mrs. Black abgebildet."

Harry ignorierte seine Betteleien weiterhin.

„Hast'e gar kein Mitleid mit einem armen, alten Mann?"

Dung sah Harry mit einem Blick an, der ihn weich kochen sollte, doch Harry blieb hart.

„Du hattest auch kein Mitleid, als du Sirius, als du mich, bestohlen hast."

Mundungus sank schließlich in sich zusammen.

„Weiß nich wo's ist," kam es aus dem Lumpenberg hervor.

„Erzähl mir nicht solche Märchen." Harry spürte, wie er ungeduldig wurde. „Das Medaillon ist auffällig genug, dass man sich daran erinnern würde. An wen hast du es verkauft?"

„Wenn ich's dir doch sag, ich weiß es nich mehr."

„An wen, Dung? Los, erinnere dich, verdammt!" Harry packte Dung's Schultern und begann, ihn zu schütteln. „Spuck es aus, ich weiß, dass du dich sehr wohl daran erinnerst!"

Dung japste und sein Kopf pendelte unkontrolliert hin und her. Seine Augen waren schreckgeweitet, während er Harry entsetzt ansah.

„Schon gut, schon gut," keuchte er schließlich und Harry ließ ihn los. „Der Kerl heißt Klaustrik, ist Schmuckhändler in der Nokturngasse, mehr weiß ich echt nich."

Harry rückte ein Stück von Mundungus weg und sah ihn aufmerksam an.

„Ist das die Wahrheit?"

„'Türlich!"

Harry sah den Mann ihm gegenüber noch eine Weile an, bevor er beschloss, ihm zu glauben. Er steckte seinen Zauberstab wieder zurück in die Tasche und zog aus einer anderen eine Pfeife mit frischem Tabak.

„Hier," sagte Harry und streckte sie dem Mann entgegen.

Der starrte erst die Pfeife in Harrys Hand ungläubig an, dann den jungen Mann und wieder die Pfeife, bevor er sie an sich nahm und genüsslich daran roch.

„Oh, feines Kraut, Harry," grinste er. „Von'nem feinen Kerl. Wusste doch, dass du nich so'n Mistkerl bist, wie es den Anschein hatte."

Harry verzog nur das Gesicht, gab Dung noch Feuer mit seinem Zauberstab und stand dann auf.

„Ich wünsche dir viel Glück für die Verhandlung," sagte er und reichte Dung die Hand, der sich wohlig in eine Rauchwolke hüllte.

Dann ergriff Dung die angebotene Hand, schüttelte sie eher schwach und ließ sich wieder mit dem Rücken gegen die Wand sinken.

Als Harry zurück auf die Eingangstür zuging, hörte er plötzlich eine zischende Stimme neben sich.

„Wir wissen, was du vor hast, Potter. Aber du wirst damit keinen Erfolg haben. Der Dunkle Lord wird dich kriegen und zerquetschen, wie eine Made."

Harry drehte sich zur Seite und sah eine Gestalt auf der Bank sitzen. Sie trug einen schwarzen Umhang, der an mehreren Stellen zerrissen war. Das Gesicht konnte er nicht erkennen und auch die Stimme kam ihm nicht bekannt vor, und trotzdem war Harry sich sicher, hier einen Todesser vor sich zu haben. Hatte das Ministerium also doch auch mal Glück gehabt.

„Was meinen Sie damit?", fragte er die Gestalt, die den Kopf gesenkt hielt.

„Du kannst deinen Freunden und dem albernen Orden was vormachen, Potter, aber der Dunkel Lord kennt dich besser. Du hast keine Chance."

Bevor Harry irgendetwas sagen konnte, war Mr. Weasley mit den beiden griesgrämigen Auroren herangetreten.

„Was ist hier los, Harry?", fragte Mr. Weasley und sah die Gestalt auf der Bank misstrauisch an.

„Nichts, alles in Ordnung," meinte Harry, warf der schwarzen Gestalt noch einen nachdenklichen Blick zu und folgte dann den drei Männern zurück zu der kleinen Steintür.

Nellie, Ginny, Hermine und Ron hatten sich zusammen auf den Rand des goldenen Brunnens der Magischen Geschwister gesetzt, während sie auf Harry und Mr. Weasley warteten. Hermine hatte den Brunnen ausgiebig betrachtet und dabei alles andere als begeistert ausgesehen. Einen besonders missbilligenden Blick hatte der Hauself abbekommen, der so kriecherisch dargestellt war, dass sogar Ron über den Anblick den Kopf schütteln musste. Was ihm von seiner Freundin ein Lächeln bescherte.

Nellie hatte alle Mühe damit, Polly zu bändigen, die einen Fluchtversuch nach dem anderen aus ihrem Rucksack startete.

„Warum konntest du sie auch nicht zu Hause lassen?", fragte Ginny genervt. Sie hatte sich so sehr auf Harry gefreut, nur um jetzt hier ohne ihn zu sitzen.

„Mal abgesehen davon, dass es für sie im Moment kein ‚zu Hause' gibt, hab ich sie schon das letzte Mal alleine gelassen," antwortete Nellie und betrachtete die Kratzer auf ihrer Hand, während sie den Reißverschluss ihrer Tasche wieder zuzog. „Sie nimmt mir das wirklich übel. Außerdem ist ihr langweilig."

„Boah, und mir erst," stöhnte Ron und fuhr mit einer Hand durch das Wasser im Brunnen. Sein Blick war auf eine Galleonen-Münze gerichtet, die in dem Becken schimmerte.

„Wie lange dauert denn das?"

Den Vieren kam es schon wie eine Ewigkeit vor, seit dem sie hier saßen.

„Ist das nicht der Minister?", fragte Hermine schließlich und nickte zu einem Durchgang. „Scrimgeour?"

Die beiden anderen folgten ihrem Blick.

„Ja, das ist er," meinte Ron. „Er war doch letztes Weihnachten bei uns, um mit Harry zu sprechen. Erinnerst du dich, Ginny?"

„Ja, und er hatte dieses Stinktier Percy dabei, als Lockvogel."

Ginny schnaubte und sah dabei den Minister hinter einem Vorhang roter Haare hervor an.

„Das soll ein Minister sein?", fragte Nellie und betrachtete den Mann genau, der sich mit ein paar anderen Männern besprach. „Sieht eher aus wie einer, der im Zirkus auftreten könnte."

Ron prustete, Hermine grinste und Ginny lachte laut auf.

Das machte Scrimgeour auf die Teenager aufmerksam. Er sah zu ihnen hin und schien einen Moment lang in seinen Erinnerungen zu forsten, bevor er auf seinen Gehstock gestützt auf sie zuhinkte.

„Oh, verdammt, vielen Dank, Ginny," knurrte Ron und tat so, als würde er den Minister nicht bemerken.

„Ah, der junge Mister Weasley und Miss Weasley, wie schön, Sie mal wieder zusehen," begrüßte Scrimgeour sie, als er vor ihnen stehen geblieben war. Er reichte den beiden Weasley Kindern die Hand und sah dann von Nellie zu Hermine. „Und mit wem habe ich noch die Ehre?"

Da Ron nicht so aussah, als wollte er darauf antworten, übernahm Ginny das.

„Das sind Hermine Granger und Nellie Carols, Freundinnen von uns," erklärte sie.

Scrimgeour reichte den beiden Mädchen die Hand und lächelte Hermine an.

„Ja, Miss Granger von Ihnen habe ich bereits gehört," sagte er. Seine Stimme klang rau aber betont freundlich. „Eine sehr begabte junge Hexe, in der Tat."

Hermine lief rot an und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Nellie wurde nervös und versuchte, sich etwas von der Gruppe wegzustehlen, in der Hoffnung, keine Aufmerksamkeit oder unangenehme Fragen auf sich zu ziehen.

„Was verschafft uns denn das Vergnügen Ihres Besuches?", fragte Scrimgeour in die Runde, klang dabei aber eher abschätzend als vergnügt.

„Wir warten auf jemanden," brummte Ron.

„Doch nicht etwa auf Mister Potter?"

Ron und Hermine blickten sich alarmiert an. Sie wussten, dass Harry dem Minister liebend gerne aus dem Weg gehen würde. Aber es war auch sehr naiv gewesen, zu erwarten, hier aufzutauchen, ohne dass Scrimgeour davon erfahren würde.

„Ich sehe schon, dass sie gehofft haben, mir nicht über den Weg zu laufen," sagte der Minister und klang dabei das erste Mal amüsiert.

„Oh, nein, Sir," begann Hermine, der bei dem Gedanken, so mit einer Autoritätsperson zu sprechen, ganz mulmig wurde, doch der Minister fiel ihr ins Wort.

„Geben Sie sich keine Mühe, Miss Granger, ich bin über alles, was in diesem Mauern geschieht, bestens informiert."

In diesem Moment kamen Mr. Weasley und Harry aus der Richtung der Aufzüge auf sie zu.

Als Harry erkannte, wer da mit seinen Freunden sprach, wäre er am liebsten zum nächsten Kamin gerannt, um so schnell wie möglich zu verschwinden, doch hatte der Minister ihn bereits entdeckt und schritt mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.

„Mister Potter, gerade haben wir von Ihnen gesprochen."

Harry sah keine andere Möglichkeit, als dem großen Mann die Hand zu schütteln. Dabei warf er einen Blick zu Ron und Hermine hinüber, die nur resigniert mit den Schultern zuckten. Ginny sah so aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen und Nellie kämpfte mit ihrem Rucksack.

„Sie werden doch sicher eine Tasse Tee mit mir trinken, Mister Potter," sagte Scrimgeour und hatte Harry schon am Arm gepackt und auf den Durchgang zu geschoben, durch den er kurz vorher selber gekommen war.

„Nun, eigentlich habe ich noch was anderes vor," legte Harry Protest ein und versuchte sich aus dem festen Griff des Mannes zu befreien.

„Seien Sie nicht unhöflich, für eine Tasse Tee werden Sie schon Zeit haben."

Harry versuchte Mr. Weasley einen hilfesuchenden Blick zuzuwerfen, doch der grinste nur und nickte ihm zu.

„Bin gleich wieder da," zischte er seinen Freunden zwischen den Zähnen hindurch zu.

Ron nickte, Hermine biss sich auf die Lippen und Ginny versuchte, ihm zuzulächeln. Dann war Harry schon außer Sichtweite gezerrt worden. Er fühlte sich jetzt selber wie ein Verurteilter, der zum Schafott geführt wurde.