Kapitel 24:
Das Beben unter Harrys Füßen wurde mit jeder Sekunde stärker und als Harry eine Hand auf die Hauswand legte, bemerkte er, dass diese ebenfalls zitterte.
Er sah sich um. Zuerst fiel sein Blick auf den Löwenkopf, der zu einem lautlosen Brüllen verzerrt war. Rauch quoll aus seinem weit aufgerissenen Maul. Wirkliche Freude über seine scheinbar gelungene Idee konnte Harry jedoch nicht empfinden, denn als er seinen Blick weiterschweifen ließ, erkannte er feuerrote Lichtstreifen, die sich von dem Türklopfer aus langsam über das Holz der Haustür ausbreiten. Wo sie das Holz berührten begann es zu qualmen und hier und da züngelten bereits Flammen auf. Die Streifen breiteten sich schnell aus und erreichten bereits den Dielenboden als Harry wieder zu einer Reaktion in der Lage war.
Überall breiteten sich nun das Feuer rasendschnell aus. Das ganze Haus schien wie von einem Erdbeben geschüttelt zu werden und Harry musste sich an den Türrahmen klammern, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Was ging hier vor?
Im nächsten Moment musste er an Hermines Worte denken, dass der Zauber, der über dem Türklopfer lag mit den Schutzzaubern des Hauses gekoppelt zu sein schien.
Keine Sekunde später rannte Harry die Treppen nach oben.
„Ron! Hermine!", schrie er aus Leibeskräften. „Wo seid ihr? Wir müssen hier weg!"
Doch nirgends konnte er seine Freunde finden.
Schwarzer Rauch kroch nun das Treppenhaus entlang nach oben und breitete sich immer weiter aus. Aus dem unteren Stockwerk war das Knistern von Flammen zu hören, dann lautes Splittern von Glas und Holz, das unter der Hitze zerbarst.
Harry rannte durch die Zimmer, fand aber keine Spur seiner Freunde. Panik befiel ihn.
Er zwang sich tief durchzuatmen. Musste davon aber nur husten. Wo konnten sie nur sein?
Er rannte zurück zur Treppe und wollte sie gerade nach unten laufen, als die Stufen unter ihm in Flammen aufgingen. Mit einem Schrei sprang er zurück.
Er musste hier weg, so schnell wie möglich.
„Ron! Hermine! Seid ihr hier irgendwo?", versuchte er es noch mal.
Keine Antwort.
Harry rannte in sein Zimmer, riss das Fenster auf und begann ein paar seiner Sachen nach draußen in den Garten zu werfen. Dann stürmte er in die beiden anderen Zimmer, um auch noch ein paar von Ron und Hermines Sachen zu retten. Er musste gebückt laufen, da der Rauch schon so dicht war, dass er ihm jede Sicht raubte. Das Zischen des Feuers, das langsam aber sicher das ganze Haus auffraß, war ohrenbetäubend.
In Hermines Zimmer kam ihm Krummbein entgegengerast. Harry konnte ihn gerade noch am Schwanz packen, bevor er in den brennenden Flur stürzen konnte. Er hielt ihn fest, während er Hermines Sachen aus dem Fenster beförderte.
Wie sollte er hier bloß wieder raus kommen? Aus dem Fenster springen? Das war viel zu hoch!
Hinter ihm ging die Tür in Flammen auf, er hörte, wie das Treppenhaus in sich zusammenstürzte. Krummbein fauchte, schlug Harry die Krallen in den Arm und flüchtete dann aus seinem Griff. Harry versuchte noch, ihn zu fassen, doch das Tier war bereits in panischer Furcht in den Flur verschwunden. Harry sprintete hinterher. Sprang durch die brennende Tür und wieder in den Flur hinaus. Über ihm brach ein Balken aus der Decke herunter und er konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen. Der Rauch machte ihn fast blind. Ihm wurde schon schwindelig.
Als er wieder vor seinem Zimmer stand konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten. Von Krummbein war jetzt nichts mehr zu sehen.
‚Was soll ich nur tun?'
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„Meint ihr, er ist schon wieder zurück?"
Hermine hatte diese Frage sicher schon ein dutzend Mal gestellt und erntete dafür nur noch genervtes Schulterzucken. Nur Ginny sah genauso besorgt aus, wie Hermine sich fühlte. Sie saß mit den Knien unter dem Kinn in einem Sessel am Kamin und kaute an ihren Fingernägeln.
„Jetzt ist aber gut, Hermine," versuchte Ron sie zu beruhigen. „Wir haben ja keine Ahnung, was er alles vorhatte. Außerdem hatten wir uns doch darauf geeinigt, dass wir dem Orden persönlich berichten wollen und gleichzeitig Nellies Übersetzung abholen. Mal ganz abgesehen davon, dass wir ohne Harry gar nicht ins Haus kommen. Schon vergessen?"
Die Vier waren vom Ministerium aus zusammen in den Grimmauldplatz gereist. Hermine hatte dem nur zugestimmt, weil sie einsehen musste, dass sie und Ron alleine Godric's Hollow nicht betreten konnten. Doch war sie die ganze Zeit über sehr unruhig gewesen.
Ihr Bericht über den Todesser und seine Nachricht von Voldemort an Harry hatte im Orden für Unruhe gesorgt. In diesem Moment besprachen sich einige Mitglieder in der Küche, wie in dieser Sache vorzugehen wäre. Die Teenager hatten sich nach ihrem Bericht in die Bibliothek zurückgezogen, wo sie sich ihre eigenen Gedanken machten.
„Wie konntet ihr ihn nur alleine gehen lassen?", fragte Ginny wütend. Auch diese Frage wurde nicht das erste Mal gestellt.
„Hör auf damit, Ginny," murrte Ron. „Hört alle beide damit auf, es ist ja nicht zum aushalten. Ihr kennt Harry doch, er lässt sich nicht aufhalten. Außerdem kann er sehr gut auf sich selber achtgeben. Ich verstehe gar nicht, warum ihr so einen Wind macht!"
Die Stimmung war ausgesprochen schlecht. Ron hatte seinen Beschluss, hierher zu kommen, bis Harry wieder zurück war, schon bereut. Lieber würde er jetzt in aller Ruhe unter den Obstbäumen liegen, sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, als mit den aufgekratzten Mädchen hier zu sitzen.
Nellie war die einzige, die die ganze Zeit über ruhig in dem Sessel neben Ginny gesessen hatte. Polly hatte endlich ihre Freiheit wieder erlangt und war irgendwo auf der Suche nach etwas Essbarem. Nellie dachte jetzt jedoch nicht an Polly, sondern war tief in Gedanken versunken.
Sie hatte diesem Todesser vom ersten Moment an misstraut. Sie hatte schon als er noch als Auror an der Tür gestanden hatte, so ein ungutes Gefühl bei ihm gehabt. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.
Plötzlich befiel Nellie eine Unruhe, die sie sich nicht erklären konnte. Es hatte nichts mit dem Todesser zu tun, es war etwas anderes. Sie stand auf und lief zwischen den Bücherregalen auf und ab. Ron und Hermine sahen ihr dabei zu, sprachen sie aber nicht an.
Hermine hielt das Notizbuch von James Potter in der Hand, ohne es wirklich wahr zu nehmen. Ron hatte begonnen Nellies Übersetzungen durchzulesen, sich aber nicht konzentrieren können, bei den vielen sich wiederholenden Fragen, die die Mädchen immer wieder stellten.
Nellie spürte, wie diese innere Unruhe stärker wurde, wie sie sie immer mehr hin und her trieb.
„Wir müssen zu Harry," sagte sie schließlich in den Raum hinein. Sie konnte sich gar nicht erinnern, dass sie gerade an Harry gedacht hatte, geschweige denn konnte sie sich erklären, wie sie jetzt darauf kam, das zu sagen.
Drei Augenpaare richteten sich sofort auf das Muggel-Mädchen.
„Was?"
„Wir müssen zu ihm, irgendwas ist mit ihm!" Nellie war sich sicher, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen. Sie war sich plötzlich so sicher, dass etwas mit Harry nicht in Ordnung war, dass sie im nächsten Moment schon zur Tür hinaus gelaufen war, auf die Haustür zu. Ron, Hermine und Ginny liefen ihr sofort hinterher.
„Warte mal," rief Ron, holte Nellie kurz vor der Tür ein und hielt sie fest. „Was meinst du damit, irgendwas ist mit ihm?"
„Keine Ahnung, ich hab so ein Gefühl, das was nicht stimmt," beeilte sich Nellie zu erklären. Sie spürte ganz deutlich, dass sie sich beeilen mussten. Irgendwie war ihr das unheimlich, aber darüber könnte sie sich später Gedanken machen. Man konnte ihr ansehen, dass sie das, was sie sagte, auch glaubte und sehr nervös war. Alle spürten ihre Angst um Harry.
Ginny und Hermine sahen sie mit ungläubigen Augen an. Ron schien verwirrt. Er war es nicht gewohnt, Entscheidungen zu treffen. Das war meist Harrys Aufgabe, oder auch Hermines, er war meistens nur der Mitläufer, aber jetzt musste er sagen, was zu tun war. Er spürte genau, dass es diesmal an ihm lag.
„Dann los, aber unauffällig," meinte er daher. „Oder meinst du, wir sollten Verstärkung mitnehmen? Haben die Todesser ihn?"
„Ich weiß nicht," murmelte Nellie und runzelte die Stirn. Sie versuchte krampfhaft, sich darüber klar zu werden, in welcher Gefahr Harry schweben könnte.
„Dann gehen wir erst mal allein," sagte Ron mit fester Stimme. „Vielleicht täuschst du dich ja auch. Wir müssen ja nicht gleich alle Pferde scheu machen. Ich sag schnell bescheid, dass wir wieder weg sind."
Damit drehte er sich um, sprintete in die Küche und sah sich dort um.
Die Ordensmitglieder saßen noch um den Küchentisch herum und beachteten den Teenager kaum.
„Ron, was ist los?"
Mrs. Weasley war die einzige, die aufgestanden war.
„Ich wollte nur bescheid sagen, dass Hermine und ich wieder weg sind. Nellie und Ginny wollen Harry schnell noch mal Hallo sagen," log Ron leicht nervös.
„Jetzt schon?", fragte seine Mutter. „Ihr seid doch gerade erst angekommen."
„Ich hab dir doch gesagt, dass wir nur kurz hier bleiben."
Lupin blickte von der Versammlung hoch. Er hatte Ron und Hermine ihre Erklärung, dass Harry schon wieder in Godric's Hollow sei, von Anfang an nicht abgekauft. Es war ihm seltsam vorgekommen, dass die Beiden hier alleine aufgetaucht waren, doch hatte er sich vorgenommen, Harry bei was auch immer er plante, nicht im Weg zu stehen. Und doch wurde er den Eindruck nicht los, dass es mal wieder Zeit wurde, mit Harry zu sprechen.
Mrs. Weasley schüttelte nur den Kopf.
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Als Ginny an Rons und Nellie an Hermines Arm geklammert vor Godric's Hollow ankamen, war das erste, das sie wahrnahmen, eine enorme Hitze. Und das zweite Feuer.
Das Haus stand in Flammen, auf dem Rasen verteilt lagen ein paar Habseligkeiten, Hermine konnte Hedwig und Pig in einem nahen Baum aufgeregt mit den Flügeln schlagen sehen und gleichzeitig war es, als läge das Haus unter einer riesigen rot leuchtenden Käseglocke.
Innerhalb dieser Glocke wirbelte schwarzer Rauch, meterhohe Flammen leckten an den noch verbliebenen Holzbalken, doch fanden sie kaum noch Nahrung für ihre Gier. Kein Rauch, keine Flammen drangen aus der Glocke heraus, nur unbeschreibliche Hitze.
Die Vier standen da wie unter Schock.
„Harry!", schrie Ginny schließlich, die sich als erste aus der Starre, die dieser Anblick ausgelöst hatte, befreite und stürzte auf das brennende Haus zu.
Bevor einer der Anderen sie aufhalten konnte, war sie auf die ehemalige Haustür zu gerannt, konnte den roten Schutzschild jedoch nicht durchbrechen. Sie stemmte sich mit aller Kraft dagegen, musste ihre Anstrengungen aber schnell aufgegeben, als ihre Hände anfingen Brandblasen zu bilden.
Hermine zog ihre Freundin zurück, der die Tränen übers Gesicht liefen.
„Harry!"
„Oh, mein Gott!", war alles, was Hermine herausbrachte.
Dann fing sie sich, richtete ihren Zauberstab auf das Haus und rief „Aguamenti!" Aus ihrem Zauberstab quoll ein dicker kräftiger Wasserstrahl, den sie über das Dach des Hauses lenkte, doch der prallte nur von dem leuchtenden Schutzschild ab ohne irgendein Ergebnis zu hinterlassen.
„Ron, hilf mir doch!" Ihre Stimme überschlug sich angsterfüllt.
Ron beeilte sich, an ihre Seite zu kommen und beschwor einen zweiten Wasserstrahl herauf, der aber ebenfalls keinen nennenswerten Erfolg erzielte.
Die Beiden sahen sich an. Hermine zitterte und ließ ihren Zauberstab schließlich sinken. Ron, dem jetzt auch Tränen in den Augen standen, legte ihr einen Arm um die Schultern.
„Was soll das denn? Warum kann man das Feuer nicht löschen? Was für ein Zauber ist das?"
„Wahrscheinlich ist es genau das," meinte Hermine mit erstickter Stimme. „Dass wir eben das Feuer gerade nicht löschen sollen."
Ron wunderte sich, wie sie in ihrem Zustand noch so klar denken konnte.
„Und was ist mit Harry? Was ist mit ihm? Wenn er da drin ist….," rief Ginny, die eindeutig zu keinem klaren Gedanken fähig war.
Ginny hatte sich zu den anderen umgedreht und gestikulierte panisch zum Haus, während sie versuchte, Worte zu finden. Sie war völlig aufgelöst.
„Wir müssen Hilfe holen," meinte Ron schließlich. „Aber vielleicht ist Harry ja gar nicht im Haus…"
„Hast du dich mal umgesehen?", schrie Ginny ihn an. „Wer sonst hat das Zeug hier auf dem Rasen verteilt?"
Ron sah sich um. Er sah die Schulkoffer von ihnen Dreien. Der Inhalt hatte sich verteilt. Er konnte die Eulenkäfige von Hedwig und Pig sehen, ein paar Bücher und Kleidungsstücke. Es sah so aus, als hätte jemand in sehr kurzer Zeit entscheiden müssen, was gerettet werden sollte.
„Steh nicht so rum, Ron," rief Hermine, die jetzt wieder Ginny festhielt, die so aussah, als wollte sie sich gleich wieder gegen den glühenden Schutzschild werfen. „Hol Hilfe! Wir müssen versuchen, Harry irgendwie da raus zu holen!"
Ginny stieß einen spitzen Schrei aus, schlug die Hände vor den Mund und sank in Hermines Armen zusammen.
„Es müssen doch Ordensmitglieder in der Nähe sein!" Hermine liefen jetzt auch die Tränen über das Gesicht. „Warum ist noch keiner aufgetaucht?"
Ron sah sich unschlüssig um. Dann drehte er sich zum Gartentor und lief so schnell er konnte hindurch.
Nellie, die bisher geschockt das lichterloh brennende Anwesen angestarrt hatte, löste sich aus ihrer Starre und sank dann ins Gras, neben Hermine und Ginny. Die drei Mädchen hielten sich gegenseitig fest, als könnten sie allein dadurch dies alles ungeschehen machen.
Ron kam nur wenige Minuten später zurück, Dawlish und ein anderer Zauberer, den die Freunde nicht beim Namen kannten, im Schlepptau. Beim Anblick des unter dem Schutzschild brennenden Hauses, schnappten sie nach Luft.
„Ach, du Sch," keuchte das namenlose Ordenmitglied.
„Kein Wunder, dass wir nichts bemerkt haben," meinte Dawlish. „So was hab ich noch nie gesehen. Ihr solltet hier lieber verschwinden." Seine letzten Worte hatte er an die Teenager gerichtet, die die Neuankömmlinge erwartungsvoll ansahen.
„Niemals! Harry ist vielleicht noch da drin, unternehmen Sie doch was!", schrie Ginny die Beiden in panischer Angst an und war dabei aufgesprungen. Hermine musste sie festhalten, damit sie die Ordensmitglieder nicht anfiel.
„Sproke, schau, was du machen kannst, ich hol Verstärkung," rief Dawlish und war im nächsten Moment schon wieder verschwunden.
Sechs Ordensmitglieder, darunter Remus, Moody und Tonks, versuchten mit allen Mitteln das Feuer zu löschen oder auch nur irgendwie in das Haus hineinzugelangen. Vergeblich.
Eine Stunde später waren nur noch verkohlte Mauerreste übrig, die vor sich hinschwelten. Der Schutzschild, der die ganze Zeit über in einem grellen Rot geleuchtet hatte, begann langsam zu verblassen, blieb dabei aber nach wie vor aktiv. Niemand konnte die Überreste von Godric's Hollow betreten.
„Es ist schon das zweite Mal, dass ich diesen Anblick sehen muss," flüsterte Remus, dessen Gesicht mit Ruß verschmiert war und der ebenfalls Brandblasen an den Händen hatte. Ihm war die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, so wie allen anderen, die um die Ruine herumstanden.
Ginny lief wie ein Tiger im Garten auf und ab. Hermine hatte sich erschöpft an Ron angelehnt, sie weinte still vor sich hin, während Ron ihr den Rücken streichelte. Nellie hatte begonnen, all die Sachen, die auf dem Rasen immer noch verteilt lagen, einzusammeln. Sie musste sich irgendwie beschäftigen. Tonks war einmal um das Anwesen herum gelaufen, hatte aber von Harry keine Spur entdecken können.
Nicht lange danach saßen sie in der Küche am Grimmauldplatz Nummer 12 und ließen sich von Molly Weasley ihre Brandverletzungen behandeln. Diese hatte rot geweinte Augen und brachte die ganze Zeit über nichts als Schluchzer über die Lippen.
„Wie konnte das nur passieren?", war die Frage, die immer von neuem auftauchte.
Hermine, die bei diesen Worten jedes Mal auf ihrem Stuhl unruhig hin und her rutschte, sah Ron vielsagend von der Seite an, sagte aber nichts.
„Warum hat das niemand bemerkt?"
„Was waren das für Schutzschilde, die jeden Zauber zurückhielten? Warum sollte Dumbledore so etwas machen?" Auch diese Frage wurde nicht zum ersten Mal gestellt, doch wusste keiner eine Antwort darauf.
Moody, der die ganze Zeit düster vor sich hin brummend an einer Seite des Tisches gesessen hatte, sah jetzt Ron, Hermine, Ginny und Nellie an.
„Ihr wart in dem Haus, was für Schutzzauber waren dort eingebaut?", fragte er.
„Es gab einen Aufspürzauber für Schwarzmagier über dem Gartentor," begann Hermine aufzuzählen. „Und einen, der nur den rechtmäßigen Besitzer das Haus betreten ließ, also Harry. Er musste uns persönlich hereinholen, sonst konnten wir nicht hinein. Mit dem Kamin war es das gleiche. Sonst haben wir nichts Bestimmtes feststellen können."
Sie sah Ron etwas unsicher an, doch der zuckte nur mit den Schultern.
„Sonst nichts, wie?", brummte Moody. Er schien ihr nicht zu glauben. „Nichts Ungewöhnliches oder Seltsames?"
Hermine zog es vor, darauf nichts zu antworten. Es war eines, dem Orden Dinge zu verschweigen, weil Harry sie darum gebeten hatte, etwas ganz anderes jedoch, zu lügen. Sie war sich mehr als unsicher, ob sie weiterhin über die Horkruxe schweigen sollte. Harry war verschwunden, wer sollte die Suche nun fortführen?
„Nun gut, wir werden schon sehen, ob ihr uns was verschweigt."
„Moody!" Mrs. Weasley fand ihre strenge Stimme wieder. „Man könnte ja meinen, du verdächtigst die Kinder irgendetwas damit zu tun zu haben!"
„Ich verdächtige sie höchstens, uns etwas wichtiges zu verheimlichen," antwortete Moody und blickte Hermine dabei immer noch abschätzend an. „Etwas, dass uns nicht nur Harrys möglichen Tod sondern auch die Vorkommnisse in Godric's Hollow erklären könnte."
Mrs. Weasley verbarg ihr Gesicht in einem Taschentuch und Ginny bebte am ganzen Körper. Hermine hatte den Blick gesenkt. Sie rang mit ihrem schlechten Gewissen, während die Tränen über ihr Gesicht liefen.
„Ich hab immer gesagt, dass wir niemals zulassen dürfen, dass der Junge alleine dort hin geht!", knurrte Moody aufgebracht.
Von den anderen Ordensmitgliedern sagte dazu niemand etwas.
„Harry ist nicht tot," sagte plötzlich eine leise Stimme.
Alle drehten sich zu Nellie um.
„Er ist nicht tot, ich kann es spüren." Ihre Stimme war so von Tränen erstickt, dass sie fast nicht zu hören war.
Mrs. Weasley, die selber völlig aufgelöst war, trat zu der jungen Frau und legte ihr einen Arm um die Schulter.
„Ist schon gut, Liebes," sagte sie tröstend. „Ist schon gut."
„Aber ich weiß es," schluchzte Nellie und klammerte sich an Mrs. Weasley.
Auch Polly war plötzlich wieder auf Nellies Schoß erschienen, wie um ihre Freundin ebenfalls zu trösten.
Tonks vergrub ihr Gesicht in den Händen. Ginny hatte wieder die Knie unters Kinn gezogen und schien die Menschen um sich herum nicht mehr wahrzunehmen und Hermine lehnte an Rons Schulter.
Remus, der blass aussah, stand schließlich auf.
„Ich kann hier nicht so rumsitzen," sagte er tonlos und verschwand aus der Küche. Tonks lief ihm mit tropfender Nase hinterher.
