Kapitel 25:
Der zweite Deckenbalken, der krachend aus der brennenden Decke herunter brach, streifte Harry am Rücken und ließ ihn in die Knie gehen. Der Rauch war inzwischen so dicht geworden, dass ihm das Atmen schwer fiel, seine Augen brannten und so ließ er sich auf alle Viere nieder und kroch in sein Zimmer, wo er nach seinem Feuerblitz zu tasten begann. Denn sehen konnte er fast nichts mehr.
Der Boden unter seinen Händen glühte bereits und Harry musste sich ein T-Shirt, das ihm während seiner Suche unter die Finger kam, um die Hände wickeln, um sich nicht zu verbrennen. Er hustete und bekam kaum noch Luft, doch seinen Rennbesen konnte er nirgends finden. Dann fiel ihm ein, dass er ihn mit seinen restlichen Sachen in den Garten geworfen hatte und er kroch zum Fenster. Mühsam und mit Sternen vor den Augen zog er sich an dem bebenden Fensterbrett nach oben. Er zog seinen Zauberstab, richtete ihn aus dem Fenster und rief mit schwacher Stimme: „Accio!"
Im nächsten Moment gab der Boden unter seinen Füßen nach und Harry wurde mit nach unten gerissen. Im Fallen hörte er noch, wie sein Feuerblitz ihm hinterher gesirrt kam.
Er spürte sein Handgelenk knacken, als er hart auf dem Boden im Wohnzimmer aufschlug. Alles um ihn herum stand in Flammen, er konnte kaum die Hand vor Augen sehen, geschweige denn durchatmen.
Wieder wurde es Harry schwarz vor Augen und er musste gegen die Dunkelheit, die ihn verschlingen wollte, ankämpfen. Er musste einen klaren Kopf behalten.
‚Raus hier!', war alles, was er noch denken konnte.
Er kam wieder auf die Knie und begann auf den Flur zu zurobben, musste aber bald feststellen, dass die Tür von brennenden Balken blockiert war. Der einzig freie Weg schien nach oben zu führen. Zwischen schwarzen Rauchsäulen konnte er Lücken im Dach erkennen, war sich aber nicht sicher, ob er noch genug Kraft haben würde, auf seinen Besen zu klettern und dort hoch zu fliegen.
Neben ihm stürzte eine Wand in sich zusammen und erneut atmete er beißenden Rauch ein. Harry bekam keine Luft mehr und fasste sich hustend an die Kehle.
Plötzlich fiel ihm das Apparieren wieder ein. Warum musste er das immerzu vergessen? Doch er war zu schwach um aufzustehen, geschweige denn die nötige Drehung zu vollführen.
Sein Besen! Er brauchte seinen Besen? Immer noch nach Luft ringend sah Harry sich panisch um. Er war beim Sturz neben ihm gewesen. Und tatsächlich fand er ihn schnell. Das Reisig begann schon zu qualmen und der Stiel fühlte sich heiß an, aber er war Harrys letzte Hoffnung.
Er lag jetzt vor dem Kamin und versuchte alle seine noch vorhandenen Kräfte zu mobilisieren. Und die restliche Atemluft, die noch verblieben war. Sein Kopf dröhnte, die Kehle fühlte sich an wie mit Schmirgelpapier bearbeitet und vor den Augen flimmerten ihm rote Punkte. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und hielt dabei seinen Besen umklammert, wie einen Rettungsring.
‚Ich muss aufstehen,' dachte er. ‚Ich muss auf den Besen und hier raus!'
Doch konnte er nicht einmal den Kopf heben.
Dann konnte er der Dunkelheit nichts mehr entgegen setzen und er versank schließlich doch in ihr wie in einem tiefen See.
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Nachdem Remus und Tonks die Küche verlassen hatten, machten sich nach und nach auch die restlichen Ordensmitglieder auf den Weg. Moody hatte verkündet, am nächsten Morgen eine Sitzung anzusetzen, bei der alle Mitglieder anwesend sein sollten und wo über das weitere Vorgehen diskutiert werden sollte. Er hatte dabei mehr als nur ein wenig verärgert ausgesehen und wütend zu den Teenagern geschaut. Von denen sagte aber weiterhin keiner etwas.
Als schließlich außer Mrs. Weasley alle Ordensmitglieder gegangen waren, wurde die Stille immer bedrückender. Mrs. Weasley hatte immer noch ein Taschentuch in der Hand und war mit einem Abwasch beschäftigt, der gar nicht mehr vorhanden war.
„Mum," fing Ron schließlich an und trat zu seiner Mutter, „du solltest jetzt besser nach Hause gehen."
„Hm?" Sie schluchzte auf und drehte sich dann zu ihrem Sohn um. „Oh ja, Schatz, das sollte ich. Ihr kommt hier ja alleine zurecht. Ich sollte Arthur erzählen, was geschehen ist."
Damit trat sie zu dem Kamin und ließ die vier jungen Leute alleine in der Küche zurück.
„Wir sollten nach ihm suchen," sagte Ginny plötzlich. Sie saß immer noch auf ihrem Stuhl und hatte die Augen geschlossen. „Warum denkt ihr eigentlich alle, dass er nicht aus dem Haus raus konnte?"
Hermine und Ron sahen sich nur an.
„Warum sucht niemand nach ihm?" Ginny hatte die Augen jetzt geöffnet und funkelte ihre Freunde einen nach dem anderen wütend an. „Warum gebt ihr ihn so schnell auf?"
Den letzten Satz schrie sie heraus.
„Wir geben ihn nicht auf," antwortete Hermine verzweifelt. „Tonks hat nach ihm gesucht, sie konnte ihn nicht finden!"
„Aber wenn er noch irgendwo ist? Wenn er uns braucht?" Ginny sackte langsam wieder in sich zusammen.
Ron ging jetzt auf seine kleine Schwester zu und legte ihr beruhigend einen Arm um die Schulter.
„Ich würde mich auch wohler fühlen, wenn wir noch mal nach Godric's Hollow zurückgehen und uns umschauen würden," sagte er und sah dabei die anderen an.
Ginny blickte zu ihm hoch. Ihre Augen waren gerötet und ihre Unterlippe bebte. Dann stand sie auf und fiel ihrem Bruder dankbar um den Hals.
„Worauf warten wir dann noch?", rief sie und stürzte schon auf die Küchentür zu.
„Er ist nicht tot," sagte da Nellie wieder mit leiser Stimme.
„Woher weißt du das?", fragte Hermine, die ebenfalls aufgestanden war. „Woher wusstest du vorhin eigentlich, dass etwas mit Harry nicht in Ordnung war?"
Bei diesen Worten blieb Ginny an der Tür stehen und drehte sich noch mal um. Auch Ron sah jetzt Nellie an. Das Muggel-Mädchen fühlte sich unter den zweifelnden Blicken gar nicht wohl und biss sich auf der Lippe herum, bevor sie antwortete.
„Woher soll ich das wissen? Es war nur so ein Gefühl, genau wie jetzt. Ich hab einfach so ein Gefühl, dass er noch lebt."
Hermine runzelte die Stirn.
„Können wir darüber nicht später diskutieren?" Ginny hatte es eilig.
„Ja, lasst uns gehen," stimmte ihr Nellie zu, die froh war, von sich ablenken zu können.
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Als Harry wieder zu sich kam leckte Krummbein ihm über das Gesicht. Harry spürte die Flammen, die sich direkt neben seiner Hand durch den Teppich fraßen. Er musste wieder husten und klammerte sich fester an den Besen, den er immer noch in der Hand hielt. Krummbein drängte sich ängstlich an ihn.
Mit einem kurzen Blick konnte Harry sehen, dass das Reisig des Feuerblitzes schon leicht zu brennen begonnen hatte. Er musste sich beeilen. Wenn er jetzt nicht fliehen konnte, wäre er verloren.
Harry schlug die Flämmchen schwach mit seinen T-Shirt-umwickelten Händen aus und stemmte sich dann nach oben, atmete noch mehr Rauch ein und bestieg mit wackligen Beinen seinen Besen. In dem Moment stürzte der Kamin mit Radau in sich zusammen und Krummbein stob mit erhobenem Schwanz davon. Harry hatte keine Reserven mehr, um ihm zu folgen. Mit letzter Kraft versuchte er sich vom Boden abzudrücken, knickte aber nur wieder ein. Doch sein Feuerblitz reagierte sogar auf diese kleinste Kraftanstrengung und trug seinen Besitzer nach oben in den ersten Stock.
Harry konnte kaum etwas sehen, lenkte den Besen aber zu jedem Zimmer, das über ein Fenster verfügt hatte. Mistens jedoch war wegen heruntergestürzter Balken und Feuermauern kein Durchkommen mehr. Also lenkte er den Besen weiter nach oben, auf eine der Lücken im Gebälk zu. Immer wieder verlor er die Orientierung, seine Augen tränten, dass er kaum etwas sehen konnte und noch immer bekam er kaum Luft. Dass er sich überhaupt auf dem Besen halten konnte, erforderte schon mehr Kraft, als er eigentlich noch zur Verfügung hatte.
Immer wieder fielen brennende Schindeln von oben herunter. Eine davon traf sein ohnehin schon schmerzendes Handgelenk und fast wäre er von seinem Besen gefallen, nur mit Not konnte er sich festhalten.
Es kam Harry wie eine Ewigkeit vor, bis er endlich durch das brennende Dach hindurch ein Stück freien Himmel erkennen konnte. Dankbar steuerte er den Besen darauf zu und spürte nur Sekunden später frische milde Luft, die sein erhitztes Gesicht umschmeichelte.
Harry atmete tief ein. Von der kühlen reinen Luft wurde ihm fast wieder schwindelig.
Auf dem Rasen gelandet, ließ Harry sich einfach fallen. Er war erschöpft und wollte sich nicht mehr bewegen müssen. Doch tat ihm die saubere Atemluft so gut, dass er nicht lange ausruhen musste, bevor er sich wieder fit genug fühlte, aufzustehen und sich anzusehen, was beinahe sein Grab geworden wäre.
Godric's Hollow brannte unter einem roten Schutzschild und mit ihm alle letzten Erinnerungen, die Harry noch an seine Familie hatte. Alles, was er neu entdeckt hatte, alle Familienerinnerungen, alles wurde vor seinen Augen zu einem Opfer des Feuers. Seine letzte Heimat, sein wahres einziges Zuhause brannte vor seinen Augen lichterloh. Sein Erbe, seine Verbindung zu einer Familie, die er nicht mehr hatte, alles brach in sich zusammen. Und warum?
Es war alles Voldemorts Schuld, er war dafür verantwortlich, dass Harry nicht nur seine Familie, sondern jetzt auch noch sein Zuhause verloren hatte, schoss es ihm durch den Kopf. Sein Ziel war es, Harry alles zunehmen. Nach und nach entzog er ihm jedes bisschen Schönheit, das sein Leben erträglicher, das es lebenswerter machte. Das musste auch der Grund dafür gewesen sein, warum er den Türklopfer einfach hier gelassen hatte. Er hatte ihn so geschützt, dass bei seiner eventuellen Zerstörung so viel Unheil wie möglich angerichtet würde. Es war ein fieser Schachzug gewesen, um Harry zu zermürben.
Und er war damit erfolgreich geblieben.
Harry stand vor den Bruchstücken seines noch so jungen Lebens. Er fühlte sich heimatlos und betrogen. Erst hatte er das Gefühl gehabt, endlich seiner Familie wieder näher gekommen zu sein, nur um nun wieder alleine dazustehen.
„Du verdammter, mieser Schuft!", brüllte er das brennende Haus an. „Ich erwische dich und dann mach ich dich fertig!"
Harry ballte die Fäuste und schrie seinen Schmerz hinaus. Dann sank er auf die Knie und ließ seiner Verzweiflung freien Lauf.
Nach einer Weile bemerkte er Bewegungen vor dem Haus. Durch das Flimmern, das von dem glühenden Schutzschild ausging, konnte Harry genau erkennen, wer dort stand. Er konnte Ginnys verzweifelten Schrei hören, war jedoch noch nicht bereit, zu seinen Freunden zurück zu kehren. Er konnte ihr Mitleid nicht ertragen, konnte nicht in ihre traurigen Gesichter blicken. Er wollte in diesem Moment nur alleine sein.
So zog er sich zuerst zu den Gräbern seiner Eltern zurück, saß eine Weile bei ihnen und apparierte dann zu der Klippe, an der die Höhle lag, die er vor ein paar Monaten mit Dumbledore gemeinsam besucht hatte.
Hier konnte er ungestört eine Weile sitzen und sich darüber klar werden, was gerade geschehen war.
Zwei Stunden später kehrte Harry wieder zu der Ruine, die einmal das wunderschöne Anwesen der Potters gewesen war, zurück. Der Rauch hatte sich verzogen, der Schutzschild war nicht mehr zu sehen und der frische Wind hatte das Glühen der Mauerreste abgekühlt.
Harry betrat ein letztes Mal Godric's Hollow und kletterte durch die verkohlten Überreste auf der Suche nach dem Löwenkopf.
Er fiel ihm nicht leicht, hier zu sein und der Knoten in seiner Brust wollte sich einfach nicht auflösen, aber er musste sich versichern, dass der Horkrux wirklich zerstört war.
Hier und da konnte er in der Asche Reste von Bildern oder Büchern finden, die ihm erneut die Feuchtigkeit in die Augen trieb. Er verdrängte jeden Gedanken daran, dass hier die letzten Überreste seiner Familie zu Staub zerfielen. Es gelang ihm nicht besonders gut.
Harry musste einige Balken und Schutt zur Seite räumen, bevor er den Türklopfer aus Messing schließlich finden konnte. Die Hitze des Feuers hatte ihn verformt, doch war quer über das Löwengesicht ein breiter Riss zu erkennen. Dies und die Tatsache, dass Harry ihn anfassen konnte, ohne gebissen zu werden, überzeugten ihn davon, dass er seinem Ziel, Voldemort zu vernichten, einen entscheidenden Schritt näher gekommen war. Aber er hatte einen hohen Preis dafür gezahlt.
Harry betrachtete das Erbstück seines Urahnen nachdenklich und verfluchte Voldemort dafür, Dinge, die Menschen etwas bedeuteten für seine Zwecke zu verfremden und damit nicht nur materielle, sondern in erster Linie emotionale Werte zu zerstören.
Seine Hände verkrampften sich bei dem Gedanken an Tom Riddle, der skrupellos so viel Trauer verursachte, dann ließ er den zerstörten Horkrux in seine Jackentasche gleiten.
Harry wühlte noch eine Weile zwischen den Aschehaufen. Er stieß dabei auf seinen Tarnumhang, der glücklicherweise nur an den Rändern etwas verkokelt worden war und eine Schatulle, die ihm bisher auf seinen Streifzügen durch das Haus nie aufgefallen war.
Als Harry sie gerade an sich nahm, hörte er hinter sich einen doppelten KNALL und kurz darauf mehrere spitze Schreie. Als er sich umdrehte, sah er Ginny auf sich zu rennen. Der Wind blies ihr die Tränen vom Gesicht. Im nächsten Moment hatte sie ihm ihre Arme um den Hals geworfen und bedeckte sein Gesicht mit tränennassen Küssen. Dazwischen hörte er ihre Schluchzer und konnte nicht anders, als sie ebenfalls fest an sich zu drücken. Seine Hände fuhren durch ihr weiches Haar und er atmete ihren Duft tief ein. In diesem Moment empfand Harry eine so tiefe Dankbarkeit, dass es ihn in die Knie zwang. Wie konnte er nur jemals gedacht haben, alleine zu sein? Wie konnte er vergessen haben, dass er von einem so wundervollen Mädchen geliebt wurde?
Ron, Hermine und Nellie sahen dem verliebten Pärchen zu, wie sie sich aneinander krallten und küssten, als gäbe es kein Morgen. Ron knurrte zwar ungeduldig, aber Hermines Hand in seiner beruhigte ihn schnell. Nellie lachte und klatschte dabei glücklich in die Hände.
Es war ihnen allen anzusehen, dass sie mehr als erleichtert waren, Harry lebendig wieder zusehen.
„Hab ich's doch gewusst," jauchzte Nellie und tanzte dabei auf der Stelle.
„Was hast du gewusst?", fragte Harry, der jetzt mit Ginny an der Hand zu ihnen kam.
„Dass du nicht tot bist, du Dumpfbacke," kicherte Nellie fröhlich und umarmte Harry stürmisch.
Auch Hermine umarmte Harry und Ron schlug seinem Kumpel auf die Schulter.
„War aber haarscharf," meinte Harry nur und betrachtete seine Hände. Sie waren schwarz vom Ruß und übersät mit Blasen. Sein Handgelenk pochte schmerzhaft und am Rücken hatte er einen langen Kratzer abkommen.
„Sieht man gar nicht," grinste Ron.
Ginny runzelte bei dem Anblick die Stirn, doch Harry wischte ihre Bedenken mit einer lahmen Handbewegung beiseite. Hermine trat aber sofort vor, zückte ihren Zauberstab und heilte Harrys Verletzungen im Handumdrehen.
„Was hast du da?", fragte Ginny neugierig und deutete mit einem Kopfnicken auf die Schatulle, die Harry immer noch in der Hand hielt.
„Keine Ahnung, hab ich gerade gefunden," antwortete der und hielt die kleine Kiste so, dass die anderen sie sehen konnten.
„Mach schon auf," sagte Nellie.
Harry ließ Ginny los und öffnete langsam den Deckel. Sofort ertönte eine hübsche leise Melodie.
„Oh, eine Spieluhr," rief Hermine und ihren Augen strahlten.
Doch Harry achtete nicht auf sie, ihm war etwas anderes ins Auge gesprungen. Am Boden der Schatulle lag ein Ring.
Er nahm ihn vorsichtig heraus. Es war ein schmaler silberner Siegelring, auf dem ein fein eingearbeitetes verschnörkeltes „P" zu sehen war.
„Oh," war alles, was von den Mädchen kam, als Harry den Ring herausholte.
Ron staunte mit offenem Mund.
„Das muss so was wie ein Familienerbstück sein," meinte er und machte große Augen. „Ihr Potters scheint echt ziemlich reich gewesen zu sein, wir Weasleys haben so was nicht, und uns gibt es auch schon richtig lange."
„Nun hör schon auf, Ron," mahnte Hermine. „Du solltest ihn tragen, Harry, schließlich bist du der letzte Potter."
Harry betrachtete den Ring unschlüssig. Er war eher unscheinbar, nicht so auffällig, wie der Siegelring, den er mal an der Hand von Lucius Malfoy gesehen hatte. Das gefiel ihm, also streifte er ihn über seinen Ringfinger und er passte wie angegossen.
Danach drehte Harry sich noch mal zu der Ruine hinter sich um.
„Wo wirst du jetzt hingehen?", fragte Hermine ihn vorsichtig.
Harry zuckte mit den Schultern.
„Auf keinen Fall kehre ich an den Grimmauldplatz zurück," sagte er dann mit fester Stimme.
„Oh, gut," meinte Ron dazu erleichtert. „Das war auch nicht gerade mein Lieblingsort."
„Und meiner ist es immer noch nicht," sagte Nellie plötzlich. „Mensch, bin ich froh, wenn ich da weg komme."
Die anderen sahen sie entgeistert an.
„Na ja, hörte sich so an, als wenn wir umziehen würden," fuhr Nellie fort, sah dabei aber etwas durcheinander aus.
„Wie wäre es mit dem Fuchsbau, Harry? Da ist im Moment ohnehin nicht viel los und Mum würde ausflippen vor Freude, dich wieder zusehen," schlug Ron schließlich vor. „Zumindest solange, bis du weißt, was du weiter machst."
Harry sah seine Freunde an. Er hatte keine Ahnung, was er weiter machen würde. Er wusste im Moment nicht einmal, wo er weiter machen würde. Es wäre sicher schön, eine Weile im Fuchsbau zu wohnen. Bis er sich entschieden hatte, was weiter geschehen sollte.
„Ja," meinte er deshalb nach einer Weile. „Das wäre wunderbar."
Gerade, als die Teenager zum Fuchsbau apparieren wollten, stieß Hermine plötzlich einen Freudenschrei aus und rannte auf die verkohlten Überreste des Hauses zu.
„Krummbein!"
Der Kater stolzierte etwas schwächlich mit hoch erhobenem Schwanz über den Rasen auf sein Frauchen zu, maunzte dabei erbärmlich und ließ sich von ihr widerstandslos auf den Arm nehmen. Er sah sehr mitgenommen aus. Sein dichtes, sonst rostrotes, Fell war grau vor Asche und hatte einige Brandlöcher abbekommen, außerdem fehlten dem Tier mindestens zwei Schnurrhaare. Hermine war das alles egal, sie drückte den Kater an sich und kam dann wieder auf die kleine Gruppe zu.
Harry kraulte Krummbein hinter den Ohren.
„Danke, alter Junge," murmelte er dabei. „Ich hab dir mein Leben zu verdanken!"
Hermine sah ihren Freund nur verständnislos an, fragte aber nicht weiter nach.
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Noch am selben Abend zogen Harry, Ron und Hermine im Fuchsbau ein. Die wenigen Sachen, die Harry aus dem brennenden Haus hatte retten können, waren schnell im Hauptquartier abgeholt und die vor Rührung und Erleichterung völlig aufgelöste Mrs. Weasley war schnell beruhigt worden. Bei Harrys Eintreten hatte sie einen Kessel mit kochendem Wasser auf ihre Füße fallen lassen und wäre beinahe rückwärts über einen Stuhl gestolpert. Sie hatte ein Gesicht gemacht, als würde ein Geist vor ihr stehen.
Mrs. Weasley erklärte sich nach langem Zureden dann auch bereit, dem restlichen Orden zu erklären, dass Harry vorläufig im Fuchsbau wohnen würde, dort in Sicherheit sei, dass er aber in Ruhe gelassen werden wollte, dass gerne Wachen aufgestellt werden dürften, aber dass er, wenn überhaupt, höchstens von sich aus Kontakt zum Phönixorden aufnehmen würde.
„Damit wird Moody aber nicht einverstanden sein, Harry," hatte Mrs. Weasley dazu gesagt. „Außerdem ich denke, dass du ihnen das selber erklären solltest, mein Lieber."
„Mum, Harry hat gerade sein Zuhause verloren und alles, was er von seiner Familie noch hatte," redete Ron auf seine Mutter ein. „Er will erst mal alleine bleiben und für sich ein paar Dinge klären."
Harry musste bei der kleinen Rede seines Freundes grinsen. Er war ihm unendlich dankbar, dass er sich für ihn so ins Zeug legte. Außerdem wollte er im Moment wirklich einfach nur mit seinen Freunden allein gelassen werden.
„Ja, natürlich, Schätzchen, das verstehe ich schon," sagte Mrs. Weasley dazu. „Ruh dich erst mal aus und iss eine Kleinigkeit. Ich mach euch Kindern was."
Und damit war sie in der Küche verschwunden und ließ die Teenager alleine im Wohnzimmer sitzen.
Das einzige Problem, das noch gelöst werden musste, war das, was mit Nellie und Ginny passieren sollte. Die beiden hatten demonstrativ die Arme vor der Brust verschränkt. Ginny saß dabei aber gleichzeitig so nah neben Harry, dass er ihr nicht noch einmal entkommen konnte.
„Wir lassen uns nicht noch mal so von dir abservieren," meinte Nellie gerade.
Harry war verunsichert. Es war nicht so, dass er die Beiden bei seiner Suche nach den Horkruxen unbedingt brauchte, aber er wollte sie trotzdem bei sich haben. Wieder kämpften diese ungleichen Gefühle in ihm ihr Duell. Er wollte Ginnys beruhigende Wärme neben sich spüren und Nellies belebende Fröhlichkeit. Gleichzeitig hatten ihm gerade die Vorkommnisse der letzten Tage darin bestärkt, wie wichtig es doch war, sie aus der Sache herauszuhalten. Aber hier saßen die Beiden wieder, schon zum dritten Mal, und bestanden darauf, bei ihm zu bleiben. Er sah zwar keinen Anlass dafür, seine Meinung jetzt auf einmal zu ändern, spürte aber zugleich, dass er es nicht ertragen könnte, diese kleine Familie, die ihm noch geblieben war, aufzugeben.
„In Ordnung," sagte er daher schließlich und erntete erst mal ratlose Gesichter.
„Was in Ordnung?" Nellie schüttelte den Kopf, als wollte sie eine Fliege verscheuchen.
Polly, die sich gerade einen Spaß daraus gemacht hatte, in Achten um Nellies Füße herumzulaufen, sauste jetzt die Vorhänge neben den Fenstern hinauf. Eine fremde Umgebung machte sie immer unberechenbar.
„Ihr bleibt hier," antwortete Harry breit grinsend.
Ginny sah ihn mit ihren großen braunen Augen strahlend an, legte dann eine kleine Hand an seine Wange und küsste ihn.
„Ist das dein Ernst?", fragte Nellie, die es nicht fassen konnte und dabei Polly völlig ignorierte, die jetzt an der Vorhangkordel baumelte.
Krummbein sah ihr dabei vom Fensterbrett aus träge blinzelnd zu.
„Absolut," antwortete Harry, nachdem er den Kuss mit Ginny beendet hatte. „Ich möchte, dass ihr Beiden bei uns bleibt."
„Und du erzählst uns, um was es hier eigentlich geht?"
„Das werde ich. Aber ich habe auch Bedingen, an die ihr euch halten müsst."
Und so erzählte er. Den ganzen Abend berichtete er den beiden Mädchen von seiner Suche nach den Seelensplittern Voldemorts. Ron und Hermine halfen ab und zu in der Geschichte aus. Sie waren froh, dass Harry seine Meinung geändert hatte.
