Kapitel 26:
Nellie stand zwischen den Obstbäumen und schüttelte sich die Haare aus dem Gesicht, die ihr der Wind immer wieder stur in die Augen blies. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt und blickte zwischen den Baumkronen hindurch in den Nachmittagshimmel hoch.
Ihr wurde langsam langweilig. Immer wurde sie zum Schiedsrichter ernannt, während die anderen auf ihren Besen durch die Luft jagten. Der Hals tat ihr weh und ihre Augen tränten von dem Wind, der nun schon seit Stunden immer stärker wurde.
„Nellie! Hey! Hast du das nicht gesehen? Wo schaust du eigentlich die ganze Zeit hin?" Ron kam mit seinem Besen auf sie zugeflogen und umrundete sie einmal, dabei schüttelte er erbost den Kopf.
„Ah, sorry," entschuldigte sich Nellie und rief: „Gut, es steht fünf beide! Könnt ihr euch vielleicht mal ein bisschen beeilen mit dem gewinnen, mir fallen einige Dinge ein, die ich lieber machen würde, als mir hier die Bälle um die Ohren schwirren zu lassen?"
Es war wirklich nicht die dankbarste Aufgabe, die die fünf Freunde dem Muggel-Mädchen überlassen hatten.
Seit sie alle gemeinsam in den Fuchsbau gezogen waren, war schon eine Woche vergangen, in der die Jungs die meiste Zeit auf ihren Besen verbracht und die Mädchen sich die meiste Zeit darüber geärgert hatten, dass man mit ihnen nichts besseres anfangen konnte. Ginny war zwar gleichfalls begeisterte Quidditsch-Spielerin, hätte aber viel lieber etwas mehr Zeit mit Harry alleine verbracht. Sie war dann allerdings zu der Überzeugung gelangt, dass es schließlich auch ein gemeinsamer Zeitvertreib war, sich gegenseitig auf Besen durch die Obstgärten zu jagen. Hermine hatte nach anfänglicher Abneigung ebenfalls ihre Begeisterung fürs Fliegen entdeckt und hielt sich neben Ron ganz wacker auf einem alten Sauberwisch der Zwillinge. Nur Nellie konnte diesem Zauberer-Sport nichts abgewinnen. Was ihr auch niemand übel nehmen konnte. Harry hatte sie zwar einmal auf seinem Besen mitfliegen lassen, doch war das nur ein kurzer Ausflug geblieben, denn Nellie wäre vor Angst fast ohnmächtig geworden. Es gab nicht viel, das ihr Angst einjagte, aber mit dem Besenflug hatte diese kurze Liste einen Eintrag mehr erhalten.
Ron flog nun, da Nellie sein grandioses Tor endlich kommentiert hatte, breit grinsend zu den anderen zurück. Ginny schlug einen Klatscher nach ihm und Nellie warf den Quaffel wieder ins Spiel zurück. Der Schnatz, der trotz eines ziemlich zerfledderten Flügels immer noch quietschfidel war, blieb weiterhin ungefangen.
Nellie hatte den Verdacht, dass Harry sich auch keine besondere Mühe gab, ihn zu suchen, weil es ihm viel mehr Spaß machte, sich mit Ron um den Quaffel zu balgen.
Gelangweilt und mit den Gedanken ganz wo anders sah Nellie ihren Freunden weiterhin dabei zu, wie sie versuchten, sich gegenseitig von den Besen zu hauen und den Quaffel im gegnerischen Tor zu versenken. Sie konnte den Reiz dieses Spieles nicht wirklich nachvollziehen, wobei das wahrscheinlich viel mehr damit zusammenhing, dass sie nicht mitspielen konnte.
Während sie ihre Haare am Kinn kitzelten, schweiften Nellies Gedanken hierhin und dorthin. Es war nur noch eine Woche, bis sie gemeinsam mit Ginny nach Hogwarts gehen sollte. Sie war schrecklich aufgeregt. Wusste sie doch immer noch nicht genau, wie ihre Tarnung dort eigentlich aussehen sollte. Auch ihren neuen Lehrer, Emil Warthrow, hatte sie nicht mehr gesehen. Ginny neckte sie gelegentlich damit, dass sie einmal mitten in der Nacht mit diesem Namen auf den Lippen aufgewacht war. Ob Harry, Ron und Hermine zurück nach Hogwarts gehen würden, stand immer noch nicht fest. Harry lehnte jede Diskussion über dieses Thema strikt ab.
Überhaupt hatte er sich seit dem Brand von Godric's Hollow sehr in sich zurück gezogen. Seit dem Abend, als er sie und Ginny über die Horkruxe aufgeklärt hatte, hatten sie nicht weiter darüber gesprochen. Jedes Mal wenn einer von ihnen auf seine weiteren Pläne zu sprechen kam, entstand eine seltsame nervöse Stimmung, in der jeder genau spürte, dass es besser war, das Thema schnell wieder fallen zu lassen.
Nellie machte sich jedoch keine Sorgen um Harry. Sie hatte ihn lange beobachtet und war schließlich zu dem Schluss gekommen, dass er die Erlebnisse alleine verarbeiten musste. Es musste ein schrecklicher Schock für ihn gewesen sein. Wahrscheinlich hatte er auch Schuldgefühle, weil er den Brand in gewisser Weise mit verursacht hatte. Auch die anderen schienen ähnlich wie Nellie zu denken, denn sie ließen ihn ebenfalls in Ruhe. Er würde wissen, dass sie für ihn da wären, wenn er ihre Hilfe bräuchte.
Nur ein einziges Mal hatte sie mit Hermine und Ginny über Voldemort und seine möglichen Pläne gesprochen.
Es war ihr seltsam vorgekommen, dass der Todesser, der sich im Ministerium für einen Auroren ausgegeben hatte, seine Tarnung so plötzlich aufgeben hatte, nur um Harry eine Nachricht zu übermitteln. Doch waren die drei jungen Frauen auf keine Antwort zu dieser Frage gekommen.
„Sie verhalten sich aber schon sehr seltsam, diese Todesser, findet ihr nicht auch?", hatte Nellie ihre Freundinnen gefragt.
„Wie meinst du das?"
„Na, zum einen der Typ, der dich entführen wollte, Hermine. Und dann noch dieser verurteilte Todesser. Erinnert ihr euch nicht, was Harry über ihn erzählt hat?"
Nellie hatte die Beiden fragend angesehen.
„Doch, er meinte, dass Vol-Voldemort von Harrys Plänen wüsste," hatte Ginny stockend geantwortet. Sie hatte sich im Gegensatz zu ihrem Bruder schon fast an diesen Namen gewöhnt.
„Genau," hatte Nellie gemeint. „Aber woher kann er davon wissen?"
Hermine hatte die Stirn nachdenklich in Falten gezogen und sich auf der Unterlippe herum gebissen.
„Eigentlich dürfte er davon gar nichts wissen. Nach allem, was Dumbledore Harry über die Horkruxe erzählt hat, weiß sonst nur noch Voldemort selber davon. Er ist ein Einzelkämpfer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er etwas so wichtiges anderen verrät."
„Aber woher wusste dann Dumbledore davon?", war Nellies nächste Frage gewesen.
„Du hast ihn nie kennen gelernt, du kannst das nicht wissen," hatte Ginny dazu nur gemeint und plötzlich sehr traurig ausgesehen. „Er war der größte Zauberer unserer Zeit."
„Ich denke, dass der Todesser Harry nur einschüchtern wollte," hatte Hermine das Gespräch dann wieder zum Thema zurückgelenkt.
„Oder sich einfach nur aufspielen, das würde diesen Kerlen ähnlich sehen," hatte Nellie ergänzt. Ihr Blick hatte sich verdüstert, wie jedes Mal, wenn sie an ihre Erlebnisse in diesem Keller zurückdachte.
Hermine hatte nur genickt. Ginny hatte immer noch traurig ausgesehen.
Während Nellie an dieses Gespräch zurück dachte, hörte sie plötzlich einen lauten Ruf, dann ein zischendes Schwirren und bekam schließlich einen kräftigen Schlag in den Bauch. Sie kippte nach vorne und ließ sich ins Gras fallen. Der Klatscher, der sie getroffen hatte, änderte schon wieder seine Flugbahn und schlingerte jetzt auf Hermine zu, die aber ausweichen konnte.
„Hast du den nicht gesehen?", rief Ron und landete neben ihr.
Auch die anderen kamen auf Nellie zu, die sich den Bauch rieb.
„Oh doch, natürlich hab ich den gesehen! So was soll gut gegen Sodbrennen sein," blaffte sie Ron an.
Der schaute erst etwas verwirrt, stimmte dann aber in das allgemeine Gelächter mit ein.
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Während Harry und Ron taten, was sie in all den vorangegangenen Jahren in ihren Ferien getan hatten, nämlich so wenig wie möglich, brütete Ginny über ihren ZAG-Prüfungen, die in zwei Wochen statt finden sollten. Nellie schmierte lustlos die letzten Aufgaben der schier endlosen Hausaufgaben-Liste von Warthrow auf ihren Block. Sie bekam langsam schon Schreibkrämpfe, wenn sie einen Kugelschreiber auch nur aus der Ferne sah. Ron hatte sich köstlich amüsiert, als er ihre Muggel-Schreibutensilien das erste Mal gesehen hatte. Mit einem Kugelschreiber konnte er gar nichts anfangen und ihr Schreibblock war für ihn beinahe so kurios gewesen wie die Pergamentrollen für Nellie. Sie weigerte sich weiterhin auf diese mittelalterliche Art und Weise zu schreiben. Es war ja schon unbequem genug, keinen Computer benutzen zu können!
So weit es ihre Zeit und ihre Verpflichtungen als Quidditsch-Schiri zuließen, verbrachte Nellie die letzten freien Ferientage in der Winkelgasse bei Fred und Georg. Sie dachte sich mit Vorliebe immer wieder die verrücktesten Verrücktheiten aus, um sie dann den Zwillingen vorzustellen, die sich daraufhin meist begeistert in ihr Labor zurückzogen. Nellie leistete ihnen dabei gerne Gesellschaft, das war amüsanter, als verrückt gewordenen Bällen auszuweichen. So hatten die Drei zusammen schon Ohrstecker entwickelt, mit denen man sich über große Entfernungen hinweg unterhalten konnte. Nellies Muggelabstammung spielte bei diesen Ideen natürlich meist eine tragende Rolle.
Besonders gefielen Nellie aber die Schnürsenkel, die sich beim laufen von alleine verknoteten und denjenigen, der sie trug, zum Stürzen brachten. Das Gute an all diesen Erfindungen und Nellies Beteiligung daran war, dass sie von jedem Artikel ein Probeexemplar behalten durfte.
Neben all diesen üblichen Zauberscherzartikeln hatten die Zwillinge auch noch ein paar Dinge erfunden, die es Nellie in der Zaubererwelt etwas leichter machen sollten. Zum Beispiel hatten sie ihren Zauberstab so verhext, dass er jedes Mal bunte Funken sprühte, wenn Nellie ihn schwenkte. Wenn sie gleichzeitig auch noch ein paar Zaubersprüche aufsagte, sah das dann so aus, als wäre einfach nur etwas mit ihrem Stab nicht in Ordnung. So würde sie nicht so schnell als Muggel auffallen.
Doch das war nicht alles, was sie ihrer neuen Freundin mit auf den Weg nach Hogwarts gaben…
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Zwei Tage bevor der Hogwarts-Express vom Gleis 9 ¾ abfahren sollte, kam im Fuchsbau unerwarteter Besuch an.
Die Freunde hatten sich gerade mit Mr. und Mrs. Weasley zum Abendessen gesetzt, als es an der Tür klopfte. Herein kam Remus Lupin.
Nellie musste bei seinem Anblick sofort an den Ausdruck „Werwolf" denken, verdrängte den aber wieder und wunderte sich stattdessen darüber, dass der Mann bei jedem Treffen blasser auszusehen schien.
„Professor Lupin," rief Hermine sofort und sprang auf, um den Gast zu begrüßen.
Auch die anderen standen auf und schüttelten ihm die Hand. Lupin lächelte und nickte Mrs. Weasley dankbar zu, die ihm anbot, mit ihnen zu essen.
„Remus," begrüßte auch Mr. Weasley seinen Freund. „Was führt dich hier her?"
„Zunächst einmal natürlich die nette Gesellschaft," grinste er, „und Mollys fabelhafte Kochkünste, die wir im Hauptquartier schmerzlich vermissen."
„Ach, einer muss sich doch um die Kinder hier kümmern," erwiderte die rundliche Frau, während sie dem Gast einen frischen Teller Eintopf vorsetzte.
Bei der Erwähnung der „Kinder", verdrehten diese nur die Augen und Lupin, der das bemerkte, pustete grinsend in seinen dampfenden Teller.
„Ich möchte aber gerne auch noch ein paar Worte mit den Kindern wechseln," fuhr Lupin fröhlich fort.
Harry sah sofort auf. Sein Blick begegnete dem des Professors, bevor Harry sich wieder auf seine Suppe konzentrierte. Er hatte gewusst, dass er nicht lange so ungestört im Fuchsbau würde bleiben können. Er hatte nur darauf gewartet, wer wohl kommen würde. Wer wohl dazu auserwählt werden würde, ihn dazu zu überreden, wieder nach Hogwarts zu gehen. Denn das war mit Sicherheit der Grund für Lupins Besuch, da war Harry sich sicher.
Doch zunächst einmal plauderte Lupin angeregt mit Ginny über ihre anstehenden Prüfungen und mit Nellie über das Schulwesen der Muggel. Es war eine eher geschäftsmäßige Unterhaltung, ohne die üblichen Späße und Neckereien. Jeder der Anwesenden wartete nur darauf, dass endlich zur Sprache käme, worum es bei dem Besuch tatsächlich ginge.
Lupin, der die angespannte Stimmung zu spüren schien, wurde immer unruhiger.
„Ich komme mir vor wie ein Verräter, der sich mit jedem Wort, das er spricht, tiefer in seine Schuld wühlt," meinte er schließlich und blickte sich am Tisch um.
„Aber nein, Professor," beeilte sich Hermine sofort, ihn zu beruhigen. „Es ist nur…"
„Worüber genau wollen Sie mit uns sprechen?", fiel Harry ihr ins Wort. Er war sich klar darüber, dass er sehr unhöflich war, aber er wollte Klarheiten.
Lupin sah Harry einen Augenblick lang ernst an. Nellie hatte den Eindruck, als würde er seinen ehemaligen Schüler jeden Moment zurechtweisen, doch dann entspannte sich sein Gesichtsausdruck wieder.
„Zunächst einmal, Harry, nimm es mir nicht übel, wenn ich ab und an mal die Gesellschaft von Freunden bevorzuge. Und ich nehme einfach mal an, dass ich Euch alle hier als solche bezeichnen darf." Er blickte jedem einzelnen in die Augen. „Und zum anderen möchte ich dir, Harry, sagen, dass ich es immer noch für sinnvoll halte, dass du nach Hogwarts zurückkehrst, doch…"
„Ob das sinnvoll ist oder nicht, entscheide immer noch ich selber!", unterbrach Harry ihn.
„Würdest du mich bitte aussprechen lassen?"
Lupins Stimme klang jetzt aufgebracht und da Harry nach wie vor großen Respekt vor seinem ehemaligen Professor hatte, klappte er den Mund zu und wartete.
„Ich halte es für sinnvoll, weil wir dich dort besser schützen können und dir alle nötigen Vorbereitungen geben können, aber das hab ich dir ja schon gesagt. Ich bin jedoch auch der Meinung, dass du deine Entscheidung alleine fällen solltest."
Da Lupin an dieser Stelle eine Pause machte, um einen Schluck Wein zu trinken und alle anderen mit vor Erstaunen offenen Mündern da saßen und ihn sprachlos anstarrten, herrschte einen Moment lang Stille.
„Sie wollen mich also nicht überreden?", fragte Harry schließlich.
„Nein. Ich kann nur an deinen gesunden Menschenverstand appellieren."
Das gab Harry wieder zu denken und so mischte sich Hermine in das Gespräch ein.
„Professor, wenn Hogwarts wieder eröffnet wird, wer wird denn dann Schulleiter?"
Lupin sah Hermine anerkennend lächelnd an.
„Das ist eine gute Frage, aber leider kann ich sie dir nicht beantworten. Nicht, weil ich es nicht will, sondern einfach, weil ich es selber nicht weiß."
Auf diese Worte herrschte am Tisch kollektives Kopfschütteln.
„Aber Remus, gab es denn immer noch keine Entscheidung?", fragte Mrs. Weasley, die inzwischen dabei war, den Tisch magisch abzuräumen und die Spüle anwies, das Geschirr zu reinigen. Ginny musste sich ducken, als die leere Suppenterrine an ihrem Ohr vorbeisauste.
„Nein, Molly, leider immer noch nicht, aber wir sind optimistisch, dass rechtzeitig alles geklärt sein wird," antwortete ihr Lupin.
„Wer hat sich denn für den Posten beworben," hakte Hermine neugierig nach.
Lupin lachte amüsiert auf.
„Es gab einige Bewerber, aber ich möchte euch die Spannung nicht verderben."
Damit rieb er sich verschwörerisch die Hände, zwinkerte Arthur Weasley zu und wandte sich dann an Nellie.
„Zu deiner Tarnung noch ein paar Worte."
Nellie lehnte sich neugierig vor. Sie hatte sich so viele Szenarien in den letzten Tagen ausgedacht, wie sie in Hogwarts unerkannt bleiben könnte, dass sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Allem voran hatte sie auf so einen Umhang getippt, wie sie ihn bei Harry schon gesehen hatte. Nicht nur die Angst davor, von den echten Hexen und Zauberern entlarvt zu werden. Nein, auch die Unsicherheit, ob sie an so einer komischen Schule überhaupt ein ordentliches Abitur ablegen könnte, machten sie schon völlig kirre.
„Du wirst in Hogwarts als die Assistentin von Professor Warthrow vorgestellt werden."
Bei dem Namen rutschte Nellies Ellbogen ab, der gerade noch auf den Tisch gestützt gewesen war und sie musste aufpassen, dass ihr Kinn ihm nicht folgte.
„Du wirst also in dem regulären Unterricht, den Professor Warthrow halten wird, assistieren. Und daneben noch deinen eigenen Unterrichte absolvieren."
Nellie schluckte.
„Das können Sie jetzt aber nicht wirklich ernst meinen!"
Mehr fiel ihr dazu erst mal nicht ein.
„Was wird der Professor denn sonst noch unterrichten?", fragte Ginny neugierig nach.
„Da Mister Warthrow mit Muggeln lange Zeit gelebt und gearbeitet hat, wird er das Fach ‚Muggelkunde' übernehmen," fuhr Lupin fort.
„Wie soll Nellie denn da assistieren? Sie hat davon doch keine Ahnung," schaltete sich auch Hermine wieder mit ein und mit einem entschuldigenden Blick zu Nellie fügte sie noch hinzu: „Du weißt schon, wie ich das meine."
Nellie hatte gar nicht hingehört. Sie sollte in einem Zaubererunterricht assistieren? Aber das seltsamste war:
„Es gibt ein Fach, das ‚Muggelkunde' heißt?"
Jetzt wurde die Stimmung um den Tisch in der großen Wohnküche der Weasleys wieder etwas gelöster. Alle versuchten sich vorzustellen, wie es wohl für eine Muggel sein musste, zu erfahren, dass es Zauberer gab, die ihre ‚Spezies' studierten, als wäre sie von einem anderen Planeten. Ginny gluckste und Ron lachte lauthals los, wofür er von Hermine einen wenig überzeugenden bösen Blick erntete.
„Na ja, das gibt es tatsächlich," meinte Lupin schließlich, als sich alle wieder etwas beruhigt hatten. „Und ich denke, du wirst damit keine Schwierigkeiten haben. Es ist das Fach, in dem am wenigsten auffällt, dass du keine Hexe bist und so hast du ein gutes Alibi dafür in Hogwarts zu sein. Keine Sorge, du wirst für deinen eigenen Unterricht genug Zeit haben."
Harry, der dem Gespräch nur mit halben Ohr gelauscht hatte, weil er versuchte, mit seinem gesunden Menschenverstand eine Lösung für sein „Hogwarts-Problem" zu finden, richtete jetzt das Wort wieder an Lupin.
„Als wir damals Nellies Eltern getroffen haben, sagten Sie, dass Sie Lehrer auf Hogwarts seien," begann er und alle Blicke richteten sich sofort auf ihn. „War das die Wahrheit? Kommen Sie tatsächlich zurück, obwohl Sie….Sie wissen schon?"
Jetzt fokussierten sich die Blicke auf Lupin, der Harry aufmerksam ansah. Nur Nellie sah weiter Harry an. Sie öffnen gerade den Mund, um was zu fragen, als Lupin antwortete.
„Ja, das war die Wahrheit. Ich werde dieses Schuljahr wieder in Hogwarts unterrichten. Es gab einige Diskussionen und Gespräche, aber letztendlich hat meine Qualifikation doch überzeugt. Es wird einige neue Sicherheitsvorkehrungen geben."
Er sah unsicher zu Nellie rüber, die den Mund immer noch offen hatte, weil sie nur auf eine Gelegenheit wartete, ihre Frage zu stellen.
„Das sollte als Information erst einmal reichen. Nellie, deine Fragen können wir alle in Hogwarts klären. Es wird Zeit, dass ich aufbreche."
Nellie klappte den Mund enttäuscht wieder zu und verzog schmollend den Mund.
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Nachdem Lupin sich später verabschiedet hatte, war Harry allein im Wohnzimmer sitzen geblieben. Ron und die anderen waren vom täglichen Quidditsch-Training so müde gewesen, dass sie fast im stehen eingeschlafen waren und Mr. und Mrs. Weasley hatten Lupin noch zu einer Ordensversammlung an den Grimmauldplatz begleitet.
Harry hatte sich ganz tief in den weichen Sessel vor dem Fenster sinken lassen und starrte in den verwilderten Garten hinaus, in dem sich ein paar Gnome gegenseitige Besuche abstatteten.
Er hatte in den letzten Tagen versucht, nicht mehr an die Zukunft zu denken. Er hatte versucht, so zu tun, als wären ganz normale Sommerferien, in denen er einfach nur Spaß haben durfte. Es hatte nicht besonders gut geklappt, denn zu vieles hatte ihn daran erinnert, was geschehen war. Nicht zuletzt die Menschen, die um ihn herum waren, aber allem voran der Ring, den er aus der Ruine geholt hatte. Wie schon so viele Male zuvor nahm Harry den silbernen Siegelring vom Finger und drehte ihn in dem schwachen Mondlicht, das von draußen hereinschwappte. Es gab außer dem verschnörkelten P keine weiteren Ausschmückungen, nichts, was irgendwie auf seine Herkunft schließen ließ. Harry konnte sich nicht erinnern, dass Sirius oder Lupin irgendwann einmal einen solchen Ring an James erwähnt hätten. Auch auf den Bildern, die Harry sich am Anfang in Godric's Hollow angesehen hatte, war ihm kein solcher Ring aufgefallen. Es schien nichts Magisches an ihm zu sein, wobei das mit dem bloßen Auge meist nicht zu erkennen war.
Harry steckte den Ring wieder an den Ringfinger, hielt die Hand noch ein letztes Mal ins Mondlicht und ließ sie dann auf die Lehne des Sessels fallen. Vielleicht war es ein ganz normaler Ring, ohne irgendwelche magischen Eigenschaften. Zumindest hatte er bisher noch keine erkennen lassen.
Er hatte lange nicht mehr darüber nachgedacht, was er als nächstes tun wollte. Er hatte darüber nicht nachdenken wollen, zu sehr verfolgte ihn immer noch das brennende Haus seiner Eltern. Was würde als nächstes zerstört werden? Was würde ihm mit dem nächsten Horkrux vielleicht genommen werden?
Doch es musste weiter gehen! Er durfte nicht zögern, durfte auch nicht zu egoistisch werden, er musste an das denken, was geschehen würde, sollte er versagen.
Doch was sollte weiter passieren? Wo sollte er weiter machen? Wo sollte er bleiben? Unmöglich konnte er länger hier im Fuchsbau wohnen, auch wenn die Weasleys ihn wie einen weiteren Sohn betrachteten, wollte er ihnen nicht länger zur Last fallen. Doch wohin? Zurück in den Ligusterweg? Niemals! Wieder in den Grimmauldplatz? Darüber würden sich einige freuen, schon allein wegen seiner Sicherheit und so, aber nein! Auch das würde für ihn nicht mehr in Frage kommen. Doch er hatte sonst keinen Ort, an den er gehen konnte.
„Was machst du denn hier?", kam eine verschlafene Stimme von der Treppe.
Harry drehte den Kopf und sah Nellie, die barfuß auf ihn zugeschlurft kam. Ihre Haare standen wieder in alle Richtungen zu Berge und Polly lag um ihren Hals gewickelt wie ein Schal.
„Ich bin nicht müde. Was ist mir dir?"
„Keine Ahnung, ich bin wach geworden und konnte nicht mehr einschlafen," antwortete Nellie und rieb sich die Augen. „Kann ich dir etwas Gesellschaft leisten?"
„Natürlich!"
Harry freute sich, von seinen trüben Gedanken abgelenkt zu werden, wusste aber gleichzeitig, dass sie damit nur aufgeschoben wären.
Nellie zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich hineinplumpsen. Polly kringelte sich sofort in ihrem Schoß zusammen, spitzte aber die Ohren.
„Worüber denkst du nach?", fragte Nellie und gähnte dabei herzhaft.
„Alles mögliche," antwortete Harry ausweichend und starrte wieder aus dem Fenster.
Nellie, die langsam wach wurde, beobachtete ihren Freund genau.
„Ich denke, du weißt nicht, wie es jetzt weitergehen soll, stimmt's?"
Harry sah ihr verblüfft in die Augen. Es war nicht das erste Mal, dass sie mit ihren Vermutungen ins Schwarze traf und nicht zum ersten Mal fragte er sich, wie sie das wohl immer schaffte.
„Dein Blick sagt mir schon alles," lachte sie und kraulte Polly den Rücken. „Du kannst dich wirklich schlecht verstellen."
Harry brummte etwas und drehte sich wieder zum Fenster um. Nellie spürte, dass er mit sich kämpfte und blieb stumm. Und tatsächlich wandte der junge Zauberer sich bald darauf wieder ihr zu.
„Ich weiß wirklich nicht, wie es weiter gehen soll," fing er an. „Ich muss weiter machen, aber ich kann nicht hier bleiben. Ich weiß nicht, wo es weiter gehen soll."
Es war das erste Mal, dass er diesen Gedanken aussprach und er wunderte sich nicht, dass es gerade Nellie war, vor der er dies tat. Es war nicht so, dass er den anderen nicht vertraute, doch fiel es ihm bei Nellie leichter, solche Schwächen einzugestehen. Vor Ginny wollte er stark sein, sie beschützen und vor Ron und Hermine wollte er nicht der Held sein, aber doch ein Freund, der weiß, wo es lang geht, der Fehler macht, der aber trotzdem die Kontrolle behält. Doch vor Nellie konnte er auch anders sein. Mit ihr verband ihn etwas, dass er mit seinen anderen Freunden nicht hatte und das er mit Worten immer noch nicht richtig beschreiben konnte.
„Was du brauchst, ist ein Zuhause," meinte Nellie und sah Harry ernst an.
Harry spürte, dass sie Recht hatte und er spürte auch den Sinn hinter ihren Worten. Er nickte.
„Hogwarts war, bis ich Godric's Hollow bekam, immer mein einziges Zuhause gewesen."
„Dann solltest du dort hin zurückkehren. Das ist ganz einfach. Und du würdest damit nicht nur dir selber etwas Gutes tun."
Harry runzelte die Stirn und sah Nellie verständnislos an. Sie legte ihm aber nur eine Hand auf den Arm, stand dann auf und legte sich die inzwischen leise schnarchende Polly wieder über die Schulter.
„Ich denke, damit wäre das Problem erledigt," hauchte sie und tapste dann wieder die Treppe nach oben.
Harry sah ihr eine Weile sprachlos hinterher, dann blinzelte er.
„Damit wäre das Problem erledigt," wiederholte er und nickte wieder. „Ja, ich werde zurück nach Hogwarts gehen."
